Das Waldhaus

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Das Waldhaus ist ein Märchen (ATU 431). Es steht in den Kinder- und Hausmärchen der Brüder Grimm ab der 4. Auflage von 1840 an Stelle 169 (KHM 169).

Inhalt[Bearbeiten]

Ein armer Holzhauer trägt, als er zur Arbeit geht, seiner Frau auf, ihm von der ältesten Tochter Mittagessen bringen zu lassen. Als diese nicht kommt, lässt er am nächsten Tag die zweite und dann die jüngste schicken. Beim ersten Mal streut er Hirsekörner als Wegmarkierung aus, beim zweiten Mal Linsen und dann Erbsen. Aber alle Töchter verirren sich im Wald, weil die Vögel die Körner aufpicken. Jede bittet bei einem alten Mann in einem Waldhaus um Unterkunft. Der fragt erst seine Tiere, ein Hühnchen, ein Hähnchen und eine Kuh, und lässt die Mädchen Essen kochen. Die beiden älteren essen mit ihm und wollen dann schlafen. Die Tiere beklagen die Vernachlässigung. Der Alte schickt sie dennoch in eine Schlafkammer. Als er sie schlafend findet, lässt er sie durch eine Falltür in den Keller sinken. Nur die jüngste versorgt auch die Tiere. Am nächsten Morgen erwacht sie in einem Schloss mit drei Dienern und einem Königssohn, die sie von einer Verwünschung erlöst hat. Sie heiratet den Königssohn und die älteren Töchter werden zur Besserung als Mägde zu einem Köhler geschickt.

Stilistische Besonderheiten[Bearbeiten]

Der Alte fragt immer wieder seine Tiere:

„Schön Hühnchen,
Schön Hähnchen
Und du schöne bunte Kuh,
Was sagst du dazu?“

Die Tiere antworten zuerst nur „Duks!“. Als die älteren Töchter sich schlafen legen wollen, sagen die Tiere:

„Du hast mit ihm gegessen,
Du hast mit ihm getrunken,
Du hast an uns gar nicht gedacht,
Nun sieh auch, wo du bleibst die Nacht.“

Die dreimalige Wiederholung „Du hast“ klingt dabei wie eine Anklage. Am Schluss heißt es dagegen:

„Du hast mit uns gegessen,
Du hast mit uns getrunken,
Du hast uns alle wohlbedacht,
Wir wünschen dir eine gute Nacht.“

Die Geschichte erinnert an viele andere Märchen, in denen sich ein Kind im dunklen Wald verirrt,ein einsames Haus vorkommt oder ein verwunschener Königssohn erlöst wird, was stets durch Güte und Rechtschaffenheit gelingt. Typisch sind auch die dreifachen Wiederholungen.

Herkunft und Anmerkungen[Bearbeiten]

Wilhelm Grimm bearbeitete das von Karl Goedeke zu Delligsen bei Alfeld nach mündlicher Überlieferung aufgeschriebene Zaubermärchen. Ihm gefiel die Schilderung des Zusammenlebens von Menschen und Haustieren, wie es die alte Thiersage voraussetzt. Neuer sei deren Auffassung als verwandelte Menschen, hier zur Prüfung des Mädchens wie in KHM 24 Frau Holle. Zur verlorenen Spur im Wald vgl. KHM 15 Hänsel und Gretel, KHM 40 Der Räuberbräutigam, zur Prüfung auch KHM 13 Die drei Männlein im Walde, KHM 135 Die weiße und die schwarze Braut, KHM 201 Der heilige Joseph im Walde.

Auch Lutz Röhrich kam zu der Auffassung, dass Verwandlungen nur eine spätere Rationalisierung der ursprünglichen Einheitsvorstellung von Mensch und Tier sind.[1] Der Alte mit dem eisgrauen Bart könnte wie Frau Holle ein Hinweis auf den Herr der Tiere aus schamanistischen Glaubensvorstellungen sein. Der eigens eingerichtete Märchentyp AaTh 431 wurde aber nur im deutschsprachigen Raum gefunden, scheint also recht jung zu sein. Dafür spricht auch die offenbar christliche Umdeutung der Prüfung und der Tiergefährten als Haustiere.

Interpretation[Bearbeiten]

Der alte Mann wird oft als Sinnbild der Weisheit aufgefasst. Er fragt seine Tiere um Rat, obwohl sie zunächst nur Laute von sich geben. Sie stehen eher für Instinkte, die dem Verstand dienen, die aber auch geachtet und gepflegt werden wollen. Er lebt offenbar einsam, sein Verhalten und die Beschreibung seines Bartes als eisgrau deuten auf eine Starre und Kälte hin, umgeben von der Dunkelheit und ungezähmten Wildheit des nächtlichen Waldes. Sowohl der Keller unter der Erde als auch der Köhler stellen einen gewissen Hinweis auf die Hölle dar, während die gute Seele in einem weiten und hellen Saal erwacht.

Als Naturgeist fordert der Greis Rücksicht auf die tierische Erbmasse, als Mann Hingabe. In anderen Märchen ist er selbst ein Tier (KHM 88). So wie die Tochter (Anima) den Schaden der Hexe (nefaste Mutter) ausgleicht, wandelt sich das Vaterbild zum Sohn (Animus). Auch in Schneewittchen löst der Prinz die Zwerge ab, für die in Varianten ein Greis steht.[2]

Theater[Bearbeiten]

  • Ihre Uraufführung erlebte die von Angelika & Ralph Langlotz für die Bühne erarbeitete Märchenkomödie mit Musik von Benny Oschmann am 4. Dezember 2010 in der Regie von Ralph Langlotz, gespielt von der kleinen bühne 70 in Kassel

Literatur[Bearbeiten]

  •  Jacob Grimm, Wilhelm Grimm: Kinder- und Hausmärchen. Vollständige Ausgabe. Mit 184 Illustrationen zeitgenössischer Künstler und einem Nachwort von Heinz Rölleke. 19. Auflage. Artemis & Winkler, Düsseldorf / Zürich 2002, ISBN 3-538-06943-3, S. 709–713.
  •  Jacob Grimm, Wilhelm Grimm, Heinz Rölleke (Hrsg.): Kinder- und Hausmärchen. Mit einem Anhang sämtlicher, nicht in allen Auflagen veröffentlichter Märchen und Herkunftsnachweisen. 1. Auflage. Band 3: Originalanmerkungen, Herkunftsnachweise, Nachwort, Reclam, Stuttgart 1980, ISBN 3-15-003193-1, S. 257–258, 506, DNB 810261138.
  •  Hans-Jörg Uther: Handbuch zu den „Kinder- und Hausmärchen“ der Brüder Grimm. Entstehung, Wirkung, Interpretation. de Gruyter, Berlin / New York 2008, ISBN 978-3-11-019441-8, S. 350–351.
  • Röhrich, Lutz: Dienst beim Dämon. In: Enzyklopädie des Märchens. Band 3. S. 655–657. Berlin, New York, 1981.
  • Tomkowiak, Ingrid: Haus im Walde. In: Enzyklopädie des Märchens. Band 6. S. 594–599. Berlin, New York, 1990.
  •  Walter Scherf: Das Märchenlexikon. Beck, München 1995, ISBN 3-406-39911-8, S. 1354–1357, DNB 944277616.
  •  Ortrud Stumpfe: Die Symbolsprache der Märchen. 7. Auflage. Aschendorffsche Verlagsbuchhandlung, Münster 1992, ISBN 3-402-03474-3, S. 42–43, 178, DNB 930740475.

Weblinks[Bearbeiten]

 Wikisource: Das Waldhaus – Quellen und Volltexte

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. Röhrich, Lutz: Märchen und Wirklichkeit. Zweite erweiterte Auflage. S. 88–92. Wiesbaden 1964. (Franz Steiner Verlag GmbH)
  2. von Beit, Hedwig: Gegensatz und Erneuerung im Märchen. Zweiter Band von «Symbolik des Märchens». Zweite, verbesserte Auflage, Bern 1956. S. 12–14. (A. Francke AG, Verlag)