David Hamilton

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Dieser Artikel beschäftigt sich mit dem Fotografen David Hamilton. Zu anderen Personen siehe David Hamilton (Begriffsklärung).
David Hamilton, 2011.

David Hamilton (* 15. April 1933 in London) ist ein britischer Kunstfotograf und Filmemacher.

Hamilton arbeitete zunächst in einem Architekturbüro in London, wo auch sein künstlerisches Schaffen begann. Mit 20 Jahren zog er nach Paris und arbeitete dort als Grafik-Designer. Nach kurzer Rückkehr nach Großbritannien ließ er sich dauerhaft in Frankreich nieder. Mitte der 1960er-Jahre begann Hamilton, sich nebenberuflich eine Existenz als Kunstfotograf aufzubauen. Gegen Ende der 1960er-Jahre hatte er seinen eigenen, unverwechselbaren Stil entwickelt, den viele Kritiker als kitschig, pornografisch oder gar latent pädophil bezeichnen. Sein Schaffen umfasst bislang 16 Foto-Bände, fünf Filme, diverse Beiträge in Foto-Zeitschriften sowie eine Vielzahl von Ausstellungen. Im Gegensatz zu anderen Fotografen lehnte er es ab, seine Motive naturgetreu abzulichten.

Leben und Karriere

Kindheit und Jugend

David Hamilton wurde als Sohn von Louise Leat geboren. Der Vater, über den nichts weiter bekannt ist, verließ die Familie kurz nach Davids Geburt. Hamilton gibt als erste Erinnerung an, 1939 die Kriegserklärung an Deutschland am Radio gehört zu haben.[1] Schon kurz darauf nahm der Krieg Einfluss auf das Leben des zu dieser Zeit Sechsjährigen. Er wurde, wie viele Tausende andere Kinder aus britischen Großstädten, aufs Land evakuiert. Man brachte ihn im Wirtschaftshaus eines Schlosses bei dem Örtchen Fifehead Magdalen in der Grafschaft Dorset unter. Fünf Jahre später kehrte er nach London zurück, wo er noch kurz vor Kriegsende Angriffe deutscher V1-Raketen erlebte. Mit seiner Mutter lebte er fortan in Kennington.

Kurz nach Davids Rückkehr heiratete seine Mutter erneut. Hamilton schildert seinen Stiefvater als netten Mann, mit dem er jedoch nur wenig zu tun hatte.[2] Vielmehr versuchte der Teenager, seine auf dem Land gelebte Freiheit aufrechtzuerhalten, was sich in seiner Liebe zum Radsport äußerte. Sein ganzer Stolz wurde ein Rennrad, das er in einem Geschäft erworben hatte und mit dem zuvor Apo Lazarides einmal die Tour de France gefahren war. Zusammen mit Freunden trat er in den Delaune Racing Club ein und konnte so mit dem Rad immer wieder London verlassen. Häufig besuchten sie Radrennen, was Hamilton ermöglichte, seine Idole wie Fausto Coppi oder Reg Harris live zu sehen. Zu dieser Zeit lernte er seinen Freund Terry kennen, mit dem ihn eine fast lebenslange Freundschaft verband. Beide spielten in der Schule Karten, setzten das gewonnene Geld bei Buchmachern und beim Hunderennen und waren dabei recht erfolgreich. Hamilton konnte so nicht nur das teure Rad abbezahlen, sondern sich auch mit preiswerter, aber hochklassiger Kleidung ausstaffieren. Den Hang zum Luxus, den er in dieser Zeit entwickelte, schrieb er seinem Onkel William Leat, einem Juwelier, zu.

Mit 15 Jahren verließ Hamilton die Schule. Er begann eine Lehre bei dem Kaufhausausstatter Barrats, wo er zum Schreiner ausgebildet wurde. Nebenher besuchte er Kurse an der Abendschule. Er war seinen Kollegen intellektuell überlegen, trug zudem auch bei der Arbeit seine feine Kleidung und machte so offenbar Eindruck. Schnell wurde er von der Schreinerei ins Planungsbüro versetzt. Hier kam er erstmals mit Fotografie in Kontakt. Er bat einen Freund, die Fassaden von Londoner Kaufhäusern zu fotografieren. Die Fotos nutzte er als Inspirationsquelle für den Entwurf eigener Fassaden. Das festigte seine Stellung im Unternehmen weiter, und schon mit 18 Jahren verdiente Hamilton nach eigenem Bekunden recht gut.[3] Zu dieser Zeit machte er mit seinem Freund Terry auch die erste Reise per Anhalter nach Paris. Mit 20 Jahren zog er aus der elterlichen Wohnung in eine eigene Mansardenwohnung.

Erste Schritte im Modebereich

Mit seiner ersten Freundin, mit der er auch zeitweise zusammenlebte, machte er seine zweite Reise nach Paris. Die beiden Parisreisen machten einen so großen Eindruck auf den jungen Briten, dass er kurz danach in die französische Hauptstadt zog. Dort lebte er das erste Jahr sehr bescheiden. Er fand eine Anstellung, nachdem er sich mit alten Einrichtungsentwürfen bei der Firma „Siegel“ vorgestellt hatte. In der Folgezeit wechselte er häufig die Stellung; überall war er für die Zeichnungen von Geschäftseinrichtungen zuständig. Der junge Amerikaner Bill Perry, der zusammen mit einem Franzosen ein Architekturbüro betrieb, in dem Hamilton arbeitete, wurde Hamiltons Mentor.

Nebenher begann Hamilton mit der Malerei. Eines seiner Bilder durfte er in einer Nachwuchsausstellung auf der Biennale ausstellen. Doch schnell merkte er, dass er für eine Karriere als Maler nicht geeignet war. So blieb er im Architekturbüro, wo er an einem Projekt für den Schah von Persien beteiligt war. Dies brachte ihm erstmals Fragen der Typografie und des Layouts nahe. Auf einer Vernissage traf er Peter Knapp, den künstlerischen Leiter der Zeitschrift „Elle“, der ihm kurz darauf (1957 oder 1958) eine Stelle als Layouter der Zeitschrift gab. Anfang 1960 fiel den Verantwortlichen vom britischen Magazin „Queen“ die Arbeit Hamiltons auf und sie warben ihn als künstlerischen Leiter für ihre Zeitschrift ab. Somit kehrte er nach London zurück. Das Magazin wurde unter seiner künstlerischen Leitung eine der Triebfedern der Swinging Sixties. Auch junge Künstler bekamen hier ihre erste Chance; so veröffentlichte Hamilton in der Zeitschrift eines der ersten Bilder des jungen David Hockney.

Beim Pariser Kaufhaus „Printemps“ war Hamilton künstlerischer Leiter.

Da Hamilton nun wieder sehr gut verdiente, konnte er seinen luxuriösen Neigungen nachgeben. Zwar lebte er nur in einem kleinen Appartement, doch stattete er dieses zum Teil mit Designermöbeln von Mies van der Rohe („The Barcelona Chair“), Herman Miller („Barber Chair“) und anderen aus. In dieser Zeit hatte er auch Pläne, das Fotomodell Paula Noble zu heiraten. Doch dann überwarf sich Hamilton mit dem Herausgeber von Queen, Sir Jocelyn Stevens, wegen der Platzierung eines bestimmten Fotos in der Zeitschrift und verließ diese kurzentschlossen. Er ging wieder zurück nach Paris und arbeitete dort zunächst kurz bei der Werbeagentur „Havas“, bevor er künstlerischer Leiter des Kaufhauses „Printemps“ wurde. Hier war er für die Außenwerbung zuständig. Mit anderen künstlerischen Leitern von Modehäusern und Modezeitschriften prägte Hamilton den visuellen Stil der Zeit. Fotografen wie Gene Laurent und Irving Penn wurden in diesem Umfeld unter anderem auch von Hamilton gefördert, und er begann nun selbst mit der Fotografie.

Hamilton als freischaffender Künstler

Mit einer neu erworbenen einfachen Kamera machte Hamilton seine ersten Versuche. Zunächst fotografierte er Stillleben und Straßenansichten. Im Zuge seiner Arbeit bei „Printemps“ machte er dann erste Aufnahmen von Menschen. Es waren Bilder von schwedischen weiblichen Fotomodellen, die für Kaufhaus-Werbung posierten. In Montparnasse mietete er ein 40 Quadratmeter großes Studio, das zuvor Petula Clark genutzt hatte. Häufig hatte er dort prominente Gäste, darunter Omar Sharif, Charles Matton, Matti Klawine, Saul Steinberg, Sean Flynn und Celemen Hawkins. Montags veranstaltete er Tage der offenen Tür und gab „Schwarze Partys“ – das Studio war dann schwarz ausgestattet, die Gäste kamen in schwarzer Kleidung und es gab schwarzes Essen. Diese Idee hatte er dem Roman „Gegen den Strich“ von Joris-Karl Huysmans entliehen.

Wegen der Schönheit der Strände und der Natur bei Ramatuelle kaufte sich Hamilton dort ein Haus.

Zu dieser Zeit, 1962, begann er, die Umgebung von Saint-Tropez zu erkunden. Das ungezwungene Verhältnis zum eigenen Körper, etwa an Stränden, wo sich Menschen nackt sonnten, war für den Briten eine ganz neue Erfahrung, die seine Einstellung veränderte. Seine Begeisterung für die Natur und die Strände der Gegend veranlassten ihn, sich in Ramatuelle ein Haus aus dem 12. Jahrhundert zu kaufen. Hier machte er mit drei schwedischen Fotomodellen die ersten professionellen Modefotos seiner Karriere. Sein Haus wurde zu einer Art Studio, und langsam bildete sich der typische „Hamilton-Stil“ heraus.

Ruth La Ferla beschrieb Hamiltons Modefotografie und deren langfristige Wirkung Jahrzehnte später in einem Artikel der New York Times wie folgt:

David Hamilton, the British photographer, made a name in the 1970’s with his misty depictions of young women drifting through traffic dressed in nothing but their skivvies. Those pictures sent a message, both lurid and demure, of decadence decorously drenched in lace. A similar mood has reemerged this spring, expressed through lacy lingerie flaunting itself as streetworthy style.[4]
David Hamilton, der britische Fotograf, machte sich in den 1970ern einen Namen mit seinen nebelhaften Abbildungen junger Frauen, die sich mit nichts als ihrer Unterwäsche bekleidet durch den Verkehr schlängeln. Diese Bilder hatten eine Botschaft, sowohl gespenstisch als auch spröde, vom Niedergang, der sittsam in Spitze gehüllt ist. Eine ähnliche Stimmung ist dieses Frühjahr wieder aufgetaucht und fand ihren Ausdruck in Spitzenunterwäsche, die sich selbst als straßentauglich präsentiert.

1965 wurde er im Kaufhaus entlassen, da er sich immer weniger für die Arbeit dort interessierte und seine künstlerischen Vorstellungen immer öfter den Erfordernissen der Werbebranche entgegenliefen. Zudem galt Hamilton bei seinen Vorgesetzten und Kollegen als arrogant, ein Eindruck, den seine maßgeschneiderten Anzüge und sein um diese Zeit erworbener Aston Martin DB2 noch verstärkten.[5] Hamilton umgab sich auch gern mit Berühmtheiten und mit Personen der „Upper Class“. Es gibt Bilder, die ihn mit Esther Williams, Susannah York, Gunter Sachs, Ernst Fuchs, Rachel Hunter, Charlotte Rampling, Leni Riefenstahl, Sam Spiegel, Douglas Fairbanks, Eddie Barclay, Silvana Mangano und Pier Paolo Pasolini oder in der Umgebung der Prinzen Dado Ruspoli und Charles-Antoine de Ligne, von Mariano de Tour de Montèse und Corazón Aquino, der Gräfin Boza sowie des Sultans von Brunei und der königlichen Familie von Dänemark zeigen.

Daraufhin begann Hamilton, freiberuflich zusammen mit seinem alten Weggefährten Michel Paquet, mit dem Hamilton bereits in seiner Zeit bei Elle und in London gearbeitet hatte, als künstlerischer Direktor und Fotograf zu arbeiten. Eine bekannte Arbeit dieser Zeit war beispielsweise eine Serie von Bademodenaufnahmen in Agadir mit dem zu der Zeit sehr bekannten Modell Kira. Erste Aktfotos veröffentlichte das deutsche Magazin Twen. Es folgten Veröffentlichungen im französischen Realities und im Magazin Photo. Schnell hatte Hamilton Material für einen ersten Bildband zusammen. 1971 wurde „Dreams Of A Young Girl“ beim englischen Verlag Collins veröffentlicht. Der Band war vom Lied „Suzanne“ von Leonard Cohen inspiriert, dessen Textzeilen auch als Bildunterschriften dienten, und mit einem Text von Alain Robbe-Grillet versehen.[6] In rascher Folge folgten die Bücher „Les Demoiselles d’Hamilton“ („Hamiltons Mädchen“, 1972), „La Danse“ („Der Tanz“, 1972), „Private Collection“ (1976) und „Erinnerungen an Bilitis“ (1977). Alle Bände wurden rasch in ihren ersten Auflagen verkauft und immer wieder neu aufgelegt, wobei die Druckqualität späterer Auflagen oftmals schwächer war. Es wird geschätzt, dass die ersten zehn Bücher Hamiltons jeweils etwa 100.000 Mal verkauft wurden, was sich insgesamt auf weit über eine Million Bücher summiert.[6] Vor allem in Japan gab es große Ausstellungen. Hier wurden auch viele seiner Bilder gekauft.

Mit dem Erfolg kamen weitere Angebote. So sollte Hamilton Regisseur des Films Emmanuelle werden, was er jedoch wie viele Angebote für Werbeaufträge ablehnte. Ausnahme war die Werbearbeit für das Parfüm „Nina“ von Robert Ricci.[7] Hierfür drehte er sogar mehrere Werbespots.[8] 1976 ließ er sich schließlich doch überzeugen, einen Film zu machen, der die Stimmung seiner Bilder einfangen sollte. „Bilitis“ wurde auch dank der Arbeit von Kameramann Bernard Daillencourt und Cutter Henri Colpi, die den Jungregisseur tatkräftig unterstützten, ein Erfolg. Ende der 1980er Jahre traf er an einem Strand am Mittelmeer eine junge Frau namens Gertrude, die nicht nur sein Modell, sondern auch für einige Jahre seine Ehefrau wurde.[9] Sie arbeitete am Design einiger seiner Bildbände mit und beschrieb die Verbindung zwischen Hamilton und seinen Modellen sowie seine Arbeitsweise und äußerte sich zu der ihrer Meinung nach unberechtigten Kritik an den Arbeiten ihres Mannes. Bis Anfang der 1990er Jahre produzierte Hamilton weitere Filme und vor allem Bildbände, hatte Ausstellungen in vielen Ländern der Welt und veröffentlichte seine Bilder in Zeitschriften. Seitdem wurde es jedoch immer stiller um den Briten. Er zog sich auf sein Anwesen in Ramatuelle zurück und trat nur noch selten in die Öffentlichkeit. Seit den 1990er Jahren wurden seine Aktbilder von Kritikern immer wieder hinterfragt, was Hamilton kränkte. Doch nur selten versuchte er, sich daraufhin zu rechtfertigen, wie im Jubiläumsband „Seine besten Bilder“ (1992), zu dem er ein biografisches Essay, Betrachtungen seiner Arbeit und eine Darstellung der Motive für seine Arbeit beisteuerte.[7][10][11]

Hamilton als Künstler

Fotografie

Raffaels „Drei Grazien“ wurde von Hamilton fotografisch nachgestellt

Kennzeichnend für Hamiltons Fotografie ist die Nutzung des Weichzeichners. Für Hamilton ist seine Art des Fotografierens „gemalte Fotografie“.[12] Hamiltons Motivwahl ist breit gefächert. Er fotografiert Landschaften, vor allem Strände sowie tropische und mediterrane Ansichten, aber auch die Alpen oder Neuseeland, Stillleben, Blumen und andere Pflanzen, Stadtansichten wie die Venedigs oder von St. Tropez, Kunstwerke und auch Personen, hier vor allem Portraits. Eine besondere Vorliebe hat er für das Ballet. Viele seiner Bilder spielen in diesem Milieu. Außerdem fotografierte er aus diesem Bereich auch bekannte Künstler wie Rudolf Chametowitsch Nurejew oder Robert Denver. Oftmals stellte er in seinen Fotografien bekannte Kunstwerke der Weltgeschichte nach. So gab es von ihm Hommagen an Kunstwerke von Charles Matton, Giorgio Morandi, Edgar Degas, Caravaggio, Jean Siméon Chardin, Paul Gauguin, Balthus oder Raffael („Die drei Grazien“). Doch am bekanntesten ist Hamilton für seine Bilder von jungen, pubertierenden Mädchen, oftmals in Form von Akten, aber auch in leichter Bekleidung oder als Portraits.

Hamilton hat selbst mehrfach dargelegt, welche Mädchen er am liebsten fotografiert und welche Merkmale seine Modelle aufweisen sollten. Sie sollten groß und schlank sein, eine ebenmäßige Gesichtsform besitzen, hohe Wangenknochen, hohe Augenbrauen und möglichst eine Stupsnase haben. Außerdem sollten sie einen langen Hals, einen weiten Mund, eine hohe Stirn, weite, möglichst blaue Augen und lange Beine haben. Er bevorzugt blonde und rothaarige Mädchen, da diese seiner Meinung nach einen besonders zarten Hauttyp haben und ihre Haut und Augen durchscheinend seien.[5][6][13] Solche Typen kommen nach Hamiltons Meinung bei seiner Art der Pastellfotografie am besten zur Geltung, weshalb er fast nie dunkelhaarige Mädchen fotografierte. Diese hätten sich von der pastellfarbenen Umgebung abgehoben. Vor allem bei blonden Mädchen würde man die Behaarung, vor allem die der Augenbrauen, weniger intensiv wahrnehmen als bei anderen Haartypen. Hamilton wollte nach eigenem Bekunden die Schönheit und die Faszination der „jungen Nymphen“ in seinen Bildern einfangen, ihre Verwirrung beim „plötzlichen Einbruch der Sinnlichkeit“ in der Pubertät.[10] Zudem wählte Hamilton eher stillere, nachdenklichere Mädchen als Modelle aus, die ebenso verträumt sind, wie Hamilton es gern in seinen Bildern darstellt. Schönheit wird seiner Meinung nach nicht anhand von Charakter oder Accessoires wie Schminke bestimmt, sondern einzig durch das natürliche Aussehen.[13]

Fototouren führten ihn und seine Modelle an viele exotische Orte. Die Sommermonate verbrachte Hamilton lange Jahre in Europa, wo er vor allem in Frankreich, besonders in der Umgebung von St. Tropez und Ramatuelle, fotografierte, doch auch an der Nordsee (etwa auf Sylt), am Genfersee oder in Italien (unter anderem auf Capri) Aufnahmen machte. In den Wintermonaten reiste er mit seinen Modellen häufig in die Südsee, etwa nach Tahiti, Guam und Hawaii oder auf die Bahamas, die Malediven, nach Florida und Neuseeland. Auf Tahiti stellte er, anders als bei ihm sonst üblich, Bilder von Gauguin mit einheimischen Mädchen nach, die dunklere Haut und schwarze Haare hatten. Die meisten seiner Modelle blieben namenlos oder waren mit ihrem Vornamen in Hamiltons Büchern verzeichnet. Ein paar seiner Mädchen wurden jedoch auch individuell greifbar und bekannt. Seine erste bedeutende Muse wurde Mona Kristensen. Mit ihr lebte Hamilton einige Jahre zusammen. Sie spielte auch in Hamiltons erstem Film „Bilitis“ eine Hauptrolle. Überhaupt wurden speziell einige der Darstellerinnen aus seinen Filmen bekannt, die er zumeist aus seinen Fotomodellen rekrutierte. So machten etwa Anja Schüte oder Emmanuelle Béart erste Schritte im Filmbereich bei Hamilton, Patti D'Arbanville und Schüte auch zuvor als Fotomodelle. Weitere bekannte Mädchen Hamiltons waren Dawn Dunlap und Monica Broeke.

Seine Bilder sind frei von allem Weltschmerz, von Leid und Hässlichkeit. Sie symbolisieren Reinheit, Natürlichkeit und Harmonie. Sein Stil prägte viele andere Künstler wie den umstrittenen Fotografen Glenn Holland. Hamilton gilt heute als der Inbegriff des Weichzeichners in der Fotografie.[12]

Keines seiner Bilder hat Hamilton nach eigenen Angaben mit künstlichem Licht gemacht, das seiner Meinung nach auch in südlichen Ländern nicht benötigt wird. Außerdem verzichtete er auf Reflektoren und Filter. Seine ganze Karriere hindurch benutzte er auch nur eine einzige Filmmarke, Ektachrome 200 ASA, einen nur wenig verbreiteten Rollfilm. Er betreibt keinerlei technischen Aufwand und beschreibt sich selbst als fotografischen Amateur.[14]

Film

Hamiltons erster Film „Bilitis“ wurde in der unmittelbaren Umgebung seiner Heimat Ramatuelle gedreht. Am Drehbuch war Catherine Breillat beteiligt. Er legte mehr Wert auf die Ausstattung der Filme als auf eine ausgeklügelte Handlung. So war Ausstatter Eric Simon von besonderer Bedeutung, der den Sets ein leichtes und luxuriöses Aussehen verlieh. Von besonderer Bedeutung war für seine Filme auch die Musik. Hier war der Soundtrack seines ersten Filmes „Bilitis“, den Francis Lai komponierte, besonders erfolgreich. Die sentimentale Musik verkaufte sich 700.000 Mal.[8] Weniger zufrieden war Hamilton selbst mit seinem zweiten Film Die Geschichte der Laura M, den er zwar als ästhetisch gelungen ansah, jedoch inhaltlich für misslungen hielt.[15] Der Film wurde ein Misserfolg. Anders „Zärtliche Cousinen“ aus dem folgenden Jahr. Der Film begann Hamilton schon während der Herstellung zu langweilen, zumal hier, anders als bei Hamilton sonst üblich, der männliche Protagonist die Hauptrolle innehatte. Obwohl Hamilton den Film selbst nicht mochte, wurde er wiederum ein Erfolg.[15] Vertragliche Bindungen verlangten im Jahr 1983 einen weiteren Film. Da jedoch zu Drehbeginn nicht einmal ein Drehbuch vorlag, floppte auch „Erste Sehnsucht“ aufgrund einer schlechten Produktion. Hamiltons letzte Filmproduktion, „Ein Sommer in St. Tropez“ aus dem Jahr 1984, war ein direkt für den Videomarkt produzierter Film ohne echte Handlung. Er war den Fotografien Hamiltons am ähnlichsten.

Kritik

Vor allem in Hamiltons frühen Jahren als Aktfotograf wurden seine Fotografien nur selten kritisch aufgenommen. Etwa zur selben Zeit wurde nach und nach in der westlichen Welt die Pornografie legalisiert, so dass Hamiltons doch eher harmlose Bilder im Vergleich dazu kaum als herausragend in ihren Motiven oder in ihrer Freizügigkeit wahrgenommen wurden. Selbst Kinderpornografie, etwa durch Firmen wie Color Climax Corporation aus Dänemark, wurde in halblegaler Weise vertrieben. Kritiker bezeichneten sie eher als kitschig[13] oder warfen Hamilton eine gewisse unwirkliche Weltfremdheit vor. Die Kritiker meinten, es gäbe ein solches Leben, das er in seinen Bildern darstellte, nicht, was er jedoch bestritt. Er verwies darauf, eben jenes Leben zu führen.[7] Später kamen auch Vorwürfe, Hamilton würde Softpornografie produzieren, hinzu. Ihm wurde sogar, vor allem in den USA und Großbritannien vorgeworfen,[16] dass seine Arbeiten latent pädophil seien.[13] Ebenso wurde seine Vorstellung von „perfekter Weiblichkeit“ kritisiert.[13] In Europa ist Kritik an Hamilton eher zurückhaltend.[16] Hinzu kommt, dass es nicht selten bei den Kritikern Probleme mit der Begrifflichkeit gibt. So attestiert Ronald M. Hahn in seinem „Lexikon des erotischen Films“[17] allen Hamilton-Filmen, sie seien nur etwas für Päderasten.[18]

Gegen Ende der 1990er-Jahre verstärkten christliche Organisationen in den USA ihren Widerstand gegen Künstler wie Hamilton, Sally Mann, Jacques Bourboulon oder Jock Sturges, unter anderem mit Protesten vor Buchläden. Sowohl Mann als auch Bourboulon und Sturges, neben Hamilton wohl die prominentesten Vertreter der als mit dem Vorwurf der Kinderpornografie konfrontierten Fotografen, beschreiten technisch und motivisch zum Teil völlig andere Wege als Hamilton, gemein ist allen nur, dass sie auch Aktbilder von Kindern und Teenagern zeigen.

Der Protest erreichte größere Aufmerksamkeit, als im Herbst 1997 Anhänger von Randall Terry, einem Aktivisten der christlich motivierten Bewegung gegen Abtreibungen, in den Bundesstaaten Alabama, New York und Tennessee Strafanzeigen gegen die amerikanische Buchhandelskette Barnes & Noble einreichten. Vorgeworfen wurde jeweils generell Unzucht oder die Zugänglichkeit kinderpornografischer Bücher für Minderjährige. [19][20] Dort, wo es wie etwa in Brentwood im Staat New York zur Anklage kam, wurde das Verfahren gegen Auflagen eingestellt. Am 19. Mai 1998 wurde in Brentwood Barnes & Noble verpflichtet, die Bücher für Minderjährige unzugänglich zu machen und mit undurchsichtigen Umschlägen zu versehen.[21] Generell wurde die Einstellung des Verfahrens aus der Sicht der von der Verfassung garantierten Grundrechte erwartet bzw. begrüßt, selbst dann, wenn den Büchern mit Abscheu begegnet wurde. So schrieb etwa Sarah Boxer, eine Kommentatorin der New York Times:

„The Age of Innocence“ is the essence of icky. The author could certainly be considered a dirty old man.
[…]
„The Age of Innocence“ is full of photographs of girls in bed, looking dreamy and spent, with their fingers in their mouths or in their underpants. All look willing, and almost all have exactly the same small breasts.[22]
„The Age of Innocence“ ist die Essenz der Geschmacklosigkeit. Der Autor könnte sicherlich als alter Schmutzfink eingeschätzt werden.
[…]
„The Age of Innocence“ ist voll mit Fotografien von Mädchen im Bett, die verträumt und ermattet aussehen mit den Fingern in ihren Mündern oder in ihren Schlüpfern. Alle wirken willig und fast alle haben genau die gleichen kleinen Brüste.

Ihren Widerwillen begründete Sarah Boxer nicht alleine mit den Bildern, sondern auch mit dem begleitenden Text von David Hamilton:

In the final pages of the book, Mr. Hamilton writes, fantasizing: „In her daydreams she thinks about this man who will one day come to her in answer to her questions. Perhaps he is a prince, a knight on a white stallion, a man in military uniform … She is lovely, our nymph, and her potential is infinite. Heaven grant her the man who is worthy of her, and who comes to her bringing sex with tenderness. She has her virginity and her innocence; she will, if she is fortunate, trade them in due course for experience and love.“[22]
In den abschließenden Seiten des Buchs phantasiert Herr Hamilton: „In ihren Tagträumen sinnt sie über den Mann, der eines Tages als Antwort auf ihre Fragen zu ihr kommen wird. Vielleicht ist er ein Prinz, ein Ritter auf einem weißen Hengst, ein Mann in militärischer Uniform … Sie ist lieblich, unsere Nymphe, und ihre Möglichkeiten sind unendlich. Der Himmel gebe ihr den Mann, der ihrer wert ist und der ihr Sex mit Zärtlichkeit bringt. Sie hat ihre Jungfräulichkeit und ihre Unschuld; sie wird, wenn sie Glück hat, diese dann gegen Erfahrung und Liebe eintauschen.“
David Hamilton im Dezember 2012

Weitere Konsequenzen aus den Vorwürfen oder den Aktionen der Kritiker haben sich bis heute nicht ergeben. 2005 behauptete ein Vertreter der Polizei von Surrey, Hamiltons Bücher seien mittlerweile im Vereinigten Königreich illegal, was jedoch nicht stimmte.[23] The Guardian attestierte Hamilton im Juni 2005, seine Bilder seien sehr lange Zeit eines der umstrittensten Beispiele in der Diskussion, ob derartige Bilder Kunst oder Pornografie seien, gewesen.[24] Glenn Holland, Pressesprecher Hamiltons, gab an, dass es von Jahr zu Jahr in den USA und Großbritannien schwieriger sei, Hamiltons Bücher problemlos zu vertreiben.[24] Der Internetbuchladen WHSmith nahm 2005 Hamiltons Buch „The Age of Innocence“ aufgrund von anhaltender Kritik aus seinem Sortiment.[24] In Einzelfällen scheint die Kritik sachlich unberechtigt.[25]

Fotobände (Auswahl)

Filmografie

Literatur

  • Philippe Gautier, Marc Tagger: Interviews und Texte, in: David Hamilton. Seine besten Bilder, Marion von Schröder Verlag, München 1999, ISBN 3-547-73833-4.
  • Jörn Glasenapp: Die deutsche Nachkriegsfotografie: Eine Mentalitätsgeschichte in Bildern, Wilhelm Fink Verlag Paderborn 2008, S. 284–308, ISBN 978-3-7705-4617-6.

Weblinks

 Commons: David Hamilton – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

Anmerkungen

  1. Gautier/Tagger: David Hamilton. Seine besten Bilder, S. 5
  2. Gautier/Tagger: David Hamilton. Seine besten Bilder, S. 7
  3. Gautier/Tagger: David Hamilton. Seine besten Bilder, S. 9
  4. Ruth La Ferla: Front Row, in New York Times 18. März 2003
  5. a b Gautier/Tagger: David Hamilton. Seine besten Bilder, S. 208
  6. a b c Gautier/Tagger: David Hamilton. Seine besten Bilder, S. 230
  7. a b c Gautier/Tagger: David Hamilton. Seine besten Bilder, S. 242
  8. a b David Hamilton Online – Biografie S. 2
  9. Gautier/Tagger: David Hamilton. Seine besten Bilder, S. 315
  10. a b Gautier/Tagger: David Hamilton. Seine besten Bilder, S. 256
  11. Gautier/Tagger: David Hamilton. Seine besten Bilder, S. 268 und 281
  12. a b photoscale – „David Hamilton – vom Eros getrieben“
  13. a b c d e Stuttgarter Nachrichten – „Der Mann, der Park und die Frauen“
  14. Gautier/Tagger: David Hamilton. Seine besten Bilder, S. 294
  15. a b Gautier/Tagger: David Hamilton. Seine besten Bilder, S. 282
  16. a b Cineastentreff – Filmbesprechung „Erste Sehnsucht“
  17. Das Heyne-Lexikon des erotischen Films. Über 1600 Filme von 1933 bis heute, Heyne, München 1995 (Heyne Filmbibliothek, Bd. 224), ISBN 3-453-09010-1.
  18. Dabei verkennt er jedoch, dass Hamilton als Fotograf und Filmer von Mädchen kein Päderast (Päderastie = „Knabenliebe“) sein kann
  19. Artikel Obscenity Charge Against Barnes & Noble aus der Ausgabe der New York Times vom 24. November 1997
  20. Artikel A Dixie Book Burning aus der Ausgabe der New York Times vom 23. Februar 1998
  21. Artikel Obscenity Case Is Settled aus der Ausgabe der New York Times vom 19. Mai 1998
  22. a b Kommentar von Sarah Boxer mit dem Titel Critic’s Notebook; Arresting Images of Innocence (or Perhaps Guilt) in der Ausgabe der New York Times vom 4. März 1998
  23. British Journal of Photography, September 2005
  24. a b c Guardian – „Hamilton’s naked girl shots ruled 'indecent'“
  25. so war die Hauptdarstellerin des Films „Bilitis“, Patti D'Arbanville, zur Zeit des Drehs schon Mitte 20
  26. eine Veröffentlichung konnte bislang nicht bestätigt werden
Dies ist ein als lesenswert ausgezeichneter Artikel.
Dieser Artikel wurde am 14. Juni 2007 in dieser Version in die Liste der lesenswerten Artikel aufgenommen.