Dekolonisation Afrikas

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Chronologie der Unabhängigkeit afrikanischer Länder

Die Dekolonisation Afrikas (auch Entkolonisierung genannt) [1] bezeichnet den Abzug der europäischen Kolonialmächte aus Afrika. Sie setzte allgemein nach dem Zweiten Weltkrieg ein (obwohl es vorher schon unabhängige afrikanische Staaten gegeben hatte) und endete 1976. Sie bedeutete das Ende der kolonialen Ära weltweit.

Kolonialpolitik nach 1945[Bearbeiten]

Afrika um 1913
Gesprengte Ketten: DDR-Briefmarke von 1981

Als in den 1950er-Jahren die europäische Wirtschaft wieder in Schwung kam, wurde in den Kolonialländern zum ersten Mal über die Entlassung der afrikanischen Kolonien in die Unabhängigkeit debattiert. Dabei ging es insbesondere um die Frage der Rentabilität der Kolonien für die Mutterländer. Der Entschluss zur Dekolonisation kam primär aus volkswirtschaftlichen Gründen, denn die Mutterländer konnten ihre Kolonien nicht mehr finanzieren. Also war man allgemein zu dem Schluss gekommen, dass es wirtschaftlich günstiger wäre, sich politisch aus Afrika zurückzuziehen.

Zudem sahen sich die europäischen Machthaber vom aufstrebenden Nationalismus in den Kolonien immer mehr bedroht. Vorbilder waren zum Teil die asiatischen Unabhängigkeitsbewegungen, insbesondere die in Indien, die sich bereits kurz nach dem Ersten Weltkrieg formiert hatten. Ein Kampf um die Herrschaft mit militärischen Mitteln oder auch eine Umstrukturierung der Kolonialreiche kamen auf lange Sicht nicht in Frage. Dazu kamen „Versprechen” auf größere Selbstverwaltung, die die Kolonialmächte während des Krieges gemacht hatten, als Truppen aus den Kolonien ihre Armeen verstärkten. Daher ging man etwa ab 1950 daran, die Staaten in die Unabhängigkeit zu entlassen. Soziale Träger der Entkolonialisierung waren meist lokale Eliten, die untere Funktionen in der Kolonialverwaltung besetzten und durch fehlende Aufstiegschancen frustriert waren.

Bei der Machtübergabe waren die Kolonialherren immer darauf bedacht, Regierungen zu fördern bzw. zu installieren, die ihnen genehm waren. Europa wollte zwar ein demokratisches Afrika, aber auf allen Einfluss verzichten wollte man auch nicht.

Der Weg in die Unabhängigkeit[Bearbeiten]

Britische Kolonien[Bearbeiten]

Die Briten erwogen als erste Kolonialmacht eine weitgehende Dekolonisation Afrikas. Sie wollten eine allmähliche Machtübergabe an gemäßigte, demokratische Regierungen. Vor allem war man darauf bedacht, Gewalttätigkeiten zu vermeiden – wenn auch mit wenig Erfolg. Denn in vielen ehemals britisch-regierten Staaten kam es zu blutigen Auseinandersetzungen. In Kenia wurde 1956 der Mau-Mau-Aufstand niedergeschlagen. Die Wahlen in Nigeria 1951 schürten regionale Konflikte. In Südrhodesien erklärten weiße Siedler einseitig die Unabhängigkeit, was zu Eskalationen mit den afrikanischen Nationalisten unter Robert Mugabe führte. Auch die Zentralafrikanische Föderation zersplitterte an nationalistischen Streitereien.

Die meisten ehemaligen Kolonien Großbritanniens wurden in das Commonwealth of Nations eingebunden.

Französische Kolonien[Bearbeiten]

Frankreich hatte zunächst ganz andere Pläne. Man wollte die Kolonien in Form der Französischen Union politisch noch enger an sich binden. Dem standen jedoch die Unabhängigkeitsbestrebungen in den Kolonien im Weg. Nach dem Ende des Algerienkriegs (1962) rückte Frankreich endgültig vom Kolonialismus ab – nicht zuletzt deswegen, weil ein weiteres Blutvergießen auf breite Ablehnung gestoßen wäre. Inwiefern die Unabhängigkeit der Kolonien von den Einheimischen gewünscht wurde, ist nicht ganz gewiss. Als die französischen Kolonien 1958 in einem Referendum vor die Wahl gestellt wurden, zog nämlich der überwiegende Teil der Bevölkerung eine weitere Anbindung an Frankreich der völligen Eigenständigkeit vor. Zwei Jahre später jedoch war das französische Kolonialreich Geschichte. Einzig Algerien hatte noch bis zum politischen Sieg der algerischen Befreiungsfront (FLN) 1962 den faktischen Status einer Kolonie, auch wenn es seit mehr als einem Jahrhundert administrativ Teil Frankreichs war.

Portugiesische, italienische, spanische und belgische Kolonien[Bearbeiten]

Auch die Besitzungen Portugals, Italiens, Spaniens und Belgiens mussten unter dem Druck der Unabhängigkeitsbewegung der Gesellschaften und der wirtschaftlich prekären Lage in die Eigenständigkeit entlassen werden.

  • Italien annektierte nach dem italienisch-türkischen Krieg (1911–1912) Libyen. 1934 erklärte Mussolini Italiens libysche Besitzungen zur Kolonie Italienisch-Libyen. Es kam zu Grenzstreitigkeiten um den Aouzou-Streifen im Süden mit Frankreich und seiner Kolonie Französisch-Äquatorialafrika. Im Zweiten Weltkrieg griffen italienische Truppen Ägypten an, wurden aber von britischen Truppen zurückgeschlagen. Von 1941 bis 1943 unterstützten deutsche Truppen („Afrikakorps“ unter Generalfeldmarschall Erwin Rommel) die italienischen Einheiten in Libyen gegen alliierte Verbände, bis sowohl die italienischen als auch die deutschen Einheiten im Mai 1943 bei Tunis kapitulieren mussten. Von 1943 bis 1949 war Libyen von Großbritannien und Frankreich besetzt. 1949 beschlossen die Vereinten Nationen, Libyen in die Unabhängigkeit zu entlassen und setzten als Hochkommissar Adrian Pelt ein[2] 1960 erhielt Somalia seine Unabhängigkeit.
  • Portugal, damals unter der Diktatur Salazars, wies jeden Gedanken an eine Unabhängigkeit seiner Kolonien Angola, Guinea-Bissau, Kap Verde, Mosambik und São Tomé und Príncipe energisch zurück. Die Folge waren ab 1960 Aufstände in Angola, Guinea-Bissau und Mosambik, auf die Portugal mit dem Portugiesischen Kolonialkrieg, antwortete. Gleichzeitig änderte es seine Kolonialpolitik einschneidend, indem es die Situation der Afrikaner in seinen Kolonien deutlich verbesserte und sie zu portugiesischen Staatsbürgern machte - mit dem Ziel, sie vom Unabhängigkeitskampf abzuhalten und für einen Verbleib im portugiesischen Reich zu verbleiben. 1973 war der Krieg jedoch in Guinea-Bissau militärisch verloren und erklärte dieses Land seine Unabhängigkeit. Zu diesem Zeitpunkt hatten die portugiesischen Streitkräfte die Guerillabewegungen in Angola jedoch praktisch neutralisiert, während in Mosambik eine Art militärisches Gleichgewicht herrschte. Der wirtschaftliche und menschliche Verschleiß durch den Krieg trug in Portugal jedoch entscheidend dazu bei, dass ein Militärputsch - die sogenannte Nelkenrevolution - 1974 das Salazarregime stürzte. Die neue Übergangsregierung sowie die nachfolgende unter Vasco Gonçalves beendete unverzüglich alle militärischen Aktionen, leitete die Entkolonisierung seiner afrikanischen Kolonien ein und erkannte 1975 deren Unabhängigkeit an.
  • Spanien gab seine afrikanischen Kolonien Äquatorialguinea und Westsahara kurz vor dem Tod des Diktators Franco im Jahr 1975 auf und ließ dabei zum Teil verheerende politische Zustände zurück; Westsahara wurde kurz nach dem spanischen Abzug von Marokko okkupiert.

Probleme der Dekolonisation[Bearbeiten]

Afrikanische Staaten nach Jahr der Unabhängigkeit

Generell gilt, dass die von den europäischen Kolonialmächten gezogenen Grenzen meistens auch die späteren Staatsgrenzen bildeten. Sie wurden aber bei der Eroberung willkürlich, ohne Rücksicht auf bereits bestehende Stammes- bzw. Völkergrenzen gezogen. Allerdings gab es in Afrika verbreitet auch keinen an ein Territorium gebundenen Volksbegriff. Teilweise bildeten sich Ethnien erst während der Formierung der Unabhängigkeitsbewegungen ab 1940. Als Ergebnis sind nahezu alle afrikanischen Staaten Vielvölkerstaaten mit den sich daraus ergebenden Problemen. Ein Keim für die heute verbreitete Instabilität vieler afrikanischer Länder wurde dadurch gelegt. Oft ist die einzige übergreifende Institution das Militär.

Auf Grund der kolonialen Verwaltung, die meist eine Selbstverwaltung der schwarzen Bevölkerungsmehrheit ausschloss, fehlte in vielen Ländern eine demokratische Tradition, was die Bildung von Diktaturen nach der Unabhängigkeit stark begünstigte.

Ein weiteres Problem bildet die wirtschaftliche Ausrichtung fast aller Kolonien als Rohstofflieferant, vor allem für Lebens- und Genussmittel sowie für Bergbauprodukte. Das verarbeitende Gewerbe wurde stets vernachlässigt. Daran hat sich auch nach der Unabhängigkeit nur wenig geändert. Viele afrikanische Volkswirtschaften sind daher auf Gedeih und Verderb den Weltmarktpreisen ausgeliefert, die sie nicht selbst bestimmen können.

Staaten nach Jahr ihrer Entlassung in die Unabhängigkeit[Bearbeiten]

Afrika 1993-2011
Jahr Staat(en)
1910 Südafrika
1922 Ägypten (de facto erst seit Republikgründung 1952)
1941 Äthiopien (war seit 1936 Teil von Italienisch-Ostafrika)
1951 Libyen
1956 Sudan, Marokko, Tunesien
1957 Ghana
1958 Guinea
1960 („Afrikanisches Jahr”) Madagaskar, Mauretanien, Mali, Niger, Tschad, Zentralafrikanische Republik, Demokratische Republik Kongo (ehemals Belgisch-Kongo), Republik Kongo (ehemals Französisch-Kongo), Gabun, Kamerun, Nigeria, Dahomey (Benin), Togo, Obervolta (Burkina Faso), Elfenbeinküste, Senegal, Somalia
1961 Sierra Leone, Tanganjika (Tansania)
1962 Algerien (Sezession von Frankreich), Uganda, Ruanda, Burundi
1963 Kenia
1964 Sambia, Malawi
1965 Gambia
1966 Botswana, Lesotho
1968 Swasiland, Äquatorialguinea, Mauritius
1974 Guinea-Bissau
1975 Angola, Mosambik, Kap Verde, Komoren, São Tomé und Príncipe
1976 Seychellen, Westsahara (Status ungeklärt, besetzt von Marokko)
1977 Dschibuti
1980 Simbabwe
1990 Namibia (Sezession von Südafrika)
1993 Eritrea (Sezession von Äthiopien)
2011 Südsudan (Sezession von Sudan)

Literatur[Bearbeiten]

  • Franz Ansprenger: Politische Geschichte Afrikas im 20. Jahrhundert, C.H.Beck, München 1992.
  • John Iliffe: Geschichte Afrikas, C.H.Beck, München 2. Aufl. 2000 ISBN 3-406-46309-6
  • Dietmar Rothermund, The Routledge Companion to Decoçonization, Arlington & New York, 2006
  • Gerhard Altmann: Abschied vom Empire. Die innere Dekolonisation Großbritanniens 1945–1985. Göttingen 2005.
  • Fabian Klose: Menschenrechte im Schatten kolonialer Gewalt. Die Dekolonisierungskriege in Kenia und Algerien 1945–1962. Oldenbourg Wissenschaftsverlag, München 2009, ISBN 978-3-486-58884-2 (Veröffentlichungen des Deutschen Historischen Instituts London 66).[3]
  • 50 Jahre afrikanische Un-Abhängigkeiten. Eine (selbst-)kritische Bilanz. Editions AfricAvenir/Exchange & Dialogue, 2010, ISBN 978-3-939313-95-3

Weblinks[Bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. Siehe etwa Franz-Wilhelm Heimer, Der Entkolonisierungskonflikt in Angola, München: Weltforum Verlag, 1979
  2. UN Resolution 289 IV: „Question of the Disposal of the former Italian Colonies“, 21. Nov. 1949
  3. Vgl. Lasse Heerten: Rezension zu: Klose, Fabian: Menschenrechte im Schatten kolonialer Gewalt. Die Dekolonisierungskriege in Kenia und Algerien 1945-1962. München 2009. In: H-Soz-u-Kult, 18. März 2010.