Damenstift Buchau

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Stift und Stadt Buchau am Federsee im 17. Jahrhundert vor der Absenkung des Sees. Linker Hand Kappel im Hintergrund der Bussen und der Stift auf einer Halbinsel

Das freiweltliche Reichsstift Buchau wurde nach einer Legende um 770 auf der Insel Buchau im Federsee im heutigen Oberschwaben gegründet. Das Kloster war eine fränkisch-karolingische Gründung und diente der Durchdringung und strategischen Sicherung der neu gewonnenen Herrschaft des fränkischen Königtums im Herzogtum Alemannien, das später in das Herzogtum Schwaben aufging. 1347 wurde die Äbtissin Anna von Weinburg des Stiftes erstmals als Reichsfürstin bezeichnet, seit dem 16. Jahrhundert war das Stift Reichsstand mit Blutgerichtsbarkeit. Das Stift nahm vorwiegend die Töchter der verschiedenen oberschwäbischen Adelslinien der Fugger, Waldburg, Montfort, Gundelfingen, Lupfen, Königsegg und einer Reihe nichtschwäbischer Familien aus Tirol, Elsass und weiter der östlich gelegenen österreichischen Erbländer Kärnten und Böhmen auf.[1] In der Krypta der Stiftskirche St. Cornelius und Cyprianus wird der Sarkophag mit dem Leichnam der seliggesprochenen Klostergründerin Adelindis aufgebahrt.

Geschichte[Bearbeiten]

Nach der Gründungslegende ließ Adelindis, eine Tochter Herzog Hildebrands von Schwaben und der Herzogin von Bayern, der Schwester Hildegards, Gemahlin Karls des Großen, nach dem Tod ihres Mannes Atto, Sohn des Grafen Russo von Tragant, an der Stelle, an der dieser im Kampf gegen die Hunnen im Planckental verstorben war, um 770 eine Kapelle und ein Kloster errichten, in dem sie als erste Äbtissin um 809 gestorben sei.[2] Verbürgt ist, dass das Kloster von Kaiser Ludwig dem Frommen im Jahr 819 Besitzungen in Saulgau und in Mengen erhielt. 857 wird es als Eigenkloster Ludwigs des Deutschen genannt, als dieser die Saulgauer Besitzungen an das Kloster Reichenau übertrug und dafür Buchau mit Königsgut in der Urmark Heidenhofen entschädigte.[3][4] Dieser Gütertausch ging auf eine Bitte Irmengards, der Tochter des Königs, zurück, welche zu dieser Zeit Äbtissin in Buchau war.[5] Im 13. Jahrhundert wird das Stift dem Augustinerorden zugerechnet, war danach aber ein Kanonissenstift für adlige Damen aus Schwaben. 1347 wurde das Damenstift gefürstet und damit reichsunmittelbar. 1415 wurde das Kloster in ein Säkularstift umgewandelt. Es konnte sein Stiftsgut ausdehnen und so ein kleines Territorium schaffen. Im Jahre 1625 fiel die Lehnsherrschaft Straßberg wieder an das Stift. Im Jahre 1802 war die letzte Fürstäbtissin Maria Maximiliana Esther von Stadion zu Tannhausen und Warthausen bei der Einweihung der Synagoge der Jüdischen Gemeinde Kappel zugegen.

1803 kam das Stift an das Haus Thurn und Taxis, das es als Teil des Reichsfürstentums Buchau verwaltete. Zum Zeitpunkt der Säkularisation bestand das Stift aus der Fürstäbtissin Maria Maximiliana Esther von Stadion zu Tannhausen und Warthausen sowie acht bemäntelten Damen. Zwei Angehörige der Familie Fugger, drei Damen aus dem Hause Waldburg (Wolfegg-Wolfegg und Wolfegg-Waldsee), einer Maria Anna Schenk von Castell, Gräfin Anna von Stadion sowie Gräfin Theresia aus der österreichischen Familie Dietrichstein.

1806 kam das Reichsfürstentum Buchau staatsrechtlich an das Königreich Württemberg, die ehemalige Stiftsherrschaft Straßberg fiel allerdings an das Fürstentum Hohenzollern-Sigmaringen. Verwaltungstechnisch erfolgte die Aufteilung des Klosters in zwei Ämter. Die finanzielle Verwaltung ging in die Hände des Rentamt Buchau. Das Oberamt war für Publica, Jurisdictionalia, Criminalia und Polizeysachen zuständig

Status und Besitz[Bearbeiten]

In Anwesenheit ihres Vaters, Kaiser Ludwigs der Frommen, legt die Klostergründerin Adelindis die Gründungsurkunde auf einen Altar (aus dem Hauptdeckengemälde der barocken Stiftskirche Buchau von Andreas Brugger, 1775–1776)

Seit dem Beginn der Neuzeit war der kirchenrechtliche Status des Stiftes immer mehr umstritten. Bei der Versammlung des Schwäbischen Reichskreises hatte er auf der weltlichen Fürstenbank im Schwäbischen Reichsgrafenkollegium die 6. Stimme und führte den Titel eines fürstlich freyweltlichen Damenstiftes.

In der Reichsmatrikel von 1521 wird der Beitrag des Stifts zu Heer und Reichskammergericht mit monatlich 2 Reitern, 10 Fußsoldaten oder 90 Gulden veranschlagt. In der Reichsmatrikel von 1663 werden monatlich 2 Soldaten zu Ross (entsprechend je 12 Gulden), 6 Fußsoldaten (jeweils 4 Gulden entsprechend) oder 48 Gulden festgelegt. Zum Vergleich kam die Reichsstadt Buchau auf eine Leistung von 2 Soldaten oder 8 Gulden.

Am Beginn der Säkularisation wurde die Frage gestellt, ob das Stift überhaupt noch zu säkularisieren sei. Die schwäbischen Reichsgrafen sahen in dem Stift eine Versorgungsanstalt für ihre Töchter. Der Fürstbischof von Konstanz bestand jedoch bis zuletzt darauf, dass das Stift ein Corpus ecclesiasticum sei und als Kollegiatskirche errichtet worden sei, dessen Mitglieder Residenz- und Gebetsverpflichtungen haben. In seiner Beschreibung des Oberamts Riedlingen von 1827 stellt Memminger die Geschichte des Stifts dar und übt in diesem Zusammenhang deutliche Kritik an dieser Institution, die dabei eher als eine Luxus-Versorgungsanstalt für Grafentöchter denn als Kloster erscheint. Wörtlich heißt es z.B. darin:

„Die Stiftsfräulein, deren in der lezten Zeit 9 waren, bekannten sich zwar zur Regel des hl. Augustins, hießen deswegen auch Chorfrauen und lebten in dem Stifte, konnten aber ungehindert austreten und heirathen, und das Jahr über auch längere Zeit abwesend seyn. Sie wohnten in einem Gebäude beysammen, die Fürstin Aebtissin in seinem daran stoßenden Flügel. Jedes Stiftsfräulein hatte 3 Zimmer und ihre eigene Bedienung.“

Das Stiftsgebiet war sehr zerstreut und von mannigfaltiger Natur. Es gehörten dazu:

  1. die umliegenden Orte Betzenweiler, Brackenhofen, Dürnau, Kanzach mit Ober- und Unter-Volloch, Kappel mit dem Hennauhof, Ottobeurerhof und Bruckhof, Moosburg;
  2. die Herrschaft Straßberg, mit Straßberg, Frohnstetten und Kaiseringen, worin die Äbtissin die Landeshoheit hatte;
  3. als österreichisches Lehen der Äbtissin die Vogteien Oggelsbeuren, Renhartsweiler und das Amt Bierstetten, wozu Bierstetten, Bondorf, Steinbrunn gehörten, nebst dem Zehnten zu Moosheim;
  4. Zwölf Abtei-Maierhöfe und so genannte Corneliergüter in vielen Ortschaften;
  5. Zehnten in 35 Orten;
  6. Patronate an 18 Orten.

Die Einkünfte wurden zu 66000 fl. (Gulden) angeschlagen, die der Äbtissin allein betrugen, nach einer Abteirechnung von 1792, an Geld 12802 fl., an Früchten 12841 Viertel, ungefähr ebenso viel Württembergische Simri. Trotz dieser schönen Einkünfte war die Stiftsherrschaft in einem sehr zerrütteten Zustande. „Buchau war wenigstens schon fünf Jahre vor der Mediatisirung gantmäßig [=konkursreif] und hatte die Zinszahlung sistirt.“

Spätere Nutzung[Bearbeiten]

Nach der Säkularisation wurden die Stiftsgebäude zunächst als Verwaltungssitz und zu Wohnzwecken verwendet. In der Zeit des Nationalsozialismus war das ehemalige Stift eine Ausbildungsstätte der Nationalsozialistischen Volkswohlfahrt (NSV), ab 1945 war es kurzzeitig französische Kaserne, ab 1947 bis 1979 Kinderheilstätte der Caritas. Nach völliger Restaurierung, Anbauten und Modernisierungen in den Jahren 1991 und 1992 dient das von den Buchauern „Schloss“ genannte Gebäude nun als Reha-Klinik für Neurologie und Psychosomatik.

Die Stiftskirche St. Cornelius und Cyprianus ist heute katholische Pfarrkirche.

Äbtissinnen[Bearbeiten]

Die letzte Fürstäbtissin Maximiliane von Stadion mit Stiftsdamen, Wappen und Ansicht der Stiftsanlage
Die vorletzte Fürstäbtissin Maria Karolina von Königsegg-Rothenfels

Literatur[Bearbeiten]

  • Johann Daniel Georg v. Memminger: Stift Buchau, aus Beschreibung des Oberamts Riedlingen. Cotta, Stuttgart und Tübingen 1827 (Volltext bei Wikisource)
  • Rudolf Seigel (Bearb.): Die Urkunden des Stifts Buchau. Regesten 819–1500. (= Inventare der nichtstaatlichen Archive in Baden-Württemberg; Bd. 36). Kohlhammer, Stuttgart 2009, ISBN 978-3-17-020783-7
  • Bernhard Theil: Das (freiweltliche) Damenstift Buchau am Federsee. (= Germania sacra, N. F., Bd. 32; Das Bistum Konstanz, Teil 4). De Gruyter, Berlin 1994, ISBN 3-11-014214-7 (Digitalisat)
  • Volker Himmelein (Hrsg.): Alte Klöster, neue Herren. Die Säkularisation im deutschen Südwesten 1803. Große Landesausstellung Baden-Württemberg 2003; Ostfildern: Thorbecke, 2003; ISBN 3-7995-0212-2 (Ausstellungskatalog und Aufsatzband)
  •  Bernhard Theil, Max-Planck-Institut für Geschichte (Hrsg.): Das freiweltliche Damenstift Buchau am Federsee. Walter de Gruyter, Berlin - New York 1994, ISBN 3-11-014214-7, S. 422.

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. Adeliges Chorfrauenstift Buchau - Geschichte
  2. Arno Borst: Adelinde, Nonne in Buchau, in: ders.: Mönche am Bodensee, Ullstein Verlag, Berlin 1998, ISBN 3-548-26535-9, S. 86–109.
  3. Die Urkunden der deutschen Karolinger, Band 1: Die Urkunden Ludwigs des Deutschen, Karlmanns und Ludwigs des Jüngeren (= Monumenta Germania historica. Diplomata regum Germaniae ex stirpe Karolinorum, Band 1: Ludowici Germanici, Karlomanni, Ludowici Iunioris Diplomata), hrsg. v. Paul Kehr, Berlin 1932–34 (ND 1980), Nr. 81, S. 118f.
  4. Die Urkunden zur Ersterwähnung von Dorf, Urmark und Urkirche Heidenhofen aus dem Mittellateinischen von Thomas H. T. Wieners, in: ders., Hans Reichmann und Herbert Weiß (Hrsg.): Von „villa Heidinhova“ -759/60- bis Heidenhofen -2010- 1250 Jahre. Geschichte und Geschichten. Ein Lesebuch, gestaltet aus Anlass der 1250-Jahrfeier 2010, Stadt Donaueschingen, Donaueschingen 2010, ISBN 978-3-00-030968-7, S. 155–157, hier S. 155.
  5. Thomas H. T. Wieners: Würdigung der Wörter. Zur Ersterwähnung der Heidenhofener Urmark und Urkirche in Diplom Nr. 81 Ludwigs des Deutschen von 857, in: ders., Hans Reichmann und Herbert Weiß: Von „villa Heidinhova“ -759/60- bis Heidenhofen -2010- 1250 Jahre. Geschichte und Geschichten. Ein Lesebuch, gestaltet aus Anlass der 1250-Jahrfeier 2010, Stadt Donaueschingen, Donaueschingen 2010, ISBN 978-3-00-030968-7, S. 33–43, hier S. 34.
  6. Chronicron Hermann des Lahmen auf fläez.ch

Weblinks[Bearbeiten]

 Commons: Damenstift Buchau – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

48.06759.6116Koordinaten: 48° 4′ 3″ N, 9° 36′ 42″ O