Complementizer

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Mit dem englischen Begriff Complementizer bzw. der eingedeutschten Form Komplementierer (Kategoriesymbol "C") bezeichnet man in der Linguistik, vor allem in der generativen Grammatik eine Klasse von grammatischen Elementen, die sich mit einem Kernsatz aus Subjekt und Prädikat verbinden und diesen z. B. zu einem eingeleiteten Nebensatz erweitern können. Hierbei bestimmt der Komplementierer den entstehenden Satztyp (z. B. Aussage- oder Fragesatz, die sich hinsichtlich der Bestandteile Subjekt und Prädikat ja nicht unterscheiden).

Komplementierer sind dadurch definiert, dass sie elementar sind (also Köpfe sind), im Gegensatz zu Ausdrücken, die größere Einheiten bilden oder aber größere Einheiten vertreten können, wie z. B. satzeinleitende Fragepronomen. Somit fallen z. B. die deutschen Konjunktionen dass, ob, oder weil unter den Begriff des Komplementierers, jedoch nicht Elemente wie wer, mit wem etc., die ebensowenig traditionell als Konjunktionen angesehen würden. Im Unterschied zum traditionellen Begriff der Konjunktion können aber als Komplementierer nicht nur Wörter der Kategorie "Konjunktion" dienen, sondern auch unausgesprochene (phonetisch leere) Elemente, die nur in Form von Merkmalen in der abstrakten Darstellung der Satzstruktur anwesend sind. In dieser Form können dann nicht nur Nebensätze, sondern auch Hauptsätze eine solche Position enthalten. Beispielsweise wird die Position, die im Feldermodell des deutschen Satzes traditionell als die "linke Satzklammer" bezeichnet wird, in vielen Theorien ebenfalls als Komplementierer identifiziert, unabhängig davon womit die Position besetzt ist (im Verbzweit-Satz enthält sie dann z. B. das finite Verb).

Soweit es um Konjunktionen geht, werden entsprechend der Begriffsherkunft in diesem Artikel vor allem Aspekte dargestellt, die sich aus dem Modell der generativen Grammatik ergeben, für einen allgemeineren Überblick siehe den Artikel Konjunktion (Wortart).

Herkunft der Bezeichnung[Bearbeiten]

Die Bezeichnung complementizer wurde von Rosenbaum (1967) [1] eingeführt. Sie bezog sich ursprünglich darauf, dass Nebensätze die Rolle einer vom Verb verlangten Ergänzung (engl. "complement") haben können, und hierbei von einer Konunktion eingeleitet werden, z. B. in Fällen wie:

Ich weiß, dass er ein Auto hat.
Ich weiß nicht, ob er ein Auto hat.

Der Begriff etablierte sich dann jedoch für die satzeinleitende Position als solche, daher können auch alle anderen Typen von Nebensätzen Komplementierer aufweisen, etwa ein Adverbialsatz mit obwohl.

Die Bezeichnung Komplementierer wird im Deutschen v.a. in der generativen Grammatik auch deshalb oft verwendet, weil der sonst übliche deutsche Begriff "Konjunktion" zwei verschiedene Bedeutungen hat, die im Englischen auseinandergehalten werden können als complementizer = nebensatzeinleitende (unterordnende) Konjunktion und conjunction = nebenordnende Konjunktion (wie z. B. und, aber, denn).

Abgrenzung[Bearbeiten]

Keine Komplementierer, sind Fragewörter und Relativpronomen (jedenfalls nach überwiegender Lehrmeinung), da es sich bei diesen um Vertreter ganzer Konstituenten handelt. Man sieht dies an Fällen, wo Frage- oder Relativsätze von einer ganzen Wortgruppe eingeleitet werden (im Extremfall bis hin zur sogenannten Rattenfängerkonstruktion im Beispiel e.):

a.  Ich weiß nicht mehr, wer angerufen hat..
b.  Ich weiß nicht mehr, mit wem ich telefoniert habe.
c.  Der Mann, der angerufen hatte...
d.  Der Mann, mit dem ich zu telefonieren glaubte...
e.  Leute, mit denen zu telefonieren  er sich eingebildet hatte...

Komplementierer können hingegen nie zu größeren syntaktischen Gruppen ausgebaut werden, insbesondere fungieren sie nicht selbst als Ergänzungen anderer Kategorien (so wie in den obigen Beispielen wem und dem als Ergänzung einer Präposition auftreten).

In Relativsätzen des Englischen gibt es zwei Varianten, nämlich Relativsätze mit "wh-" Wörtern (who, etc.) und solche mit that. Hierbei ist that anscheinend ein Komplementierer,[2] aber who ein Relativpronomen. Eine ähnliche Unterscheidung existiert bei Ja/Nein-Fragen; hier gibt es Argumente dafür, dass das Englische "if" in Fragesätzen eine Konjunktion ist, das gleichbedeutende "whether" jedoch eine Phrase, die anderen "wh-Wörtern" entspricht. [3]

Komplementierer in der Struktur des Satzes[Bearbeiten]

Phrasenstruktur[Bearbeiten]

Komplementierer bilden mit dem übrigen nachfolgenden Satz zusammen eine Konstituente, die wiederum z. B. als syntaktische Ergänzung eines Verbs fungieren kann:

Ich weiß nicht,   [  ob  [ er angerufen hat ]  ] 
Ich weiß   es   nicht
Konjunktion "ob" in der Position des Komplementierers C°

Nach einer Analyse die maßgeblich von Noam Chomsky 1986 vertreten wurde[4] fügen sich Komplementierer in das System der X-Bar-Theorie ein, indem es sich um Köpfe der Kategorie C handelt, die eine eigene Phrase (CP) aufbauen. Der weitere Satz ist also ihr Komplement. (Dieser ist in den Diagrammen als Verbalphrase dargestellt, zur Begründung siehe z. B. Haider 2006[5]).

Wenn man im Deutschen solche Nebensätze als "ob-Satz", "dass-Satz" etc. bezeichnet, kommt in dieser Redeweise ebenfalls zum Ausdruck, dass die Konjunktion "ob / dass" ein Kopf ist, der den Typ des gesamten Satzes charakterisiert. Frage- und Relativpronomen sind in der X-Bar-Theorie hingegen Phrasen, die den Spezifikator von CP besetzen.

In der älteren Literatur (z. B. Chomsky's Rektions- und Bindungstheorie von 1981) nahm man stattdessen eine undifferenzierte Position vor dem Kernsatz an, die verschiedene Arten von Material aufnehmen konnte und sich nicht als Kopf verhielt, diese wurde üblicherweise als "COMP" abgekürzt. Statt dem Schema CP = C° + IP oder VP (s.u.) begegnet in diesen älteren Arbeiten dann ein Schema S’ = COMP + S.

Leere Komplementierer[Bearbeiten]

Komplexe Phrase (PP) als Spezifikator von CP, mit leerem Kopf C°

Wenn der Unterschied zwischen Köpfen und Phrasen konsequent angewandt wird, ergibt sich aus der X-Bar-Theorie, dass auf der Ebene der Komplementierer zwei verschiedene Positionen anwesend sind (die erstere, die Position für eine Phrase vor dem Kopf, ist der Spezifikator). Die Baumdiagramme illustrieren diesen Unterschied für die Beispiele (Ich weiß nicht) ob er angerufen hat bzw. (Ich weiß nicht) um welche Zeit er angerufen hat. Im zweiten Satz ist die Position des Komplementierers C konsequenterweise leer. Da der ganze Satz ein Fragesatz ist, muss allerdings angenommen werden, dass der Kopf immer das Fragemerkmal trägt, auch wenn er leer ist.

Dass in solchen Fällen ohne Konjunktion die Position des Komplementierers tatsächlich separat existiert, sieht man an Daten aus deutschen Dialekten, in denen sowohl ein Relativ- bzw. Fragepronomen als auch ein Komplementierer hintereinander auftauchen, z. B. in folgendem Beispiel des Bairischen [6]

[A Meichmaschin] is a komplizierta Apparat mit (...) 
vier Saugnäpf, de wo an de Zitzn vo da Kua oneghengt wern. 
(vier Saugnäpfen, die wo an die Zitzen von der Kuh angehängt werden.)

Hier fungiert de als Relativpronomen (und damit als Phrase, also Spezifikator) und das Nachfolgende wo ist ein Relativsatz-Komplementierer, den es im Standarddeutschen nicht gibt (es handelt sich nicht um das gleichlautende Fragepronomen wo, weil es in dem bairischen Beispiel in keiner Weise einem Adverbial der Ortsangabe entspricht). Hieraus ergibt sich die Schlussfolgerung, dass das Standarddeutsche nach dem Relativpronomen noch eine leere Position aufweisen sollte, wie in den Baumdiagrammen bereits dargestellt:

...vier Saugnäpfe, die  -- an die Zitzen der Kuh angehängt werden.

Komplementierer als Position im Satz[Bearbeiten]

In Modellen der generativen Grammatik kann die Position des Komplementierers auch mittels einer Bewegungstransformation mit anderem Material besetzt werden, wenn sie zunächst ohne Besetzung erzeugt wurde. So wird der Verbzweitsatz und der Verberstsatz im Deutschen als Bewegung des Verbs in die Position C beschrieben. Zum Beispiel hat man im Deutschen bei Bedingungssätzen die Wahl, ob man den Komplementierer wenn verwenden will oder stattdessen das Verb in dessen Position nach vorne ziehen will:

Wenn die Stelle nicht mit einer Frau besetzt werden kann, darf sie auch einem Mann angeboten werden
Kann die Stelle nicht mit einer Frau besetzt werden  -- , darf sie auch einem Mann angeboten werden
Verbzweitsatz abgeleitet durch Verbbewegung nach C° (mit dem Mittelfeld als VP, nach Haider (2006))

Entsprechend wird angenommen, dass derselbe Zusammenhang zwischen Verb-Voranstellung und der C-Position auch im deutschen Hauptsatz besteht, d.h. dass auch dieser als eine Besetzung der C-Position durch das finite Verb aufzufassen ist, wie in nebenstehendem Baumdiagramm.

Verbindungen zwischen Komplementierer und Flexion[Bearbeiten]

In der traditionellen deutschen Grammatik werden Konjunktionen als unflektierbare (unveränderliche) Wörter klassifiziert. Es gibt jedoch in süddeutschen Dialekten viele Konstruktionen, wo sie Formen ausbilden, die dieselben Merkmale zeigen wie das finite Verb des Satzes:

Vater komm erzähl vom Krieg. Vater komm erzähl wiest eingrückt bist...
(Ernst Jandl)

Dieselbe Erscheinung findet sich unabhängig davon auch in anderen germanischen Sprachen, z. B. im Friesischen:[7]

dat-st     do  jûn         komst
dass-2.sg  du  heute-abend kommst

Dass ein Zusammenhang zwischen Finitheit und dem Komplementierer besteht, zeigt sich auch an einem anderen Phänomen: Konjunktionen verlangen i.d.R. entweder finite Verben in ihrer Ergänzung oder Infinitive. So kann z. B. die Konjunktion "dass" nur mit finiten Sätzen erscheinen, während "um" eine Konjunktion ist, die mit Infinitiven erscheint:[8] Dies lässt sich daraus erklären, dass der Komplementierer den folgenden Satz als sein Komplement regiert:

dass er arbeitet  /  *NICHT: * dass (zu) arbeiten
um zu arbeiten  /  *NICHT: * um er arbeitet

Quellen[Bearbeiten]

  1. P. S. Rosenbaum: The grammar of English predicate complement constructions. MIT Press, Cambridge (Massachusetts) 1967.
  2. Möglicherweise aber nicht in allen Fällen, vgl. Bernard Comrie: "Relative Clauses. Structure and typology on the periphery of standard English". In Peter Collins & David Lee (eds.): The clause in English: in honour of Rodney Huddleston. Amsterdam: John Benjamins. S.81-91
  3. Haegeman, L. and J. Gueron (1999): English Grammar: A Generative Perspective. Oxford: Blackwells.
  4. Chomsky, Noam (1986): Barriers. Cambridge MA: MIT Press
  5. Hubert Haider (2006): Mittelfeld phenomena. In M. Everaert & H. van Riemsdijk (eds.): The Blackwell Companion to Syntax, Oxford: Blackwell. Vol. 3., S. 204-274
  6. http://bar.wikipedia.org/wiki/Meichmaschin
  7. Beispiel aus: Eric Fuß (2008): Multiple Agreement and Inflection in the C-Domain, Linguistische Berichte 213, 77-106, wo es aus einer Arbeit von Zwart (1993) zitiert ist. Mit "Friesisch" ist hier offenbar Westfriesisch gemeint.
  8. siehe: Wolfgang Sternefeld (2006): Syntax. Eine morphologisch motivierte generative Beschreibung des Deutschen. Tübingen: Stauffenburg. Siehe Kap. 5, isb. S. 195ff.; dort auch Argumentation, dass "um" keine Präposition ist.