Das Märchen (Goethe)

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Goethes Märchen ist ein Kunstmärchen. Es erschien erstmals 1795 in der von Friedrich Schiller herausgegebenen Zeitschrift Die Horen als letzter Beitrag zu Goethes Novellenzyklus Unterhaltungen deutscher Ausgewanderten.

Inhalt[Bearbeiten]

Figuren[Bearbeiten]

  • Fährmann
  • Zwei Irrlichter
  • Grüne Schlange
  • Schöne Lilie
  • Gewaltiger Riese
  • Goldener König
  • Silberner König
  • König aus Erz
  • König aus Gold, Silber und Erz
  • Alter
  • Alte
  • Jüngling
  • Habicht
  • drei Mädchen
  • Volk

Handlung[Bearbeiten]

Eingebettet in die Rahmenhandlung der Unterhaltungen deutscher Ausgewanderten wird das Märchen vom alten Geistlichen, dem Hausfreund der Baronesse, erzählt. Schauplatz des Märchens ist eine erst allmählich erkennbare antike Landschaft, die durch einen Fluss geteilt ist. Überquert werden kann dieser nur durch den Fährmann, die Schlange, wenn sie sich am Mittag in eine Brücke verwandelt und den abendlichen Schatten eines gewaltigen Riesen. Unterirdisch befindet sich nahe dem Fluss in einer gebirgigen Gegend ein Tempel, der vier Könige in Form von Statuen beherbergt.

Neben einer Alten, die einen toten Mops zu beklagen und außerdem Schulden beim Fährmann hat, machen sich auch die grüne Schlange und ein Jüngling auf den Weg zur schönen Lilie. Diese vermag es, durch bloße Berührung Totes lebendig zu machen und Lebendiges zu töten. Die schöne Lilie hat den Tod ihres geliebten Kanarienvogels zu betrauern und der Jüngling richtet sich selbst durch die freiwillige Berührung der schönen Lilie, die er liebt. Um beide zu retten, opfert sich die grüne Schlange auf. Aus ihren Überresten entsteht eine dauerhafte Brücke über den Fluss. Außerdem setzt sich der unterirdische Tempel in Bewegung, unterquert den Fluss und steigt am gegenüberliegenden Flussufer auf und nimmt die Hütte des Fährmanns als Altar in sich auf. Der Jüngling wird zum König ernannt und nimmt die schöne Lilie zu seiner Frau. Das Volk ist begeistert, drängt in den Tempel und bestaunt dort seinen König, seine Königin und deren Gefolge.

Hinweise zum Verständnis[Bearbeiten]

Historischer Hintergrund[Bearbeiten]

Historischer Hintergrund des 1795 erschienen Märchens ist die Französische Revolution sowie alle despotischen Herrschaftsformen von der Antike bis Ludwig XVI..

Interpretationsansätze[Bearbeiten]

Seit das Märchen 1795 erschienen ist, sind unzählige Interpretationen entstanden, die sich nicht selten grundlegend widersprechen. Einen Überblick über die verschiedenen Interpretationsansätze gibt eine von André Renis erarbeitete Übersicht.[1]

Schauplatz[Bearbeiten]

Aufgrund deutlicher Hinweise im Märchen sind sich einige Interpretationsansätze darin einig, dass das antike Rom mit Fähre, Gianicolo (Janiculum) und dem Pantheon das reale Vorbild für den Schauplatz des Märchens ist.

Titel[Bearbeiten]

Dem Titel "Märchen" kommt in vielerlei Hinsicht besondere Aufmerksamkeit zu. Zum einen ist es die einzige Erzählung aus den Unterhaltungen deutscher Ausgewanderten, die Goethe mit einer eigenen Überschrift versehen hat.

Zum anderen ist der Titel "Märchen" dahingehend außergewöhnlich, dass ihm im Erstdruck kein Artikel vorangestellt ist. Betrachtet man jedoch die Titel einiger weiterer Werke Goethes, wie beispielsweise die Novelle oder die Ballade, so kann dem Autor eine gewisse Absicht in der Auslassung unterstellt werden.

Einen gänzlich neuen Interpretationsansatz den Titel betreffend liefert „MYTHOS. Goethes Märchen ausgelegt“. Denn dieser Interpretation zufolge handelt es sich bei Goethes Märchen um einen Mythos. Bedeutet Märchen übersetzt ins attische Griechisch doch Μυθος, welcher im Griechischen seit dem 5. Jahrhundert v. Chr. die Bedeutung von Märchen hat.

Literatur[Bearbeiten]

  • Friedrich Schiller: Die Horen. Cottaische Buchhandlung, Tübingen 1795 (Fotomechanischer Nachdruck des Exemplars der Cotta’schen Handschriftensammlung im Schiller-Nationalmuseum Marbach am Neckar. Wissenschaftliche Buchgesellschaft, Darmstadt 1959.)
  • Friedrich Ohly: Römisches und Biblisches in Goethes Märchen. In: Ders.: Ausgewählte und neue Schriften zur Literaturgeschichte und Bedeutungsforschung. Stuttgart 1995, S. 217–235 [zuerst in ZfdA 1961].
  • Norbert Oellers: "Wirkung einer Beurtheilung der Form im Spiele vieler Empfindungen": Goethes Mährchen, entmaterialisiert. In: Romantik und Volksliteratur. Hrsg. von Lothar Bluhm und Achim Hölter. Heidelberg 1999, S. 17–30.
  • Hans Laufenberg, Jochen Klaus (Hrsg.): Mythos. Goethes Märchen ausgelegt. Freundeskreis des Goethe Nationalmuseums e.V., Weimar 2009, ISBN 978-3-00-027766-5.
  • Christian Clement: "Offenbares Geheimnis" oder "geheime Offenbarung"? Goethes Märchen und die Apokalypse. In: Goethe-Yearbook 17 (2010), S. 239–257.
  • Lothar Bluhm: 'feindliche Übernahme'. Anmerkungen zur Apokalypse-Rezeption in Goethes Mährchen. In: Die deutsche Sprache, Kultur und Literatur in polnisch-deutscher Interaktion. Hrsg. von Franciszek Grucza u.a. Warschau 2011, S. 273–286.

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. André Renis: Tabelle (PDF; 142 kB) auf: goethe-mythos.de, 1997.

Weblinks[Bearbeiten]

 Wikisource: Das Mährchen (Goethe) – Quellen und Volltexte