Der Andere (1930)

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Der Andere ist ein früher deutscher Tonfilm von Robert Wiene aus dem Jahre 1930.

Filmdaten
Originaltitel Der Andere
Produktionsland Deutschland
Originalsprache Deutsch
Erscheinungsjahr 1930
Länge 2343 m / 86 Minuten
Altersfreigabe FSK 12
Stab
Regie Robert Wiene
Drehbuch Johannes Brandt
Produktion Terra Film
Musik Friedrich Hollaender
Will Meisel
Artur Guttmann
Kamera Nicolas Farkas
Besetzung

Handlung[Bearbeiten]

Der Film ist eine Dr.-Jekyll-und-Mr.-Hyde-Geschichte. Hallers ist ein Staatsanwalt, der tagsüber das Verbrechen bekämpft und sich nächtens in einen Verbrecher verwandelt. Das andere Ich Hallers verliebt sich in die zwielichtige Frau Amalie Frieben, die in der Unterwelt als Rote Male bekannt ist. Staatsanwalt Dr. Hallers ist Amalies größter Feind, doch erkennt sie den verwandelten Hallers nicht wieder und überredet ihn, Hallers zu ermorden. Er lässt sich sogar darauf ein und bricht gemeinsam mit dem Gastwirt Dickert in sein eigenes Haus ein. In seinen eigenen vier Wänden bricht das andere Ich des Staatsanwalt wieder durch und er lässt den Gastwirt verhaften. Durch diese Handlung wird sein Doppelleben erkannt und Hallers Persönlichkeitsspaltung kann behandelt werden. Hallers steht vor einem lebenslangen Aufenthalt in einer geschlossenen Anstalt, doch der Staatsanwalt nimmt den schweren Kampf mit dem Anderen auf und wird geheilt.

Hintergrund[Bearbeiten]

Der Andere ist ein Remake des gleichnamigen Stummfilms von Max Mack aus dem Jahre 1913.[1] Bei Mack spielte Albert Bassermann die Rolle, die jetzt Fritz Kortner übernahm. Beide Filme basieren auf einem Theaterstück von Paul Lindau. Der Film ist der erste Tonfilm des legendären Stummfilmregisseurs Robert Wiene. Er wurde später auch unter dem Titel Staatsanwalt Hallers verliehen.

Die Bauten des Films erstellte Ernö Metzner, die Kamera führte Nikolaus Farkas. Die Aufnahmen fanden in Berlin, u. a. im Lunapark, statt.

Der Andere wurde in Deutschland am 12. August 1930 im Berliner Großkino Capitol[2] uraufgeführt. Er lief auch in Dänemark, Australien und in Amerika, wo er in New York City am 14. Januar 1932 als The Other One Première hatte.

Filmmusik[Bearbeiten]

Wie in der Anfangszeit des Tonfilms üblich, erhielt Der Andere durch die Komponisten Artur Guttmann, Will Meisel und Friedrich Hollaender außer der Begleitmusik auch zwei Tonfilmschlager, deren Liedtexte - einer eher forsch, der andere eher gefühlvoll- von Hollaender und Kurt Schwabach verfaßt wurden :

  • Küsse mich wenn Du mich lieb hast, Lied u. Tango (Meisel, Guttmann und Schwabach)
  • Du hast ja eine Träne im Knopfloch. Tango (TuM Fr. Hollaender)

Sie sind in Schallplattenaufnahmen der Marke Ultraphon erhalten:

Ultraphon A 531 (mx. 10 984) Küsse mich wenn Du mich lieb hast, Tango (Meisel, Guttmann und Schwabach) a.d.Tonfilm “Der Andere”: Tango-Orchester Juan Llossas, Refraingesang Walter Jurmann.

Ultraphon A 556 (mx. 15 024) Du hast ja eine Träne im Knopfloch, Tango (TuM Fr. Hollaender) a.d.Tonfilm “Der Andere” : Alfred Beres mit Orchester. Refraingesang Walter Jurmann.[3]

Letzterer ist mit seinem witzig-ironischen Text in den Schatz berlinischer Redensarten eingegangen. Seine Wurzeln dürften jedoch älter als der Schlager sein.[4]

Kritik[Bearbeiten]

„Ein denkwürdiger Moment im Beginn der jungen deutschen Tonfilm-Ära“

Lichtbild-Bühne, 13. August 1930

„Frühe Tonfilmvariante des ‚Dr. Jekyll und Mr. Hyde‘-Themas. Ein Staatsanwalt, dessen zweites Ich von einem Ganoven besessen ist, muß sich selbst bekämpfen. Nur mit Mühe entgeht er der lebenslangen Einweisung in eine Anstalt und findet nach einer schweren Krise aus seiner Bewußtseinsspaltung heraus. Ein schauspielerisch beachtlicher Film.“

Lexikon des Internationalen Films

„Für den Regisseur Robert Wiene bedeutet DER ANDERE eine Rückkehr zu seinen Anfängen, denn in seinem Remake von Max Macks Klassiker des Autorenfilms aus dem Jahr 1913 drückt sich erneut das Interesse für die Psychoanalyse, das Unbewusste und die dunklen Seiten der menschlichen Seele aus, das bereits sein Meisterwerk DAS CABINET DES DR. CALIGARI (1920) bestimmt hatte. Zugleich markiert Wienes erster Tonfilm DER ANDERE auch einen Aufbruch und einen Neuanfang: Der Tonfilm erscheint hier als die Couch des Analytikers, auf der das Unbewusste in Sprache verwandelt wird. So lässt sich DER ANDERE als Versuch eines Dialogs zwischen Stummfilm und Tonfilm lesen und als selbstreflexive Auseinandersetzung mit der Übersetzung von Bildern in Worte.“

filmblatt.de[5]

Literatur[Bearbeiten]

  • Günther Dahlke, Günter Karl (Hrsg.): Deutsche Spielfilme von den Anfängen bis 1933. Ein Filmführer. Henschel Verlag, Berlin 1993.
  • Uli Jung, Walter Schatzberg: Zur Genese eines Filmstoffs: DER ANDERE von Max Mack (1912) und Robert Wiene (1930). In: Filmwärts. 1993, Nr. 28, S. 39–41.
  • Heinz Küpper (Hrsg.): Illustriertes Lexikon der deutschen Umgangssprache. 8 Bände. Klett, Stuttgart 1982-84 (Band II: Band Blau - Faul. 1983), ISBN 3-12-570020-5, ISBN 3-12-570180-5)
  • Lihi Nagler: Allegorien der Kulturkämpfe. Die Doppelgänger-Figuren in DER ANDERE (1913) und DER STUDENT VON PRAG (1913) und ihre Remakes von 1930 und 1926. In: montage AV. 16. Jg., 2007, Nr. 1, ISSN 0942-4954, S. 140–166 (online, PDF; 216kb).
  • Lihi Nagler, Philipp Stiasny: "Ich will nicht, ich will nicht, ich will nicht!" Doppelgänger, Tonfilmtechnik und Psychoanalyse in Robert Wienes DER ANDERE (1930). In: Filmblatt. 16. Jg., Nr. 45 Sommer 2011, ISSN 1433-2051, S. 61–74.
  • Lena Marie Olbrisch: Paul Lindaus DER ANDERE : vom Fall zum Film. (DER ANDERE by Paul Lindau : from a case study to a movie). Publikationsdatum: 30. Mai 2013 ; URL: [5]
  • Friedrich v. Zglinicki: Der Weg des Films. Die Geschichte der Kinematographie und ihrer Vorläufer. Rembrandt Verlag, Berlin 1956.

Weblinks[Bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. vgl. Zglinicki S. 377–379, Dahlke-Karl S. 14–15.
  2. Premieren-Theater, 1925/26 von Hans Poelzig mit ca. 1300 Plätzen erbaut, vgl. [1] und Zglinicki S. 448–449.
  3. anzuhören bei youtube[2] aufgen. August 1930.
  4. vgl. Heinz Küpper: Ill. Lexikon der Deutschen Umgangssprache. Band 2: Träne im Knopfloch. = geheuchelte Rührung; Rührseligkeit. Seit dem ausgehenden 19. Jh, schül und stud. ; danken mit einer Träne im Knopfloch = gerührt danken (iron). Im ausgehenden 19. Jh unter Schülern und Studenten, verdreht aus "danken mit einer Träne im Auge und einer Nelke im Knopfloch". Vgl. a. cosmiq[3]
  5. vgl. filmblatt.de[4]