Cross-Race-Effect

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Der Cross-Race-Effect (auch Cross-Race-Bias, Other-Race-Bias oder Cross-Race-Identification-Bias) beschreibt eine schlechtere Wiedererkennensleistung von Gesichtern, die nicht der eigenen Ethnie entstammen im Vergleich zu Gesichtern der eigenen ethnischen Gruppe.[1] Bei diesem Phänomen der Gesichtserkennung legen Menschen eine höhere Performanz an den Tag, wenn sie Gesichter von Menschen der eigenen Kultur bzw. Ethnie wiedererkennen und Emotionen in dem Gesicht deuten sollen, als wenn sie Gesichter von Menschen fremder Kulturen erkennen oder mimische Gesichtsausdrücke deuten sollen.

Der Cross-Race-Effect kann einerseits in den Bereich der Verhaltensbiologie (Schwerpunkt Humanethologie) und auch gleichzeitig in den Bereich der Sozialpsychologie eingeordnet werden. In dem Moment, als er in den sozialpsychologischen Bereich eingeordnet wird, firmiert er unter dem Begriff In-Group-Advantage. Im engeren Sinne ist der Cross-Race-Bias eine spezielle Form des In-Group-Advantage – nämlich eingegrenzt auf interkulturelle oder interethnische Aspekte.

In-Group-Advantage[Bearbeiten]

In-Group-Advantage bedeutet, dass Menschen Angehörige ihrer eigenen Gruppe als besser bewerten und darstellen als Menschen, die nicht zu ihrer Gruppe gehören (Out-Group-Disadvantage). Dabei kann der Begriff Gruppe von Familienangehörigen bis hin zur gesamten Menschheit alles bedeuten. Wichtig ist nur, dass man sich durch diese Gruppe von anderen abgrenzt, z. B. durch die Gruppe „Familie“ von anderen Familien oder durch die Zugehörigkeit zur Gruppe „Mensch“ von den Tieren.

Sozialpsychologen konnten in den letzten 30 Jahren eindrucksvoll zeigen,[2] dass schon kleinste Dinge wie derselbe Fußballverein oder derselbe Musikgeschmack einen In-Group-Advantage auslösen können. Wenn als Faktor der Gruppenbildung die Zugehörigkeit zu einer bestimmten Kultur gewählt wird, spricht man vom Cross-Race-Effect.

Cross-Race-Effect oder Other-Race-Effect[Bearbeiten]

Eine Analyse über viele Studien zur Emotionserkennung in Gesichtern[3] offenbarte, dass Menschen innerhalb einer Kultur besser die Emotionen von eigenen Gruppenmitgliedern erkennen können als Außenstehende. Dies wurde speziell für Angehörige innerhalb eines ethnischen Kulturkreises sehr gut dokumentiert.[4] Der Grund dafür liegt in der unterschiedlichen Form der Gesichter eines Kulturkreises, was dazu führt, dass unterschiedliche Details der Mimik genutzt werden, um die Emotionen eines Gesichtes zu dekodieren.[5][6] Werden diese mimischen Besonderheiten im anderen Kulturkreis nicht benutzt, hat man schnell das Gefühl, das Gesicht nicht „lesen“ zu können. Jeder, der schon einmal in einer ganz anderen Kultur gelebt hat (z. B. als Westeuropäer in China), weiß, wie schwierig es in der ersten Zeit ist, sich Gesichter überhaupt nur zu merken; die Mitglieder des fremden Landes scheinen am Anfang alle gleich auszusehen. Mit der Zeit gewöhnt sich das Gehirn jedoch an die andere Form der Gesichter sowie an deren mimische Besonderheiten. Vergleichbar hierzu ist, dass man beispielsweise zu dekodieren lernt, ob Lachen ein Zeichen von Freude ist oder ein Zeichen von Verlegenheit.

Laut einer Studie[7] der Kent State University fällt es weißen Menschen schwerer, die Gesichter von schwarzen Menschen korrekt zuzuordnen als von anderen Weißen. Dies sei darauf zurückzuführen, dass bei Gesichtern fremder Ethnien mehr auf die speziell ethnischen Unterschiede und nicht auf die individuellen Merkmale geachtet werde. So wird das „schwarze Gesicht“ als wesentliches Merkmal wahrgenommen, nicht jedoch Details wie Mundform, Bartwuchs und Ähnliches. Personen fremder Gruppen werden demnach klassifiziert und nicht individualisiert wahrgenommen.[8]

Der Vorteil der In-group resultiert auch daher, dass die angeborene Motivation („cross-race bias“), im Gesicht einer fremden Kultur „zu lesen“, eher gering ist. Hess, Senecal & Kirouac[9] konnten 1996 nachweisen, dass die Motivation zur Emotionserkennung in dem Moment nachließ, als die Probanden erkannten, dass das Gesicht zu einer fremden Kultur gehört.

Um zu erörtern, ob sich der Cross-Race-Effect oder der Cross-Race-Bias beeinflussen lassen, sei folgende wichtige Studie von Paul Ekman, einem der führenden Forscher auf diesem Gebiet, aufgezeigt: Ekman und Friesen konnten schon 1976 zeigen, dass allein der Kontakt mit einer fremden Kultur schon die emotionale Erkennungsrate erhöhen kann. Sie führten einem Stamm aus Neu Guinea Bilder von Amerikanern vor, die entweder lächelten, sich ärgerten oder traurig schauten. Die Stammesbewohner, die schon Kontakt mit Amerikanern gehabt hatten, konnten signifikant besser die Emotionen in den Gesichtern der Amerikaner lesen. Dieser Versuch wurde von Ducci, Arcuri, Georgis und Sineshaw 1982 wiederholt. Diesmal fuhren sie nach Äthiopien und verglichen die Erkennungsleistung von Äthiopiern, die in entlegenen Dörfern wohnten, mit derjenigen von Äthiopiern in Städten, wo der Kontakt zu Amerikanern groß war.

Diese Ergebnisse wie auch die Ergebnisse der Metaanalyse von Elfenbein und Ambady aus dem Jahre 2002 zeigen, dass es so etwas wie kulturelles Emotionslernen gibt. Wichtige Faktoren dieses kulturellen Emotionslernen sind die Dauer und die Häufigkeit des Kontaktes mit anderen Kulturen. Dieses Emotionslernen geschieht auch schon dann von selbst, wenn man einfach in einer anderen Kultur lebt und ihr in ihrer Andersartigkeit ausgesetzt ist. Das Gehirn lernt dabei automatisch die Informationen, die im Gesicht der anderen Kultur enthalten sind, besser zu verarbeiten und zu dekodieren.[5][6]

Wirtschaftliche Folgen des Cross-Race-Effect[Bearbeiten]

In einer globalisierten Welt, in der täglich tausende Menschen unterschiedlicher Ethnien miteinander über Verträge, Lizenzen, politische Vereinbarungen und internationale Kooperationen kommunizieren, zeigen sich die negativen Auswirkungen des Cross-Race-Effect deutlich. Alexander Thomas vom Lehrstuhl für interkulturelle Kommunikation in Regensburg (2003) geht davon aus, dass mindestens 50 % der Verhandlungen zwischen Deutschen und Chinesen scheitern. Selbst eine erfolgreich abgeschlossene Vertragsverhandlung führe zu 60 bis 70 % zu suboptimalen Abschlüssen. 30 % der gescheiterten Verhandlungen können laut „Trends in Managing Mobility 2007“[10] indirekt auf den Cross-Race-Effect zurückgeführt werden. Auswirkungen des Cross-Race-Effect sind z. B. geringe emotionale Intelligenz, schlechte Kommunikationsfähigkeit, fehlende Empathie und falsche Einschätzungen des Kommunikationspartners des fremden Landes.

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. uni-giessen.de Einflussfaktoren der unterschiedlichen Wiedererkennensleistung von Gesichtern der eigenen Ethnie und Gesichtern anderer Ethnien (Cross-Race-Bias)
  2. beispielsweise M. Beaupre (2006): An Ingroup Advantage for Confidence in Emotion Recognition Judgments: The Moderating Effect of Familiarity With the Expressions of Outgroup Members. Personality and Social Psychology Bulletin, Band 32(1), S. 16-26.
  3. Elfenbein, H.A. & Ambidi, N. (2002b): On the universality and cultural specificity of emotion recognition: A meta-analysis. Psychological Bulletin, Band 128(2), S. 203-235
  4. Anthony, T.; Cooper, C. & Mullen, B. (1992): Cross-racial facial identification: A social cognitive integration. Personality and Social Psychology Bulletin, Band 18, S. 296–301
  5. a b Sporer, S.L. (2001a): Recognizing Faces of Other Ethnic Groups. Public Policy, and Law, Band 7(1), S. 36-97.
  6. a b Sporer, S.L. (2001b): The Cross-Race Effect. Psychology, Public Policy, and Law, Band 7(1), S. 170–200.
  7. Levin, Daniel T., Ph.D., Journal of Experimental Psychology: General, (Vol. 129, No. 4): Race as a Visual Feature: Using Visual Search and Perceptual Discrimination Tasks to Understand Face Categories and the Cross-Race Recognition Deficit (PDF-Datei; 1,13 MB).
  8. People Are Poor at Cross-Race Facial Recognition Because They Concentrate on Racial Features Rather than Individual Features, According to New Study American Psychological Association, abgerufen am 21. Juni 2010.
  9. Hess, U.; Kappas, A.; Bause, R. (1995): The intensity of facial expression is determined by underlying affective states and social situations. Journal of Personality and Social Psychology, Band 69(2), S. 280-288
  10. ECA International (2007): Trends in Managing Mobility 2007