Daumenkino

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Daumenkino
Der Kineograph (1868)

Ein Daumenkino ist ein Abblätterbuch, das sich – wie das Kino – den Stroboskopeffekt zunutze macht und dem Betrachter ermöglicht, eine Sequenz von Einzelbildern als fortlaufende Bildfolge zu betrachten. Durch das schnelle Abblättern einer Ansammlung zusammengehöriger Phasenbilder entsteht im Gehirn die Illusion einer vollständigen Bewegung. Die rezipierte Geschichte ist vom Betrachter im Hinblick auf die Geschwindigkeit interaktiv beeinflussbar. Gut gemachte Daumenkinos sind in diesem Zusammenhang gleichermaßen ein haptischer wie intellektueller Genuss. Das Daumenkino kann als Vorläufer der kinematographischen Projektion angesehen werden.

Bezeichnung[Bearbeiten]

Zur Bezeichnung in anderen Ländern: flip book (von „to flip over“ bzw. „flip through“ - meint: „blättern“) ist die amerikanische Bezeichnung, sie ist ebenfalls in Frankreich gebräuchlich (man verwendet dort aber auch „Folioscope“ oder „Kineograph“ als Bezeichnung). In Großbritannien sagt man „flick book“ oder „Flicker Book“. In Deutschland waren früher die Bezeichnungen „Abblätterbuch“ und „Taschenkino“ gebräuchlich, inzwischen hat sich aber das Wort "Daumenkino" mehrheitlich durchgesetzt. Den eindeutigen Bezug zum Kino kann man bereits in weiteren älteren anglo-amerikanischen Bezeichnungen finden, wie „thumb cinema“, „flip movie“, „fingertip movie“, „living picture book“ usw.

Geschichte[Bearbeiten]

Erste nach heutigem Empfinden daumenkinoartige Buchwerke finden sich schon um 1600. Doch schreiben einige erst dem Franzosen Pierre Hubert Desvignes die Idee des ersten Daumenkinos um 1860 zu, zumindest im Hinblick auf die Animation verschiedener Bildphasen. John Barnes Linnett, ein Drucker aus Birmingham erhielt dann das erste Patent für ein "flip book" unter dem Namen "The Kineograph a new optical Illusion" am 18. März 1868 (British Patent, Nr. 925).[1] 1894 konnte auch der deutsche Filmpionier Max Skladanowsky seine ersten Probeaufnahmen zunächst nur als Daumenkino betrachten, da es für das in der von ihm selbst konstruierten Filmkamera Kurbelkasten I belichtete Filmmaterial noch keinen Projektor gab. Zweifellos sind die kleinen Daumenkinos wichtige Geburtshelfer des Films; sie leiten den Übergang von der Fotografie zum Kino ein. Alle wichtigen Filmpioniere (Eadweard Muybridge, Étienne-Jules Marey, die bereits erwähnten Brüder Skladanowski in Berlin, die Brüder Lumière in Lyon, Thomas Edison u.a.) experimentierten mit ihnen.

Ab 1897 vermarktete der englische Filmtechniker Henry William Short unter dem Namen Filoscope ein Daumenkino in einem Metallhalter, bei dem ein kurzer Hebel das Abblättern erleichtern sollte. Ähnliche Metallblätteretuis finden sich auch bei dem Daumenkinoproduzenten Léon Beaulieu. Auch der Filmkonzern Gaumont ließ 1909 eine Blätterhilfe patentieren.

Laut deutschem Nachrichtenmagazin "Der Spiegel" soll es lange vor der Erfindung des Papiers das erste handbetriebene Kino gegeben haben. Als Zeichenunterlage dienten den frühen Cartoonisten Tonschüsseln, die man mit dem Daumen in Drehung versetzen konnte. Trotzdem gelten die Tonschüsseln nicht als Daumenkino. Die Bildchen auf der Schüsselwand erweckten die optische Illusion eines fortlaufenden Films. Diese Tonschüsseln nennt man Zoetrop. Eng verwandt mit dem Daumenkino ist ferner beispielsweise das sogenannte Mutoskop. Hier sind die einzelnen Phasenbilder auf einer drehbaren Achse angeordnet.

Einen frühen Vorläufer des Daumenkinos fanden iranische Archäologen in Schahr-e Sochte. Auf eine Schüssel aus der Bronzezeit waren mehrere Bilder einer Ziege gemalt. Sobald die Schüssel gedreht wurde, sah es so aus, als ob das Tier springt und nach Blättern schnappt.[2] [3]

Daumenkinofestivals[Bearbeiten]

Die Akademie Schloss Solitude in Stuttgart richtete 2004 das erste internationale Daumenkinofestival aus. Die Künstlergruppe Böller und Brot kombinierte erstmals die Struktur eines Filmfestivals mit dem Printmedium Daumenkino. Seit 2005 gibt es unabhängig davon auch ein österreichisches Daumenkinofestival, das in Linz stattfindet. Vom 7. Mai bis 17. Juli 2005 fand in der Kunsthalle Düsseldorf eine Daumenkino-Ausstellung statt, an der sich über hundert Künstler aus aller Welt beteiligten und viele historische Daumenkinos gezeigt wurden; hier gab es einen umfangreichen Katalog. Im März 2006 fand das erste Daumenkino-Festival in Hannover statt. 2007 und 2009 erfolgten große Daumenkinoausstellungen resp. in Rennes und im Centre Georges Pompidou in Paris. 2009 organisierte Famusfilm in Berlin einen Daumenkino-Contest. Ein jährlich wiederkehrender Daumenkinowettbewerb ist die Napa Flip Book Competition.

Siehe auch[Bearbeiten]

Literatur[Bearbeiten]

  • Wiebke K. Fölsch, Buch Film Kinetiks, Zur Vor- und Frühgeschichte von Daumenkino, Mutoskop & Co. (Livre Film Cinétique, Préhistoire du flip book, mutoscope & co.; Book Film Kinetics, On the Pre- and Early History of Flick Books, Mutoscopes & Similar Devices) , Verl.: Freie Universität Berlin, 2011, ISBN 978-3-929-619-64-5, deutsch mit Zusammenfassungen in englisch und französisch

Weblinks[Bearbeiten]

 Wiktionary: Daumenkino – Bedeutungserklärungen, Wortherkunft, Synonyme, Übersetzungen

Fußnoten[Bearbeiten]

  1. Historique Flipbook & Titelblatt (frz.)
  2. Artikel (10 Dinge die sie noch nicht wissen über Archäologie) in Süddeutscher Zeitung
  3. Artikel([1]) in Spiegel