De arte venandi cum avibus

aus Wikipedia, der freien Enzyklopädie
Wechseln zu: Navigation, Suche
Friedrich II. mit seinem Falken auf der zweiten Seite des „Manfred-Manuskripts“ (Vatikanische Apostolische Bibliothek, Pal. lat 1071)

De arte venandi cum avibus (lat., wörtl. Von der Kunst, mit Vögeln zu jagen), dt. Titel Von der Kunst zu beizen, auch 'Falkenbuch' genannt, ist ein Lehrbuch über die Beizjagd und Vogelkunde, das zwischen 1241 und 1248 von Friedrich II. in lateinischer Sprache verfasst und von seinem Sohn Manfred mit Anmerkungen versehen wurde.[1][2]

Hintergrund[Bearbeiten]

Medizinische Ratgeber für die Pflege von Falken sind neben Arbeiten aus dem orientalisch-arabischen Kulturkreis im Abendland seit dem 10. Jahrhundert überliefert, gehen aber auf ältere Vorlagen zurück. Die wesentlichen Traktate zur Falknerei aus dem 12. Jahrhundert sind am normannischen Königshof in Palermo entstanden, sie waren aber relativ knapp formuliert. Friedrich II. war daneben Aristoteles' De animalibus libri bekannt, eine Abhandlung über Tiere, die von seinem Hofastrologen Michael Scotus aus dem Arabischen ins Lateinische übersetzt worden war;[3] außerdem kannte er De scientia venandi per aves, ein Lehrbuch des arabischen Falkners Moamin, das in Friedrichs Auftrag 1240 von einem magister Theodor übersetzt worden war und in vielen Abschriften vorlag.[4]

Inhalt[Bearbeiten]

Zugvögel auf einer Seite aus der Ausgabe der Bibliotheca Apostolica Vaticana.[5]

Das Werk enthält neben einer Einführung in die allgemeine Vogelkunde auch Anleitungen zu Aufzucht, Dressur und Verwendung der Jagdfalken. Der Text wird durch über 900 Bilder von etwa 80 verschiedenen Vogelarten illustriert. Sie zeigen die spezifischen Haltungen der Vögel, aber auch Falkner sowie Tätigkeiten und Werkzeuge aus der Falknerei.

Bewertung[Bearbeiten]

Das Falkenbuch blieb bis weit in die Neuzeit das Standardwerk über die Beizjagd. Dies ist vor allem auf die naturwissenschaftliche Genauigkeit und systematische Vorgehensweise des Autors zurückzuführen, der mit empirischen Methoden arbeitet und damit seinen Zeitgenossen weit voraus ist. Er vertraut auf eigene Erfahrungen, die er aus Experimenten gewinnt: Indem er die Augen eines Raubvogels bedeckt, versucht er zu ergründen, ob er für die Jagd seinen Geruchssinn benutzt; auch experimentiert er mit Vogeleiern, um herauszufinden, ob die Sonnenwärme für die Brut ausreicht. Seine Erfahrungen geben dem Autor den nötigen Rückhalt, um auch Kritik an Aristoteles zu wagen.[6] Durch die reichen Buchmalereien ist das Werk auch kunsthistorisch von Bedeutung.[1] Bei der niedersächsischen Landesausstellung Kaiser Friedrich II. Welt und Kultur des Mittelmeerraums wurde dem Werk eine gesonderte Ausstellungseinheit gewidmet; im Katalog zur Ausstellung bezeichnet der Historiker Michael Menzel das Falkenbuch als „Urknall ornithologischen Wissens“.[7]

Überlieferung und Editionsgeschichte[Bearbeiten]

Das Originalmanuskript Friedrichs II. ging 1248 bei der Belagerung von Parma verloren. In der Überlieferung des Textes sind zwei Redaktionen festzustellen:

  • eine Version mit den beiden ersten Büchern (Kurzfassung), die heute in Rom und Wien, Genf, Stuttgart und zweifach in Paris zu finden sind;
  • die berühmteste Version des Lehrbuchs ist der Codex Palatinus latinus 1071, eine Bilderhandschrift, heute aufbewahrt in der Vatikanischen Bibliothek, die von Friedrichs Sohn Manfred von Sizilien in Auftrag gegeben wurde. Der Kodex aus Pergament umfasst 111 in zwei Spalten beschriebene Seiten im Folio-Format (hier etwa 36×25 cm). Diese wohl schönste Abschrift des Textes enthält die außerordentlich lebensnahen Bilder von Vögeln, Falknern und ihren Werkzeugen in brillanten Farben. Die Handschrift weist auch Anmerkungen Manfreds auf, die jeweils mit „Rex“, „Rex Manfredus“ oder „addidit Rex“ (lat. König, König Manfred, der König fügte hinzu) gekennzeichnet sind.[8]
  • eine Version in sechs Büchern, heute in Bologna (Biblioteca Universitaria Ms. lat. 717), Paris, Nantes, Valencia, Rennes und Oxford;

Die erste Übersetzung des Werkes erfolgte in das Französische und wurde um 1300 von Jean II., Herr von Dampierre, Vizegraf von Troyes in Auftrag gegeben.[9]

Die erste Druckausgabe des lateinischen Manuskripts (in der Zwei-Bücher-Fassung) wurde 1596 in Augsburg von Markus Welser herausgegeben. Joachim Camerarius hatte ihm vorübergehend den Manfred-Codex überlassen, der sich damals in seinem Besitz befand.[10] Vermutlich kam die Handschrift über den Sohn Ludwig Camerarius in die Bibliotheca Palatina. Ludwig war lange Zeit in Diensten der Kurfürsten Friedrich IV. und Friedrich V. gestanden. Aber in dem pfalzgräflichen Prachtbau über dem Neckar sollte sie nur sehr kurz zuhause sein. Nach der Einnahme Heidelbergs durch Tilly ging dieser optimus Germaniae literatae thesaurus (Deutschlands kostbarster Bücherschatz),[11] als Zeichen des Dankes für den Sieg der Katholischen Liga über die Protestantische Union, von Herzog Maximilian I. an Papst Gregor XV. nach Rom. Im Frühjahr 1623 wurde der Transport der Bücher über die Alpen durchgeführt.

Auswirkungen auf die neuzeitliche Falknerei[Bearbeiten]

Karl Wilhelm Friedrich von Brandenburg-Ansbach unterhielt im 18. Jahrhundert auf seinem Landsitz Triesdorf bei Ansbach mit 51 Mitarbeitern eine der größten Falknereien in ganz Europa. Er beauftragte 1756 den Dekan und Rektor der Gunzenhausener Lateinschule Johann Erhard Pacius mit der Übersetzung des Falkenbuchs Friedrichs II. unter dem Titel Von der Kunst zu beizen; dieser führte den "Befehl" aus, musste sich jedoch für die Fachsprache der Beizjagd mit den flämischen Falknern am Hof austauschen. Nachdem der DFO 1923 die Falknerei in Deutschland wiederbelebte, wurden die Wortlisten Pacius' teilweise übernommen. So kamen flämische Ausdrücke in die Fachsprache der modernen deutschen Falknerei.[10]

Weitere Übersetzungen[Bearbeiten]

Die erste Übersetzung ins Englische erfolgte 1943 durch Casey A. Wood und F. Marjorie Fyfe.

Faksimileausgaben[Bearbeiten]

Eine Faksimileausgabe wurde ab 1940 durch den deutschen Historiker Carl Arnold Willemsen vorbereitet und erschien 1969 in der Akademischen Druck- und Verlagsanstalt, Graz. Nach dieser Ausgabe wurde ab 1980 durch den Harenberg Verlag eine vollständige (verkleinerte) Wiedergabe als Taschenbuch herausgegeben.

Literatur[Bearbeiten]

  • Stefan Georges: Das zweite Falkenbuch Kaiser Friedrichs II. Quellen, Entstehung, Überlieferung und Rezeption des Moamin. Mit einer Edition der lateinischen Überlieferung (= Wissenskultur und gesellschaftlicher Wandel; Bd. 27), Berlin: Akademie Verlag 2008, ISBN 978-3-05-004483-5. (Rezension)
  • Heinz Peters: Falke, Falkenjagd, Falkner und Falkenbuch. In: Reallexikon zur deutschen Kunstgeschichte Tl. 6, 1973, S. 1251–1366
  • Baudouin Van den Abeele: The Latin treatises on falconry of the Middle Ages. Louvain (1991)
  • Matthias Schramm: Frederick II of Hohenstaufen and Arabic Science, in Science in Context 14, 2001, S. 289-312
  • Carl Arnold Willemsen (Hrsg.): Das Falkenbuch Kaiser Friedrichs II. Nach der Prachthandschrift in der Vatikanischen Bibliothek. (= Die bibliophilen Taschenbücher Nr. 152) Dortmund, Harenberg (ab 1980). ISBN 3883791520

Weblinks[Bearbeiten]

Fußnoten[Bearbeiten]

  1. a b Vgl. http://www.skriptorium.at/catalog/product_info.php?products_id=121
  2. Falken. In: Meyers Konversations-Lexikon. 4. Auflage. Band 6, Verlag des Bibliographischen Instituts, Leipzig und Wien 1885–1892, S. 9–11.
  3. Dem Prolog zufolge schrieb Friedrich das Falkenbuch auf Drängen von Michael Scotus („Presens opus agendi nos induxit instans tua petitio, vir clarissime M[ichaele] S[cote]“).
  4. Das Traktat Moamins, aber auch die Werke von Dancus rex, Guillelmus Falconarius und Guicenna wurden in Friedrichs sogenanntem „zweiten Falkenbuch“ herausgegeben. Vgl. http://www.sehepunkte.de/2009/04/14898.html
  5. Auf der linken Seite unten beginnt das Kapitel über die Formation, die Zugvögel auf ihrer Reise einnehmen: „Ordinem autem hunc servant in transeundo.“ Vgl. S. 39 in der Ausgabe von Willemsen.
  6. Vgl. http://chronico.de/hoeren/audiothek/0000470/ Friedrich II. führt beispielsweise an, dass sich die Zugvögel an der Spitze einer Formation entgegen Aristoteles' Schriften abwechseln: „Non est ergo verisimile, quod scribitur ab Aristotile, quod una semper sit dux aliarium, nam si verum esset hoc, non permutaretur dux, sed semper duceret.“ S. 39 in der Ausgabe von Willemsen.
  7. http://chronico.de/hoeren/audiothek/0000470/
  8. Vgl. Haskins, C.H., The „De Arte Venandi cum Avibus“ of the Emperor Frederick II. The English Historical Review Vol. 36, No. 143 (Jul. 1921), S. 337-339.
  9. R.W. Corrie, Speculum, Vol. 74, No. 2 (1999), S. 414-417
  10. a b Nachwort aus: Friedrich II., Von der Kunst zu Beizen, Neumann-Neudamm, ISBN 978-3-7888-0672-9
  11. Carl Arnold Willemsen (Hrsg.): Das Falkenbuch Kaiser Friedrichs II. Nach der Prachthandschrift in der Vatikanischen Bibliothek. (Die bibliophilen Taschenbücher Nr. 152), Harenberg Verlag, (Kommentar und Einführung) S. 234
 Commons: De arte venandi cum avibus – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien