Datierung der Kreuzigung Jesu

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Die Datierung der Kreuzigung Jesu ist ein Spezialproblem der Historischen Jesusforschung. Es ergibt sich aus unterschiedlichen Darstellungen im Neuen Testament: Jesus von Nazareth wurde nach allen Evangelien an einem jüdischen Pessach unter dem römischen Statthalter Pontius Pilatus in Jerusalem gekreuzigt. Das Todesjahr ist nicht angegeben und kann nur aus anderen Angaben näher eingegrenzt werden. Auch der Todestag Jesu ist fraglich: Die Synoptiker legen ihn auf den Hauptfesttag des Pessach, einen 15. Nisan, das Johannesevangelium dagegen auf den Vortag, einen 14. Nisan.[1]

Bestimmung des Jahres[Bearbeiten]

Die Datierungsversuche beruhen üblicherweise auf den folgenden Größen: die kanonischen Evangelien, die Lebensdaten des Apostels Paulus, verschiedene römische, jüdische und christliche Quellen sowie astronomische Modelle. Als jüdischer Feiertag ist Passa eng mit den Mondphasen verbunden. Maßgeblichen Einfluss auf die Datierungsversuche hatten deswegen kalendarisch-astronomische Berechnungen möglicher Passa-Daten.[2]

So lässt sich das Kreuzigungsjahr mit Sicherheit auf die Zeitspanne von 29–35 n. Chr. eingrenzen.[3][4][5][6] Eusebius brachte die Finsternis bei der Kreuzigung mit dem 18. Regierungsjahr des Kaisers Tiberius und dem Erdbeben zusammen. Da Tiberius (* 42 v.; † 37 n.) den Thron im Jahr 14 n. Chr. bestieg, fiel sein 18. Regierungsjahr auf das Jahr 32 oder – wenn man den jüdischen Kalender in Anschlag bringt – zwischen Frühjahr 32 und Frühjahr 33.[7] Auch die Verfinsterung, die Phlegon von Tralleis erwähnt, bringt uns ins Jahr 32 oder 33. Denn das vierte Jahr der 202. Olympiade reichte vom Sommer 32 bis in den Sommer 33, und die erste Olympiade wurde 776 v. Chr. durchgeführt und danach jeweils im Abstand von vier Jahren.

Paul Maier argumentiert ebenfalls für eine Eingrenzung auf die die Jahre 32–33 n. Chr., weil Johannes der Täufer im Jahr 29 oder 30 zu wirken begonnen habe und Jesus von da an gezählt bei seinem vierten Passafest hingerichtet worden sei (Joh 2,13 EU, Joh 6,4 EU, Joh 11,55 EU).[8]

Bestimmung des Wochentags[Bearbeiten]

Über das genaue Datum sind sich Historiker und Neutestamentler uneins. Das liegt daran, dass zur Zeit Jesu ein auf Beobachtung beruhender Jüdischer Kalender in Gebrauch war. Für die Festlegung des Passa musste nicht nur der Tag des Neumondes, sondern auch das Reifwerden der Gerstenernte festgestellt werden. Darum war manchmal sogar der Monat unsicher, in welchem das Passa stattfinden sollte.[9][10][11]

Einig sind sich die Evangelien darin, dass die Kreuzigung am Vortag eines Sabbat am oder nahe bei Pessach (15. Nisan) stattfand. Das wäre nach heutiger Benennung ein Freitag gewesen. Er gilt als am wahrscheinlichsten,[12] aber ein Donnerstag oder ein Mittwoch wurde in der Forschung auch schon erwogen.[13] Einige Wissenschaftler erklären die „Kreuzigung am Donnerstag“ aufgrund eines „doppelten Sabbats“, der dadurch entstand, dass ein zusätzlicher Passa-Sabbat auf Donnerstagabend bis Freitagnachmittag gefallen sei, vor den normalen wöchentlichen Sabbat.[14][15]

Kalendarisch-astronomische Berechnung[Bearbeiten]

Sir Isaac Newton untersuchte 1733 den damaligen jüdischen und julianischen Kalender sowie die Lage der jüdischen Festtage zur Tag-und-Nacht-Gleiche im Herbst.[16][17] Auf dieser Grundlage nahm Newton einen Freitag am 14. Tag des Monats Nisan als Tag der Kreuzigung an. Aufgrund einer Regel, die einige Feiertage auf den jeweiligen Schabat verschob, um nicht nacheinander mehrere Feiertage zu haben, fiel Newton zufolge der 14. Nisan im Jahr 31 auf Mittwoch, den 28. März, im Jahr 32 auf Montag, den 14. April, und nur in den Jahren 33 und 34 auf einen Freitag. Newton engte die in Frage kommenden Jahre zunächst auf 33 oder 34 ein und legte sich dann auf den 23. April 34 als wahrscheinlichstes Datum der Kreuzigung fest. Seine grundsätzliche Einschätzung wurde mit modernen Methoden bestätigt. Der Astronom und Experte für historische Kalender John Knight Fotheringham[18] bestätigte Newtons Kreuzigungsdatum auf ähnliche Weise.[19][20] Bradley E. Schaefer hingegen bestimmte Freitag, den 3. April 33 als wahrscheinlichstes Datum.[21] Der Unterschied zu Newton ergibt sich aus einer anderen Interpretation der Verschiebungsregel.[22]

Als wahrscheinlichste Daten der Kreuzigung gelten zumeist Freitag, der 7. April 30, Freitag, der 3. April 33 und Freitag, der 23. April 34 n. Chr.

Siehe auch[Bearbeiten]

Literatur[Bearbeiten]

  • Colin J. Humphreys, W. G. Waddington: Dating the Crucifixion. In: Nature. 306, Nr. 5945, Dezember 1983, S. 743–746.

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. Manfred Lang: Johannes und die Synoptiker: Eine redaktionsgeschichtliche Analyse von Joh 18-20 vor dem markinischen und lukanischen Hintergrund. Vandenhoeck & Ruprecht, Göttingen 1999, ISBN 3-525-53866-9, S. 200.
  2. Vgl. Theologische Realenzyklopädie. TRE, Art. Kreuz II, Bd. 19, de Gruyter, Berlin/ New York 2000, S. 716.
  3. Wolfgang Reinbold: Der Prozess Jesu. Vandehoeck & Ruprecht, Göttingen 2006, S. 79.
  4. Paul L. Maier: The Date of the Nativity and Chronology of Jesus. In: Jerry Vardaman, Edwin M. Yamauchi (Hrsg.): Chronos, kairos, Christos: nativity and chronological studies presented to Jack Finegan. Eisenbrauns, 1989, ISBN 0-931464-50-1, S. 113–129.
  5. Andreas J. Köstenberger, Scott L. Kellum: The Cradle, the Cross, and the Crown: An Introduction to the New Testament. 2009, ISBN 978-0-8054-4365-3, S. 114.
  6. Paul Barnett: Jesus & the Rise of Early Christianity: A History of New Testament Times. 2002, S. 19–21.
  7. Colin J. Humphreys, W. G. Waddington: Dating the Crucifixion. In: Nature. 306 (1983), S. 743–746.
  8. Paul L. Maier: The Date of the Nativity and Chronology of Jesus. In: Jerry Vardaman, Edwin M. Yamauchi (Hrsg.): Chronos, kairos, Christos: nativity and chronological studies presented to Jack Finegan. Eisenbrauns, 1989, ISBN 0-931464-50-1, S. 124.
  9. Babylonischer Talmud, Sanhedrin 10b und 11b.
  10. Paul L. Maier: Sejanus, Pilate, and the Date of the Crucifixion. In: Church History. Bd. 37/1 (1968), S. 3–13.
  11. Colin J. Humphreys: The Mystery of the Last Supper. Cambridge University Press, Cambridge 2011, ISBN 978-0-521-73200-0, S. 193.
  12. Wolfgang Reinbold: Der Prozess Jesu. Vandehoeck & Ruprecht, Göttingen 2006, S. 81.
  13. Andreas J. Köstenberger, L. Scott Kellum: The Cradle, the Cross, and the Crown: An Introduction to the New Testament. 2009, ISBN 978-0-8054-4365-3, S. 142f.
  14. Richard L. Niswonger: New Testament History. 1992, ISBN 0-310-31201-9, S. 167f.
  15. John McClintock, James Strong: Cyclopaedia of Biblical, theological, and ecclesiastical literature. Vol. 7 (1894) „... he lay in the grave on the 15th (which was a " high day" or double Sabbath, because the weekly Sabbath coincided...“
  16. J. P. Pratt: Newton's date for the crucifixion. In: Quarterly Journal of the Royal Astronomical Society. No. 32 (1991), S. 301–304.
  17. Colin J. Humphreys, W. G. Waddington: The Date of the Crucifixion. In: Journal of the American Scientific Affiliation. No. 37, S. 45 (März 1985).
  18. John K. Fotheringham: On the smallest visible phase of the moon. In: Monthly Notices of the Royal Astronomical Society. 70, London 1910, S. 527–531.
  19. John K. Fotheringham: Astronomical Evidence for the Date of the Crucifixion. In: Journal of Theological Studies. 12, Oxford 1910, S. 120–127.
  20. John K. Fotheringham: The Evidence of Astronomy and Technical Chronology for the Date of the Crucifixion. In: Journal of Theological Studies. 35, Oxford 1934, S. 146–162.
  21. B. E. Schaefer: Lunar Visibility and the Crucifixion. In: Journal of the Royal Astronomical Society. Vol. 31/1 (1990), S. 53–67.
  22. J. P. Pratt: Newton's date for the crucifixion. In: Quarterly Journal of the Royal Astronomical Society. No. 32 (1991), S. 301–304.