Das Mädchen, das die Seiten umblättert

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Filmdaten
Deutscher Titel Das Mädchen, das die Seiten umblättert
Originaltitel La Tourneuse de pages
Produktionsland Frankreich
Originalsprache Französisch
Erscheinungsjahr 2006
Länge 85 Minuten
Altersfreigabe FSK 12
Stab
Regie Denis Dercourt
Drehbuch Denis Dercourt
Produktion Michel Saint-Jean
Musik Jérôme Lemonnier
Kamera Jérôme Peyrebrune
Schnitt François Gédigier
Besetzung

Das Mädchen, das die Seiten umblättert (Originaltitel: La Tourneuse de pages) ist ein französisches Filmdrama aus dem Jahr 2006. Der Thriller des klassischen Musikers und filmischen Quereinsteigers Denis Dercourt verfolgt die Geschichte eines Racheplans in der Welt der Kammermusik.

Handlung[Bearbeiten]

Die zehnjährige Mélanie ist eine talentierte Klavierspielerin aus einer bürgerlichen Familie, die an der Aufnahmeprüfung eines Konservatoriums teilnimmt. Das Mädchen spielt zunächst fehlerfrei und sicher. Doch während ihrer Darbietung winkt die Vorsitzende der Jury, die Pianistin Ariane Fouchécourt, eine Bewunderin heran, um deren Autogrammwunsch zu erfüllen. (Den ersten Versuch der Autogrammjägerin, vor dem Vorspiel und noch auf dem Flur, hatte Ariane Fouchécourt hochnäsig abgelehnt: „Danke, aber im Moment passt es ganz schlecht“.) Diese Taktlosigkeit bringt das Mädchen aus dem Spiel; sie setzt das Vorspielen fort, macht aber mehrere Fehler und fällt durch. Schweigsam, voller Aggression und ihre Tränen noch unterdrückend tritt sie ab. Zuhause verschließt sie das Klavier und stellt ihre kleine Beethoven-Büste in den Schrank.

Ein Jahrzehnt später absolviert die erwachsene Mélanie ein Praktikum in einer Anwaltskanzlei. Das Klavierspielen hat sie aufgegeben. Ihr Chef Jean Fouchécourt sucht jemanden, der während der Ferien seinen minderjährigen Sohn betreut. Mélanie bietet sich an und lernt so die Frau des Anwalts kennen – es ist Ariane, die Mélanies Traum vom Konservatorium zunichtegemacht hatte. Sie erkennt das junge Mädchen aber nicht wieder.

In der Villa auf dem Land kümmert sich Mélanie nicht nur um Tristan, den Sohn der Fouchécourts, sondern blättert auch für dessen Mutter beim Proben als Notenwenderin die Notenblätter um. Die Pianistin, die Teil eines Trios ist, hat in der nächsten Woche einen wichtigen Rundfunk-Auftritt, leidet aber seit einem Auffahrunfall, bei dem der Verursacher Fahrerflucht beging, an ausgeprägtem Lampenfieber. Die Geigerin des Trios merkt Ariane gegenüber an, Mélanie schaue sie mit „Intensität“ an. Mélanies Unterstützung gibt Ariane Sicherheit und sie bittet das Mädchen, sie auch beim Auftritt zu unterstützen. Dieser wird ein Erfolg für das Trio. Nach der Veranstaltung küsst Mélanie die Pianistin zärtlich neben den Mund.

Arianes Ehemann tritt anschließend eine Geschäftsreise an und lässt Frau und Sohn auf dem weitläufigen Grundstück mit Mélanie allein zurück. Am Schwimmbecken fallen Ariane die Reize des Mädchens auf. Während eines Versteckspiels kommt es zu subtilen Annäherungen; beim gemeinsamen Kauf eines Kleides sieht sie Mélanie beim Umziehen zu. Als Ariane einen weiteren Auftritt hat, entfernt sich Mélanie kurz vor Beginn; die Pianistin erlebt ein Fiasko. Der Agent des Trios trennt sich von den Künstlern. Mélanie tröstet Ariane.

Am Abend vor ihrem Abschied bittet Mélanie die Pianistin um ein Autogramm. Ariane gesteht ihr auf der Rückseite des Bildes ihre Liebe und bringt ihren Wunsch nach einem Wiedersehen zum Ausdruck. Am nächsten Morgen steckt Mélanie das Autogramm mit der Liebesbekundung zum Poststapel auf dem Schreibtisch des verreisten Gatten und verlässt vorzeitig die Villa. Nach seiner Rückkehr findet Arianes Mann die Karte und zeigt sie seiner Frau, die daraufhin in Ohnmacht fällt. Zuletzt sieht man Mélanie zufrieden zum Bahnhof laufen.

Hintergrund[Bearbeiten]

Der Regisseur Denis Dercourt gibt hier sein Debüt und stammt selbst aus der Welt der Musik; seine Mutter unterrichtete Klavier, er ist Bratschist und lehrt seit 1995 am Straßburger Konservatorium.[1] Das merkt man an der Bedeutung der Musik in der Geschichte und an der Verwendung von Instrumenten und eines Metronoms innerhalb der Handlung.[2] Die Darsteller spielten die Instrumente selbst. „Umblätterer“ gibt es tatsächlich, vor allem in der Kammermusik.[3] Dercourt trug Déborah François auf, für die Rolle der Mélanie Filmwerke zu studieren – unter anderem Alles über Eva (1950), in dem zwei Theaterschauspielerinnen um Erfolg konkurrieren, Teorema, wo ein Besucher Existenzen zum Einsturz bringt, und die Werke Claude Chabrols[4].

Besprechungen und Kritik[Bearbeiten]

Kaum ein Kritiker, der sich bei diesem Film nicht an Chabrol erinnert fühlte,[5] an seine Psychodramen und -krimis, welche die Erstarrung der ländlichen französischen Bourgeoise sezieren.[6] Zudem ist Mélanies Vater Metzger, wie in Chabrols Der Schlachter. Oft wurde das Werk als Thriller bezeichnet.[7]

Eine Gemeinsamkeit zwischen der Musik und dem Filmschaffen sah Regisseur Dercourt in der Abwechselung von Spannung und Entspannung.[3] Die Kritik attestierte ihm eine präzise, glasklare, kühle, schlichte und darin fast brutale Erzählweise.[8] Sie vermittle ein direktes Gefühl für die Bedeutung der Disziplin in der Musik,[9] die denn auch in diesem Film dramaturgisch geschickt eingesetzt werde.[10] Wohl sei die Erzählung formelhaft und ritualisiert,[9] lehne sich an Vorbilder nicht nur Chabrols an. Dercourt meint dazu, ein Genrefilm sei mit seinen Regeln wie ein klassisches Musikstück, aus dem man freiere Formen erschaffen kann; er fühle sich durch die Vorgaben entlastet.[3]

Dennoch verfügt der Film über überraschende Handlungswendungen.[11] Manche schätzten, dass keine Eindeutigkeit der Motive geschaffen wird, sondern ein Schweben zwischen widersprüchlichen Gefühlen von Zärtlichkeit und Brutalität, Liebe und Rache, und dass sich der Film genremäßig nicht festlegen lässt.[12] Daher wurde auch Bedauern geäußert, dass ein zu klarer Schluss den Zwischentönen in Stimmung, Thema und Genre ein Ende bereitet.[13] Gefunden wurden auch Leidenschaftlichkeit[10] und Sinnlichkeit, die sich atmosphärisch statt in Kuss- und Bettszenen aufbauten.[2] Die Bilder seien asketisch und monochrom.[11]

Bei der Führung der Schauspieler ist für Dercourt das Tempo und das äußerlich Sichtbare, Körperliche für die Vermittlung innerer Zustände entscheidend. Er erklärte auch, die Spannungsmomente seien sehr unterkühlt gefilmt.[3] Gemäß Kritik kommen die Gefühle der Figuren in „stummen Gesten, ahnungsvollen Blicken, sprechenden Andeutungen“ zum Vorschein, was mit der klaren Erzählstruktur kontrastiert.[11] Die Leistungen des gesamten Ensembles erhalten Lob.[11] Deborah François spiele Mélanie sehr zurückgenommen und minimalistisch.[9] Mélanie erzählt kaum etwas über sich selbst, bleibt ein stummer, geduldiger Schatten, der höflich lächelt und keine Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen sucht.[13] Dahinter lauert ein obsessiver Charakter,[14] der geschickt und gekonnt sein Opfer erlegt.[11]

Mélanies Wie-du-mir-so-ich-dir besteht erstens aus einem verpatzten musikalischen Auftritt und zweitens aus der Zerstörung eines Lebensentwurfs. Es sei leicht, so die Kritik, mit ihrer „distingierten“,[14] „schönen“[2] Rache zu sympathisieren, weil sie erfrischend anarchisch ausfalle.[9] Mélanie lässt Ariane in Unwissenheit darüber, warum sie das alles angerichtet hat, was die Rache gemäß Dercourt noch viel grausamer macht.[3] Als die ehemalige Musikaspirantin Mélanie am Ende stolz über die Landstraße wandert, spüre man, dass sie es noch weit bringen wird.[14] „Ihr Anschlag war perfekt.“ [2]

Neben dem verpatzten Auftritt, der durch Mélanie geschehen ist, könnte ein weiteres Ziel ihrer Rachegedanken gewesen sein, dem kleinen Sohn des Ehepaares Schaden zuzufügen. Kaum dass sie feststellt, wie gerne Tristan das Klavierspielen übt, fordert sie ihn auf, ein sehr schweres Stück einzustudieren. Tristan verweist zwar auf die Mahnung seiner sachkundigen Mutter, jetzt schon so schwere und schnelle Stücke zu spielen sei verfrüht und könne eine Sehnenscheidenentzündung nach sich ziehen, aber Mélanie stimuliert seinen Ehrgeiz, indem sie ihm dies als Geheimnis aufdrängt. Zudem solle das Stück als Überraschung für seinen Vater dienen. Sowohl zwischendurch, als auch gegen Ende der Geschichte klagt Tristan über Schmerzen im Arm. Ein zweiter Hinweis auf ein solches Ziel findet sich in einer Szene im häuslichen Schwimmbecken. Tristan stoppt die Zeit, die er ohne Luftholen unter Wasser bleiben kann. Mélanie, die ihm dabei mit der Stoppuhr assistiert, drückt einmal bei Erreichen seiner Bestzeit seinen Kopf noch weitere Sekunden unter Wasser. Erst nach panischem Zappeln lässt sie ihn auftauchen. Sein Entsetzen darüber fängt sie sofort ab, indem sie ihn ob seiner gesteigerten Leistung lobt.

Schließlich ergibt sich für Mélanie die Möglichkeit, Arianes Ehe und damit ihren materiellen Wohlstand zu zerstören, indem sie dem Ehemann das Autogramm mit der Liebesbekundung in den Poststapel schiebt. Die Idee, ihre Vergeltung auf diese Weise zu üben, kann Mélanie aber erst in der Nacht vor ihrer heimlichen Abreise gekommen sein. Erst mit dem Text auf der Rückseite der Autogrammkarte, der u. a. den Satz „Je vous aime“ enthält, macht dieser Gedanke einen Sinn. Das Autogramm hätte im Allgemeinen auch ganz wertneutral ausfallen können. Die Autogrammkarte, die Ariane am späten Abend unter Mélanies Zimmertüre durchschiebt, ist nicht dieselbe, die sie zwei Einstellungen zuvor zu beschreiben begonnen hatte, da die Anrede anders platziert ist und das Schriftbild variiert. Ob dies ein „Filmfehler“ ist oder Ariane eine weitere Karte verwendet hatte, bleibt jedoch unklar.

Auszeichnungen[Bearbeiten]

Der Film wurde für folgende Preise nominiert:

César 2007

Literatur[Bearbeiten]

Kritikenspiegel[Bearbeiten]

Positiv

  • epd Film vom Mai 2007 (sehr positive Besprechung, lobt Raffinesse des Drehbuchs)
  • Der Spiegel Nr. 18/ 2007 (positive Kurzkritik, erwähnt Raffinesse von Inszenierung und Musikeinsatz)
  • Die Welt vom 3. Mai 2007 (bewundert die leise, strenge Eleganz des Werks)
  • Frankfurter Allgemeine Zeitung vom 3. Mai 2007 (sehr positiv; findet „Töne und Nuancen, die es so wohl nur im französischen Kino“ gäbe)
  • Frankfurter Rundschau vom 3. Mai 2007 (sehr positiv, erkennt eine hohe Kunst gerade in der perfekten Ausführung der Regeln des Genres)
  • Neue Zürcher Zeitung vom 9. Februar 2007 (zustimmende Kritik, welche die präzise Inszenierung und die Darstellung hervorhebt)

Eher positiv

  • taz vom 3. Mai 2007 (tendenziell positiv, lobt soziale Beobachtung und Spannung, bedauert aber, dass spannungserzeugende Ambivalenz durch überdeutliches Ende verloren geht)

Weblinks[Bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. vgl. epd Film Mai 2007; Dercourt in der Berliner Zeitung, 3. Mai 2007; Frankfurter Rundschau, 3. Mai 2007
  2. a b c d Frankfurter Allgemeine Zeitung, 3. Mai 2007, S. 36: Beethoven im Schrank
  3. a b c d e Denis Dercourtt im Gespräch mit der Berliner Zeitung, 3. Mai 2007, S. K02:
  4. vgl. Matthias Lerf: Zerstörerische Blondine. In: SonntagsZeitung, 28. Januar 2007, Kultur, abpfiff, S. 51; Libération, 19. Oktober 2005: Cette force de Sonia, j'aimerais en garder un peu
  5. vgl. epd Film Mai 2007; FAZ, 3. Mai 2007; Frankfurter Rundschau, 3. Mai 2007; NZZ, 9. Februar 2007; taz 3. Mai 2007
  6. Frankfurter Rundschau, 3. Mai 2007; taz 3. Mai 2007;
  7. vgl. epd Film Mai 2007; Der Spiegel Nr. 18/ 2007; Die Welt 3. Mai 2007; taz 3. Mai 2007
  8. vgl. epd Film Mai 2007; Frankfurter Rundschau, 3. Mai 2007; NZZ, 9. Februar 2007
  9. a b c d Frankfurter Rundschau, 3. Mai 2007, S.42: Die falsche Seite
  10. a b Der Spiegel Nr. 18 vom 30. April 2007, S. 165
  11. a b c d e Neue Zürcher Zeitung, 9. Februar 2007, S. 49: Kalte weibliche Rache in Moll
  12. Neue Zürcher Zeitung, 9. Februar 2007, taz, 3. Mai 2007, vgl. auch Der Spiegel, 30. April 2007, demzufolge Mélanie „eher zufällig“ zur Umblätterin wird.
  13. a b taz, die tageszeitung, 3. Mai 2007, S. 16: Messerscharfes Klavierspiel
  14. a b c Die Welt, 3. Mai 2007, S. 29: Kühle Rache