Cumhuriyet Halk Partisi
| Cumhuriyet Halk Partisi Republikanische Volkspartei |
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| Parteivorsitzender | Kemal Kılıçdaroğlu Vorherige Vorsitzende: Mustafa Kemal Atatürk İsmet İnönü Bülent Ecevit Hikmet Çetin Altan Öymen Deniz Baykal |
| Generalsekretär | Bihlun Tamaylıgil |
| Gründung | 7. September 1919 (als Widerstandsorganisation) 9. September 1923 (als politische Partei) |
| Gründungsort | Ankara |
| Hauptsitz | Ceyhun Atıf Kansu Cad. No: 120 Balgat Ankara / Türkei |
| Ausrichtung | Sozialdemokratie, Kemalismus |
| Farbe(n) | Rot, Weiß |
| Parlamentsmandate | [1] |
| Staatliche Zuschüsse | 79.874.759,00 YTL (2007) |
| Frauenanteil | 14,11 %[2] |
| Internationale Verbindungen | Sozialistische Internationale |
| Europapartei | Sozialdemokratische Partei Europas (SPE/PES) |
| Website | www.chp.org.tr |
Die Cumhuriyet Halk Partisi (deutsch Republikanische Volkspartei, Abkürzung CHP) ist eine politische Partei in der Türkei. Sie wurde 1923 durch den ersten türkischen Präsidenten Mustafa Kemal Atatürk gegründet, und ist somit die älteste aktive Partei des Landes.
Als derzeit größte Oppositionspartei bildet die CHP seit den Wahlen 2002 die wichtigste parlamentarische Oppositionsfraktion. Die Partei verfügt nach der Parlamentswahl im Juni 2011 über 135 der 550 Sitze in der Nationalversammlung.[3] Ihr Vorsitzender ist Kemal Kılıçdaroğlu. Die Partei ist Vollmitglied der Sozialistischen Internationale und assoziiertes Mitglied der Sozialdemokratischen Partei Europas. Die sechs Pfeile auf dem Parteilogo repräsentieren die sechs Prinzipien des Kemalismus.
Inhaltsverzeichnis |
Geschichte [Bearbeiten]
Die CHP wurde 1923 von dem ersten türkischen Präsidenten Mustafa Kemal (später Atatürk) gegründet und war bis 1945 die einzige politische Partei in der Türkei. Inhaltlich und personell war sie die Nachfolgerin der bis 1923 im dann aufgelösten Osmanischen Reich aktiven Gesellschaft zur Verteidigung der Rechte von Rumelien und Anatolien, deren Führer u. a. von deutschen Sozialdemokraten wie Friedrich Schrader beraten worden waren.[4]
Anfangs hieß die Partei Halk Fırkası (dt: Volkspartei) und wurde 1924 in Cumhuriyet Halk Fırkası umbenannt. 1927 nahm sie die vier Prinzipien des Republikanismus, Populismus, Nationalismus und Laizismus an. 1931 kamen noch die Prinzipien des Etatismus und des Revolutionismus hinzu und die Partei änderte ihren Namen in Cumhuriyet Halk Partisi um. Ihr erster Vorsitzender war Mustafa Kemal. Ihm folgte nach seinem Tod 1938 İsmet İnönü als Vorsitzender und zweiter Präsident der Republik Türkei nach.
Später, von 1950 bis 1960 war die CHP in der Opposition, nach dem Militärputsch von 1960 war sie 20 Jahre lang neben der Gerechtigkeitspartei (Adalet Partisi, AP) eine der beiden großen türkischen Parteien. Ab 1966 begann die CHP unter Bülent Ecevit neuere Ideen einzuführen. Obwohl Ecevit den Kemalismus nicht ausschloss, versuchte er, die Partei in eine sozialdemokratische Partei umzuwandeln, wobei er das Wort sozialdemokratisch vermied. Er kündigte an, dass die Partei sich nun „links der Mitte“ im politischen Spektrum befand. Wegen dieser Erklärung traten zwei Gruppen von Parlamentsabgeordneten aus der CHP aus. Die erste etablierte 1967 die Güven Partisi, während von der zweiten Gruppe 1972 die die Cumhuriyetçi Parti gegründet wurde.
Nach dem Militärputsch von 1980 wurde die CHP wie andere auch verboten und geschlossen. Viele der ehemaligen Mitglieder traten der neuen Halkçı Parti (HP) oder der Sosyal Demokrasi Partisi (SODEP) Erdal Inönüs bei. Beide Parteien vereinigten sich 1985 zur Sosyaldemokrat Halkçı Parti (SHP).[4]
Erst 1992 wurde die Cumhuriyet Halk Partisi unter dem gleichen Namen wieder gegründet, die SHP trat ihr 1995 bei. 1996 bis 1999 hingegen spaltete sich die alevitische Barış Partisi von der CHP ab. Von 1999 bis 2002 war die CHP aufgrund der Konkurrenz der sich ebenfalls als sozialdemokratisch verstehenden Partei der Demokratischen Linken (DSP) des ehemaligen CHP-Ministerpräsidenten Bülent Ecevit nicht mehr in der Nationalversammlung vertreten (in der Türkei gilt eine Hürde von zehn Prozent).
Unter der Führung Deniz Baykals wandte sich die Partei zunehmend von der Linken ab und stand dem rechten Lager näher als je zuvor. Der Einsatz für Gewerkschaftsrechte, den Ausgleich mit den Minderheiten, Meinungsfreiheit und demokratische Mitbestimmung traten als Ziele und Inhalte der Partei zurück. Baykal war gegen die Abschaffung des § 301 des türkischen Strafgesetzbuches (Herabsetzung der türkischen Nation, des Staats der Republik Türkei, der Institutionen des Staates und seiner Organe) und sah in der Annäherungspolitik der AKP an die EU den „Ausverkauf“ des Landes. Was den Kurdenkonflikt in der Türkei anbelangt, setzte die Partei nun auf das Militär und unterstützte damals einen möglichen Einmarsch in den Nordirak.[5] Baykal selbst sprach sich für einen Einmarsch in den Irak aus. Durch diese Entwicklung der Partei unter der Führung Deniz Baykals hat sich die nationalistische, strukturkonservative Variante des Kemalismus stärker herausgebildet.[6]
Parteiprogramm [Bearbeiten]
Das Parteiprogramm der CHP steht unter dem Motto Çağdaş Türkiye için değişim (deutsch Veränderungen für eine zeitgemäße Türkei). Die Partei bezieht sich darin auf ihre Geschichte und sieht sich als Wächterin der Prinzipien Mustafa Kemal Atatürks und seiner „Revolutionen“ nach Ausrufung der Republik der Türkei im Jahr 1923. Die sechs Pfeile auf dem Parteilogo sind dabei das aus der Historie kommende ideologische Grundgerüst: Diese stellen den Republikanismus, den Laizismus, den Reformismus, den Etatismus, den Populismus und den Nationalismus dar.
Die Partei sieht sich in ihrem Programm der Republik, dem Laizismus und der Demokratie verpflichtet. Diese Prinzipien seien mit Entschlossenheit zu schützen und weiterzuentwickeln. Als Ziel ihrer Ideale betrachtet die Partei eine moderne, selbstbestimmte und zivilisierte Nation mit freien Bürgern. Im Programm wird darauf eingegangen, dass man gegen den Imperialismus, Systemfehler, Ungleichheiten, Revisionismus, Ausnutzung und Pfründe sei. Der von der CHP angestrebte türkische Beitritt zur Europäischen Union wird als notwendige Vollendung der Reformen Atatürks zur Modernisierung der Türkei betrachtet.[7]
Wählerschaft [Bearbeiten]
Ihre größte Zustimmung findet die CHP bei säkularen und religiös liberal eingestellten Türken, besonders in den europäisch und städtisch geprägten und westlich orientierten Regionen in Ostthrakien und an den Küsten der Ägäis und des Mittelmeeres. Ihre Hochburgen sind die Städte Muğla, İzmir, Tekirdağ, Kırklareli und Edirne.
Kritik [Bearbeiten]
Die mangelnde Repräsentation der Sozialdemokratie in der realen Politik unter Deniz Baykal wurde von bedeutenden Politikern kritisiert. Jan Marinus Wiersma, der Vizepräsident der Sozialdemokratischen Partei Europas, kritisierte, dass die CHP zwar Mitglied der Sozialistischen Internationale sei, aber in ihrer realen Politik keinen Sozialismus vertrete. Auch fehlte laut Wiersma eine Politik für die Beziehung zwischen der zivilen Gesellschaft und dem Militär sowie für Reformen, die das Land nach außen öffnen. Wiersma warf Baykal vor, er stelle sich wohl eine Demokratie wie in Tunesien vor. In Tunesien durften unter Herrschaft von Zine el-Abidine Ben Ali die Frauen in öffentlichen Gebäuden, aber auch auf der Straße kein Kopftuch tragen.[8]
Joost Lagendijk, grüner Abgeordneter des Europäischen Parlaments und Vertreter der Europäischen Grünen Partei, äußerte: „Die CHP ist keine linke Partei mehr, sie erscheint als nationalistische Partei, aus diesem Grund konkurriert sie mit der MHP.“ Er war enttäuscht über die Rolle der CHP in der türkischen Politik. Lagendijk bedauerte, dass die CHP eine Bremse für die EU-Reformen sei.[9]
Die Haltung der Partei während der türkischen Präsidentschaftswahlen 2007 wurde ebenfalls kritisiert. Laut dem liberalen Abgeordneten des Europäischen Parlaments Andrew Duff vermittle die CHP den Eindruck, dass sie eine opportunistische Partei sei; ihr Einsatz für die EU-Reformen sei vage. Es sei verständlich, dass sich die Partei in einer fragilen Situation befinde. Graham Watson, der Führer der Allianz der Liberalen und Demokraten im Europäischen Parlament, meint jedoch: „Die CHP muss sich beeilen, um wieder eine richtige sozialdemokratische Partei zu werden. Die letzte Krise kann eine Chance für die Partei sein, sich zu modernisieren.“
Internationale Mitgliedschaften [Bearbeiten]
Die Partei ist Mitglied der Sozialistischen Internationale, des globalen Zusammenschlusses der sozialdemokratischen und sozialistischen Parteien, dem auch die deutsche SPD, die schweizerische SP sowie die österreichische SPÖ angehören, und ist assoziiertes Mitglied (Beobachterstatus) der Sozialdemokratischen Partei Europas (SPE).
Parlamentswahlergebnisse [Bearbeiten]
Bis zu den Wahlen 1946 war die CHP die einzig zugelassene Partei der Türkei. Erst 1946 kam mit der Demokrat Parti eine Mitbewerberin hinzu. 1950 wurde die CHP zweite und unterlag der Demokrat Parti. Am 18. Mai 2007 beschlossen die CHP und die DSP, sich zu einem Wahlbündnis zu vereinen. Die DSP-Kandidaten sollten auf der CHP-Liste antreten, um dann später im Parlament eine eigene Fraktion zu bilden.[10] Bei der Wahl 2007 erzielte die Partei einen Stimmanteil von 20,88 % und 112 Sitze im Parlament. Bei der Wahl 2011 verbesserte sich das Wahlergebnis auf 25,95 % und damit 135 Sitze im Parlament. Die Wahlergebnisse:
| Jahr | Stimmen total | Stimmen in % | Sitze im Parlament |
|---|---|---|---|
| 1946 | Unklar | 85 | 397 |
| 1950 | 3.176.561 | 39,45 | 69 |
| 1954 | 3.161.696 | 35,36 | 31 |
| 1957 | 3.753.136 | 41,09 | 178 |
| 1961 | 3.724.752 | 36,74 | 173 |
| 1965 | 2.675.785 | 28,75 | 134 |
| 1969 | 2.487.163 | 27,37 | 143 |
| 1973 | 3.570.583 | 33,3 | 185 |
| 1977 | 6.136.171 | 41,38 | 213 |
| 1995 | 3.011.076 | 10,71 | 49 |
| 1999 | 2.716.096 | 8,71 | 0 |
| 2002 | 6.114.843 | 19,39 | 177 |
| 2007 | 7.300.234 | 20,88 | 112 |
| 2011 | 11.142.541 | 25,95 | 135 |
Belgien: Parti socialiste · Socialistische Partij Anders | Bulgarien: Bălgarska Socialističeska Partija | Dänemark: Socialdemokraterne | Deutschland: Sozialdemokratische Partei Deutschlands | Estland: Sotsiaaldemokraatlik Erakond | Finnland: Suomen Sosialidemokraattinen Puolue | Frankreich: Parti socialiste | Griechenland: Panellínio Sosialistikó Kínima | Irland: Labour | Italien: Socialisti Democratici Italiani | Lettland: Latvijas Sociāldemokrātiskā Strādnieku partija | Litauen: Lietuvos socialdemokratų partija | Luxemburg: Lëtzebuerger Sozialistesch Arbechterpartei | Malta: Partit Laburista | Niederlande: Partij van de Arbeid | Norwegen: Arbeiderpartiet | Österreich: Sozialdemokratische Partei Österreichs | Polen: Sojusz Lewicy Demokratycznej · Unia Pracy | Portugal: Partido Socialista | Rumänien: Partidul Social Democrat | Schweden: Socialdemokraterna | Slowakei: SMER – sociálna demokracia | Slowenien: Socialni demokrati | Spanien: Partido Socialista Obrero Español | Tschechien: Česká strana sociálně demokratická | Ungarn: Magyar Szocialista Párt · Magyarországi Szociáldemokrata Párt | Vereinigtes Königreich: Labour · Social Democratic and Labour Party | Zypern: Kínima Sosialdimokratón
Assoziierte Parteien
Bulgarien: Partija Bălgarski Socialdemokrati | Kroatien: Socijaldemokratska partija Hrvatske | Mazedonien: Socijaldemokratski Sojuz na Makedonija | Schweiz: Sozialdemokratische Partei | Türkei: Barış ve Demokrasi Partisi · Cumhuriyet Halk Partisi
Parteien mit Beobachterstatus
Andorra: Partit Socialdemòcrata | Bosnien und Herzegowina: Socijaldemokratska partija Bosne i Hercegovine | Island: Samfylkingin | Israel: Awoda· Meretz-Jachad | San Marino: Partito dei Socialisti e dei Democratici | Serbien: Demokratska Stranka
Literatur [Bearbeiten]
- Udo Steinbach: Geschichte der Türkei. C.H. Beck, München 2007, 4. durchgesehene und aktualisierte Auflage, ISBN 3-406-44743-0
- Cingi Aydin: CHP: A Party on the Road to Social Democracy, Hrsg. von der Friedrich-Ebert-Stiftung, Internationale Politikanalyse, Berlin, 2011
Weblinks [Bearbeiten]
-
Commons: Cumhuriyet Halk Partisi – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien - Internetpräsenz der CHP
Einzelnachweise [Bearbeiten]
- ↑ Milletvekilleri Dağılımı. In: http://www.tbmm.gov.tr/. Große Nationalversammlung der Türkei, S. 1, abgerufen am 5. Oktober 2011 (türkisch).
- ↑ Cinsiyete Göre Dağılım. Große Nationalversammlung der Türkei, 5. Oktober 2011, S. 1, abgerufen am 5. Oktober 2011 (türkisch).
- ↑ Abgeordnete der 23.Legislaturperiode, Türkische Große Nationalversammlung, abgerufen am 22. Mai 2010.
- ↑ a b Michael Neumann-Adrian, Christoph K. Neumann: Die Türkei - Ein Land und 9000 Jahre Geschichte. Paul List Verlag, München, ISBN 3-471-78225-7.
- ↑ Auf Stimmenfang mit Erdogans Armbanduhr, derStandard.at, abgerufen am 19. Juli 2007.
- ↑ Chancenlose Linke, Der Standard Online, abgerufen am 15. März 2007.
- ↑ Parteiprogram der CHP (PDF; 1,2 MB), (türkisch)
- ↑ Kritik der europäischen Sozialisten: „Baykal will Demokratie wie in Tunesien“, Zaman Online, abgerufen am 28. März 2007.
- ↑ MEPs raise concern over CHP’s social democratic credentials, Zaman Online, abgerufen am 5. Mai 2007.
- ↑ Türkische Linksparteien schließen Wahlbündnis, derStandard.at, abgerufen am 19. Mai 2007.
