Corps Borussia Tübingen

aus Wikipedia, der freien Enzyklopädie
Wechseln zu: Navigation, Suche
Borussias Wappen

Das Corps Borussia Tübingen ist eine Studentenverbindung im Kösener Senioren-Convents-Verband (KSCV). Das Corps ist eine demokratisch verfasste Studentenverbindung, die zu Mensur und Couleur steht. Es vereint Studenten und Alumni der Eberhard Karls Universität Tübingen. Die zurzeit etwa 275 Tübinger Preußen stammen aus Norddeutschland, Westdeutschland, Schwaben, Schweden, Australien, China, Peru, Nordafrika und den Vereinigten Staaten.

Couleur[Bearbeiten]

Borussia hat die Farben schwarz-weiß-schwarz mit silberner Perkussion. Dazu wird eine schwarze Studentenmütze getragen. Das Fuchsband ist schwarz-weiß. Der Wahlspruch lautet Hosti frontem, pectus amico! [1]

Geschichte[Bearbeiten]

Am 22. November 1870 gründeten zehn überwiegend preußische Studenten die schwarze Studentengesellschaft Borussia. Am 7. August 1873 führte sie die unbedingte Satisfaktion und Couleur ein. Sie erklärte sich am 24. Mai 1877 zum Corps und renoncierte seit dem 1.Juni 1877 im SC zu Tübingen. Am 7.August 1877 wurde sie recipiert und damit in den KSCV aufgenommen.[2]

Corpshaus[Bearbeiten]

Preußenhaus Tübingen

In den 1880er Jahren war man des ständigen Wechsels der Gaststätten, in denen jeweils ein Raum gemietet wurde, müde und die nun im Beruf stehenden jungen Alten Herren kauften ein Haus auf dem Österberg. Damit folgte das Corps der allgemeinen Tendenz, zu dieser Zeit kauften bzw. bauten sich die Verbindungen eigene Häuser. In diesem Haus befanden sich neben dem Festsaal und den Aufenthaltsräumen zehn Zimmer für die aktiven Mitglieder. Bereits 15 Jahre später fasste man wegen der wachsenden Zahl der Mitglieder den Entschluss, das alte Haus abzutragen und an derselben Stelle ein neues mit zeitgemäßer Ausstattung und moderner Architektur errichten zu lassen. Das neue Corpshaus wurde von den Dresdner Architekten Lossow und Kühne im Jugendstil erbaut und 1907 eingeweiht. Im Ersten Weltkrieg diente es zeitweise als Lazarett.

Zeit des Nationalsozialismus[Bearbeiten]

Hauptartikel: SC-Kameradschaften

Schon kurz nach der sog. Machtergreifung der Nationalsozialisten 1933 übten deren Organe, NSDStB und SA, zunehmenden Druck auf die Studentenverbindungen aus mit dem Ziel der Gleichschaltung (z. B. Einführung des „Führerprinzips“, Ausschluss „nichtarischer“ Mitglieder usw.). Schließlich lösten sich viele Verbindungen auf, Borussia im Mai 1936, andere gingen in sog. Kameradschaften auf. In den Jahren danach verlangte die Reichsstudentenführung die Übergabe des Corpshauses und des Vermögens des Vereins Alter Tübinger Preußen, gleichzeitig wollte das Rasse- und Siedlungshauptamt (RuSHA) der SS das Haus als SS-Mannschaftshaus mieten. Nach langen Verhandlungen und schließlich Drohungen kam im Mai 1939 ein Vertrag mit der SS zustande mit dem Zugeständnis, dass der Altherrenverein nicht in den NS-Altherrenbund eintreten musste, er löste sich auf. Das Haus wurde während des Kriegs nicht nur von der SS, sondern auch von der NSV genutzt, nach dem Krieg von den französischen Besatzungstruppen.

Neuere Geschichte[Bearbeiten]

Couleur der Verbindung Österberg

1923 und 1983 war Borussia präsidierendes Vorortcorps.

Zur Zeit der französischen Besatzung gründeten Borussia, Franconia und Suevia die Verbindung Österberg. 1950 eröffnete Borussia wieder den aktiven Betrieb. Fünf Jahre später gaben die Franzosen das Corpshaus zurück. Die wertvolle Inneneinrichtung war jedoch weitgehend verschwunden, das ausgelagerte Inventar bei Luftangriffen auf Frankfurt am Main vernichtet.[3]

Seit 2009 findet alljährlich auf dem Corpshaus ein als Österberg-Seminar bezeichnetes juristisches Symposium des SC zu Tübingen unter der Mitwirkung von juristisch tätigen Corpsstudenten, wie z.B. Hans-Joachim Priester, Ulrich Seibert, Klaus Pohle, Hanns-Eberhard Schleyer, Edzard Schmidt-Jortzig und Henning Schulte-Noelle, statt.[4] Die Seminare finden breite Anerkennung und sind als berufliche Weiterbildung von Wirtschaftsjuristen von der zuständigen Rechtsanwaltskammer Stuttgart anerkannt.

Verhältniscorps[Bearbeiten]

Hauptartikel: Verhältnisvertrag und Kösener Kreise

Borussia Tübingen gehört zu roten Kreis.

Kartelle
Corps Saxonia Jena (1921/1919)
Corps Marcomannia-Breslau zu Köln (1920/1919)
Corps Saxonia Bonn (1920/1919)
Corps Hildeso-Guestphalia Göttingen (1955/1919)

Das zweite Jahr bezieht sich auf den Abschluss des vorangegangenen Freundschaftsverhältnisses

Befreundete
Corps Vandalia Rostock (1919)

Bekannte Mitglieder[Bearbeiten]

In alphabetischer Reihenfolge

  • Walter Amelung (1865–1927), klassischer Archäologe, Direktor des Deutschen Archäologischen Instituts Rom
  • Heinrich Bossart (1857–1930), Ministerpräsident von Mecklenburg
  • Carl von Brandenstein (1855–1946), Innen- und Justizminister von Thüringen
  • Albert Cuntze (1870–1950), Verwaltungsjurist
  • Adolf Dennig (1858–1930), Professor für Innere Medizin
  • Matthias Eberhard (1871–1944), preußischer Verwaltungsbeamter und Landrat
  • Hans Ellenbeck (1889–1959), Reichstagsabgeordneter und Geschäftsführer des Stifterverbandes der deutschen Industrie
  • Georg von Eucken-Addenhausen (1855–1942), Gesandter und bevollmächtigter Minister des Großherzogtums Oldenburg, Präsident der Ostfriesischen Landschaft
  • Hans Goudefroy (1900–1961), Generaldirektor der Allianz Versicherungs-AG
  • Fritz Gummert (1895–1963), Vorstandsmitglied der Ruhrgas AG, vertrat Deutschland auf der Londoner Schuldenkonferenz
  • Oswald Artur Hecker (1879-1953), Professor für Neuere Geschichte und Kolonialgeschichte
  • Volkmar Herntrich (1908–1958), Landesbischof von Hamburg
  • Hermann Hobrecker (1901–1973), Industriemanager, Vorsitzender des oKC 1923
  • Gerhard Koch (1906–1983), SPD-Politiker, Mitglied des Bundestags
  • Hugo Köster (1859–1943), oldenburgischer und preußischer Verwaltungsjurist, Bürgermeister von Zehlendorf
  • August Lentze (1860–1945), preußischer Staats- und Finanzminister, Präsident der Deutschen Rentenbank
  • Heinrich Maas (1908–1981), Senatsdirektor in Bremen
  • Gerhard Marquordt, (1881–1950), Jurist und Politiker (DVP)
  • Albert Paul (1879–1949), II. Bürgermeister der Stadt Magdeburg, Verwaltungsratsvorsitzender der Mitteldeutschen Landesbank, Vorstandsmitglied des Deutschen Sparkassen- und Giroverbandes
  • Viktor Reichmann, (1881–1956), Mediziner, Wegbereiter der Silikoseforschung
  • Walter Reimers (1913–2010), Vizepräsident des Hanseatischen Oberlandesgerichts
  • Wilhelm Sauerwein (1872–1945), Staatsminister in Mecklenburg-Strelitz
  • Wolfgang Schieren (1927–1996), Vorstands- und Aufsichtsratsvorsitzender der Allianz AG
  • Jürgen von Schilling (1909–2008), Arzt, Ehrenbürger von Langeoog
  • Max Schottelius (1849−1919), Professor für Pathologische Anatomie und Hygiene
  • Henning Schulte-Noelle (* 1942), Vorstandsvorsitzender der Allianz AG und Aufsichtsratsvorsitzender der Allianz SE
  • Theodor Schweisfurth (* 1937), Völkerrechtler
  • Ulrich Seibert (* 1954), Professor, Leiter des Referats für Gesellschaftsrecht im Bundesministerium der Justiz
  • Peter Silberkuhl (* 1939), Vorsitzender Richter am Bundesverwaltungsgericht
  • Morris Simmonds (1855–1925), Pathologe
  • August Skalweit (1879–1960), Volkswirt, Rektor der Universität Kiel
  • Otto Snell (1859-1939), deutscher Psychiater und Klinikdirektor
  • Heinrich Specketer (1873–1933), Chemiker, Vorstandsmitglied der Griesheim-Elektron und der I.G. Farben
  • Christian Streffer (* 1934), Strahlenbiologe, Rektor der Universität Essen
  • Oscar Stübben (1877–1943), Oberpräsident in Posen
  • Kurt Trinks (1882–1958), Jurist
  • Hans Vaihinger (1852–1933), Philosoph und Kant-Forscher
  • Hermann Varnhagen (1850–1924), Anglist und Romanist
  • Wolfgang Weng (* 1942), FDP-Politiker, Mitglied des Bundestags
  • Hermann Wennrich (1892–1974), Vizepräsident des Bundesfinanzhofs
  • Max Wiskemann (1887–1971), Vorstand der Tretorn Gummi- und Asbestwerke AG
  • Erich Zander (1906–1985), Justizsenator in Bremen (CDU)

Träger der Klinggräff-Medaille[Bearbeiten]

Mit der Klinggräff-Medaille des Stiftervereins Alter Corpsstudenten wurde ausgezeichnet:

  • Martin Biastoch (1991)

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. dt. „Dem Feind die Stirn, die Brust (d.i. das Herz) dem Freund!“
  2. Paulgerhard Gladen: Die Kösener und Weinheimer Corps. Ihre Darstellung in Einzelchroniken. WJK-Verlag, Hilden 2007, ISBN 978-3-933892-24-9, S. 37
  3. Luftangriffe auf Tübingen
  4. Österberg-Seminare; Tielmann, NZG 2013, 173 ff; Rottnauer, NZG 2012, 339; Backhaus, NZG 2011, 416; Hartmann, NZG 2010, 211

Literatur[Bearbeiten]

  • Werner Bauer: Corpsliste der Borussia zu Tübingen 1870–1991. 1991.
  • Walter Berndt: Corps Borussia Tübingen 1870–1970. Corps Borussia Tübingen, Tübingen 1971.
  • Martin Biastoch: Duell und Mensur im Kaiserreich. Am Beispiel der Tübinger Corps Franconia, Rhenania, Suevia und Borussia zwischen 1871 und 1895 (= GDS-Archiv für Hochschul- und Studentengeschichte. Beiheft. Nr. 4). SH-Verlag, Schernfeld 1995, ISBN 3-89498-020-6.
  • Martin Biastoch: Tübinger Studenten im Kaiserreich. Eine sozialgeschichtliche Untersuchung (= Contubernium. Tübinger Beiträge zur Wissenschaftsgeschichte. Bd. 44). Thorbecke, Sigmaringen 1996, ISBN 3-7995-3236-6 (Zugleich: Tübingen, Univ., Diss., 1993/94).
  • Martin Biastoch: Das Preußenhaus in Tübingen. In: Wilhelm G. Neusel (Hrsg.): Kleine Burgen, große Villen. Tübinger Verbindungshäuser im Porträt. ArbeitsKreis Tübinger Verbindungen, Tübingen 2009, ISBN 978-3-924123-70-3, S. 56–65.
  • F. Klein: Geschichte des Corps Borussia zu Tübingen 1870–1905. 1904.

Weblinks[Bearbeiten]

 Commons: Corps Borussia Tübingen – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien