David Grossman

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David Grossman (2012)

David Grossman[1] (hebräisch ‏דויד גרוסמן‎‎; * 25. Januar 1954 in Jerusalem) ist ein israelischer Schriftsteller und Friedensaktivist.[2] Er ist Autor von Kinder- und Jugendbüchern, Romanen und Essays.

Leben[Bearbeiten]

David Grossmans Mutter Michaella wurde in Palästina geboren; sein Vater Yitzhak emigrierte mit seiner zionistisch eingestellten Mutter im Alter von neun Jahren aus Polen nach Israel.[3]

Grossman studierte Philosophie und Theater an der Hebräischen Universität in Jerusalem. Anschließend arbeitete er als Korrespondent und Moderator für die israelische öffentlich-rechtliche Hörfunkanstalt Kol Israel. Zwischen 1970 und 1984 war er für eine populäre Kindersendung verantwortlich. Sein Jugendbuch Ein spätes Duell wurde hier zuerst als Hörspiel gesendet. 1988 wurde er vom Radiosender entlassen, weil er sich weigerte, zu verschweigen, dass die Palästinenserführung einen eigenen Staat ausgerufen hatte.[3]

Grossman lebt in Mewasseret Zion, einem Vorort Jerusalems. Er ist verheiratet und Vater dreier Kinder.

Grossman ist als politisch links gerichteter Friedensaktivist hervorgetreten. 1989 wurde er für sein Friedensengagement mit dem Mount Zion Award ausgezeichnet. In mehreren Büchern hat er sich kritisch zum Nahostkonflikt geäußert. Er gehört zu den Unterzeichnern der Genfer Friedensinitiative von 2003. Im August 2006 forderte er gemeinsam mit Abraham B. Jehoshua und Amos Oz von Israels Regierungschef Ehud Olmert ein sofortiges Ende der Kämpfe im Libanon. Wenige Tage später, am 12. August 2006, starb Grossmans zweiter Sohn Uri im Südlibanon, als sein Panzer von einer Panzerabwehrrakete getroffen wurde.

Einzelne Werke[Bearbeiten]

Wohin du mich führst[Bearbeiten]

Im mehrfach ausgezeichneten Jugendbuch Wohin du mich führst verwebt Grossman zwei Handlungsstränge miteinander. Die erste Geschichte erzählt von einem 16-jährigen Jungen namens Assaf, der einen Ferienjob in der Jerusalemer Stadtverwaltung hat. Eine seiner Aufgaben ist es, den Besitzer eines Hundes zu finden. Dieser Hund führt ihn zu verschiedenen Freunden der Besitzerin, die ihm Geschichten über diese erzählen. Allmählich entsteht bei ihm ein Bild von der Besitzerin. Im Mittelpunkt der zweiten Handlung steht die ebenfalls 16-jährige Tamar, die Besitzerin des Hundes. Sie ist, wie sich herausstellt, plötzlich mit ihrer Hündin untergetaucht, um ihrem drogenabhängigen Bruder zu helfen, der ein talentierter Musiker ist und im Heim eines skrupellosen Mäzens gefangen gehalten wird. Am Ende des Buches treffen sich die Protagonisten der beiden Stränge. Rezensenten lobten die phantasievoll entwickelten Charaktere des Buches und seine „stimmige Dramaturgie“.[4]

Löwenhonig. Der Mythos von Samson[Bearbeiten]

Löwenhonig erschien 2005. Das Buch ist eine aus dem Geist einer „Chavrutah“[5] (einer Art jüdischem Bibel-Lesekreis) entstandene Deutung des Samson-Mythos aus dem Buch der Richter.[6] Der Titel spielt auf die Lösung des Rätsels an, das Samson den Philistern aufgibt: „Was ist süßer als Honig? Was ist stärker als ein Löwe?“ (Ri 14,18)

Grossmans Samson ist ein tragischer Held, ein jüdischer Sisyphos; Samsons göttliches Auserwähltsein wird als schicksalhaftes Stigma gedeutet. In einer einfühlenden, ebenso tiefenpsychologisch wie gegenwartskritisch argumentierenden Auseinandersetzung mit dem Helden Israels[7] erwächst hier die These von Samson als dem mythischen Prototyp eines Selbstmordattentäters.[8] Die Deutung des Mythos gerät zugleich zu einer Kritik der Politik des Staates Israel, dem Grossman ein „problematisches Verhältnis“ zur eigenen Macht unterstellt. Die Demonstration von Stärke, das Beantworten von Gewalt mit übermächtiger Gegengewalt sei „eindeutig ein ‚samsonsches‘ Handlungsmuster“.[9]

Die Übertragung des Mythos auf die aktuelle Situation stieß teilweise auf Kritik. Die Analogie werde, so etwa die Jüdische Allgemeine, dem komplizierten Nahostkonflikt nicht gerecht.[10]

Die Kraft zur Korrektur[Bearbeiten]

Der Essayband Die Kraft zur Korrektur enthält Beiträge Grossmans zur Politik und Literatur. So beschreibt er seine Faszination für die Texte von Scholem Alejchem, die ihm die untergegangene Kultur des osteuropäischen Schtetls nahegebracht hätten. Die Geschichten über Tewje, den Milchmann, und die anderen Bewohner einer galizischen Kleinstadt führten ihn in ein exotisches Land, in dem es nach „Sauerteig, Essig, Rauch“ roch. Schon als Kind habe sich seine Sicht auf diese literarischen Figuren jedoch geändert: „Als ich etwa neuneinhalb Jahre war, wurde mir mitten in der Trauerfeier am Gedenktag für die sechs Millionen Opfer der Shoah, mitten in einer jener unsensiblen, abgedroschenen hilflosen Zeremonien, mit einem Mal klar: Diese sechs Millionen, diese Ermordeten, diese Opfer, diese „Märtyrer der Shoah“, wie man sie auch nannte – das waren meine Leute. Das waren Mottel, Tewje, Lili und Shimek.“

Zu den anderen Beiträgen des Buches zählen die Rede zur Eröffnung des Berliner Literaturfestivals 2007 und seine Ansprache anlässlich der Gedenkfeier für den Friedensnobelpreisträger und ehemaligen Ministerpräsidenten Jitzhak Rabin im November 2006. Hier forderte er Ehud Olmert auf, trotz der Terroraktion der Hamas auf die Palästinenser zuzugehen. In vielen Texten Grossmans schwingt deutlich Pessimismus mit: „Seht, was aus dem jungen, mutigen, enthusiastischen Staat geworden ist!“

Eine Frau flieht vor einer Nachricht[Bearbeiten]

Der in der deutschsprachigen Ausgabe über 700 Seiten umfassende Roman erzählt die Geschichte von Ora und ihren beiden Lebensgefährten Ilan und Avram, von denen sie jeweils einen Sohn hat. Die drei lernen sich 1967 während des Sechstagekrieges als jugendliche Patienten in einer Quarantänestation kennen. Der gemeinsame Lebensweg wird im Rückblick vor allem aus Oras Sicht erzählt.

Als sich ihr jüngster Sohn Ofer (dessen Vater Avram ist) freiwillig zu einem Militäreinsatz meldet, versucht sie die Kriegslogik zu durchbrechen: Sie verweigert die Mutterrolle und entzieht sich der Überbringung der befürchteten Todesnachricht, indem sie mit Avram zu einer mehrtägigen Wanderung durch die Gebirge Israels aufbricht.

Die Wanderung führt in doppeltem Sinn durch Israel – einerseits räumlich, andererseits aber auch durch die Zeitgeschichte, die beginnend mit dem Sechstagekrieg über den Jomkippurkrieg bis zum Zeitpunkt der Erzählung führt. So wie sich überall am Wegesrand der Wanderung Zeichen und Denkmäler für die von militärischen Ereignissen geprägte Staatsgeschichte Israels finden, so finden sich in den Lebensgeschichten Oras, Avrams und Ilans immer wieder "Wegmarken", welche die große Politik, die Kriege und die alltägliche Bedrohung im Leben des Einzelnen hinterlassen. Beispiele: das Kennenlernen während des Sechstagekriegs; der Jom-Kippur-Krieg, den Avram nur schwer traumatisiert überlebt; der Taxitransport eines kranken palästinensischen Kindes in ein illegales Krankenhaus; Erlebnisse während des Militärdienstes; die Furcht von Busfahrern vor Sprengstoffattentaten etc.

Ähnlich einer Wanderung versucht der Text sich in vielen Windungen und kleinen Schritten dem Leben der Protagonisten anzunähern. Detailreiche Beschreibungen und Beobachtungen entwerfen ein Psychogramm der Protagonisten, deren zerrissener und verworfener Lebensweg exemplarisch für die Geschichte und Situation Israels steht (sowohl des jüdischen wie des arabischen Bevölkerungsteils). Der Text endet ohne eine eindeutige Perspektive für die Beteiligten, jede von ihnen getroffene Entscheidung führt zu Verletzungen bei anderen Beteiligten, "Glück" ist nicht erreichbar.

Noch während der Autor an diesem Werk arbeitete, starb sein Sohn bei einem israelischen Militäreinsatz im Libanon.

Buchausgaben (auf Deutsch)[Bearbeiten]

  • Das Lächeln des Lammes. Roman. Hanser, München 1988.
  • Der gelbe Wind. Die israelisch-palästinensische Tragödie. Kindler, München 1988.
  • „Momik, das bin auch ich.“ Hanser (Bogen 33), München 1990.
  • Ein spätes Duell. Carlsen, Hamburg 1990.
  • Joram wünscht sich was. 2 Geschichten. Carlsen, Hamburg 1990.
  • Joram schreibt einen Brief. 2 Geschichten. Carlsen, Hamburg 1991.
  • Stichwort: Liebe. Roman. Hanser, München 1991.
  • Der geteilte Israeli. Über den Zwang, den Nachbarn nicht zu verstehen. Hanser, München 1992.
  • Der Kindheitserfinder. Roman. Hanser, München 1994.
  • Zickzackkind. Roman. Hanser, München 1996.
  • Joram und der Zauberhut. Gutenachtgeschichten. Hanser, München 1998.
  • Sei du mir das Messer. Roman. Hanser, München 1999.
  • Eine offene Rechnung. Hanser, München 2000.
  • Wohin du mich führst. Roman. Hanser, München 2001.
  • Diesen Krieg kann keiner gewinnen. Chronik eines angekündigten Friedens. Hanser, München 2003.
  • Das Gedächtnis der Haut. Roman. Hanser, München 2004.
  • Löwenhonig. Der Mythos von Samson. Berlin Verlag, Berlin 2006.
  • Die Kraft zur Korrektur. Über Politik und Literatur. Hanser, München 2008, ISBN 978-3-446-20998-5.
  • Eine Frau flieht vor einer Nachricht. Roman. Hanser, München 2009, ISBN 978-3-446-23397-3.
  • Die Umarmung. mit Zeichnungen von Michal Rovner. Hanser Verlag, München 2012, ISBN 978-3-446-23855-8.
  • Aus der Zeit fallen, Hanser, München 2013

Auszeichnungen[Bearbeiten]

Weblinks[Bearbeiten]

 Commons: David Grossman – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. Die deutsche Schreibweise des Namens schwankt zwischen „Grosman“ (Deutsche Nationalbibliothek), „Grossman“ (dtv, Jüdische Zeitung) und „Grossmann“ (ebenfalls dtv).
  2. Martin Doerry, Christoph Schult: Nicht reif für den Frieden. In: Der Spiegel. 33/2009.
  3. a b Rachel Cooke: David Grossman: „I cannot afford the luxury of despair“. In: The Observer. 29. August 2010, abgerufen am 8. Dezember 2013 (englisch).
  4. Neue Zürcher Zeitung, 25. September 2002.
  5. „Ich gehöre einer ‚Chavrutah‘ an. Eigentlich versteht man unter einer ‚Chavrutah‘ zwei Jeschiwa-Schüler, aber wir sind zu dritt: ich, ein weiterer Mann und eine Frau. Eine wunderbare Sache. Wir treffen uns jede Woche und sitzen vier Stunden zusammen und nehmen einen Bibeltext unter die Lupe. Wir machen eben genau das, was Juden während ihrer ganzen Geschichte getan haben.“ Vgl. Weblinks: «Es ist Zeit, dass wir unser wirkliches Leben leben». Eine Chavrutah ist als Textarbeit zu zweit Teil der Jeschiva (Talmudschule).
  6. Die Geschichte Samsons wird erzählt in den Kapiteln 13 bis 16.
  7. vgl. D. Grossman. Löwenhonig, S. 17: „Samson, der Held, so lernt ihn jedes jüdische Kind von klein auf kennen.“ Grossman weist darauf hin, dass bsw. der Plan zur atomaren Aufrüstung Israels „Samsons Entscheidung“ genannt wurde. Vgl. ebd. S. 84.
  8. „Heute […] wird man den Gedanken nicht los, dass Samson in gewisser Weise der erste Selbstmordattentäter war. Und obwohl die Umstände seiner Tat andere waren als die Attentate im heutigen Israel, ist es denkbar, dass sich jenes Prinzip – durch Selbstmord Rache und Mord an Unschuldigen zu verüben – im Bewußtsein der Menschen verankert hat, jenes Prinzip, das in den letzten Jahren so sehr perfektioniert wurde.“ ebd. S. 122 f.
  9. vgl. ebd. S. 83; „Die Macht wird als ein Wert an sich angesehen, der immer wieder bestätigt werden muss; beinahe automatisch beschreitet man den Weg der Gewalt, statt andere Reaktionsmöglichkeiten auszuloten – und dies ist ein eindeutig ‚samsonsches‘ Handlungsmuster.“
  10. Ralf Balke: Zions gefallener Superheld. In: Jüdische Allgemeine. 2006. (Rezension zu Löwenhonig.) (online auf: lyrikwelt.de): „Solche Analogien muss man nicht gut finden, liefern sie doch genau jenen Kommentatoren Munition, die den komplizierten Nahostkonflikt auf die zum Verständnis wenig hilfreichen Phrasen von David gegen Goliath oder ähnlich dummes Zeug reduzieren wollen.“
  11. [1], Abgerufen am 11. September 2013.
  12. [2], Abgerufen am 11. September 2013.
  13. Feuilleton Nachrichten, www.fr-online.de. Abgerufen am 13. Juni 2010.
  14. http://www.friedenspreis-des-deutschen-buchhandels.de/sixcms/media.php/1290/2010%20Friedenspreis%20Reden.pdf