Crannóg

aus Wikipedia, der freien Enzyklopädie
Wechseln zu: Navigation, Suche

Ein Crannóg (irischer Plural: crannóga; von irisch crann, „Baum“) ist eine aus Baumstämmen, Sand und Steinen errichtete runde künstliche Insel. Crannógs wurden in den westlichen Teilen der Britischen Inseln vom Neolithikum an errichtet und vereinzelt bis ins Hochmittelalter genutzt. Teilweise wurden auf Crannógs Gebäude errichtet. Seltener wurden natürliche Inseln mit Mauern umgeben und zu Crannógs ausgebaut: Beispiele sind Doon Fort im „Lough Doon“ im County Donegal und der Crannóg im Lough-Na-Crannagh im County Antrim. Der Name kommt aus dem Irischen, wo crann den Baum oder Balken bezeichnet.[1]

Nachbau: Crannóg im Loch Tay
Nachbau: Crannóg im Loch Tay

Forschungsgeschichte in Irland und Nordirland[Bearbeiten]

Ausgrabung des Crannógs von Buiston im Jahre 1881

Das Goldene Zeitalter der Crannóg-Forschung war das späte 19. Jahrhundert, als irische Forscher sie ausgruben und beschrieben. Viele Crannógs wurden während der großen Drainagen in den Feuchtgebieten der Lakelands entdeckt. Weil die Seeniveaus abgesenkt wurden, traten viele kleine Inseln und Steinhügel aus dem Wasser. Zwischen 1839 und 1848 beschrieb William Wilde die archäologischen Entdeckungen auf dem Crannóg von Lagore in der Nähe von Dunshaughlin in der Grafschaft Meath. Gelehrte wie William Wakeman und George Kinahan waren besonders aktiv und erfassten und beschrieben systematisch die irischen Crannógs. Vor 1886 hatten irische Archäologen mindestens 220 Crannógs entdeckt und William Gregory Wood-Martin veröffentlichte sein Standardwerk: The lake dwellings of Ireland: or, Ancient lacustrine habitations of Erin, commonly called crannogs. Er veröffentlichte auch die erste Zeichnung einer Rekonstruktion (von W. Wakeman). Crannógs sind besonders schwierig zu untersuchende Plätze. Nur wenige sind in jüngerer Zeit umfassend ausgegraben worden. In den 1930er Jahren wurden vier Beispiele untersucht: Lagore, im County Meath, Ballinderry Nr. 1, im County Westmeath, Ballinderry Nr. 2, im County Offaly und Knocknalappa, im County Clare. Neuere Ausgrabungen fanden im Lough Faughan und in Loughislandreevy, beide im County Down und in Rathtinaun im Lough Gara, im County Sligo statt. Die ab 2011 erfolgte Ausgrabung des zwischen 900 und 1600 genutzten Crannóg von Drumclay im Lough Erne im County Fermanagh in Nordirland erbrachte eine Fülle von Erkenntnissen über den Bau und die Nutzung solcher Plätze.

Verbreitung[Bearbeiten]

Mehrere hundert (geschätzt werden 3000) Crannógs sind aus Irland, von den Hebriden (Coll, Islay, Mull, North Uist und Tiree) und vom schottischen Festland bekannt. Wenige finden sich auf Orkney und auf den Shetlandinseln. Ein einziges Exemplar, der Llan-Gors Crannóg wurde 1868 in Wales im Llangorse Lake, dem höchstgelegenen See von Südwales, im Brecon-Beacons-Nationalpark in den Black Mountains gefunden.

Verbreitung in Irland[Bearbeiten]

Rekonstruktion eines Crannógs bei Comber

Die geographische Verteilung der etwa 1200 irischen Crannógs (viele sind noch unentdeckt) erstreckt sich hauptsächlich über die Seenlandschaft der Midlands, den Westen, Nordwesten und Norden Irlands. Crannógs werden eher in kleineren Seen gefunden und liegen selten auf den großen Midland-Seen des Flusses Shannon (Lough Ree etc). Schwerpunkte finden sich in den Drumlin-Seen von Cavan, Leitrim, Monaghan und Roscommon. Ansammlungen liegen auch um den Castlebar Lough (County Mayo) und Lough Gara (County Sligo). In Ulster liegen sie in einem Gürtel, der sich von Fermanagh durch Süd Tyrone und Armagh bis ins mittlere Down erstreckt. Crannógs sind primär über den Westen und Norden Irlands verteilt. Selbst seenreiche Regionen im östlichen Irland, wie Westmeath, haben geringere Zahlen.

Bei der in den 1950er Jahren erfolgten Absenkung des Wasserspiegels im Lough Gara, im County Sligo kamen 360 dicht beieinander liegende Crannógs an die Oberfläche, die zwischen 200 v. Chr. und 1000 n. Chr. entstanden bzw. genutzt wurden. Die meisten wurden während der 2. Crannóg-Periode, zwischen 500–1.200 n. Chr., gebaut.

Schottische Crannógs[Bearbeiten]

Die meisten Crannógs sind zumindest teilartifiziell. In vielen Fällen wurden Crannógs komplett aus großen Materialmengen geschaffen, die dem Grund des Sees aufliegen. In wenigen Fällen wurden kleine Inseln oder natürliche Aufschlüsse nur geringfügig vergrößert. Das Ergebnis war immer eine kleine Insel, deren Oberfläche über dem Wasserspiegel liegt. Weitere Kennzeichen für Crannógs sind: Dämme zum Ufer und Anlegestellen, vertikal eingerammte hölzerne Pfähle, die als Palisade die Insel umgeben, und angehäufter Abfall.

Crannógs sind rund oder oval, unterscheiden sich jedoch in der Größe stark. Die durchschnittlichen Durchmesser liegen zwischen 15 und 30 m, obwohl es sowohl größere als auch kleinere Ausnahmen gibt. Die verwendeten Materialien variieren in Schottland. Auf den Hebriden sind sie primär aus Stein gebaut, während sie auf dem Festland überwiegend aus Holz sind. In der Regel benutzten die Menschen Materialien, die lokal vorhanden sind.

Die Archäologen kennen zwei Arten von Crannógs: Man hat entweder eine solide Basis als Insel oder einen Pfahlbau. Dieser spätere Typ stand über dem Wasser und war wesentlich größer. Ausgrabungen haben gezeigt, dass Crannógs zwischen dem Ende der Jungsteinzeit (2000 v. Chr.) und der frühen Periode der historischen Pikten und Schotten verwendet wurden.

Chronologie[Bearbeiten]

Eilean Dhomhnaill im Loch Olabhat auf der schottischen Insel North Uist ist vielleicht der älteste Crannóg. Die Keramik-Art Unstan Ware und 14C-Daten belegen seine jungsteinzeitliche Entstehung zwischen 3.650 - 2.500 v. Chr. In Schottland endet die Nutzung von Crannógs vereinzelt erst im 17. Jahrhundert. Die Priorate-Insel im Loch Tay war eine Clanhochburg, die auf den Überresten eines Crannógs errichtet wurde. Die Campbells von Glen Orchy bauten im 16. Jahrhundert ein Fort, dessen Ruine noch steht, auf der Insel. Es ist überliefert, dass König Alexander I. (1078 – 1124 n. Chr.) die Insel 1122 n. Chr. den Mönchen von Scone Abbey überließ, nachdem Königin Sybilla, wie vermutet wird, im Kloster der Insel gestorben war.

Bauweise[Bearbeiten]

In Seen und Sümpfen wurde durch Gehölz und Steine und durch das Einrammen von Pfählen als Randbefestigung eine runde oder selten ovale künstliche Insel (von selten mehr als 20 m Durchmesser) geschaffen. Die bis zu drei darauf errichteten Hütten waren ebenfalls rund. Ihre Wände bestanden aus geflochtenen Ästen und Zweigen und wurden mit Lehm abgedichtet. Das Dach war aus Reet oder Stroh. Im Inneren befand sich eine Feuerstelle (im Moynagh Lough Crannóg und im Lagore Crannóg auch ein Schmiedefeuer).

Crannógs hatten gelegentlich Zuwegungen über Dämme aus Stein oder Hölzern, die auch unterhalb der Wasserlinie verliefen oder durch Seespiegelveränderung überflutet wurden. Da sie nicht geradlinig verliefen, waren sie für Unkundige nicht einfach zu passieren. Ansonsten bestand der einzige Zugang zu einem Crannóg per Boot. Mehrere besaßen Hellingen, wo Boote an Land gezogen werden konnten. Einbäume wurden bei vielen Crannógs gefunden, so bei der in den 1930ern erfolgten Ausgrabung von Ballinderry No. 2 im County Offaly.

Handwerk und Industrie[Bearbeiten]

Wahrscheinlich waren die Crannógs handwerkliche Produktionsstätten. Auf vielen wurden Hölzer von Eiche, Eibe, Erle, Hasel und Weide gefunden, die wichtige Rohstoffe waren. Es wurden auch Holzartefakte, wie Eimer, Löffel, Schöpflöffel und gedrehte Schüsseln sowie gelegentlich Stücke verzierten Holzes oder verzierte Knochen entdeckt. Auf anderen Crannógs produzierte man Gewebe oder Schmuck. Wahrscheinlich handelte es sich in allen Fällen um Prestigegüter. Auf dem Crannóg von Ardakillen im County Roscommon fanden sich Handschellen und Ketten, daher wird angenommen, dass hier Geiseln gefangen halten wurden.

Heutige Beispiele[Bearbeiten]

Die Überreste von Crannógs werden noch heute als baumbewachsene Inseln in den Seen gefunden. Nicht selten sind sie mit Duns oder Raths vergesellschaftet (Lisleitrim, County Armagh). Besonders einprägsam sind rekonstruierte Crannógs:

Literatur[Bearbeiten]

Schottland[Bearbeiten]

  • Nicholas Dixon: The history of crannog survey and excavation in Scotland In: International Journal of Nautical Archaeology 20,1 (2007) 1–8.

Irland[Bearbeiten]

  • Christina Fredengren: Lough Gara through time. Archaeology freland 12 (I), 1998 S. 31/3 ISBN 1-869857-56-9
  • Eamonn P. Kelly: Observations on Irish lake-dwellings. In C. Karkov and R. Farrell (eds) Studies in insuLar art and archaeology 1991 S. 81-98. American Early Medieval Studies 1. Cornell
  • Aidan O'Sullivan: Crannogs, Lake-dwellings of early Ireland, Country House, Dublin 2000, ISBN 1-86059-091-8
  • Aidan O’Sullivan: Crannogs in early medieval Ireland, Four Courts, Dublin, 2005, ISBN 1-85182-927-X

Weblinks[Bearbeiten]

 Commons: Crannógs – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

Anmerkungen[Bearbeiten]

  1. Ernest Weekley: An Etymological Dictionary of Modern English, Bd. 1, Courier Dover Publications, 1967, eBook 2013.