Dürkheimer Wurstmarkt

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Wurstmarkt 2007 bei Nacht
Wurstmarkt 2010 vom Riesenrad aus

Der Dürkheimer Wurstmarkt ist ein Volksfest in der rheinland-pfälzischen Kur- und Kreisstadt Bad Dürkheim an der Deutschen Weinstraße. Das im Jahre 1417 erstmals veranstaltete Fest findet alljährlich am zweiten und dritten Septemberwochenende statt[1] und gilt mit über 600.000 Besuchern als das größte Weinfest der Welt. 2012 besuchten 685.000 Gäste das Fest, so viele wie nie zuvor.[2]

Geschichte[Bearbeiten]

Wallfahrten und Michaelismarkt[Bearbeiten]

Ursprung des Wurstmarktes: Michaelsberg mit der gleichnamigen Kapelle (1990 am alten Platz neu erbaut)

Der kleine Michaelsberg liegt einen Kilometer nordöstlich von Bad Dürkheim und zählt geologisch eigentlich zu den Rebenhügeln an der Deutschen Weinstraße. 1155 bezeugte ein lateinisch geschriebener Text erstmals den „Monte sancti Michaelis“. Es kann aus dem Namen geschlossen werden, dass sich dort schon frühzeitig ein dem Erzengel Michael geweihtes Heiligtum mit entsprechender Kirche bzw. Kapelle befand, deren Patroziniumsfest somit auf den 29. September fiel.[3] Nach späteren Quellen ist eine Michaelskapelle belegt, die zur Pfarrei Pfeffingen gehörte und von einem Klausner betreut wurde.[4]

Steigende Wallfahrerzahlen zogen zum Michaelsfest immer mehr Bauern und Winzer aus der Umgebung an, die ihre landwirtschaftlichen Produkte mit Schubkarren auf den Kapellenberg transportierten und den Pilgern dort vor allem Wein aus der Pfalz, Wurst und Brot anboten. Auch Händler, Gaukler und Musikanten fanden sich ein, so dass allmählich ein reges Markttreiben entstand. Bald erlangte der neue Markt eine überregionale wirtschaftliche Bedeutung. Den Ursprung des nunmehrigen Michaelismarktes datieren Historiker auf das Jahr 1417. Erstmals urkundlich nachgewiesen ist er 1442, als die Stadt Speyer den Grafen von Leiningen, für ihre den Jahrmarkt auf dem Michelsberg besuchenden Kaufleute, um sicheres Geleit bat[5] und Graf Emich dies per Urkunde vom 25. August 1443 zusagte.[6] Im Jahre 1449 erließ der Abt des am Gebirgsrand oberhalb Dürkheims gelegenen Klosters Limburg eine erste Marktordnung und wandelte den Markt in ein öffentliches Kirchweihfest um. 1487 erwirkte Peter Kercher, Dekan des Speyerer St. Guido-Stifts für Pilger und Wohltäter der St. Michaelskapelle die Ablässe von insgesamt acht Kurienkardinälen, darunter Francesco Todeschini Piccolomini, der spätere Papst Pius III., ein Sachwalter deutscher Interessen in Rom, sowie Giuliano della Rovere, bekannt als Papst Julius II., welcher den Grundstein zum heutigen Petersdom legte.[7]

Im 16. Jahrhundert kamen bereits Händler aus der gesamten Pfalz. Angeboten wurden nicht nur Tiere wie Ochsen, Pferde oder Schweine sowie Obst und Gemüse; auch Woll- und Leinentuchhändler, Kessler, Kürschner, Weißgerber, Spengler, Sattler, Schuhmacher, Drechsler, Hutmacher, Eisenkrämer und andere Berufsgruppen hielten ihre Waren feil.

Vom Hügel auf die Wiese[Bearbeiten]

Wegen der beengten Verhältnisse auf dem Michaelsberg wurde der Michaelismarkt nach mehrmaligem Hin und Her im Jahr 1577 endgültig auf die etwa 45.000 m² großen Brühlwiesen links des Flüsschens Isenach am Fuß des Hügels verlegt, wo er auch heute noch stattfindet. Die gestiegene wirtschaftliche Bedeutung und die mit dem Marktzoll verbundenen Einnahmen führten zu fortwährenden Streitigkeiten zwischen dem Kloster Limburg und den Leininger Grafen, die eine ihrer Hauptburgen, die Hardenburg, bei Dürkheim hatten. Deshalb zog man sogar einmal in Erwägung gezogen, das Fest nach Frankenthal zu verlegen, dem der Kurfürst von der Pfalz 1577 die Stadtrechte verliehen hatte. Mit Einführung der Reformation erlosch die religiöse Dimension des Festes. Die St. Michaelskapelle wurde 1601 abgerissen und erst 1990 an historischer Stelle wieder erbaut.[8]

Nach 1800[Bearbeiten]

Zu Beginn des 17. Jahrhunderts kam es zu einer weiteren Vergrößerung des Marktes, und Ende des 18. Jahrhunderts dauerte das Markttreiben bereits drei Tage (Sonntag, Montag, Dienstag). Mit der vorübergehenden Eingliederung der Pfalz in den französischen Staat nach dem Einmarsch von Revolutionstruppen 1797/98 ging das Recht zur Abhaltung des Marktes auf die Stadt Dürkheim über.

Während die Händler an Bedeutung verloren, erlangten Vergnügungsangebote immer größeres Gewicht. Im Jahre 1830, nun unter bayerischer Verwaltung, gab es einen Zirkus, Feuerfresser, ein Kasperl-Theater, eine „Reitschule“ (pfälzische Bezeichnung für Karussell) und andere Schausteller, außerdem eine Vielzahl von Musikanten. Im Jahre 1832 wurde der Name „Wurstmarkt“ erstmals behördlich erwähnt. Der Grund dafür war der enorme Wurstkonsum während des Festes.

1879 erschien zum ersten Mal die Wurstmarktzeitung, in welcher bis 1981 Pfälzer Schriftsteller und Mundartdichter, aber auch Maler und Graphiker den Wurstmarkt vor- und darstellten.

1882 entstand der „Nachmarkt“, der sich anfangs auf den nachfolgenden Sonntag beschränkte; zur Unterscheidung wurde das ursprüngliche Marktwochenende nun „Vormarkt“ genannt. 1888 gab es ein Varieté-Theater, Photographen, Karussells, Ballwurf- und Schießbuden sowie Trinkhallen und Garküchen. Zu dieser Zeit wurde der Zirkus zur Hauptattraktion des Wurstmarktes.

Nach 1900[Bearbeiten]

Erst im Jahre 1910 verlegten die Veranstalter das Fest probeweise auf das zweite und dritte Wochenende im September, weil dann in der Region meist stabileres Wetter herrscht als zum Monatsende. Amtlich wurde die Verlegung 1913, als die königlich-bayerische Staatsregierung ihre endgültige Zustimmung gab. Gleichzeitig wurde der Vor- und Nachmarkt jeweils um den Samstag verlängert, so dass der Wurstmarkt jetzt sechs Tage dauerte. 1926 wurde der Wurstmarkt dann um einen weiteren Tag verlängert, 1951 um den siebten Tag und 1965 um den achten. Seit 1985, als der Vormarktfreitag als Festtag hinzukam, feiert Bad Dürkheim sein „Fest der Feste“ neun Tage lang.

Im Jahre 1934 baute Weingutsbesitzer und Küfermeister Fritz Keller das hölzerne Dürkheimer Riesenfass, das einen Rauminhalt von etwa 1.700.000 Litern besitzt. Seither dient es, 1958 um einen Anbau erweitert, als Weinstube und Restaurant.

Während des Zweiten Weltkriegs fand kein Wurstmarkt statt. 1947 wurde statt des Wurstmarktes ein Herbstfest gefeiert. 1948 gab es wegen des Fleischmangels keinen Wurst-, sondern einen Fischmarkt. Es konnten nur mit Fisch belegte Brote und Fischwurst verkauft werden; zudem stand jedem Festgast nur eine Flasche Wein zu. Die Einhaltung dieser Begrenzung wurde durch eine Kennkartenlochung sichergestellt. In diesem Jahr wurden 46.650 Flaschen Wein zu je 5 RM verkauft.

1949 fand der erste „reguläre“ Nachkriegswurstmarkt statt. Der folgende wirtschaftliche Aufschwung ließ auch den Wurstmarkt boomen. Zwischen 1949 und 1958 verdoppelte sich der Weinkonsum nahezu auf 158.673 Liter.

Wurstmarkt 2011 aus der Luft

Ab den 1950er Jahren kamen viele neue Fahrgeschäfte auf den Wurstmarkt. Der „Rotor“, „Menschen kleben an der Wand“ (1955), „Düsenspirale“, „Bobbahn“, „Drei-Stock-Autorennbahn“ und „Taifun“ (1957), „Sputnik“ mit einem Kranz von Weltraumkapseln, ein neues „Super-Riesenrad“ und ein „Sechs-Säulen-Autoscooter“ (1959) sind nur einige der damaligen Attraktionen, die in den 1960er Jahren immer größer, höher und schneller wurden.

Im Jahre 1966 überstieg der Weinkonsum erstmals die 200.000-Liter-Grenze. Jetzt wurde es auch auf den offiziellen Plakaten bestätigt: Der Wurstmarkt war das größte Weinfest der Welt.

Unter Anspielung auf die Olympischen Sommerspiele in München wurde der Wurstmarkt 1972 als „Schoppen-Olympiade“ bezeichnet. 1973 erhielt die Eröffnungsfeier eine neue Form. Historische Spielszenen beziehen sich seitdem auf die traditionellen Wurzeln des Wurstmarktes.

Aktuell[Bearbeiten]

Rummel[Bearbeiten]

Wein- und Sektangebot[Bearbeiten]

Die Organisatoren schreiben ein qualitativ hochwertiges Angebot an Weinen und Sekten vor. Alle offerierten Produkte müssen entweder über ein Weinsiegel der Deutschen Landwirtschafts-Gesellschaft (DLG) oder über eine Prämierung der Landwirtschaftskammer Rheinland-Pfalz verfügen. Diese Auszeichnungen müssen aus dem aktuellen Jahr stammen.

Sämtliche Weinausschankstellen sind verpflichtet, ein dem Wurstmarkt angemessenes Weinsortiment anzubieten. So müssen sie vier verschiedene Weine ausschenken; einer davon hat ein Riesling zu sein, je einer muss der Geschmacksrichtung „trocken“ bzw. „halbtrocken“ zugeordnet werden können und diese Bezeichnung auch auf dem Etikett tragen. Setzten die Winzer bei den Rebsorten früher hauptsächlich auf Weißweine, so ist seit dem Jahr 2004 auch die Abgabe von Rotwein an allen Ausschankstellen möglich. 2009 wurden je 15 weiße und rote Rebsorten angeboten, darunter allein 88 verschiedene Pfälzer Rieslinge[9]. Konsumiert wird der Wein beim Dürkheimer Wurstmarkt oft als – meist saure – Schorle, und zwar vorzugsweise in Dubbegläsern, die einen halben Liter fassen.[10]

Ambiente[Bearbeiten]

Herzstück des Dürkheimer Wurstmarktes sind seit langer Zeit die Schubkärchler, deren Name sich von den Schubkarren der Marktbeschicker der Anfangszeit ableitet. Die Schubkärchler verfügen in 36 historischen, mit Stoffplanen überdachten Weinständen jeweils über etwa 120 Sitzplätze an hölzernen Tischen und Bänken. In zwei Weinhallen und einer Bierhalle spielen Musikkapellen Livemusik. In zwei Speisezelten werden verschiedene Pfälzer Spezialitäten zubereitet.

Im Unterschied zu diesen nur während des Wurstmarktes vorhandenen Sitzgelegenheiten ist das Dürkheimer Riesenfass am Westrand des Festplatzes als Weinstube und Restaurant eine dauerhafte Institution. Samt Anbau kann es gegen 450 Gäste aufnehmen.

Pfälzer Mundart[Bearbeiten]

Seit den 1960er Jahren findet am ersten Montag des Wurstmarktes der Literarische Frühschoppen statt, bei dem Pfälzer Mundartdichter ihre Muttersprache in Wort und Lied präsentieren. Dazu gehören neben diversen Musikgruppen u. a. die Dichter Eugen Damm, Gisela Gall, Waltraud Meißner, Hans Jürgen Schweizer, Hans-Peter Schwöbel und Paul Tremmel.[11] Nachfolger von Günther Hauck, der die Veranstaltung 20 Jahre lang moderiert hatte, wurde 2007 der „Dürkheimer Barde“ Reinhard Brenzinger. 2009 nahm Südwest 3 erstmals eine TV-Aufzeichnung mit Judith Kauffmann als Co-Moderatorin ins Programm.[11]

Literatur[Bearbeiten]

  •  Eva Klag-Ritz (Redaktion) und Hartmut Frien (Fotos): Der Dürkheimer Wurstmarkt. Pfälzische Verlagsanstalt, Landau in der Pfalz 1988, ISBN 9783876291376.
  •  Kurt Lukas: 50 Jahre Dürkheimer Wurstmarkt – das größte Weinfest der Welt. Dokumentation des Wurstmarktes 1938, der Herbstfeste 1947 und 1948 sowie der Wurstmärkte 1949 bis 1998. Bad Dürkheim 1999 (Festschrift).

Weblinks[Bearbeiten]

 Commons: Dürkheimer Wurstmarkt – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. Festbeginn ist seit 1985 jeweils am Freitag vor dem zweiten Sonntag im September.
  2.  Peter Spengler: Monster-Montag zu absolutem Rekord. In: Die Rheinpfalz, Lokalausgabe Bad Dürkheimer Zeitung. Ludwigshafen, 19. September 2012.
  3. Ernst Christmann: Flurnamen zwischen Rhein und Saar, Verlag der Pfälzischen Gesellschaft zur Förderung der Wissenschaften, 1965, Seite 51; (Ausschnittscan)
  4. Michael Frey: Versuch einer geographisch-historisch-statistischen Beschreibung des königl. Bayer. Rheinkreises, Band 2 (Gerichts-Bezirk von Frankenthal), Speyer, 1838, Seiten 415 u. 416; (Digitalscan)
  5. Johann Georg Lehmann: Geschichtliche Gemälde aus dem Rheinkreise Bayerns, Band 2, Heidelberg, 1834, Seite 141; (Digitalscan)
  6. Franz Xaver Glasschröder: Neue Urkunden zur Pfälzischen Kirchengeschichte im Mittelalter, Verlag der Pfälzischen Gesellschaft zur Förderung der Wissenschaften, Speyer, 1930, Seite 74, Urkundenregest Nr. 121
  7. Franz Xaver Glasschröder: Urkunden zur Pfälzischen Kirchengeschichte im Mittelalter, München, 1903, Seite 226, Urkundenregest Nr. 550
  8. Webseite zur Michaelskapelle Bad Dürkheim
  9. Die Rheinpfalz, Ludwigshafen: Allein 88 rassige Rieslinge, 9. September 2009
  10.  Alexander Mathé: Wurstmarkt: Das Oktoberfest des Weins. In: Weinherbst 2012. S. 30 f. (Beilage zur Wiener Zeitung vom 27. Oktober 2012).
  11. a b Die Rheinpfalz, Ludwigshafen: „Literarischer“ im Südwest-Fernsehen, 9. September 2009

49.4660528.170924Koordinaten: 49° 27′ 58″ N, 8° 10′ 15″ O