Cultural studies

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Dieser Artikel beschäftigt sich mit cultural studies. Für weitere Aspekte dieses Forschungsansatzes, siehe Kulturwissenschaft, Kulturologie und Anthropologie.

Cultural studies (engl.; Kulturwissenschaft(en),[1] wörtlich übersetzt „Kulturstudien“) sind ein Forschungsparadigma der Sozial- und Geisteswissenschaften. Der fächerübergreifende Forschungsansatz vereint beispielsweise Kulturanthropologie, Soziologie, Kommunikationswissenschaft, Literatur- und Filmtheorie. An hochrangigen US-amerikanischen und kanadischen Universitäten, die häufig auf den Gebieten Gesundheitswissenschaft und Psychologie forschen, sind Cultural studies eigenständige interdisziplinäre Master- bzw. PhD-Studiengänge, wobei diese in der Regel die Disziplinen Anthropologie, Psychologie, Kommunikationswissenschaft, Soziologie und Medizingeschichte umfassen.

Cultural studies erforschen auch die Bedeutung von Kultur als Alltagspraxis. Diese Bedeutungen werden als sozial konstruiert aufgefasst, das heißt sie sind keine vermeintlich „natürlichen“, sondern entstehen im Laufe der Kulturgeschichte. In der Betrachtung von kulturellen Phänomenen der Gesellschaft wird nicht mehr vom vermeintlichen Gegensatz zwischen Populärkultur und Hochkultur ausgegangen. Wichtiges Anliegen ist das Überwinden eines ideologisch voreingenommenen Blickes. Die cultural studies untersuchen einzelne kulturelle Erscheinungen auf ihren Zusammenhang mit sozialstrukturellen Merkmalen, wie zum Beispiel Ethnie, Klasse, Schicht, Gender und sexueller Orientierung.

Geschichte[Bearbeiten]

Cultural Studies wurden in den 1960er Jahren von zumeist Arbeiter-orientierten Vertretern der britischen Erwachsenenbildung und Literaturwissenschaftlern mit Interesse an Alltagskultur und auch im Zusammenhang mit der aufkommenden Popkultur entwickelt.[2] Sie betonten, auch in Anlehnung an die Frankfurter Schule, die Produktionsbedingungen von kulturellen Gütern und damit auch hegemonialen Bedeutungsmustern in Anlehnung an den Marxismus Louis Althussers und Antonio Gramscis.

„In den Cultural Studies wird kritisch an die Marx-Interpretation Althussers sowie an Gramscis Konzept kultureller Hegemonie und seiner Kategorie des Subalternen für die gesellschaftlich marginalisierten und ausgegrenzten Gruppen angeknüpft. Diese Theorien werden mit Hilfe einer vor allem an Jacques Lacan orientierten Psychoanalyse und den sprach- bzw. diskursanalytischen Verfahren von Michel Foucault und Jacques Derrida gegen den Strich gelesen, wobei vor allem der von Derrida entwickelte Begriff der ‚Dekonstruktion‘ zentrale Bedeutung für fast alle postkolonialen Theoretiker haben – namentlich für führende Köpfe wie Homi K. Bhabha, Gayatri C. Spivak und Stuart Hall.“

Udo Wolter: Das obskure Subjekt der Begierde

Die Forschung fand vor allem im Umfeld des Centre for Contemporary Cultural Studies (CCCS) unter der Leitung von Stuart Hall statt. Weitere wichtige Vertreter sind Edward Palmer Thompson sowie Raymond Williams, der die frühen Grundlagen mit erarbeitete, Paul Willis und später die selbst von der Jugendsubkultur, besonders dem britischen Punk geprägten Dick Hebdige und Angela McRobbie.

Mit den Forschungen von Pierre Bourdieu, aber auch John Fiske und der Verlagerung des Schwerpunkts der Forschung an US-amerikanische und kanadische Universitäten verschob sich der Fokus in den 1980er Jahren. Produktion und Konsumtion werden nun theoretisch als gleichwertig betrachtet. In den Studien der 1980er und 1990er Jahre überwiegen jene, die die Aneignungspraktiken der Produkte in den Mittelpunkt stellen. Im Gegensatz zur Kulturkritik der Frankfurter Schule, in der die Konsumenten als von der Kulturindustrie betrogene und manipulierte Masse betrachtet werden, betonen die Cultural Studies stärker den kreativen Umgang der Konsumenten mit kulturellen Gegenständen. In den 1990er Jahren wurde besonders das Thema Differenz ein Schwerpunkt der Cultural Studies. Spitzeninstitutionen, wie beispielsweise die in Gesundheitswissenschaften weltweit führende McGill University, begannen an eigenen Cultural Studies-Instituten erstmals breit auf dem Gebiet der Gender Medicine zu forschen.

1979 erschien Paul Willis’ klassische Studie zum Widerstand von Jugendlichen der Arbeiterkultur auf deutsch. Übersetzungen der Werke Stuart Halls erschienen seit den 1980er Jahren. Erst seit Mitte der 1990er Jahre werden die Cultural Studies auch in der deutschsprachigen Forschung und gehobenen Populärkultur breiter wahrgenommen.

Die Werke Frantz Fanons haben die theoretischen Arbeiten der Cultural studies früh beeinflusst und gelten noch heute als Grundlagentexte.

Neuere Ansätze der Cultural Studies zielen unter anderem darauf ab, jenseits der „signifying“ Praktiken Kultur durch Affekte im Sinne von Gilles Deleuze zu rekonstruieren. Das Studium der Kultur wird zu einer Frage des Erfassens von Produktion, Mobilisierung und Affekt. Diese Bewegung geht mit einer Kritik am hegemonialen Verständnis von Politik einher und beschäftigt sich in Anschluss an Michel Foucault mit Fragen der Produktion des Alltagslebens durch Biopolitik. Hierzu gehört u. a. der Sport, da durch den Sportjournalismus eine Scheinwelt erzeugt wird, die der dominierenden Gesellschaftsschichten hilft, Hegemonie zu erzeugen.[3] Demnach bestehen einige Überschneidungen zu den Forschungen von Tom Holert und Mark Terkessidis zur Sichtbarkeit und Subjektivität im Neoliberalismus.

Auch in der Kriminologie lässt sich ein gewachsenes Interesse an einer gemeinsamen Artikulation von Kriminalität und Kultur feststellen. In der Tradition der klassischen Jugendkultur-Forschungen des CCCS oder Studien zu moralischen Paniken hat sich die sogenannte Cultural Criminology entwickelt. Im Zentrum der Fragestellung stehen, wie Jock Young es formulierte, Transgression und Rachsucht. Das Phänomen Kriminalität wird in diesem Sinne als Alltagskultur verstanden und durch Sensibilitäten rekonstruiert. Den Kontext bildet eine fortschreitende Kriminalisierung des Alltagslebens.

Friedrich Kittler kritisierte die „wunderbar vorgespielte, aber desto verlogenere wissenschaftliche Unschuld“ vor allem der angelsächsischen cultural studies. Statt sich im Standpunkt eines allem enthobenen Beobachters zu vermuten, forderte Kittler von ihnen, „unsere eigene Wissenschaft“ als Sachverhalt „mit dessen eigenen Mitteln anzugehen“,[4] also sich selbst als eine Form der gelebten Kultur zu erweisen.

Literatur[Bearbeiten]

  • Andreas Hepp, Friedrich Krotz, Tanja Thomas (Hrsg.): Schlüsselwerke der Cultural Studies, Wiesbaden 2009, ISBN 978-3531152219

Siehe auch[Bearbeiten]

Weblinks[Bearbeiten]

  • Christian Werthschulte: Die Prekären sind die Punks von heute. Plädoyer: Die akademische Disziplin Cultural Studies wurde oft totgesagt. Dabei hat sie sich gerade neu erfunden. In: die tageszeitung, 6. Januar 2010.

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. dict.cc Deutsch-Englisches Wörterbuch „cultural studies“.
  2. Vgl. Marchart 2008.
  3. Arnd Krüger: Sport Sciences as Part of Cultural Studies. The Responsibility of the Sciences for the Future, in: J. RACZEK (Hrsg.): Nauki o Kulkturze Fizycznej wobec Wyzwan Wspolczesnej Cywilizacji. Katowice: AWF 1995, 175 - 186. Arnd Krüger: Cui bono? Zur Wirkung des Sportjournalismus, in: Arnd Krüger & Swantje Scharenberg (Hrsg.): Wie die Medien den Sport aufbereiten - Ausgewählte Aspekte der Sportpublizistik. Berlin: Tischler 1993, 24 - 65.
  4. Friedrich Kittler: Eine Kulturgeschichte der Kulturwissenschaft. Fink, München 2001, S. 11.