Corny Littmann

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Corny Littmann (2006)
Corny Littmann 2009

Corny Littmann (* 21. November 1952 in Münster; bürgerlich Cornelius Littmann) ist ein deutscher LGBT-Aktivist. Er ist ehemaliger Vereinspräsident des FC St. Pauli, lebt in Hamburg und besitzt das Schmidt Theater.

Leben[Bearbeiten]

Littmann wuchs als Sohn des Professors für Finanzwissenschaft Konrad Littmann[1] in Münster und Berlin auf, bis die Familie 1970 einem Ruf des Vaters nach Hamburg folgte. Nach dem Abitur im Gymnasium Alstertal in Hamburg studierte Littmann Psychologie an der Universität Hamburg und war Mitglied des SHB und des Fachschaftsrates im Fachbereich Psychologie. Bereits 1976 stand Corny Littmann, selbst homosexuell, als Mitglied der Theatergruppe „Brühwarm“ mit Themen der zeitgenössischen Schwulenbewegung auf der Bühne. Mit wechselnden Kollegen trat er bis 1979 an zahlreichen Orten in der Bundesrepublik auf, u.a. auf der Veranstaltung Homolulu im Juli 1979 in Frankfurt am Main.

1979 trat er der Grün-Alternativen Liste (GAL) bei. Littmann trat dafür ein, dass Forderungen zur gesellschaftlichen Gleichstellung Homosexueller und zur Reform des Sexualstrafrechts in das erste Grundsatzprogramm der Grünen aufgenommen wurden, das auf dem 2. Bundesparteitag vom 21. bis 23. März 1980 in Saarbrücken beschlossen wurde und bis 1993 gültig blieb. Auf dem Parteitag drohte eine Gruppe von Delegierten um Baldur Springmann mit Parteiaustritt, falls bereits beschlossene Forderungen nach Abschaffung des Abtreibungsparagraphen 218 StGB, nach Abschaffung der Diskriminierung Homosexueller und nach Milderung der Strafrechtsbestimmungen über Sexualität mit Kindern in den Paragraphen 174 und 176 StGB nicht zurückgenommen würden.[2] Daraufhin verfasste Littmann zusammen mit Otto Schily, Roland Vogt und anderen Delegierten eine das Grundsatzprogramm ergänzende Resolution, wonach die Partei in allen Gliederungen zu einer ergebnisoffenen Diskussion über eine Revision der Paragraphen 174 und 176 StGB aufgefordert wurde, eine die Diskussion unterstützende Kommission gebildet, und das Thema auf einem der folgenden Parteitage ausführlich diskutiert werden solle.[3]

Bei der Bundestagswahl 1980 trat Littmann für die GAL als Spitzenkandidat der Grünen in Hamburg an. Weil die Grünen nicht in den Bundestag einzogen erhielt Littmann kein Mandat. Um im Bundestagswahlkampf die Verfolgung und Diskriminierung von Homosexuellen öffentlich anzuprangern, zerschlug er einen Toilettenspiegel in einer öffentlichen Toilette unter dem Spielbudenplatz in St. Pauli. Hinter diesem Spiegel hing eine Überwachungskamera der Hamburger Polizei, mit welcher die Klappe kontrolliert wurde.[4][5]

Gemeinsam mit dem Kabarettisten Gunter Schmidt, der heute mit seiner Partnerin Lisa Politt die Hamburger Bühne „Polittbüro“ (politisches Kabarett) betreibt, gründete Corny Littmann 1982 das Tourneetheater „Familie Schmidt“, dem sich später auch Ernie Reinhardt anschloss. Mit einer Mischung aus Songs und Szenen zogen sie bis 1988 mit sechs eigenen Stücken unter dem Motto „deutsch, aufrecht, homosexuell“ durch Deutschland. Von 1982 bis 1985 war Littmann der Leiter der freien Theatergruppen auf dem Kampnagel-Gelände. Im Jahr 1990 wurde er Vorstandsmitglied des Kampnagel-Trägervereins.

Seit Oktober 2006 ist er mit seinem langjährigen Freund, dem gebürtigen Tunesier Madou Ellabib (* 1966), einem Tenor im Chor der Hamburgischen Staatsoper, verpartnert.[6]

Familie Schmidt[Bearbeiten]

1988 schlug Littmanns große Stunde: am 8.8. um 8 Uhr 8 eröffnete er als künstlerischer Leiter, gemeinsam mit drei weiteren Gesellschaftern, das „Schmidt Theater“ mitten auf St. Pauli. Am 1. September 1991 wurde dann das so genannte „Große Haus“ nur einige Gebäude weiter unter dem Namen Schmidts Tivoli eröffnet.

In den Jahren 1990–1993 erlangte Corny Littmann unter dem quasi von seinem künstlerischen Expartner „geborgten“ Künstlernamen Herr Schmidt bundesweite Bekanntheit, nachdem die fast schon legendäre Schmidt Mitternachtshow in den dritten Fernsehprogrammen ausgestrahlt worden war. Als Co-Moderatoren hatte er Lilo Wanders (Ernie Reinhardt) und Marlene Jaschke (Jutta Wübbe) mit auf der Bühne. 1991 wurde die Mitternachtsshow mit dem Adolf-Grimme-Preis als beste Unterhaltungsshow ausgezeichnet. Littmann alias Herr Schmidt sorgte mehrfach für erboste Reaktionen - vor allem in Bayern. So blendete sich beispielsweise der Bayerische Rundfunk aus einer Mitternachtshow aus, als er ein Plakat der Deutschen Aidshilfe in die Kamera hielt, auf dem zwei Männer beim Oralverkehr zu sehen waren.

Nach dem Ende der ‘‘Mitternachtsshows‘‘ führte Littmann erstmals Regie bei einer Hausproduktion. Es handelte sich dabei um das Musical Cabaret. Nur ein Jahr später führte Littmann Regie bei der 50er-Jahre-Revue Fifty-Fifty. Dies war die erste Zusammenarbeit mit seinem langjährigen musikalischen Leiter und Hauskomponisten Martin Lingnau.

1995 wurden, gemeinsam mit Georgette Dee, in Schmidts Tivoli vier Folgen einer neuen Fernsehshow, der Neuen Schmidtshow, produziert. Im Sommer desselben Jahres hatte die Operette „Im weißen Rößl“ Premiere.

Seit 1998 ist Littmann immer wieder als Produzent seiner Hausproduktionen tätig oder übernimmt auch selbst kleine Rollen. So war er beispielsweise als Gerda in „Pension Schmidt“ zu sehen, einer Bühnen-Soap-Opera mit allmonatlich neuer Folge. Im gleichen Jahr spielte er neben Henning Schlüter, Elisabeth Volkmann und Monty Arnold in der Drei-Fragezeichen-Folge „Die Karten des Bösen“ (82) mit.

Am 2. November 1999 wurde Corny Littmann durch die Arbeitsgemeinschaft Selbständiger Unternehmer, den Bundesverband Junger Unternehmer und die Hamburger Sparkasse mit dem Titel „Hamburger Unternehmer des Jahres 1999“ ausgezeichnet.

Am 19. September 2010 erhielt Corny Littmann den Max-Brauer-Preis 2010 der Alfred Toepfer Stiftung F.V.S. für Verdienste um das kulturelle, wissenschaftliche und geistige Leben Hamburgs.

Fußball[Bearbeiten]

Am 25. Februar 2003 wählte die Mitgliederversammlung des FC St. Pauli Littmann zum Präsidenten des Vereins. Er hatte dieses Amt bereits seit Dezember 2002 als Nachfolger von Reenald Koch kommissarisch wahrgenommen.

Am 23. Februar 2007 gab er nach Streitigkeiten mit dem Aufsichtsrat bekannt, dass er sein Amt zum 26. März 2007 niederlegen werde. Am 13. März 2007 wurde er durch den Aufsichtsrat des FC St. Pauli als Präsident abberufen, kurz darauf jedoch per einstweiliger Verfügung wieder eingesetzt. Nach deren Bestätigung durch das Landgericht Hamburg widerrief er seinen Rücktritt.[7] Auf einer außerordentlichen Mitgliederversammlung am 25. März 2007 wurde Littmann als Präsident bestätigt. Im Rahmen der regulären Mitgliederversammlung des FC St. Pauli am 18. November 2007 wurde Littmann für weitere vier Jahre im Amt bestätigt. In seiner Arbeit unterstützt wurde Littmann durch die Vizepräsidenten Stefan Orth, Marcus Schulz, Gernot Stenger und Bernd-Georg Spies.[8]

Am 19. Mai 2010 trat Littmann überraschend als Präsident zurück. Er will aber dem Verein „als Geschäftsführer der FC St. Pauli Service GmbH, Freund und Fan“ erhalten bleiben.[9]

Littmann ist Mitglied der Deutschen Akademie für Fußball-Kultur[10]. Er unterstützt als Botschafter die Initiative Respekt! Kein Platz für Rassismus. [11]

Filmografie (Auswahl)[Bearbeiten]

Literatur[Bearbeiten]

  • Christoph Ruf: Die Untoten vom Millerntor. Der Selbstmord des FC St. Pauli und dessen lebendige Fans, PapyRossa Verlag, Köln 2004 ISBN 3894383100

Weblinks[Bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. Die Zeit. Nr. 3 vom 16. Januar 2010.
  2. Lilian Klotzsch, Richard Stöss: Die Grünen, in: Richard Stöss (Hrsg.): Parteien-Handbuch: die Parteien der Bundesrepublik Deutschland, 1945-1980, Band 2, Westdeutscher Verlag 1984, S. 1509-1598, hier S. 1536
  3. Franz Walter, Stephan Klecha: Distanzierungstango in der Pädofrage, Faz, 12. August 2013, S. 7
  4. Affären: Dicker Hammer (de) Der Spiegel Nr. 29/1980. 14. Juli 1980. Abgerufen am 4. Juni 2014.
  5. Lazar Backovic, Martin Jäschke, Sara Maria Manzo: Schwulenparagraf 175: Zeitzeuge Klaus Born musste ins Gefängnis (de) Spiegel Online. 3. Juni 2014. Abgerufen am 3. Juni 2014.
  6. queer.de: Corny Littmann unter der Haube, 5. Dezember 2006
  7. Tagesspiegel: Littmann bleibt Präsident, 19. März 2007
  8. FC St. Pauli Magazin: Littmann im Amt bestätigt, 18. November 2007
  9. „Der Kapitän verlässt die Brücke, aber nicht das Schiff“
  10. http://www.fussball-kultur.org/akademie/mitglieder/persoenlichkeiten.html
  11. http://www.respekt.tv/die-interviews/corny-littmann.html