Delphine von Schauroth

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Delphine von Schauroth nach einem Gemälde von Wilhelm Hensel, um 1839

Delphine (Adolphine) von Schauroth, verheiratete Hill-Handley (* 13. März 1813[1] in Magdeburg; † 1887 in München), war eine deutsche Pianistin und Komponistin.

Biographie[Bearbeiten]

Delphine Schauroth, Tochter einer bayerischen Adelsfamilie, war als Pianistin eine Schülerin von Friedrich Kalkbrenner. Sie erregte schon als Neunjährige großes Aufsehen, das sich später durch Konzertreisen durch ganz Europa festigte. "Neben einer rapiden Fertigkeit zeigte sie eine seltene Tiefe des Gefühls in ihrem Vortrage. Noch dürfte schwerlich eine andere Claviervirtuosin so viel und eine so große Herrschaft über die mancherlei charakteristische Nuancen der verschiedenen älteren und neueren Schulen besessen haben als Fräulein von Schauroth. Meisterin z. B. im Vortrage Beethovenscher Werke wie besonders der schönen Sonaten von Carl Maria von Weber spielt sie auch mit einer hinreißenden Grazie und blendendem Glanze die modernen Werke Czerny's, Herz's, Chopins u. a. neuerer Claviercomponisten."[2]

Bis 1833 lebte sie mehrere Jahre in München, dann ging sie nach London und heiratete dort englischen Geistlichen Hill-Handley, wurde aber bald geschieden, kehrte im Sommer 1837 nach München zurück und nahm ihren Geburtsnamen wieder an.

Titelseite von Felix Mendelssohn Bartholdys Klavierkonzert Nr. 1 mit Widmung an Delphine von Schauroth

Sie war eine der wenigen Frauen, mit denen Felix Mendelssohn Bartholdy ernsthaft flirtete. Während seiner Reise im Juni 1830 nach München spielten sie Duette und in Briefen dieser Zeit ist sie öfter erwähnt: „Was mich nun betrifft, so gehe ich Tag um Tag auf die Galerie und zweimal in der Woche morgens zur Schauroth, wo ich lange Visiten mache; wir raspeln grässlich."[3] Am 16. Oktober schrieb er in Venedig das berühmte Venetianisches Gondellied (Lieder ohne Worte, Buch 1, op. 19b Nr. 6), das im Autograph (nicht im Druck) eine Widmung an sie trägt. Auch sein Klavierkonzert Nr. 1 g-moll op. 25, 1831 in München geschrieben, ist ihr gewidmet. Josephine Lang (ein anderer Schwarm Mendelssohns) widmete ihr ihre Lieder nach Gedichten von Johann Georg Jacobi op. 4.

Robert Schumann besprach zwei ihrer Kompositionen 1835 und 1837 in der Neuen Zeitschrift für Musik wohlwollend, lobte deren Musikalität, tadelte aber die Ausführung: "Hätte ich doch dabei sein können, wie sie die Sonate niederschrieb! Alles hätte ich ihr nachgesehen, falsche Quinten, unharmonische Querstände, kurz alles; denn es ist Musik in ihrem Wesen, die weiblichste, die man sich denken kann; ja sie wird sich zur Romantikerin hinaufbilden, und so ständen mit Clara Wieck zwei Amazonen in den funkelnden Reihen."[4] Auch Schumanns Anmerkungen sind nicht frei von erotischen Konnotationen.[5]

1837 schrieb Schumann: "Die Caprice […] gehört mit allen ihren kleinen Schwächen zu den liebenswürdigen. Die Mängel sind solche der Ungeübtheit, nicht des Ungeschicks; der eigentliche musikalische Nerv fühlt sich überall an. Diesmal ist es noch eine sehr zarte leidenschaftliche Röthe, die dies Miniaturbild interessant macht."[6]

1839 spielte Schauroth, "welche leider nur höchst selten mehr sich öffentlich hören lässt“, in München Beethovens Es-Dur-Konzert anlässlich der Einweihung des Beethoven-Monument und „bewährte ihre Meisterschaft wieder auf das Glänzendste".[7]

1848 heiratete sie Stephan Freiherr von Eberg und 1856 Edward Knight.

1870 gab sie ein Konzert zum Andenken an Felix Mendelssohn Bartholdy (der 1847 gestorben war) und widmete ihm das fünfte und sechste ihrer Sechs Lieder ohne Worte op. 18 mit den Titeln Venezia und Am Arno.

1881 (und früher?) bis kurz vor ihrem Tod lebte sie in Charlottenburg/Berlin. Dass diese starke Begabung nach einem strahlendem Anfang sich im Dunkel der Geschichte verlor, empfanden schon die Lexigraphen ihrer Zeit als bedauerlich: "It is matter of great regret that a life which began so brilliantly should, to all appearance, be so much overclouded at its close."[8]

Ihr Spiel wurde folgendermaßen charakterisiert: "Ihr Anschlag ist ganz der kräftige und gleichmäßige, der sich aus einer Kalkbrennerschen Schule erwarten läßt, nur erscheint er bisweilen etwas geziert. Ihr Spiel an sich ist, von jenen höheren Beziehungen noch abgesehen, auch solid, äußerst präcis und selbst bis zu einer übertriebenen Delikatesse rein."[9]

Kompositionen für Klavier[Bearbeiten]

  • 6 Lieder ohne Worte op. 18, Heft 1, 1830 komponiert, 1870 gedruckt.
  • Sonate brillante c-Moll, 1834 gedruckt.
  • Caprice B-Dur, 1836 gedruckt.

Literatur[Bearbeiten]

chronologisch

  • Robert Schumann: Gesammelte Schriften über Musik und Musiker, Leipzig 1854, Bd. 1, S. 92–93 und Bd. 2, S. 71.
  • Gustav Schilling: Encyclopädie der gesamten musikalischen Wissenschaften oder Universal-Lexicon der Tonkunst, Bd. VI, 1838, S. 176.
  • George Grove: Grove's Dictionary of Music and Musicians, Dritte Auflage, Bd. 3, 1883, S. 242.
  • O. Ebel: Women Composers – a Biographical Handbook of Women’s Work in Music, Brooklyn/NY 1902; Frz. Übersetzung 1910 als Les femmes compositeurs de musique, S. 149-150.

Weblinks[Bearbeiten]

Anmerkungen[Bearbeiten]

  1. nicht 1814, wie in mehreren Lexika verzeichnet ist. Die biographischen Daten nach MGG 2te Auflage, Bd. 14, 2005.
  2. Encyclopädie der gesamten musikalischen Wissenschaften, S. 176.
  3. Brief an seine Schwester Fanny Hensel vom 27. Juni 1830
  4. Gesammelte Schriften über Musik und Musiker, Bd. 1, S. 92–93
  5. Das reicht von dem zitierten Ausspruch Alexander des Großen gegenüber der Amazonen-Königin Thalestris bis zur Evokation der dämmrigen Kammer der Komponistin. Siehe Gesammelte Schriften über Musik und Musiker, Bd. 1, S. 92–93.. Bemerkenswerterweise urteilt Schumann über zwei Sonaten von Franz Graf von Pocci, deren zweite Delphine von Schauroth gewidmet ist, mit nahezu gleichen Kriterien und spricht ihn auch als Komponistin an: „Hätte mir Jemand den Titel zugehalten, so würde ich auf eine Componistin gerathen [haben]“ (Gesammelte Schriften über Musik und Musiker Bd.1, S.154–155).
  6. Gesammelte Schriften über Musik und Musiker, Bd. 2, S. 71.
  7. Allgemeine Musikalische Zeitung, 41. Jg. 1836, Spalte 488.
  8. Grove's Dictionary of Music and Musicians, S. 242.
  9. Schilling Encyclopädie, S. 176.