Darraðarljóð

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Darstellung einer als Walküre gedeuteten Figur (unten mittig) auf dem gotländischen Bildstein von Tjängvide, Alskog (Go 110)

Die Darraðarljóð (Dörruðs Lied), oder auch als Walkürenlied betitelt,[1] ist eine altnordische anonyme skaldische Lieddichtung des 11. Jahrhunderts. Sie ist eingebettet im Prosatext und Rahmenhandlung des Kapitels 157 der Njals saga, einer Isländersaga, vor dem erzählerischen Hintergrund der Schlacht von Clontarf am Karfreitag des Jahres 1014 n. Chr.

Das elf Strophen umfassende Lied im eddischen Versmaß Fornyrðislag schildert in Form eines Preislieds den Sieg eines unbenannten (jungen) König, der als Fürstensohn und Jarl bezeichnet wird, über einen anderen „mächtigen“ König, in dem letztlich beide im Kampf sterben. Lied und Prosarahmen harmonieren nicht und weichen in der Darstellung voneinander ab. Mittelpunkt der Handlung ist die Schilderung der Einflussnahme auf den Verlauf der kriegerischen Auseinandersetzung durch eine Gruppe von Walküren, mythische Wesen der germanischen Mythologie.

Die heutigen gebräuchlichen Titel sind neuzeitlicher Herkunft und beruhen unter anderem auf der Phrase der Strophe 6: Vindum vindum vef darradar zu deutsch Wir winden und winden das Schlachtgewebe.[2][3]

Inhalt[Bearbeiten]

Rahmenhandlung[Bearbeiten]

Im dramatisch verlaufenden Erzählstrang der Njala, mit der Zuspitzung des gewaltsamen Todes des namengebenden Protagonisten Njáll (Mordbrand Kap. 129), wird die folgende Rache der Söhne Njálls und besonders durch die Figur des Schwiegersohns Karí beschrieben. Die Verfolgung der Schächer führt Karí bis zur britischen Insel, da der Hauptverantwortliche Flosi und Mittäter währenddessen beim Jarl Sigurð Hlǫðvesson von Orkney Unterschlupf als Gefolgsmann fand (Kap. 153). Dieser zieht verbunden mit dem Jarl Sigtryggr Silkískegg von Dublin gegen den irischen König Brjann/Brian in die Schlacht, in der etliche der Täter fallen; Flosi entgeht der Schlacht auf vorheriges Geheiß Sigurðs nicht als Kämpfer teilzunehmen.[4]

Am Tag der Schlacht bei Clontarf ereignen sich an den verschiedensten Orten auf den Britischen Inseln und auf den Färöern und den Orkaden übernatürliche Zeichen. Von einem dieser Zeichen, einer schaurigen Spukerscheinung, wird ein Mann mit Namen Dǫrruðr in der schottischen Region Caithness Zeuge. Dǫrruð beobachtete, wie zwölf Frauen (menn = Personen), die sich im Verlauf als Walküren herausstellen, zu einem Haus reiten. Wissbegierig folgt er diesen und beobachtet sie heimlich durch ein Fenster und wird Zeuge einer schaurigen Szene. Die zwölf Frauen/Walküren wirken an einem durch sie errichteten Webstuhl, bestehend aus menschlichen Körperteilen wie Därmen als Kett- und Schussfaden, Schädeln als Gewichte und aus Waffen wie Speeren als Querstangen und Pfeilen als Schiffchen (Prosarahmen und Strophe 2). Dieser Kontext ist die Rahmenhandlung für die Einbettung des im Anschluss folgenden Darraðarljóð. Nach erfolgter Arbeit, hier setzt der Prosatext wieder ein, zerreißen die Walküren das so entstandene „Gewebe“ und verlassen den Ort getrennt in die entgegengesetzten Nord- und Südrichtungen.

Literatur[Bearbeiten]

Ausgaben
  • Thomas Bartholin: Antiquitatum danicarum de causis contemptæ a Danis adhuc gentilibus mortis libri tres ex vetustis codicibus & monumentis hactenus ineditis congesti. J.P. Bockenhoffer, Kopenhagen 1689.
  • Einar Ólaf Sveinsson (Hrsg.): Brennu-Njáls saga. In: ĺslenzk Fornrit. 12, 1954.
  • Finnur Jónsson (Hrsg.): Den Norsk-Islandske Skjaldedigting A, I ; B, I. 1912 (Nachdruck Rosenkilde og Bagger, Kopenhagen 1973).
  • Andreas Heusler, Wilhelm Ranisch: Eddica minora. Dichtungen eddischer Art aus den Fornaldarsögur und anderen Prosawerken. Dortmund 1903.
  • Russell Poole: Viking Poems on War and Peace. A Study in Skaldic Narrative. University of Toronto Press, Toronto/ Buffalo/ London 1991, ISBN 0-8020-5867-1. (mit englischer Übersetzung und Kommentar)
Übertragungen
  • Felix Genzmer: Die Edda. Götterdichtung, Spruchweisheit und Heldengesänge der Germanen. Eingeleitet von Kurt Schier. Eugen Diedrichs Verlag/ Heinrich Hugendubel Verlag, Kreuzlingen/ München 1981, 2006, ISBN 3-7205-2759-X.
  • Karl-Ludwig Wetzig: Die Saga von Brennu-Njál. Brennu-Njáls saga. In: Klaus Böldl, Andreas Vollmer, Julia Zernack (Hrsg.): Isländersagas Bd. 1, S. Fischer Verlag, Frankfurt am Main 2011, ISBN 978-3-10-007622-9, S. 449–814.
Forschungsliteratur
  • Matthias Egeler: Keltisch-mediterrane Perspektiven auf die altnordischen Walkürenvorstellungen. In: Wilhelm Heizmann, Klaus Böldl, Heinrich Beck (Hrsg.): Analecta Septentrionalia – Festschrift für Kurt Schier. (Ergänzungsband zum Reallexikon der Germanischen Altertumskunde, 65). de Gruyter, Berlin/ New York 2009, ISBN 978-3-11-021870-1, S. 393–466.
  • Matthias Egeler: Walküren, Bodbs, Sirenen. Gedanken zur religionsgeschichtlichen Anbindung Nordwesteuropas an den mediterranen Raum. (Ergänzungsband zum Reallexikon der Germanischen Altertumskunde, 71). de Gruyter, Berlin/ New York 2011, ISBN 978-3-11-024660-5.
  • Russell Poole: Walkürenlied. In: Heinrich Beck, Dieter Geuenich, Heiko Steuer (Hrsg.): Reallexikon der Germanischen Altertumskunde Bd. 33, de Gruyter, Berlin/ New York 2006, ISBN 3-11-018388-9, S. 142–143.
  • Klaus von See: Das Walkürenlied. In: Beiträge zur Geschichte der deutschen Sprache und Literatur.  81, 1959, S. 1–15.
  • Klaus von See, Beatrice La Farge, Wolfgang Gerhold, Debora Dusse, Eve Picard. Katja Schulz: Kommentar zu den Liedern der Edda. Bd. 4: Heldenlieder (Helgakviða Hundingsbana I, Helgakviða Hiörvarðssonar, Helgakviða Hundingsbana II). Universitätsverlag Winter, Heidelberg 2004, ISBN 3-8253-5007-X.
  • Rudolf Simek, Hermann Pálsson: Lexikon der altnordischen Literatur. Kröner, Stuttgart 1987, ISBN 3-520-49002-1.
  • Heiko Uecker: Darraðarljóð. In: Heinrich Beck, Herbert Jankuhn, Kurt Ranke, Reinhard Wenskus (Hrsg.): Reallexikon der Germanischen Altertumskunde Bd. 5, de Gruyter, Berlin/ New York 1984, ISBN 3-11-085110-5, S. 254–256.
  • Jan de Vries: Altnordische Literaturgeschichte. (Grundriss der germanischen Philologie, 15/16). 3., unveränd. Aufl. in einem Bd. mit einem Vorw. von Stefanie Würth. de Gruyter, Berlin/ New York 1999, ISBN 3-11-016330-6.

Weblinks[Bearbeiten]

Anmerkungen[Bearbeiten]

  1. Rudolf Simek, Hermann Pálsson: Lexikon Der Altnordischen Literatur. Kröner, Stuttgart 1987, S. 54.
  2. Heiko Uecker: Darraðarljóð. In: Reallexikon der Germanischen Altertumskunde Bd. 5, de Gruyter, Berlin/ New York 1984, S. 254.
  3. Russell Poole: Walkürenlied. In: Reallexikon der Germanischen Altertumskunde Bd. 33, de Gruyter, Berlin/ New York 2006, S. 142.
  4. Rudolf Simek, Hermann Pálsson: Lexikon Der Altnordischen Literatur. Kröner, Stuttgart 1987, S. 259.