De tribus impostoribus

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De tribus impostoribus (lat.) bzw. Traité des trois imposteurs (frz.; „Das Buch von den drei Betrügern“) sind voneinander unabhängige, anonyme, religionskritische Bücher, deren Ursprünge bis in das letzte Viertel des 17. Jahrhunderts zurückzuverfolgen sind. In ihnen werden die Religionsstifter Moses, Jesus und Mohammed als Betrüger dargestellt, wobei sich der Vorwurf des Betruges auf vorgebliche Offenbarungen bezieht. Im Traité wird darüber hinaus die Lehre von einem persönlichen, d. h. freien und intelligenten Welturheber, von der Freiheit und Verantwortlichkeit des Menschen sowie von Strafen und Belohnungen für sein Handeln im Jenseits, von der Vorsehung und der zweckmäßigen, auf den Menschen bezogenen Einrichtung der Schöpfung, von der Unsterblichkeit der Seele geleugnet.

De tribus impostoribus[Bearbeiten]

Die erste Erwähnung findet sich 1239 in einem Brief Papst Gregors IX., in dem er Kaiser Friedrich II. ein solches Werk zuschreibt. Laut Tommaso Campanella erschien die erste Ausgabe 1538, und auch andere Zeugen erklärten, das Buch schon vor 1598 gelesen zu haben (und natürlich wollen sie dieses gotteslästerliche Werk verbrannt haben). Allerdings finden sich in keiner Quelle Inhaltsangaben oder Zitate und trotz intensiver Suche wurde nie ein Manuskript gefunden. Der Text wurde 1716 bekannt, als bei der Versteigerung der Bibliothek des Greifswalder Theologen Johann Friedrich Mayer ein Manuskript mit dem Titel für den Prinzen Eugen von Savoyen erworben wurde. Aus dessen Besitz ging das Manuskript (sog. Wiener Handschrift) dann in den Besitz der Nationalbibliothek Wien (Cod. Nr. 10450) über. Die erste, 1753 beim Wiener Drucker Straube gedruckte Ausgabe De imposturis religionum trägt das fiktive Erscheinungsjahr 1598. Der Text mit dem fiktiven Erscheinungsjahr 1598 behandelt aber nicht alle drei Religionen, sondern nur das Christentum; daher hat man in der Forschung lange angenommen, dass der anonyme Autor sein Buch nicht fertigstellen konnte. Nach nun entdeckten Indizien schrieb den Text im Jahr 1688 der Hamburger Jurist Johannes Joachim Müller (1661[1]-1733), Enkel des bekannten Hamburger Theologen Johannes Müller (1598-1672), der seinerseits in seinem Werk Atheismus devictus einen Druck von Nachtigal 1610 erwähnt.

Der anonyme Verfasser des Buches De tribus impostoribus wurde möglicherweise angeregt durch Maimonides, der in seinem Brief an den Jemen Jesus, Paulus und Mohammed als drei Betrüger bezeichnet. Im Hintergrund stehen dabei Theorien islamischer Freidenker des 9. und 10. Jahrhunderts. Dazu zählt das Buch der siebten Erreichung (Kitâb as-sijâsa oder Kitâb al-balâg as-sâbi), das angeblich aus dem Umkreis der Qaramitah stammte. Erstmals erwähnt wurde dieses Werk kurz nach 983. Darin wurden die Gebote von Judentum, Christentum und Islam für aufgehoben erklärt, sowie die Grundlagen aller drei Offenbarungsreligionen gleichermaßen angezweifelt: Es gebe weder Sünde noch ein Leben nach dem Tod. „Der Traktat war einer der verbreitetsten Texte der radikalen Untergrundliteratur.“[2] Zahlreiche Freidenker der Aufklärung ließen sich durch ihn inspirieren. Im Jahre 1761 erstellte J. C. Edelmann eine kommentierte deutsche Übersetzung.

Traité sur les trois imposteurs[Bearbeiten]

Der Text De tribus impostoribus darf keinesfalls verwechselt werden mit dem aus dem späten 17. Jahrhundert stammenden, auf Spinoza basierenden atheistisch-materialistischen Traktat französischer Sprache. In ihm ist das jüngste eingearbeitete Werk die 1677 veröffentlichte Ethik des Baruch Spinoza. Es zirkulierte zuerst als Manuskript und wurde der Öffentlichkeit bekannt durch die 1716 in Den Haag erschienene Erwiderung Réponse à la dissertation de Mr. de la Monnaye Sur le traité De Tribus Impostoribus.

Im Druck erschien der Traktat 1719 als La vie et l’esprit de Mr. Benoit de Spinosa. Vorangestellt war die älteste Biographie Baruch Spinozas von Jean-Maximilien Lucas (1636/40–1697), der deshalb als ein möglicher Autor des anonym erschienenen Werkes gilt. Ein Großteil der Auflage wurde verbrannt, doch zirkulierten Abschriften und Übersetzungen. 1768 redigierte Baron d’Holbach eine stark überarbeitete Fassung, Traité sur les trois imposteurs, die sich an ein allgemeines Publikum wendet. Da sie sich nicht nur gegen die Offenbarungsreligionen, sondern auch gegen die Natürliche Theologie wendet, erregte sie auch bei den Philosophen Aufmerksamkeit. Schon 1769 veröffentlichte Voltaire eine Gegenschrift, Épitre à l’auteur du livre des trois imposteurs, mit dem bekannten Zitat: „Wenn Gott nicht existierte, müsste man ihn erfinden.“ („Si Dieu n’existait pas, il faudrait l’inventer.“). Der Traité beeinflusste den Marquis de Sade, der Motive wie den Priesterbetrug oft aufgriff und Abschnitte über die Kritik des Gottesbegriffs und der traditionellen Sittenlehre fast wörtlich in der Histoire de Juliette von 1796 übernahm.

Der anonyme Autor bediente sich in der religionskritischen Literatur seit der Antike, wie bei Philon von Alexandria, dem Platoniker Kelsos (überliefert in OrigenesContra Celsum) und Kaiser Julian. Wesentliche Anregungen lieferten Lucilio Vanini, François de La Mothe le Vayer, Guillaume Lamy (1644-1682), Thomas Hobbes und Baruch Spinoza.

Der Atheismus, Determinismus, Materialismus des Traité beeinflusste den sich seit der Mitte des 18. Jahrhunderts formierenden französischen Materialismus, wie dem breit ausgelegten Système de la nature d’Holbachs. Der Traité als patch-work aus Versatzstücken der Philosophie des 17. Jahrhunderts diente als deren Transformator und Vermittler an das Zeitalter der Aufklärung.

Mögliche Autoren[Bearbeiten]

Als Autoren des bzw. eines Traktats De tribus impostoribus wurden seit dem Mittelalter viele Menschen verdächtigt. Zu den Bekanntesten gehören: Kaiser Friedrich II., der Herrscher des Qaramitah-Staates in Bahrain Abu Tahir Al-Djannabi (907-944), Simon de Tournai (c.1130-1201), Petrus de Vinea, Guillaume Postel, Jan Nachtegal, Averroes, Petrus Pomponatius, Pietro Aretino, Michael Servet, Gerolamo Cardano, Niccolò Machiavelli, François Rabelais, Erasmus von Rotterdam, John Milton, Matthias Knutzen (* 1646; † nach 1674), Angelus Merula, Giordano Bruno, Tommaso Campanella, Giovanni Boccaccio, Paul Henri Thiry d’Holbach, Sa'd ibn Mansur ibn Kammuna, Uriel da Costa, Baruch Spinoza.

Als Autor des Traité sur les trois imposteurs soll nach Wolfgang Gericke der Genfer Bürger Jacques Gruet in Frage kommen. Darauf ließe die Polemik gegen Calvin schließen. Mit dessen Billigung wurde Gruet 1547 in Genf hingerichtet. Der Philosophiehistoriker Friedrich Niewöhner kommt zu dem Ergebnis, dass es sich bei dem Verfasser des Buches, auch wenn er sich nicht genau identifizieren lässt, um einen Marranen der zweiten oder dritten Generation handeln müsse. Winfried Schröder lässt die Frage nach dem Autor des Traité offen, da es zu allen Vorschlägen Gegenargumente gibt.

Literatur[Bearbeiten]

  • Gerhard Bartsch (Hrsg.): De tribus impostoribus Anno MDIIC; Von den drei Betrügern 1598 (Moses, Jesus, Mohammed). Zweisprachige Ausgabe (lat.-dt.). Übersetzt von Rolf Walther (= Quellen und Texte zur Philosophie. Hrsg. von der Arbeitsgruppe für Philosophie an der Deutschen Akademie der Wissenschaften zu Berlin[-Ost]). Akademie-Verlag, Berlin-Ost 1960.
  • Wolfgang Gericke: Das Buch „De Tribus Impostoribus“ (= Quellen. Ausgewählte Texte aus der Geschichte der christlichen Kirche. N.F. Heft 2). Evangelische Verlagsanstalt, Berlin (Ost) 1982.
  • Ders.: Die handschriftliche Überlieferung des Buches Von den Drei Betrügern. In: Studien zum Buch- und Bibliothekswesen. 6, 1988.
  • Patrick Marcolini: Le „De Tribus impostoribus„ et les origines arabes de l’athéisme philosophique européen. In: Les Cahiers de l’ATP. Oktober 2003 (PDF; 78 KB)
  • Fritz Mauthner: Der Atheismus und seine Geschichte im Abendland. Band 1. Deutsche Verlags-Anstalt, Stuttgart/Berlin 1920, S. 306-331.
  • Georges Minois: Le Traité des trois imposteurs. Histoire d’un livre blasphématoire qui n’existait pas. Editions Albin Michel, 2009, ISBN 2226183124
  • Friedrich Niewöhner: Veritas sive Varietas. Lessings Toleranzparabel und das Buch von den drei Betrügern. Schneider, Heidelberg 1988, ISBN 3-7953-0761-9.
  • Eugenio Di Rienzo: Il „Liber De tribus impostoribus“ nel XVI secolo. In: La morte del Carnevale. Rom 1989, S. 99-141.
  • Winfried Schröder (Hrsg.): Traktat über die drei Betrüger/Traité des trois imposteurs. Französisch-deutsch. Meiner, Hamburg 1992, ISBN 3-7873-1085-1.
  • Ders.: Ursprünge des Atheismus. Untersuchungen zur Metaphysik- und Religionskritik im 17. und 18. Jahrhundert (= Quaestiones. 11). 2. Auflage. Frommann-Holzboog, Stuttgart-Bad Cannstatt 2012, ISBN 978-3-7728-2608-5 (Anhang, § 7).
  • Raoul Vaneigem: La résistance au christianisme. Les hérésies des origines au XVIIIe siècle. (Kap. 48; engl. Übersetzung)

Weblinks[Bearbeiten]

Fußnoten[Bearbeiten]

  1. Ursula Winter, Die Europäischen Handschriften der Bibliothek Diez in der Deutschen Staatsbibliothek Berlin, Abschlussband, S. 73
  2. Friedrich Niewöhner: De tribus impostoribis. In: Franco Volpi (Hrsg.): Großes Werklexikon der Philosophie. Bd. 2. Kröner, Stuttgart 1999, ISBN 3-520-82901-0, Sp. (1632f.) 1633.