Comes litoris Saxonici per Britanniam

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Notitia Dignitatum: Die Kastelle der britischen Sachsenküste Othona, Dubris, Lemannis, Branoduno, Garriano, Regulbi, Rutupis, Anderidos und Portum Adurni
Die britischen Provinzen um das Jahr 410 n. Chr.
Die Sachsenküste (Litus Saxonicum) um das Jahr 380
Romano-britischer Offizier in der Ausrüstung des 4. Jahrhunderts n.Chr.

Der Comes Litoris Saxonici per Britanniam (wörtlich: „Graf der Sachsenküste in Britannien“) war ein hoher Offizier in der spätrömischen Provinzialarmee des 3. bis 5. Jahrhunderts n. Chr. in Britannien.

Definition und Funktion[Bearbeiten]

Der spätantike römische Amts- und Ehrentitel Comes bezeichnete in der Regel die höchste Rangklasse des Adels (vir spectabilis) bzw. Mitglieder des Kronrats am kaiserlichen Hof. Beim Militär wurde dieser Titel an die Kommandeure der mobilen Feldarmeen in den Provinzen oder an hohe Offiziere für zeitlich begrenzte Sonderkommandos verliehen.

Der Comes litoris Saxonici per Britanniam war zusammen mit dem

einer der drei ranghöchsten Offiziere und Unterstatthalter im spätrömischen Britannien. Der Amtsbereich umfasste den größten Teil des heutigen Kent und der Küsten in der Süd-Ost-Region der Insel. Neben den Kastellen an der Küste von Norfolk bis Hampshire standen wohl auch noch einige Stationen an der Nordseeküste unter seinem Befehl. Sein Hauptquartier befand sich wahrscheinlich in der Stadt Camulodunum/Colchester oder in Londinium/London.

Entwicklung[Bearbeiten]

Die Trennung von Zivilverwaltung und Militär im spätrömischen Reich durch Kaiser Diokletian brachte auch für Britannien die Einführung neuer Militärämter mit sich. Am Ärmelkanal entstanden eine ganze Reihe von Befestigungen entlang der später so genannten Sachsenküste. An exponierten Abschnitten und Flussmündungen wurden Kastelle teilweise neu errichtet oder schon vorhandene umgebaut, deren Besatzungen die Aufgabe hatten, Plünderer und Invasoren abzuwehren oder den Zugang zum Landesinneren so weit wie möglich zu erschweren.

Vermutlich war die Zuständigkeit für die Sicherung der beiden Küsten des Ärmelkanals zuerst in nur einem Kommando vereinigt, dem des Comes Maritimi Tractus. 367 kam es zu einem gemeinsam abgestimmten Einfall mehrerer Barbarenstämme[1] in Britannien, in dessen Verlauf die Provinzstreitkräfte zersprengt und fast aufgerieben wurden; ihre wichtigsten Befehlshaber fanden dabei den Tod, darunter auch Nectaridus, der „Graf der Küstenregionen“. Dieses Kommando muss dann im 4. Jahrhundert n. Chr. – spätestens 395 – aufgeteilt worden sein, wohl auch um zu verhindern, dass der jeweilige Amtsinhaber zu viel Macht in seinen Händen vereinigte, wie man in der Vergangenheit bei der Usurpation des Carausius schmerzlich erfahren hatte. Im gallischen Teil der Sachsenküste wurden zu diesem Zweck zwei neue Dukate geschaffen (Dux Belgicae secundae und Dux tractus Armoricani et Nervicani).

In den Jahren 396 bis 398 führte Stilicho noch einmal Seeoperationen vor Britannien durch. Offensichtlich waren Stilichos Truppen nicht nur in der Lage, die Kontrolle über die Seewege in die nordwestlichsten Provinzen aufrechtzuerhalten, sondern konnten auch noch einige Siege über Sachsen und Scoten erringen. Dies war die Gelegenheit auch gleich die Küstenverteidigung im Südosten Britanniens neu zu organisieren, sie erstand nun in der Form, wie sie uns auch in der Endfassung der Notitia Dignitatum überliefert wurde. Es ist möglich, dass der Comes auch erst in dieser Zeit eingesetzt wurde, da er vorher nirgendwo erwähnt worden war. Das Amt dürfte offiziell bis 410 bestanden haben, nach den archäologischen Befunden zu schließen wurden einige seiner Kastelle aber schon vorher aufgegeben.

Als die Römer zu Beginn des 5. Jahrhunderts die Verwaltung und das Feldheer abzogen und Britannien damit faktisch aufgaben (siehe dazu Rheinübergang von 406 und Konstantin III.), verschwindet auch der Comes der Sachsenküste aus den Quellen.

Truppen[Bearbeiten]

Laut der ND unterstanden ihm neben einem Verwaltungsstab (Officium) und Einheiten des Landheeres (7 Infanterie- und 2 Kavallerieverbände) auch bis zum Jahr 400 große Teile der Kanalflotte (Classis Britannica), um germanische Plünderer und Invasoren von seinen Küsten fernzuhalten. Im betreffenden Teil der Notitia Dignitatum[2] werden allerdings nur neun Kastelle an der Sachsenküste aufgelistet, obwohl nachweislich elf davon am Wash-Solent-Limes standen.

Offiziere und Garnisonstruppen:

Sub dispositione viri spectabilis comitis litoris Saxonici per Britanniam („zur Verfügung des höchst ehrenwerten Grafs der Sachsenküste in Britannien“).

  • Praepositus numeri Fortensium, Othonae
  • Praepositus militum Tungrecanorum, Dubris
  • Praepositus numeri Turnacensium, Lemannis
  • Praepositus equitum Dalmatarum Branodunensium, Branoduno
  • Praepositus equitum stablesianorum Gariannonensium, Gariannonor
  • Tribunus cohortis primae Baetasiorum, Regulbio
  • Praefectus legionis secundae Augustae, Rutupis
  • Praepositus numeri Abulcorum, Anderidos
  • Praepositus numeri exploratorum, Portum Adurni

Es scheint, dass einige der Einheiten des Comes litoris Saxonici von anderen Feldarmeen abkommandiert wurden.

  • Die Männer unter dem Praepositus militum Tungrecanorum waren vielleicht einmal Teil der Latini des Comes Illyrici.
  • Die milites Tungricani könnten eine Vexillation der cohors primae Tungri unter dem Dux Britanniarum oder noch wahrscheinlicher der cohors secundae Tungri sein, ebenfalls in Britannien stationiert, sie sind in der Notitia Dignitatum sonst nirgendwo anders erwähnt.
  • Die Männer unter dem Praepositus Equitum stablesianorum Gariannonensium sind wohl Angehörige der Gardereiterei (Comitatenses) der Equites stablesiani, die in der Notitia Dignitatum auch unter dem Befehl des Comes Britanniarum stehend verzeichnet werden.
  • Die Angehörigen des numerus Abulcorum stammen ursprünglich wohl aus Abula in der Provinz Tarraconensis, das u.a. in den Geographica des Claudius Ptolemäus erwähnt wird. Heute ist diese Stadt unter den Namen Avila, nahe Madrid, im zentralen Hochland Spaniens bekannt. Es könnte sich bei dieser Einheit aber auch um Angehörige eines nur wenig bekannten germanischen Stammes gehandelt haben.
  • Die Männer unter dem Praefectus legionis secundae Augustae waren Angehörige einer der alten Stammlegionen Britanniens, der Legio II Augusta. Bis in das frühe 3. Jahrhundert in Isca Silurum stationiert, lag sie nun bei Richborough in Kent; es könnte dieselbe Einheit sein, die als Secundani iuniores beim Comes Britanniarum und als Secundani Britones/Britannica beim Magister Peditum/Equitum) als Comitatenses angeführt sind.

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. barbarica conspiratio, Ammianus 27,8,1–6.
  2. Occ. XXVIII.

Literatur[Bearbeiten]

Weblinks[Bearbeiten]