Cipriano de Rore

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Miniatur von Cipriano de Rore von Hans Müelich, um 1559

Cipriano de Rore (* 1515/16 in Ronse; † zwischen 11. und 20. September 1565 in Parma) war ein flämischer Komponist der Renaissance, der insbesondere für seine Madrigale und Motetten bekannt ist.

Leben[Bearbeiten]

Cipriano de Rore wuchs in Ronse, einer flämischen Stadt westlich von Brüssel, bei einer vermögenden Familie auf. Der Geburtsort war lange Zeit ungeklärt, außerdem ist über die Anfangszeit von Rore als Komponist nicht viel bekannt, auch nicht wann er nach Italien kam. Ob er beispielsweise um 1540 Kapellsänger in Venedig war, konnte von der Forschung nicht bestätigt werden. 1542 erschien sein erstes Madrigalbuch. Zwischen 1542 und 1545 hielt er sich wahrscheinlich in Brescia auf und reiste gelegentlich nach Venedig, wo er mit Adrian Willaert und dessen Umfeld regen Kontakt hatte. Ruberto Strozzi und Neri Caponi, die zu diesem Umfeld gehörten, waren seine ersten Mäzene. Verschiedene Huldigungswerke, die in dieser Zeit entstanden, dokumentieren seine guten Beziehungen und sein hohes Ansehen bei norditalienischen weltlichen und geistlichen Würdenträgern.

1546 holte ihn Herzog Ercole II. d’Este als Hofkapellmeister an seinen Hof in Ferrara, der schon im frühen 16. Jahrhundert als Zentrum der Künste und besonders der Musik galt. Bis 1558 komponierte Rore dort mindestens 107 Werke – nicht nur für die Familie Este, sondern auch wie zuvor für die geistliche und weltliche Oberschicht Europas. So entstand z. B. für Kaiser Karl V. das Madrigal Un’ altra volta in Germania stride (1557).

Als sein älterer Bruder Celestinus im März 1558 starb, reiste Rore nach Flandern und machte unterwegs Halt in München. Vermutlich unter seiner Aufsicht entstand dort am Hof des Herzogs Albrecht V. eine prachtvolle mit zahlreichen Miniaturen vom Hofmaler Hans Mielich ausgestattete Handschrift einiger seiner vier- bis achtstimmigen Motetten.

Nach dem Tod Ercoles II. d’Este verlor Rore seine Anstellung als Hofkapellmeister. Da er sich gerade eine weiteres Mal in Flandern aufhielt, wo seine Eltern im Zuge des Unabhängigkeitskrieges ihre Lebensgrundlage verloren hatten, wurde Rore 1560 von der in Brüssel residierenden Regentin der Niederlande Margarete von Parma an den Hof ihres Gatten Ottavio Farnese nach Parma vermittelt, wo er im Februar 1561 seinen Dienst aufnahm.

Als im Dezember 1562 sein Kollege Adrian Willaert starb, komponierte Rore ihm zu Ehren eine Motette und trat daraufhin 1563 Willaerts Nachfolge als Kapellmeister an San Marco in Venedig an. Doch schon ein Jahr später gab er die zwar prestigeträchtige, aber offenbar schlecht organisierte Stellung wieder auf und kehrte auf seine alte Stelle nach Parma zurück. Für die Hochzeit von Ottavio Farneses Sohn Alessandro mit Maria von Portugal (* 8. Dezember 1538; † 8. Juli 1577, Tochter von Prinz Eduard von Portugal) komponierte Rore das Madrigal Vieni, dolce Himeneo, das womöglich sein letztes Werk war. Etwa ein Jahr später starb Cipriano de Rore aus ungeklärten Ursachen.

Schaffen[Bearbeiten]

Cipriano de Rore schrieb über 100 Madrigale, welche zu einem großen Teil in 7 Madrigalbüchern erschienen. Von diesen 7 Madrigalbüchern beinhalten 2 vierstimmige und 5 fünfstimmige Madrigale, die allerdings nicht ausschließlich von Rore stammen. Schon mit der Publikation seines ersten Madrigalbuchs stand er bei den Zeitgenossen als Komponist mit großem Talent fest. Ein kleiner Teil seiner Madrigale wurde in Sammelpublikationen veröffentlicht.

Die ersten Madrigale Rores waren noch stark von Adrian Willaert beeinflusst, der jedoch wahrscheinlich, entgegen vielen Behauptungen, offiziell nie dessen Lehrer war. Jedoch kann Rore zum engeren Kreis um Willaert gezählt werden, da er zu ihm und seinen Schülern regen Kontakt unterhielt. Er unterschied sich von Willaert hauptsächlich in der Wahl seiner Texte. So wählte Rore hauptsächlich düstere Themen, die er auch mit entsprechend dramatischen musikalischen Mitteln vertonte.

In seinen Madrigalen zeigt sich ein großer venezianischer Einfluss. Rore nutzte die bisher nur für Motetten verwendete imitative Polyphonie auch für seine Madrigale. Das Wort-Ton-Verhältnis spielte für ihn eine große Rolle – Cipriano de Rore gilt als Vorreiter der später von Claudio Monteverdi begründeten seconda pratica. Vor 1550 vertonte Rore bevorzugt Texte von Francesco Petrarca, einem der wichtigsten italienischen Dichter des 14. Jahrhunderts.

Während einer Pause von 1550 bis 1557, in der Rore nichts veröffentlichte, veränderte sich der Kompositionsstil seiner Madrigale wesentlich. Besonders seine harmonische und melodische Sprache wandelte sich: Bisherige polyphone Stimmführung wechselte jetzt immer öfter mit homophonen Phasen, der Gegensatz zwischen linear und akkordisch wurde stärker betont. Im Interesse eines lebendigen Textausdrucks und guter Textverständlichkeit trat an die Stelle eines dichten polyphonen Stimmgewebes eine zunehmend harmonisch differenzierte, oft kühne und immer transparente Tonsprache. Die Singstimmen folgten dem Sprachrhythmus und die rhythmischen Möglichkeiten des Tongewebes wurden durch kürzere Notenwerte ausdifferenziert (note nere genannt, daher die Bezeichnung Madrigali Chromatici „gefärbte Madrigale“).

Rore behielt die ernsten Textvorlagen bei. Häufig ignorierte er Zeilenaufbau, Zeilenteilung und Endreim des Textes, um bewusst der poetischen Intention des Verfassers zu folgen. Der natürliche Satzaufbau herrschte vor, nicht starrer Rhythmus und Reim der poetischen Vorlage. Der dichterische Text bestimmt die Musik, die diesen aber mit ihren Mitteln ganz neu erleben lässt. Ein gutes Beispiel dafür stellt das Madrigal O sonno dar. Darüber hinaus sind von Rore etwa 50 Motetten und einige Messen erhalten.

Werke[Bearbeiten]

Wichtige Publikationen vor 1550:

  • I madrigali (1542) bzw. Il primo libro de madregali cromatici, 5vv (1544)
  • Il secondo libro de madregali, 5vv (1544)
  • Il terzo libro di madrigali, 5vv (1548)
  • Musica … sopra le stanze del Petrarcha … libro terzo, 5vv (1549)
  • Motectorum liber primus, 5vv (1544)
  • Motetta, 5vv (1545)
  • Il terzo libro di motetti, 5vv (1549)

Wichtige Publikationen ab 1550:

  • Anchor che co‘l partir (1550)
  • 4 weitere Madrigalbücher (4 und 5-stimmig)

Literatur[Bearbeiten]

  • Robert EitnerRore, Cyprian. In: Allgemeine Deutsche Biographie (ADB). Band 29, Duncker & Humblot, Leipzig 1889, S. 152–155.
  •  Martha Feldman: City Culture and the Madrigal in Venice. Berkeley u. a. 1995, ISBN 978-0-520-08314-1 (Volltext bei University of California Press).
  •  Jessie Ann Owens: Cipriano de Rores New Year’s Gift for Albrecht V. A New Interpretation. In: Theodor Göllner (Hrsg.): Die Münchner Hofkapelle des 16. Jh. im europäischen Kontext. Bericht über das internationale Symposion der Musikhistorischen Kommission der Bayerischen Akademie der Wissenschaften in Verbindung mit der Gesellschaft für Bayerische Musikgeschichte, München, 2.–4. August 2004. Verlag der Bayerischen Akademie für Wissenschaften, München 2006, ISBN 978-3-7696-0965-3, S. 244–273.
  •  Hartmut Schick: Musikalische Einheit im Madrigal von Rore bis Monteverdi. Phänomene, Formen und Entwicklungslinien (= Tübingen Beiträge zur Musikwissenschaft Bd. 18). Tutzing 1998, ISBN 978-3-795-20926-1.
  •  Katelijne Schiltz: Rore, Cipriano de. In: Ludwig Finscher (Hrsg.): Die Musik in Geschichte und Gegenwart. 2. Auflage. Bärenreiter/Metzler, Kassel/Stuttgart 2004, ISBN 978-3-476-41022-1, Sp. 369–380.
  •  Katelijne Schiltz: Harmonicos magis ac suaves nemo edidit unquam. Cipriano de Rores Motette Concordes adhibete animos. In: Archiv für Musikwissenschaft. Nr. 62, 2005, S. 111–136.
  •  Stefano La Via: Cipriano de Rore as Reader and as Read. A Literary-Musical Study of Madrigals from Rore’s Later Collections (1557–1566). Princeton University – UMI, Ann Arbor, Michigan 1991.

Weblinks[Bearbeiten]