Cotard-Syndrom

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Das Cotard-Syndrom (nach Jules Cotard, Paris, 1840–1889, „délire des négations“), auch nihilistischer Wahn oder Walking Corpse Syndrome[1], bezeichnet ein Krankheitsbild, bei dem die betroffene Person irrig davon überzeugt ist, dass sie tot sei, nicht existiere, glaube zu verwesen oder ihr Blut sowie innere Organe verloren zu haben. Das Krankheitsbild zählt zu den inhaltlichen Denkstörungen und wird dem Wahn zugeordnet. Es findet sich meist bei schizophrenen oder affektiven Psychosen, auch bei temporoparietal lädierter nicht dominanter Hirnhälfte und Migräne vorkommend. Häufig ist das Cotard-Syndrom eine Folge schwerer Hirnerkrankungen.

Geschichtlicher Hintergrund[Bearbeiten]

Das Cotard-Syndrom wurde nach dem französischen Neurologen Jules Cotard (1840–1889) benannt, welcher diesen Zustand als Erster beschrieb. Er schilderte 1880 den Fall einer 43-jährige Patientin "Mademoiselle X", die glaubte, kein Gehirn zu haben und tot zu sein, weswegen sie verlangte, verbrannt zu werden. Ihren Zustand bezeichnete Cotard als "délire des negations" (wahnhafter Glaube an die eigene Nicht-Existenz).[2][3]

Symptomatik[Bearbeiten]

Young und Leafhead beschrieben einen aktuellen Fall des Cotard-Syndroms, der bei einem Patienten auftrat, der eine Hirnverletzung durch einen Motorradunfall erlitt.[4]

„Die Symptome des Patienten stehen im Kontext zu dem Gefühl von Unwirklichkeit und tot zu sein. Nachdem er im Januar 1990 aus dem Krankenhaus in Edinburgh entlassen wurde, nahm ihn seine Mutter mit nach Südafrika. Er war überzeugt davon, dass man ihn in die Hölle gebracht hätte (was durch die Hitze bestärkt wurde) und er an einer Sepsis starb (was während seiner Genesung ein Risikofaktor war) oder vielleicht an AIDS (er hatte eine Geschichte in "The Scotsman" gelesen, in welcher jemand mit AIDS an einer Sepsis starb) oder an einer Überdosis einer Gelbfieberspritze. Er dachte, dass er "den Geist seiner Mutter lieh", damit sie ihm zeigte, wie die Hölle aussah und dass sie schlafend in Schottland lag.“

Pathophysiologie[Bearbeiten]

Neurologisch betrachtet wird das Cotard-Syndrom an das Capgras-Syndrom angelehnt. Von beiden wird vermutet, dass sie das Ergebnis einer Trennung zwischen den Hirn-Arealen sind, die die Gesichtererkennung zur Aufgabe haben, und den Arealen, die Emotionen mit diesen Erkennungen verknüpfen (Amygdala und limbische Strukturen). Diese fehlende Verknüpfung bewirkt die Wahrnehmung, dass das betrachtete Gesicht nicht die Person ist, die sie behauptet zu sein. Daraus folgt, dass die Vertrautheit fehlt, welche normalerweise bei einem bekannten Gesicht vorhanden sein sollte. Wenn es das Gesicht eines Verwandten ist, wird dieser als Schwindler erfahren. Wenn der Betroffene sein eigenes Gesicht sieht, findet keine Assoziation zwischen dem Gesicht und der eigenen Wahrnehmung von sich selbst statt. Daraus folgt, dass sie das Gefühl haben, sie würden nicht existieren.

Das Cotard-Syndrom ist vorwiegend bei Psychosen wie Schizophrenie oder bipolaren Störungen anzutreffen. Es kann im Kontext von neurologischen Krankheiten oder Geisteskrankheiten auftreten und wird teilweise mit klinischer Depression und Derealisation assoziiert. Es wurde ebenso im Zusammenhang mit Migräne erwähnt.[5]

Das Cotard-Syndrom ist auch als Nebenwirkung des Medikaments Aciclovir aufgetreten. Die Symptome wurden mit hohen Konzentrationen von CMMG (9-Carboxymethoxymethylguanin) in Verbindung gebracht, dem Stoffwechselprodukt von Aciclovir. Bei Patienten mit eingeschränkter Nierenfunktion scheint dieses Risiko auch nach Herabsetzung der Dosis zu bestehen. Im zitierten Fall kurierte eine Dialyse das Cotard-Syndrom innerhalb weniger Stunden.[6]

Behandlung[Bearbeiten]

Die Behandlung sollte einer sorgfältigen diagnostischen Aufarbeitung der zugrundeliegenden Störung folgen. Es gibt einige Berichte von erfolgreichen pharmakologischen Behandlungen. Auch monotherapeutische und kombinierte Strategien wurden berichtet.[7]

Antidepressiva und Neuroleptika haben sich als nützlich herausgestellt. Es gibt viele positive Berichte über Elektrokrampftherapien in Verbindung mit Arzneimitteltherapien.[7] Eine allumfassende Prognose scheint meistens durch die Behandlungsmöglichkeiten und die Prognose der zugrundeliegenden Störung determiniert zu sein.[7]

Literatur[Bearbeiten]

  • Franz Peschke/Christian Hoffstadt: Das gestorbene Ich. Eine Notiz zum Cotard-Syndrom. In: Chr. Hoffstadt, F. Peschke, A. Schulz-Buchta u. M. Nagenborg (Hrsg.): Der Fremdkörper. Projekt Verlag, Bochum/Freiburg 2008 ISBN 978-3-89733-189-1 (S. 119-131)
  • Arolt, Reimer, Dilling: "Basiswissen Psychiatrie und Psychotherapie" Springer Verlag, 6.Aufl 2007 ISBN 3-540-32672-3 (S.43)

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. Berrios G.E. and Luque R. (1995) Cotard's delusion or syndrome?. Comprehensive Psychiatry 36: 218-223
  2. Cotard's Syndrome. whonamedit.com, abgerufen am 11. Juni 2014.
  3. Helen Thomson: Back from the dead: Reversing walking corpse syndrome. New Scientist, 16. Oktober 2013, abgerufen am 21. Juni 2014.
  4. Young, A.W. & Leafhead, K.M.: Betwixt Life and Death: Case Studies of the Cotard Delusion. Psychology Press, Hove 1996.
  5. Pearn, J. & Gardner-Thorpe, C: Jules Cotard (1840-1889) His life and the unique syndrome that bears his name. (abstract) In: Neurology. 58, Nr. 9, May 14, 2002, S. 1400–3. PMID 12011289.
  6.  Anders Helldén, Ingegerd Odar-Cederlöf, Kajsa Larsson, Ingela Fehrman-Ekholm,Thomas Lindén: Death delusion. In: BMJ. 335, Nr. 7633, 2007, S. 1305–1305, doi:10.1136/bmj.39408.393137.BE, PMID 18156240.
  7. a b c Debruyne H., Portzky M., Van den Eynde F., Audenaert K.: Cotard's syndrome: a review.. (review article) In: Current psychiatric reports. 11, Nr. 3, June 2010, S. 197–202. PMID 19470281.
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