Corpus Hermeticum

aus Wikipedia, der freien Enzyklopädie
Wechseln zu: Navigation, Suche
Deckblatt Corpus Hermeticum 1643 (Ausg. F. Patricius)

Das Corpus Hermeticum ist eine Sammlung von griechischen Traktaten in Brief-, Dialog- und Predigtform über die Entstehung der Welt, die Gestalt des Kosmos sowie menschliche und göttliche Weisheit. Als Verfasser galt schon in der Antike Hermes Trismegistos, dem eine Vielzahl von religiösen, astrologischen und magischen Schriften zugeschrieben wurde, obwohl es sich ursprünglich um eine Götterbezeichnung handelte. Das Corpus Hermeticum gilt als wichtigste Quelle der hermetischen Geheimlehren. Direkte Einflüsse auf die christliche Gnosis des 3. und 4. Jahrhunderts sind nachweisbar.

Entstehung[Bearbeiten]

Das Corpus Hermeticum entstand zwischen 100 und 300 n.Chr., die Autoren dürften Griechen gewesen sein, die populäres philosophisches Gedankengut der Epoche verarbeiteten, „eine Mixtur aus Platonismus und Stoizismus, kombiniert mit jüdischen und möglicherweise einigen persischen Elementen“.[1] Umstritten ist, ob die eingeflochtenen Elemente ägyptischer Mysterien auf die Beteiligung ägyptischer Neuplatoniker hinweisen, oder ob es sich um reine Fiktion handelt, die auf die zeittypische Begeisterung für orientalische Kulte abzielte.

Rezeption und Tradition[Bearbeiten]

Die Dialoge wurden erst in der Renaissance wiederentdeckt. Im Jahr 1462 kam Cosimo de’ Medici in den Besitz einer griechischen Handschrift, die er von Marsilio Ficino ins Lateinische übersetzen ließ. Hermes Trismegistos galt von der Spätantike bis zur frühen Neuzeit als Verfasser einer Reihe von philosophischen, astrologischen, magischen und alchemistischen Schriften, die aufgrund seiner Gleichsetzung mit Thot als Zeugnisse uralten Wissens geschätzt wurden, das zumindest auf die Zeit des Moses zu datieren sei. Erst um 1614 kam Isaac Casaubon aus textkritischen Erwägungen zu dem Schluss, dass es sich bei diesen Texten um hellenistische Traktate handeln müsse, die kaum vor dem 2. Jahrhundert geschrieben worden sein konnten. [2]

Inhalt[Bearbeiten]

Das Corpus Hermeticum enthält Traktate in Brief-, Dialog- und Predigtform. Sie beinhalten Einflüsse der ägyptischen und orphischen Mysterien, neuplatonische Gedanken von Reinkarnation, Ekstase, Reinigung, Opfer und mystische Vereinigung mit Gott. Es gliedert sich traditionell in 18[3] Traktate:

Nr. Titel (deutsch) Titel (Ficino)
I. Der Menschenhirte des Dreimal-Großen Hermes Pimander
II. Das Allgemeine Gespräch Mercurii ad Aesculapium sermo universalis
III. Die Heilige Rede Mercurii sermo sacer
IV. Der Mischkrug oder die Eins Mercurii ad Tatium crater sive monas
V. Der verborgene Gott ist völlig offenbar Mercurii Ad tatium Filium suum. Quod deus Latens simul ac patens est.
VI. Das Gute ist Gott allein und nirgends Anderswo Quod in solo deo bonum est alibi vero nequaquam
VII. Das Größte Übel für die Menschen ist die Unwissenheit in Göttlichen Dingen Quod summum malum hominibus ignorare deum
VIII. Nichts geht verloren von Allem, was ist: die Menschen irren, wenn sie Umwandlung Untergang und Tod nennen Nihil eorum Quae sunt interitus sed mutationes: Decepti Homines interitum nominant
IX. Vom Denken und Wahrnehmen
X. Der Schlüssel Mercurii Trismegisti clavis ad Tatium
XI. Der Geist an Hermes Mens ad mercurium
XII. Hermes der Dreimal-Große an Tat Mercurii ad Tatium de communi
XIII. Über die Wiedergeburt und das Gebot des Schweigens Mercurii ad tatium Filium suum de generatione & impositione silentii
XIV. Hermes der Dreimal-Große an Asklepius Mercurii ad Aesculapium
XV. Brief des Hermes an Asklepius
XVI. Rede des Asklepius an König Ammon
XVII. Bruchstück einer Rede von Asklepius an den König
XVIII. Preis der Könige

Die rechte Spalte enthält die von Marsilio Ficino in seiner lateinischen Übersetzung für die einzelnen Traktate verwendeten Titel. Die lateinischen Titel für die Traktate XV bis XVIII fehlen, da in dem Ficino vorliegenden Texte nur die Traktate I bis XIV enthalten waren.

Überlieferung und Wirkungsgeschichte[Bearbeiten]

Im Mittelalter war das Corpus Hermeticum außer durch Lactantius (Div. inst. I, 6, 1-5; De ira Dei XI) vor allem durch die Kirchenväter Augustinus (De civ. Dei VIII, 23-26) und Clemens von Alexandria (Stromata VI, 4, 35-38) in Auszügen bekannt. Der vollständige Text wurde allerdings erst zugänglich, als gegen 1460 ein Mönch im Dienst des Cosimo de’ Medici ein griechisches Manuskript nach Florenz brachte (Biblioteca Medicea Laurenziana, Codex Laurentianus LXXI 33 (A)). Mit der Übersetzung wurde Marsilio Ficino im Jahr 1463 beauftragt, sie wurde im Folgejahr fertiggestellt und 1471 erstmals als Pimander (eigentlich der Titel des ersten Traktats) gedruckt. In seiner Vorrede an den Auftraggeber Cosimo de Medici fasst Ficino die antiken und patristischen Quellen zu Hermes zusammen und konstruiert eine Tradition ursprünglicher und ungeteilter Weisheit, die auch bereits wesentliche Elemente des Christentums eingeschlossen habe und erst später verdunkelt und in verschiedene Disziplinen zersplittert worden sei. Insofern war Ficinos Werk mit seinen medizinischen, magischen und theologischen Schriften ein Versuch, die alte Einheit wiederherzustellen:

„Dieser [Hermes] stand nämlich in Scharfsinn und Gelehrsamkeit allen Philosophen voran. Als Priester hat er zudem die Grundlagen für ein heiligmäßiges Leben gelegt und übertraf in der Verehrung des Göttlichen sämtliche Priester. Schließlich übernahm er die Königswürde und verdunkelte durch seine Gesetzgebung und Taten den Ruhm der größten Könige. Daher wurde er zurecht der dreimal Größte genannt. Als erster unter den Philosophen wandte er sich von Naturkunde und Mathematik der Erkenntnis des Göttlichen zu. Als Erster diskutierte er voller Weisheit über die Herrlichkeit Gottes, die Ordnung der Dämonen und die Wandlungen der Seele. Daher nennt man ihn den ersten Theologen. Ihm folgte Orpheus, der in der ursprünglichen Theologie den zweiten Platz einnimmt. In die Mysterien des Orpheus wurde Aglaophemus eingeweiht. Aglaophemus folgte in der Theologie Pythagoras nach, diesem wiederum Philolaos, der Lehrer unseres göttlichen Platon. Daher gibt es eine in sich stimmige Lehre der ursprünglichen Theologie, die in wundersamer Ordnung aus diesen sechs Theologen erwachsen ist, ausgehend von Merkur und durch den göttlichen Platon vollendet.“

– Ficino 1493, fol. a verso[4]

Dieser Auffassung, wie sie für den Renaissance-Neuplatonismus und die Hermetiker des 15. bis 17. Jahrhunderts charakteristisch ist, wurde durch die Exercitationes von Isaac Casaubon im Jahr 1614 der Boden entzogen, auch wenn es über ein Jahrhundert dauern sollte, bis die herkömmliche Ansicht über die angebliche altägyptische Weisheitslehre allgemein aufgegeben wurde. Manche Esoteriker halten allerdings noch heute daran fest. Stil und Wortwahl lassen nach Casaubon keine Datierung auf die Zeit des Moses zu, sondern weisen auf hellenistische Verfasser hin. Darüber hinaus identifiziert er Zitate und Anspielungen aus griechischer und christlicher Literatur, die eine Entstehung vor dem 2. Jahrhundert ausschließen. Sein Urteil (das noch einmal zeigt, wie prägend die fast dreizehn Jahrhunderte währende christliche Sicht auf das Corpus Hermeticum ist) lautet schließlich: das Corpus Hermeticum hat nichts mit ägyptischen Altertümern zu tun, sondern ist eine christliche Fälschung, die der Heidenmission dienen sollte.[5]

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. F. Yates: Giordano Bruno and the hermetic tradition, S.3.
  2. Isaac Casaubon: De rebus sacris et ecclesiasticis exercitationes XVI. London 1614.
  3. Gliederung und Abschnittszählung nach G. R. S. Mead: Thrice-Greatest Hermes. London 1906. (andere Autoren fassen die Traktate XV und XVI zusammen)
  4. Lateinischer Originalwortlaut: „Ille igitur quemadmodum acumine atque doctrina: philosophis omnibus antecesserat: sic sacerdos inde constitutus sanctimonia vita: diuinorumque cultu: universis sacerdotibus praestitit: ac demum adeptus regiam dignitatem: administratione legum rebusque gestis superiorum regum gloriam obscurauit: ut merito ter maximus fuerit nuncupatus. Hic inter philosophos primus: physicis ac mathematicis ad diuinorum contemplationem se contulit. Primus de maiestate dei: demonum ordine: animarum mutationibus sapientissime disputauit. Primus igitur theologiae appellatus est auctorum sequutus Orpheus secundas antiquae theologiae partes obtinuit. Orphei sacris initiatus est Aglaophemus. Aglaophemo successit in theologia Pytagoras quem philolaus sectatus est diui Platonis nostri praeceptor. Itaque una priscae theologiae undique sibi consona secta ex theologis sex. miro quodam ordine conflata est exordia sumens a Mercurio. a diuo Platone penitus absoluta.“
  5. Isaac Casaubon: De rebus sacris et ecclesiasticis exercitationes XVI. Ad Cardinalis Baronii Prolegomena in Annales. London: Billius 1614, S.70-87. Ausg. Frankfurt: Bring 1615, S. 51-65.

Textausgaben und Übersetzungen[Bearbeiten]

  • Maria Magdalena Miller: Die Traktate des Corpus Hermeticum. Novalis Media, Schaffhausen 2004. ISBN 3-907260-29-5 (Deutsche Übersetzung der Traktate I bis XVII und des Asklepius)
  • Folker Siegert (Hrsg.), Karl-Gottfried Eckart (Übers.): Das Corpus Hermeticum einschließlich der Fragmente des Stobaeus. LIT, Münster 1999. ISBN 3-8258-4199-5 (Deutsche Übersetzung)
  • Carsten Colpe, Jens Holzhausen: Das Corpus Hermeticum. Übersetzung, Darstellung und Kommentierung. 3 Bde. (2 erschienen) Frommann-Holzboog, Stuttgart-Bad Cannstatt 1997ff. (Deutsche Übersetzung des griechischen Textes von A. D. Nock in der Budé-Ausgabe Festugières)
    • Teil 1: Die griechischen Traktate und der lateinische „Asclepius“. Stuttgart 1997. ISBN 3-7728-1530-8
    • Teil 2: Exzerpte, Nag-Hammadi-Texte, Testimonien. Stuttgart 1997. ISBN 3-7728-1531-6
    • Teil 3: Forschungsgeschichte und fortlaufender Kommentar. Mit einem Beitrag zum Hermetismus des 16. bis 18. Jahrhunderts von Wilhelm Kühlmann. (In Vorbereitung)
  • Brian B. Copenhaver: Hermetica. The Greek Corpus Hermeticum and the Latin Asclepius in a new English translation, with notes and introduction. Cambridge University Press, Cambridge 1992, 1996 (3.Aufl.) ISBN 0-521-36144-3. (Enthält eine umfangreiche Bibliographie zur hermetischen Literatur)
  • Arthur Darby Nock (Hrsg.), André-Jean Festugière (Übers.): Hermès trismégiste. 4 Bde. Collection Budé. Les Belles Lettres, Paris 1945ff. (Griechischer und lateinischer Text mit französischer Übersetzung, Standard Textausgabe)
  • Emma Jeannette Edelstein, Ludwig Edelstein: Asclepius. A collection and interpretation of the testimonies. Johns Hopkins Press, Baltimore 1945, 1998. ISBN 0-8018-5769-4 (englische Ausg.)
  • Walter Scott, Alexander Stewart Ferguson (Hrsg.): Hermetica. 4 Bde. Clarendon Press, Oxford 1924-1936. (Griechischer und lateinischer Originaltext mit englischer Übersetzung und ausführlichem Kommentar)
  • George Robert Stow Mead: Thrice-Greatest Hermes. Studies in Hellenistic Theosophy and Gnosis. 3 Bde. Theosophical Publishing Society, London/Benares 1906, S. Weiser, York Beach 1992 (Neuausgabe in einem Band). ISBN 0-87728-751-1 (Englische Übersetzung mit ausführlichem Kommentar, informativ mit theosophischem Hintergrund des Verfassers)
  • H. L. Fleischer: Hermes Trismegistus An die menschliche Seele. Arabisch und Deutsch. Brockhaus, Leipzig 1870.
  • Louis Ménard: Hermès Trismégiste. Traduction complète précédé d'une étude sur l'origine des livres hermétiques. Didier, Paris 1866. (Französische Übersetzung)
  • Dieterich Tiedemann: Hermes Trismegistos. Pömander oder von der göttlichen Macht und Weisheit. Nicolai, Berlin/Stettin 1781, Ergebnisse, Hamburg 1990 (Neuausgabe). ISBN 3-87916-000-7 (Deutsche Übersetzung mit Anmerkungen und Textverbesserungen)
  • Alethophilo: Hermes Trsmegisti Erkaentnuß der Natur und des darin sich offenbahrenden Grossen Gottes. Hamburg 1706. (Erste deutsche Übersetzung)
  • John Everard: The divine Pymander in XVII books. London 1650. (Erste englische Übersetzung)
  • Franciscus Flussas Candalle (d.i. Francois Foix de Candalle):
    • Mercurii Trismegisti Pimander. Unter Mithilfe Scaligers verbesserter griechischer Text mit lateinischer Übersetzung. Bordeaux 1574.
    • Le Pimandre de Mercure Trismegiste de la Philosophie Chrestienne. Bordeaux 1579. (Erste französische Übersetzung)
  • Marsilio Ficino: Hermetis Trismegisti Poimandres sive Liber de potestate et sapientia Dei … Treviso 1463 (Erste lateinische Übersetzung)

Literatur[Bearbeiten]

  • Martin Mulsow: Das Ende des Hermetismus. J. C. B. Mohr (Paul Siebeck), Tübingen 2002. ISBN 3-16-147778-2
  • Frances A. Yates: Giordano Bruno and the Hermetic Tradition. London/New York 1964, London/Chicago 1991. ISBN 0-226-95007-7
  • Richard Reitzenstein: Poimandres. Studien zur griechisch-ägyptischen und frühchristlichen Literatur. Teubner, Leipzig 1904.
  • Richard Pietschmann: Hermes Trismegistos. Nach ägyptischen, griechischen und orientalischen Überlieferungen dargestellt. Engelmann, Leipzig 1875.

Weblinks[Bearbeiten]