Dead Man

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Filmdaten
Deutscher Titel Dead Man
Originaltitel Dead Man
Produktionsland USA, Japan, Deutschland
Originalsprache Englisch
Erscheinungsjahr 1995
Länge 116 Minuten
Altersfreigabe FSK 16
Stab
Regie Jim Jarmusch
Drehbuch Jim Jarmusch
Produktion Demetra J. MacBride
Musik Neil Young
Kamera Robby Müller
Schnitt Jay Rabinowitz
Besetzung

Dead Man ist ein von Jim Jarmusch 1995 als Schwarzweißfilm gedrehter Anti-Western mit Johnny Depp, Robert Mitchum und Gary Farmer.

Handlung[Bearbeiten]

Der Film beschreibt die letzten Tage des jungen William Blake, der 1876 mit dem Zug von Cleveland in den Westen reist, um eine Stelle als Buchhalter anzutreten. Der Zielort heißt „Machine“, er ist die Endstation der langen Bahnstrecke. Am Ende der Straße des völlig heruntergekommenen Ortes liegt die riesige Fabrik, bei der Blake seine Stelle antreten will. Man jagt ihn jedoch davon, da der Posten inzwischen vergeben ist. Er trifft auf die ehemalige Prostituierte Thel und übernachtet bei ihr. Als plötzlich Thels Ex-Verlobter auf der Türschwelle erscheint und sie ihm zu verstehen gibt, dass sie ihn niemals geliebt hat, zieht dieser seine Pistole und feuert einen Schuss auf Blake ab. Der Schuss trifft jedoch Thel und dringt durch ihr Herz hindurch auch in Blake ein und verwundet ihn. Blake erschießt daraufhin – nach zwei unbeholfenen Versuchen – den Mann und flieht. Der Mann, den Blake erschossen hat, ist der Sohn des Fabrikbesitzers, der daraufhin drei Kopfgeldjäger anheuert und zusätzlich ein Kopfgeld auslobt.

Ein indianischer Einzelgänger namens „Niemand“ (im englischen Original "Nobody") findet den bewusstlos zusammengebrochenen Blake und behandelt ihn. Er kann die Kugel, die in Blakes Brust steckt, jedoch nicht entfernen. Später erzählt Niemand Blake seine Lebensgeschichte: Weiße hätten Niemand im Kindesalter als Jahrmarktsattraktion nach Europa verschleppt. Niemand hat einen weiteren Namen, "Exhibitchee", was in der Übersetzung aus dem Indianischen laut Niemand „der, der laut redet und nichts sagt“ bedeutet.

Blake wird von Niemand für eine Reinkarnation des englischen Malers und Dichters William Blake gehalten, dessen Werke Niemand in England kennengelernt hat und den er verehrt. Die Verfolger werden immer zahlreicher, und die ausgesetzte Belohnung steigt. Niemand und er behaupten sich auf ihrer Flucht erfolgreich gegen sie verfolgende Kopfgeldjäger und Wegelagerer. Dabei wird aus dem biederen, naiven Buchhalter ein mehrfacher und im Laufe der Zeit auch kaltblütiger Mörder. Kurz bevor die beiden sich von den Verfolgern absetzen und eine große Indianersiedlung erreichen, verletzt abermals eine Gewehrkugel Blake an der Schulter. Blake wird durch die Wunden immer schwächer und beginnt zu halluzinieren. Von Niemand wird Blake in ein Kanu gebettet und aufs offene Meer hinausgeschoben. Blake dämmert vor sich hin und ist kaum mehr bei Bewusstsein, als ein hartnäckiger Verfolger den Strand erreicht. Blake kann nur noch zusehen, wie der Verfolger und Niemand einander erschießen.

Interpretationen[Bearbeiten]

Der Name „Niemand“ („Nobody“) könnte auf William Blakes Gedicht To Nobodaddy anspielen, welches im Film ausschnittsweise rezitiert wird. Der angeblich eigentliche Name von Niemand - Exhibitchee - klingt ähnlich wie eine Kombination der englischen Worte "exhibition" und "bitch" (--> "exhibition-bitch"), das herablassend ein Ausstellungsstück oder auch eine Jahrmarktsattraktion bezeichnen kann.

Die filmischen Bilder zeigen eine große Nähe zur Gedankenwelt Franz Kafkas. Der Protagonist ist hier wie dort ein Getriebener. Ihm widerfährt ein Geschick, d. h. er lauscht auf sein Innenleben und versäumt dabei, sich wirksam gegen seine Verfolger und Widersacher durchzusetzen und einen erfolgsträchtigen Lebensweg zu finden. Er bleibt immer im Suchen und Träumen stecken, wie sehr viele Figuren Kafkas (Josef K., Der Kübelreiter, Der Schlag ans Hoftor ...). Besonders die Erzählung Der Jäger Gracchus, in der der Jäger, ohne Vampir oder dergleichen zu sein, auf unabsehbare Zeit in einem Kahn auf den Wassern dahintreibt wie der Fliegende Holländer, findet starke Entsprechung in den Endsequenzen des Films.

Von der Erzählhaltung und Stimmungslage her sind auch starke Anklänge an filmische Arbeiten des Finnen Aki Kaurismäki vorhanden. Namentlich der Film Der Mann ohne Vergangenheit (2002) hat Äquivalenzen, ebenso wie Schatten im Paradies (Varjoja paratiisissa, 1986) und Wolken ziehen vorüber (Kauas pilvet karkaavat, 1996). Gemeinsam ist dabei z. B., dass nur scheinbar Einzelschicksale erzählt werden, tatsächlich aber ein ganzes Tableau oder Sittenbild, wie man das früher nannte, der Epoche aufleuchtet, was gewollt ist. Dabei wird das Ganze kunstvoll in ein mythologisierendes Licht getaucht, wo zwischen wirklich und unwirklich nur noch vage zu unterscheiden ist.

Inwiefern man Dead Man hinsichtlich seiner Bedeutung für das Western-Genre untersuchen und interpretieren sollte, ist umstritten. Die bisweilen geäußerte Vermutung, dass es sich bei dem Film um einen gezielten Antiwestern handelt, ist jedenfalls unzutreffend. Jim Jarmusch reizte das Western-Format nach eigener Aussage eher als geeignetes Grundgerüst für seinen Erzählstil: "Der Western als Genre ist ein dankbarer Boden für Metaphern und hat tiefe Wurzeln in klassischen Erzählformen. [...] Ich muss zugeben, dass Dead Man kein herkömmlicher Western ist - das Genre wurde wirklich nur als ein Ausgangspunkt verwendet."[1]

Interessant ist der Film auch unter der Berücksichtigung einer Kritik an der Industrialisierung und der damit einhergehenden Auslöschung alter Lebensformen (Indianer, Bisons). Der Zug (als Sinnbild der neuen Welt) ist wichtiges Thema der Anfangssequenz. Die Stadt, in die William Blake reist, heißt „Machine“ und die Kulisse wirkt wie eine Mischung aus Hochöfen und alter Westernstadt, Stahlarbeitern und Gesetzlosen, was wiederum den erwähnten Konflikt zwischen Alt und Neu widerspiegelt. Die „Guten“, die Romantiker (Blake) und Naturverbundenen (Niemand), haben keine Chance gegen die Gewalt, mit der die neue Welt über die Alte hereinbricht. Weitere Hinweise auf diesen Interpretationsansatz sind die Menschen, die aus dem Zug heraus Büffel zum Spaß erschießen (die Technik und Industrie zerstört die Natur) und damit zusammenhängend die Stellen, in denen Berge von Tierskeletten gezeigt werden.

Auf einen anderen Interpretationsansatz deutet die Zusammenfassung der Handlung bei Imdb.com hin, wonach der Indianer Niemand den William Blake auf seine Reise in eine spirituelle Welt vorbereitet. Der von der Ostküste stammende Buchhalter Blake lässt die Zivilisation hinter sich und tritt einen Weg in den Westen an, der ihn seine Unschuld und sein Leben kostet, dafür aber eine reiche innere Erfahrung schenkt. Dabei wird auf vielfältige Weise auf Bräuche der Indianer des pazifischen Nordwestens und auf mythologische Motive der Dichtung William Blakes und Dantes angespielt.[2] Insbesondere aus Blakes "The Marriage of Heaven and Hell" wird immer wieder zitiert. Zudem entsprechen die einzelnen Abschnitte des Films unterschiedlichen Phasen der spirituellen Reise. Letztlich geht es Niemand darum, die Seele des William Blake durch das "Fegefeuer" des wilden Westens zu bringen. An der Pazifikküste kann er ihn schließlich für die Fahrt über das Wasser einschiffen, was ein Symbol für die Erlösung (oder Reinkarnation) der Seele ist.[3]

Auszeichnungen[Bearbeiten]

Der Film erhielt unter anderen 1996 den Europäischen Filmpreis als bester nichteuropäischer Film des Jahres. Er nahm außerdem am Wettbewerb der Internationalen Filmfestspiele von Cannes 1995 teil.

Filmkritiken[Bearbeiten]

  • Lexikon des internationalen Films: Ein stilistisch und dramaturgisch mehrfach gebrochener Film, der Elemente des Westerns zu einer Art metaphysischer Reise benutzt. In schönen Schwarzweiß-Bildern und mit einem ungewöhnlichen Soundtrack schafft der Film eine dichte Atmosphäre, setzt sie aber durch eine distanzierende Inszenierung mit ‚naiver‘ Komik wiederholt außer Kraft. [4]
  • Jarmusch bleibt also trotz des ungewohnten Genres seinem wunderbar lakonischen Stil und der Idee der interkulturellen Konfrontation treu. Wie in allen seinen Filmen treffen auch in Dead Man Leute mit unterschiedlichen kulturellen Lebenserfahrungen aufeinander, woraus sich immer wieder eine äußerst menschliche Komik entwickelt. (Max Herrmann im Filmmagazin Artechock)[5]
  • Stefan Strucken schreibt in Filmrezensionen.de, er beurteile Dead Man als stimmigen, perfekten und ungewöhnlichen Western. Unnötige Brutalität, überflüssige Slapstickeinlagen und zum Teil überflüssige Dialoge trübten allerdings das Gesamtbild.[6]
  • Roger Ebert war enttäuscht von dem Film, er konnte keinen Sinn in ihm entdecken, schreibt er in seiner Rezension in der Chicago Sun-Times. Dead Man sei langsam, fremdartig und keinesfalls lohnend.[7]

Soundtrack[Bearbeiten]

Der Soundtrack trägt wesentlich zu der magischen, oft tranceartigen und stark soghaften Wirkung des Films bei und entstand, als Neil Young im Studio den geschnittenen Film sah und dazu improvisierte. Er verwendete hauptsächlich elektrische und akustische Gitarre, Piano und Orgel. Der Soundtrack besteht aus 13 Tracks, von denen einige Dialoge aus dem Film enthalten, inklusive Johnny Depp, welcher Gedichte von William Blake zitiert.

Weblinks[Bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. "The 'western' as a genre is very open to metaphor and has deep roots in classical narrative forms. [...] I have to admit [...] that Dead Man is not a traditional 'western' - the genre was really only used as a point of departure." http://www.nytrash.com/deadman/deadjj.html#2
  2. Briana Berg: "Unveiling the spiritual nature of Dead Man", Cinescapade 2001.
  3. Briana Berg: "Unveiling the spiritual nature of Dead Man", Cinescapade 2001.
  4. Dead Man im Lexikon des Internationalen Films
  5. Kritik im Filmmagazin artechock
  6. Kritik von Dead Man auf filmrezension.de
  7. Roger Ebert in der Chicago Sun-Times über Dead Man