Denunziation

aus Wikipedia, der freien Enzyklopädie
(Weitergeleitet von Denunziant)
Wechseln zu: Navigation, Suche
Dieser Artikel behandelt die Beschuldigung oder Anzeige einer Person, zur Denunziation im Sinne von Widerruf eines Vertrages siehe Öffentlich-rechtlicher Vertrag.
Venedig: durch „Löwenmäuler“ (Bocca di Leone), wie hier am Dogenpalast, konnten Denunzianten ihre geheimen Anzeigen einwerfen. Der italienische Text lautet übersetzt: „Geheime Denunziationen gegen diejenigen, die Gefallen und Pflichten verheimlichen oder sich im Geheimen absprechen, um deren wahren Gewinn zu verbergen“

Unter Denunziation (lat. denuntiare, „absprechend berichten, Anzeige/Meldung machen“; denuntiatio, „Ankündigung, Androhung“) versteht man die – häufig anonyme – öffentliche Beschuldigung oder Anzeige einer Person oder Gruppe aus nicht selten niedrigen persönlichen oder oft politischen Beweggründen,[1] von deren Ergebnis der Denunziant sich selbst oder den durch ihn vertretenen Interessen einen Vorteil verspricht.

Begriff[Bearbeiten]

Der Begriff der Denunziation ist negativ konnotiert; im Gegensatz zur Denunziation ist die Anzeige im Fall von schweren Straftaten wie Mord oder Vergewaltigung und nicht politisch motivierten Delikten wie Diebstahl selbst in Unrechtsregimen gesellschaftlich akzeptiert. Daher sollte auch im Kontext von Diktaturen wie der DDR oder dem Dritten Reich zwischen Denunziation und berechtigter Anzeige unterschieden werden.[2] In der Bundesrepublik Deutschland wird in bestimmten Fällen die Nichtanzeige geplanter Straftaten selbst als Vergehen eingestuft. Ebenfalls kein Denunziant ist, wer zur Abwehr von Gefahren für die Allgemeinheit oder einen Teil derselben bei Ämtern und Behörden auf einen Missstand hinweist. Hier wird der Begriff „Whistleblower“ gebraucht.

Im ethischen Sinn wird allgemein von Denunziation gesprochen, wenn in einem nicht freiheitlichen System Menschen auf aggressive Weise bei staatlichen Vollzugsbehörden angeschuldigt werden, obwohl dem Anzeigenden klar sein muss, dass er sie damit der Gefahr der politisch motivierten Verfolgung aussetzt (siehe z. B. Heimtückegesetz).[2]

Klatsch und Denunziation sind eng miteinander verwobene Kommunikationsprozesse, die häufig der Ausgrenzung Einzelner dienen. Die Denunziation zeichnet dabei die Besonderheit aus, dass sie an eine übergeordnete Instanz (Vorgesetzte, Partei, staatliche Stellen) ergeht, von der – in aller Regel unausgesprochen – Sanktionen gegen die Betroffenen erwartet werden. Insofern ist sie ein Mittel der sozialen Kontrolle, das die „höhere Instanz“ gern zu instrumentalisieren versucht. Nicht selten treten Neid und Rachegefühle als Motive für Denunziation zu Tage, die dann als gesellschaftspolitisches oder gar staatserhaltendes Anliegen verbrämt wird. Hier muss die sexuelle Denunziation genannt werden, die seit jeher nicht nur im Alltag, sondern auch in der politischen Auseinandersetzung eine erhebliche Rolle spielt.[3]

Wie problematisch die Unterscheidung zwischen Denunziation und dem zulässigen bzw. sogar gesellschaftlich erwünschten Übertragen der eigenen Moralansprüche auf andere ist, erkennt man z. B. an der Frage, inwieweit die seit etwa 2010 im TV laufende Werbekampagne der BSA, ein Aufruf zum Anzeigen von „Raubkopien“ benutzende Personen/Gruppen, als Denunziationsaufruf oder als Staatsbürgerpflicht anzusehen ist. Prinzipiell läuft diese Frage darauf hinaus, wie schwer der Einzelne in diesem Beispiel das Verwenden solcher Software-Schwarzkopien einordnet bzw. also der Individualeindruck, wieweit Denunziation eine tatsächliche, der freiheitlichen Grundsätze dienende Sache oder nur der Gewinnung von (auch immateriellen) Vorteilen geschuldet ist.

Im Gegenzug kann Denunziation aber auch ganz gezielt Mittel zum Zweck staatlicher Informationsbeschaffung sein und dabei so unterschiedlichen Zwecken dienen wie der Entnazifizierung in den Ost- und Westzonen des besetzten Deutschlands oder der „Volkskontrolle“ beim Aufbau einer neuen Gesellschaft in der DDR. So kann Denunziation je nach Sichtweise als „Verbrechen gegen die Menschlichkeit“ und als Straftatbestand gewertet, aber auch als Zeichen „antifaschistischer Wachsamkeit“ (Erich Mielke 1948) anerkannt werden.[4]

Die meisten inoffiziellen Mitarbeiter des MfS, aber auch andere Informanten, wie die Auskunftspersonen (AKP). gingen nicht von sich aus auf die Geheimpolizei zu, sondern wurden vom MfS angesprochen. Dies unterscheidet sie vom ‚klassischen‘ Denunzianten. In Summe waren derartige Informationen aber derart indiskret, dass sie im Rahmen des Denunziationskomplexes untersucht werden müssen. Manche dieser Informationen waren derart, dass dem Informanten bewusst sein musste, dass er demjenigen, über den er redete, Schaden zufügen konnte. Wenn derartige Informationen freiwillig gegeben werden, wird der Raum der Denunziation im Engeren betreten. [5]

Vielfach besteht nicht nur in Diktaturen eine gesetzliche Pflicht zur Anzeige schwerer Straftaten. So stellte § 225 des Strafgesetzbuchs der Deutschen Demokratischen Republik die Nichtanzeige von bestimmten, als schwer eingestuften Straftaten, beispielsweise auch Republikflucht oder „Weitergabe von nicht geheim zu haltenden Nachrichten zum Nachteil der DDR“ (§ 99 StGB-DDR), unter Strafe. Die Anzeigebehörde war dabei das Ministerium für Staatssicherheit. In der Bundesrepublik Deutschland beschränkt sich die Anzeigepflicht (in § 138 dtStGB) auf geplante schwere Straftaten und dient somit nur deren Verhinderung. Die Anzeigepflicht kann legitim sein, wird in Diktaturen aber missbraucht, indem diese Pflicht diffus geweitet wird. Booß und Müller Enbergs haben darauf hingewiesen, dass die Information über nahestehende Personen an den Staat generell in einem Spannungsverhältnis steht. Auf der einen Seite gibt es eine eher private Moral, die Indiskretionen gegenüber Nachbarn, Verwandten und Freunden ächtet, auf der anderen Seite gibt es besonders in Weltanschauungsdiktaturen Erwartungen des Staates. In diesem Spannungsfeld gibt es ein breites Feld von Verhaltensweisen, das von der legitime Anzeige bis zur klassischen Denunziation reicht.[6]

Im Nationalsozialismus wurde das Gesetz zur Bestrafung von falscher Verdächtigung verschärft, zugleich aber eine Fülle von Denunziationsmöglichkeiten geboten – ohne dabei jedoch eine Denunziationspflicht zu statuieren.

Justiz und NS-Verbrechen ist eine vielbändige veröffentlichte Sammlung von Urteilen deutscher Gerichte zu Verbrechen des Nationalsozialismus mit Tötungsdelikten, begangen vor allem im Zuge des Holocaust. Etwa sieben Prozent der über 600 Urteile der ersten 22 Bände (Urteile aus den Jahren 1945 bis 1966) behandeln Verbrechen, die nach Denunziation geschahen. Die Sammlung ist seit Ende 2008 vollständig online abrufbar.[7]

Im Westen Nachkriegsdeutschlands hingegen wurde – sieht man von den Aufforderungen der Militärregierung zur aktiven Mithilfe bei der Entnazifizierung ab – auf einer eher informellen Ebene über Denunziation als Mittel zur Lösung von Konflikten wie als Positionsbestimmung in der neuen demokratischen Ordnung verhandelt. „Der Vergleich der Gesellschaftsformen gibt uns auch einen Einblick, wie sich Rechts- und Unrechtsbewusstsein des Einzelnen auf Grund der Interventionen von Staat und Justiz verändern und verhaltensanleitend werden können“.[4]

„Der größte Lump im ganzen Land, das ist und bleibt der Denunziant“, wird oft Hoffmann von Fallersleben zugeschrieben, seit es entsprechend in die Zitatensammlungen von Daniel Sanders (1906) und Richard Zoozmann (1911) aufgenommen wurde. Die dortige Quellenangabe „Polit. Gedichte: Sprüche 17“ ist jedoch nicht nachvollziehbar, und auch sonst ist das Zitat im Werk Hoffmanns nicht festzustellen. Nah liegt es allerdings, darin eine auf einen Satz verdichtete Paraphrasierung des Liedes Der Denunziant von Max Kegel zu sehen, das 1884 – in der Zeit des Sozialistengesetzes – anonym in der Zeitschrift Der Wahre Jacob erschienen war und unter anderem folgende Verse enthält: „Verpestet ist ein ganzes Land, / Wo schleicht herum der Denunziant. […] Der Menschheit Schandfleck wird genannt / Der niederträcht’ge Denunziant.“[8]

Verwandte Themen[Bearbeiten]

  • Tragen Angehörige eines Systems oder einer Institution Missstände nach außen, werden sie negativ als Nestbeschmutzer, positiv als Whistleblower bezeichnet.
  • Denunziation unter Kindern wird Petzen genannt.
  • Einige Rechtsordnungen sehen für die Denunziation von Straftaten Belohnungen vor, etwa einen Anteil am allfälligen Bußgeld (z. B. qui tam).

Literatur[Bearbeiten]

Christian Booß, Helmut Müller-Enbergs: Die indiskrete Gesellschaft. Studien zum Denunziationskomplex und zu inoffiziellen Mitarbeitern. Frankfurt (Main): Verlag Polizeiwissenschaft 2014, ISBN 978-3-86676-384-5

Weblinks[Bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. „Jmdn. aus taktischem Kalkül denunzieren; jmdn. oder etwas als etwas öffentlich brandmarken, verleumderisch als etwas hinstellen; jmds. Schriften als friedensfeindlich denunzieren“ (aus: Bertelsmann Wörterbuch und WAHRIG Rechtschreibung, 2010).
  2. a b Vgl. Ela Hornung, Denunziation als soziale Praxis: Fälle aus der NS-Militärjustiz. Böhlau, Wien 2010, ISBN 978-3-205-78432-6, S. 27.
  3. Friedrich Koch: Sexuelle Denunziation. Die Sexualität in der politischen Auseinandersetzung. 2. Aufl. 1995.
  4. a b Christian Jung: Denunziation – Instrument sozialer Kontrolle. In: Informationsdienst Wissenschaft, 12. Juni 2002.
  5. http://www.taz.de/1/archiv/digitaz/artikel/?ressort=sw&dig=2014%2F10%2F20%2Fa0077&cHash=ca5ed9fc02566ee66923d5dcbf4791db
  6. Christian Booß, Helmut Müller-Enbergs: Die indiskrete Gesellschaft. Studien zum Denunziationskomplex und zu inoffiziellen Mitarbeitern. Frankfurt (Main): Verlag Polizeiwissenschaft 2014, ISBN 978-3-86676-384-5
  7. Christiaan F. Rüter, Universität von Amsterdam: Justiz und NS-Verbrechen.
  8. Der wahre Jakob, Nr. 8 / 1884, S. 63 digi.ub.uni-heidelberg.de. Nach Klaus Völkerling (Max Kegel. Auswahl aus seinem Werk. Akademie-Verlag, 1974, S. 226) geht das Lied auf ein Gedicht zurück, das am 2. März 1877 in Nr. 26, S. 3 des Dresdener Volksboten unter dem gleichlautenden Titel „Der Denunziant“ veröffentlicht wurde und den Milwaukeer Leuchtkugeln, Beilage der von Joseph Johann Brucker und Gustav Lyser herausgegebenen Zeitschrift Der Milwaukee’r Socialist, entnommen war.
Rechtshinweis Bitte den Hinweis zu Rechtsthemen beachten!