Der Geschichtenerzähler

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Der Geschichtenerzähler (span. El hablador) ist ein Roman des peruanischen Literatur-Nobelpreisträgers Mario Vargas Llosa aus dem Jahr 1987.

Überblick[Bearbeiten]

Im ersten und im letzten der acht Kapitel berichtet der Autor (Vargas Llosa als Ich-Erzähler[1][A 1]) über seinen Studienaufenthalt in Florenz im Sommer 1985. In der Santa-Margherita-Passage betritt er eine winzige Galerie mit Fotos des Italieners Gabriele Malfatti aus dem peruanischen Amazonien.[2] Der Besucher erkennt auf den Bildern die Gegend um Nueva Luz und Nuevo Mundo (span. Neue Welt) wieder, die er wenige Jahre zuvor aufgesucht hatte. Von einem der Fotos wird der Autor besonders angezogen. Im Kreise sitzen Männer und Frauen vom Stamm der Machiguengas und lauschen gebannt einem in ihrer Mitte stehenden Geschichtenerzähler.

Seitdem der Autor das erste Mal von der Existenz der Geschichtenerzähler dieses Indianerstammes gehört hat, hat ihn das Thema nicht mehr losgelassen und er will eine Geschichte darüber schreiben. Er erinnert sich an einen Studienfreund, durch den er die Machiguengas und ihre Probleme kennenlernte, erzählt von eigenen Begegnungen mit Indianern dieses Stammes und von Gesprächen mit Forschern, die unter ihnen leben und mehr über sie wissen, sowie von seinen Nachforschungen zum Thema und von seiner Mühe beim Schreiben. All dies umrahmt jeweils drei Kapitel, in denen Mythen, Legenden, Erfahrungen und Erlebnisse aus dem Munde eines solchen Geschichtenerzählers zu „hören“ sind. Eingebaut ist eine fast kriminalistische Nachforschung: Was ist aus dem Studienfreund geworden? Ist er etwa zu den Machiguengas gegangen? Steht er im Zusammenhang mit dem Foto?

Inhalt[Bearbeiten]

Ein Geschichtenerzähler ist bei den Machiguengas weder Zauberer, Heiler noch Priester, sondern eher Briefträger, Unterhalter und zugleich Stammesgedächtnis der weit verstreut lebenden Stammesangehörigen. So spielt er eine zentrale Rolle für die Zusammengehörigkeit des Stammes, der durch sein Leben im Einklang mit der Natur und durch seine Mobilität trotz widrigster Umstände die Zeiten überstanden hat. Während einer Sitzung um den Geschichtenerzähler spricht dieser eine Fülle von Themen an, aber alles wirkt nicht sehr dingfest und es erscheint als ein ziemliches Durcheinander.

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Wegen seines maulbeerfarbenen Muttermals, das die rechte Gesichtshälfte bedeckt, wird Saúl Zuratas, Studienfreund des Autors, mit Spitznamen Mascarita (span. Máscara – Maske) genannt. Zusammen mit seinem Vater, dem Krämer Don Salomón, lebt Saúl in einem heruntergekommenen Viertel Limas. Nach dem Tod der kreolischen Mutter, einer ungebildeten Goi aus Talara, war der Jude Don Salomón in die Hauptstadt gezogen, um dem Sohn die Ausbildung als Jurist zu ermöglichen. Aber Saúl vernachlässigt 1953 bis 1956 das Jura-Studium, wirft sich mit Feuereifer auf das Studium der Ethnologie und sucht in den Semesterferien die Verwandten seiner Mutter, Bauern in Quillabamba[3] bei Cusco, auf. Weiße wie Saúl nennt die dortige Bevölkerung Viracochas[4] und wirft ihnen Umweltschädigung, wie zum Beispiel Fischfang mit Dynamit, vor.[5] Während der Studienjahre in Lima unternimmt Saúl weitere Reisen an den Oberlauf des Urubamba und des Río Madre de Dios.[6][7] Von ihm erfährt der Autor erstmals von den Mythen der Machiguengas – von Tasurinchi, dem Gott des Guten, und Kientibakori, dem Gott des Bösen, die beide mit ihrem bloßen Atemhauch das Leben auf der Welt geschaffen haben: der eine die Menschen und alles, was ihnen nützlich ist, der andere alles Übel.[8]

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Einst lebten die Menschen der Erde in paradiesischen Zuständen, aber das hielt nicht an, und Tasurinchi – Gott oder Stammesführer – rief sein Volk zum Aufbruch. Seitdem verstehen sie sich als die Menschen, die gehen.[A 2] Erzählungen aus schweren Zeiten der Stammesgeschichte wechseln mit Berichten von Besuchen des Geschichtenerzählers in den winzigen Urwaldsiedlungen. So erzählt er von seinem Besuch bei Tasurinchi an der Biegung des Flusses, dann hört man von Tasurinchi im Wald am Yavero-Fluss, dann von Tasurinchi, dem Blinden, der am Cashiriari-Fluss lebt … Offensichtlich nennt er unter diesen Menschen jedermann und später dann auch sich selbst „Tasurinchi“ [9], verwendet also den Gottesnamen. Und es wird von den guten Taten Tasurinchis, des Weltenschöpfers, und den Missetaten seines Widersachers Kientibakori und seiner zahlreichen Dämonen erzählt.

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Im Jahr 1958 dringt der Autor zum ersten Mal in den Amazonas-Urwald ein, als er eine Expedition des peruanischen Instituts für Linguistik an die Ufer des oberen Marañón begleiten darf. Saúls Förderer, der Professor Matos Mar, nimmt an der Expedition teil. Der Autor unterhält sich gelegentlich mit dem Professor über den Freund. Matos Mar hatte Saúl vergeblich zu der Reise eingeladen. Saúl hatte Einwände gegen die Arbeitsweise des Instituts vorgebracht.

Auch ohne Saúl machen der Autor und der Professor ihre Entdeckungen. Freilich reden sie nicht mit den Machiguengas, sondern lernen das junge Linguisten-Ehepaar Schneil – Absolventen der Universität von Oklahoma – kennen. Edwin Schneil hatte sich nackt unter eine Machiguenga-Familie gewagt und war nicht – wie andere vor ihm – abgewiesen worden. Nicht ohne Grund! Schneil erweist sich als extrem zurückhaltend. Weder hatte er nach Gringo-Art fotografiert noch Tonaufnahmen gemacht. Die Schneils haben die Bibel im Gepäck. Der Autor erfährt von ihnen viel über das Leben und die Mythen der Machigugengas. Eine Besonderheit ihrer Sprache: Sie besitzen keine Eigennamen[10]. Dies mag erklären, warum der Geschichtenerzähler im Roman jeden mit dem gleichen Namen „Tasurinchi“ anspricht.[11][A 3]

Wahrheiten werden keineswegs verschwiegen, sondern mehrfach ausgesprochen. Da werden die Machiguengas von den patronos – das sind elende Weiße und Mestizen – ausgebeutet. Der Kazike von Urakusa[12] wird gefoltert, als er den Wert des Geldes erkannt hat. Bis zum Ende des Kautschukzeitalters waren Machiguengas als begehrte Arbeitskräfte Opfer von Menschenjägern geworden. Sowohl Kapitalismus als auch Kommunismus werden als potentielle Zerstörer der Amazonas-Kulturen angesehen.

Am letzten Abend der Expedition hat der Autor noch ein Gespräch mit Schneils. Beiläufig erzählen sie, dass die Machiguengas auf geheimnisvolle Weise über einen „Geschichtenerzähler“ sprächen. Über seine Rolle haben sie nur Vermutungen. Der Autor ist von diesem Thema sehr beeindruckt.

Nachdem er von der Expedition nach Lima zurückgekehrt ist, trifft er sich mit Saúl das letzte Mal in der erzählten Zeit in einer Kneipe. Ein Berg Speckgriebenbrote wird gemeinsam verzehrt. Fünf Jahre später erfährt der Autor in Paris von Matos Mar, Saúl sei nach Israel gegangen.

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Beständig auf Wanderschaft, wird Tasurinchi, Repräsentant des Guten, von den Geistern des bösen Kientibakori überall bedroht. Aus dem Mund des Geschichtenerzählers hören wir viele Geschichten darüber, unter anderem folgende: Da verwandelt sich einer der Geister in eine Wespe und sticht den rastenden Wanderer beim Wasserlassen in den Penis. Der schwillt an, wächst und wächst so groß, dass ihn der Gestochene aufwickeln und schultern muss. Waldvögel finden darauf einen Platz zum Singen – verwechseln den Penis mit einem Baumstamm. Jede Pein – so auch diese – wird weiterwandernd überwunden. Mitunter steigt der Dialog zwischen dem Geschichtenerzähler und denen, die er besucht, ins Philosophische auf. Da meint Tasurinchi: „Die Wut ist eine Störung der Welt.“[13]

Die Sorgen begleiteten Tasurinchi bis in die eigenen vier Wände. Als er nach dem Fischen die Hütte betritt, liegt der Sohn auf der Frau. Sie lässt sich von ihrem Stiefsohn beschlafen. Dem Vater bleibt nicht anderes übrig – er muss eine Frau für den Filius auftreiben. Dummerweise möchte das neue Paar gerne beisammenbleiben. In seiner Wut darüber steigt er – der, von dem hier erzählt wird und der sich nun in einen Teufel verwandelt – in den Himmel und wird zum Kometen.

Nichts gilt in dem Roman ein für allemal. Eine der Varianten, in denen die Schöpfungsgeschichte erzählt wird: Ein von Tasurinchi gehauchter Mensch hat Anteil daran. Er heißt Pachakamue und wird mit seinen Wortschöpfungen zum ersten „Erzähler“: Sprechend verwandelt er Menschen in die verschiedensten Tiergestalten und bringt somit die Fauna hervor. Sein Tod stimmt nachdenklich. Zwar hatte ihm sein Gegner den Kopf abgeschnitten, aber die Zunge darin belassen. Diese manchmal noch sprechende Zunge sei die Quelle aller Unordnung.

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Als TV-Journalist trifft der Autor im Jahr 1981 das Ehepaar Schneil auf einem gemeinsamen Flug in das Gebiet der Machiguengas wieder. Über 20 Jahre sind seit der ersten Begegnung vergangen. Die Kinder der Schneils leben inzwischen als heranwachsende künftige Wissenschaftler in den USA. Während der Autor die Verehrung der Schneils durch die Machiguengas bewundert, sucht er frustriert[14] Gründe für das eigene Versagen. Die Entwürfe zu seiner Geschichte über die Machiguenga-Erzähler waren stets im Papierkorb gelandet. Warum? Er findet keine vernünftige Antwort. Von den Machiguengas, die inzwischen in einem Dorf angesiedelt sind, kann er nichts über die Geschichtenerzähler erfahren. Sie zeigen Unverständnis oder weichen vom Thema ab – einer verweist stattdessen auf ein Novum: die christliche Heilige Schrift in der Sprache der Machiguengas. Wissen sie nichts oder haben sie etwas zu verbergen? Und selbst Edwin Schneil gibt sich überrascht und verlegen, als der Autor das Thema anspricht. Aber das beharrliche Nachhaken hat schließlich doch noch Erfolg. Edwin Schneil hatte in reichlich 20 Jahren im Urwald zwei Begegnungen mit Geschichtenerzählern. Einer davon sei ein Albino oder Gringo gewesen. Die Beschreibung trifft auf Saúl zu. Sollte die Auswanderung des Freundes nur ein Gerücht gewesen sein?

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In einer der Legenden hören wir von einem abscheulichen Todesfall: Einer der unzähligen Feinde Tasurinchis übergießt ihn nach dem Fischen mit kochendem Wasser. Der Begossene häutet sich, weint und zerplatzt. In einer anderen Geschichte hören wir von der Verwandlung des Geschichtenerzählers in eine Machacuy-Zikade. Der einzige Vorteil – er hat nun mehr als zwei Augen. (Man erkennt Saúls Lieblingserzählung wieder – „Die Verwandlung[A 4] von Franz Kafka).

Aber der Geschichtenerzähler wird nun auch persönlicher: Er erzählt über seine eigentliche Verwandlung – wie er zum Geschichtenerzähler geworden ist. Er versucht, den Machiguengas klarzumachen, welche Grausamkeit in ihrem Brauch steckt, mit Geburtsfehlern behaftete Kinder zu töten. Er erzählt ihnen in einer Sprache, die auf sie zugeschnitten ist, die Geschichte des jüdischen Volkes und auch vom Christentum. Und nochmals will er ihnen klarmachen, dass nicht alles, was unvollkommen geboren wurde, von Kientibakori, dem Bösen, gehaucht sein muss und deshalb zu töten wäre: An seinem eigenen großen Leberfleck und dem verkrüppelt geborenen kleinen Papagei auf seiner Schulter führt er ihnen vor Augen, wie man auch in Unvollkommenheit als Tasurinchi leben kann.

Zitate[Bearbeiten]

  • Tasurinchi belehrt den Geschichtenerzähler: „Um zu verstehen, muß man zuhören können.“[15]
  • Aus dem Mund eines unermüdlichen Machiguenga-Zuhörers: „Dank deiner Erzählungen ist es, als würde das, was geschehen ist, viele Male wieder geschehen.“[16]
  • Sogar das nach abendländischem Verständnis Leblose kann bei den Machiguengas reden: „Es sprechen die Kreise des Wassers.“[17]
  • Über seine Selbstfindung bei den Machiguengas sagt der Geschichtenerzähler: „Hierher bin ich zurückgekehrt, ohne fortgegangen zu sein.“[18]

Form und Interpretation[Bearbeiten]

Der Autor berichtet über seine Schwierigkeiten, einen Roman zum Thema der Machiguenga-Geschichtenerzähler zu schreiben. Somit entsteht ein Roman im Roman.[19] Nicht nur im ersten und letzten Kapitel, die die Romanhandlung einrahmen, sondern auch während des Geschehens weist der Autor hin und wieder auf seine Erinnerungsarbeit in Florenz hin.[20] Seine Idee, über den Freund Saúl zu schreiben, sei eine verfluchte Versuchung, der er nun nachgegeben hat.

Für den Leser, der die ethnische Untersuchung Amazoniens studieren möchte, die auf dem östlichen Territorium Perus durch die Spanier vorangetrieben wurde, kann der Text eine Fundgrube sein. So wird zum Beispiel der Missionar Pater José Pío Aza[21], der erste Erforscher der Machiguenga-Sprache, genannt. Oder es wird der Reformer Dr. Luis Valcárcel[22] bespöttelt und ein Roman zum Thema genannt: „La Vorágine“[23]. Die dreimalige ausführliche Erklärung zur Entstehung dieser Welt, wie sie sich die Machiguengas denken – in den Wiederholungen dann sichtbar verquickt mit dem jüdischen und christlichen Glauben[A 5] – ergibt eher ein bekennerisch-weltanschauliches Skriptum als Prosa.

Was aber macht das Buch zum Roman? In erster Linie ist das der extreme Kontrast zwischen dem teils sachlich und nüchternen berichtenden, an seinen Schriften orientierten, zurzeit fern der Heimat lebenden Intellektuellen und dem in den drei Erzählerkapiteln wiedergegebenen mündlichen Vortrag des Geschichtenerzählers.[24] Der Autor mag den Geschichtenerzähler fast beneiden, denn im Leben seines Stammes spielt dieser eine so zentrale Rolle, wie es dem Schriftsteller – obgleich Vargas Llosa später sogar Literaturnobelpreisträger wurde – in seiner Gesellschaft nicht vergönnt ist.[25] Spannung wird erzeugt durch die Nachforschungen nach dem Verbleib des Freundes Saúl Zuratas. Zu dessen Solidarisierung mit den an den Rand der Gesellschaft gedrängten Machiguengas mögen sein abstoßendes Muttermal und seine jüdische Herkunft beigetragen haben, die ihn ebenfalls zu einer „Randexistenz“ der peruanischen Gesellschaft machten. Am Ende des Buches äußert der Autor noch einmal seine Bewunderung über die bis ins Tiefste gehende Verwandlung, die sein Freund durchgemacht hat. Dabei sollte der Leser jedoch im Blick haben, dass bei aller Belegbarkeit der Fakten und der autobiographischen Daten im Buch ebendiese Inhalte um Fiktionen erweitert sind – der Autor schreibt selbst, dass er das jetzige Leben seines Freundes, das er nicht mehr kennt, erfinden muss[A 6]. Mit seinem Namen wird der Autor übrigens an keiner Stelle des Romans benannt, und für das Linguistenehepaar Schneil, von dem er die meisten Informationen über die Machiguengas und die Geschichtenerzähler erfährt, gibt es zwar ein authentisches Vorbild, aber der Name ist leicht abgewandelt.[26]

Der Leser lernt ein exotisches Weltbild kennen und muss sich in ein fremdartiges Vokabular hineinfinden. Erklärungen werden oft erst viele Seiten später gegeben – so wird im Bericht des Ehepaars Schneil über die Machiguengas einiges erzählt, was man vorher nur vermuten konnte, zum Beispiel, dass sie keine Eigennamen besitzen. Auch die am Buchanfang stehende Widmung für die „Machiguenga-Kenkitsatatsirira“ findet erst hier und auch nur andeutungsweise eine Erklärung: Es wird ein langes Geräusch mit vielen „s“ erwähnt, das man mit „Geschichtenerzähler“ übersetzen kann.[27] [28]

Im Lauf der drei großen Auftritte des Geschichtenerzählers wird dieser zunehmend persönlicher. Beginnend mit dem Auszug aus dem Paradies und anderen Mythen sowie den Berichten über seine Besuche flicht er mehr und mehr persönliche Themen ein (siehe oben, Kapitel 7).

Die Schöpfungsgeschichte der Machiguengas wird nicht im biblischen Stil vorgetragen. Ordnung muss sich der Leser aus der heillosen Unordnung des repetierenden Vortrags selbst exzerpieren. Hiermit stellt der Schriftsteller dem Leser so manche Knobelaufgabe. Ein erster Anhaltspunkt könnte in der Hinsicht sein: Der Mond lebt unter den Machiguenga; ist mit einer ihrer Frauen verheiratet. Er beschläft sie ausdauernd und erfolgreich. Sie gebiert ihm die Sonne. Licht erhellt die Welt. Das abendliche Stürzen des Zentralgestirns könnte eine der Ursachen für Tasurinchis beständiges Wandern sein. – Einen Überblick über die Kosmogonie der Machiguengas bekommt der Leser, nachdem er seine ersten Eindrücke aus den Erzählungen gesammelt hat, durch einen Bericht des Autors von seinen Bibliotheksstudien.[29]

Der Geschichtenerzähler weiß um die Unvollkommenheit seines Wissensschatzes. Mit Vorsicht und Bescheidenheit schließt er fast immer mit dem Satz: „Das ist zumindest, was ich erfahren habe.“ Oder er nimmt unzählige Behauptungen mit einem nachgestellten „Vielleicht“, einem „So scheint es“ oder ähnlichen Wendungen zurück.[30] Über ein Kind und seine Mutter (eine mythische Gestalt auf der Seite des Bösen) hört man beispielsweise: „Eine seiner Mütter muss Inaenka gewesen sein. […] Hinken alle Teufel? So scheint es. Kientibakori auch, heißt es.“[31] Häufig sind auch Phänomene wie Glück, Schuld oder Bosheit und Gemütszustände wie Freude oder Ärger auf diese Weise relativiert.

Wenn in den Erzählungen Tasurinchi auf Abwege gerät, bewirkt dies nicht nur Reaktionen der Natur, sondern es wird auch immer wieder mit dem Tanz der Teufel im Wald illustriert: „Da erfasste ihn die Wut. Es regnete, es blitzte. Gewiss gingen alle Teufel in den Wald hinaus, um zu tanzen.“ [32] Oder bei seinem Festschmaus mit verbotenem Fleisch: „Im Wald trank Kientibakori Masato und tanzte auf dem Fest. Seine Fürze klangen wie Donnerschläge, und sein Rülpsen wie das Gebrüll des Jaguars.“ [33]

Manchmal erfreut den Leser die überraschende Bildersprache im Roman. Zum Beispiel: „Der Himmel war ein Dickicht aus Sternen.“[34] Oder – der Geschichtenerzähler hat sich einen Dorn eingezogen und will den Schmerz durch Brüllen erschrecken.[35]

Rezeption[Bearbeiten]

  • In dem Vielvölkerstaat Peru setzt sich der Spanisch sprechende einheimische Ich-Erzähler und somit der Autor selbst[36] – mit einer Indio-Sprache dieses Landes auseinander, die er gar nicht spräche; ein Vorhaben, das von vornherein zum Scheitern verurteilt wäre und das scheitere. Der Ich-Erzähler verzage schließlich und zelebriere „elegisches Selbstmitleid“.[37] Immerhin habe der „Wahrheitsforscher“ Vargas Llosa einen ermutigenden Versuch des Eindringens in die fremde Kultur unternommen.[38] Der vorgetragene Mythos eines nomadisierenden Volkes – wie hier dem der Machiguengas – sei ein Überlebensinstrument: Das unablässige Umherwandern auf der Suche nach jagdbarem Wild und bebaubaren Böden sowie das Ausweichen vor Feinden. Der Tasurinchi dieses Volkes existiere in vielen Exemplaren. Beinahe jeder Machiguenga könne Tasurinchi heißen. Für dieses Volk gibt es keine fixe Wahrheit. Vielmehr entstehe diese erst durch den Auftritt des Geschichtenerzählers. In das oben angesprochene Scheitern des Ich-Erzählers und seiner Journalistenkollegen beim Eindringversuch in die Indio-Kultur passe auch das Foto vom Geschichtenerzähler und seinen Zuhörern, das in Florenz gezeigt worden ist. Obwohl Edmund Schneil Zurückhaltung bei der Kommunikation mit den Machiguengas geübt habe, sei eben doch später jenes desavouierende Malfatti-Foto entstanden.[39]
  • Lentzen[40] weist auf eine Formschwäche des Romans hin. Spannung, im ersten Kapitel aufgebaut, verpuffe. Zudem sei das Extrahieren der Fakten von der Fiktion schwierig und die Figur, über die gerade gesprochen werde, könne nicht immer identifiziert werden. Die Sprache Vargas Llosas in den Geschichtenerzähler-Kapiteln drei, fünf und sieben werde von der Kritik eigentlich durchgängig lobend erwähnt. Der Troubadour als Vorbild seines Geschichtenerzählers habe Vargas Llosa fasziniert.
  • Es entstünde der Eindruck, der Geschichtenerzähler spräche die Sprache der Machiguenga. Diese fiktive Spezialsprache habe der Autor eigens für seinen Roman unter Verwendung von Quechua wie auch peruanischem Spanisch konstruiert und mit denen den drei Geschichtenerzähler-Kapiteln vorangestellten Kapiteln verwoben. Der Text ist entsprechend dem oralen Sprachvorbild weder zeitlich noch inhaltlich geordnet. Demzufolge mache der Roman beim ersten Durchlesen einen chaotischen Eindruck. Eine Wurzel für die Schwierigkeit des Eindringens in eine orale Sprache durch den Sprecher einer Schriftsprache – in dem Fall: Vargas Llosa als Sprecher des Spanischen – sei die den Sprachtypen oral und literarisiert innewohnende zu unterschiedliche Denkstruktur. Weil Saúl die Kultur der Machiguengas enthusiastisch bewahren möchte, verheimlicht er seinen Geschichtenerzähler-Beruf vor den Fremdlingen.[41]
  • Die im Roman beschriebene Besonderheit, dass die Machiguengas keine Eigennamen besitzen[42], wird in der ethnographischen Literatur bestätigt – so bei Allan W. Johnson[43], der auf Wayne W. Snell, Vorbild für die Romanfigur Edwin Schneil [44], verweist und es durch eigene Erfahrung bestätigt.[45] Dass allerdings in den drei Erzählerkapiteln des Romans stattdessen der einheitliche Name Tasurinchi benutzt wird, der Name des Schöpfers der Machiguengas, ist eine Besonderheit, die der Autor dem Geschichtenerzähler in den Mund gelegt hat. Nach Sá unterstreicht er damit die schöpferische Rolle des Geschichtenerzählers. Unter den Machiguengas sei der Name Tasurinchi (der, der bläst) dem Schöpfer oder Halbgöttern vorbehalten.[46]
  • Sá nennt weitere Details, die von ethnographisch gesicherten Fakten beziehungsweise von der Kosmogonie der Machiguengas abweichen, obgleich der Roman mit seinen zahlreichen Bezügen auf konkrete Quellen und den vielen Daten aus dem Leben Vargas Llosas den Eindruck erwarten ließe, dass die Angaben über die Machiguengas authentisch seien. So spiele beispielsweise der Mond bei den Machiguengas eine bedeutendere Rolle, als dies im Roman zum Ausdruck kommt, wo er mit seinen Flecken – ähnlich wie Mascarita – eher im Abseits stünde. Auch sei die Rolle der Frauen bei den Machiguengas keineswegs eine untergeordnete, wie es die Darstellung im Roman suggeriere, in dem nur Männer Tasurinchi benannt würden. Für die im Roman dargestellte Rolle der Geschichtenerzähler gäbe es in Texten über die Machiguengas und in deren Erzählungen keine Hinweise - die einzige im Roman konkret genannte schriftliche Quelle, das Buch des Forschers Paul Marcoy [47], werde unexakt wiedergegeben. Die einzigen anderen Wissenschaftler, die bezüglich der Existenz der Geschichtenerzähler genannt werden, seien das Ehepaar Schneil – es sei bezeichnend, dass speziell bei ihnen der Name im Roman verändert wurde.[48] Ungeachtet solcher Anmerkungen betrachtet Sá das Buch als lesenswert.
  • Die deutschsprachige Ausgabe des Romans wurde 2011 als zehntes Buch der Aktion „Eine Stadt. Ein Buch. sowohl in Wien als auch in Berlin in jeweils einer Auflage von 100.000 Stück gratis an Leser abgegeben. Dieses vom echomedia buchverlag Wien herausgegebene Buch hat die gleiche Seitenaufteilung wie die verwendete Ausgabe und enthält zusätzlich die Nobelpreisrede von M. Vargas Llosa: „Ein Lob auf das Lesen und die Fiktion“.

Literatur[Bearbeiten]

Verwendete Ausgabe[Bearbeiten]

  • Der Geschichtenerzähler. Roman. Aus dem Spanischen von Elke Wehr. Suhrkamp, Frankfurt am Main 1990 (1. Aufl.), ohne ISBN[A 7]

Sekundärliteratur[Bearbeiten]

Weblinks[Bearbeiten]

Anmerkungen[Bearbeiten]

  1. Angesichts der Verquickung biographischer Daten mit erfundenen Teilen der Romanhandlung wird im Folgenden dieser Ich-Erzähler (Vargas Llosas fiktives Ich) nicht mit dem Namen des Schriftstellers, sondern gemäß seiner Rolle im Roman als „der Autor“ bezeichnet – im Gegensatz zu dem Ich-Erzähler anderer Kapitel, dem Geschichtenerzähler.
  2. Nach Hetzel sind die Machiguengas in ihrer eigenen Sprache „die, die gehen“ (Hetzel, S. 108, 7. Z.v.u.). Dieser Begriff – „die Menschen, die gehen“ – wird im Roman wiederholt verwendet. Der Anthropologe Johnson schreibt „Matsigenka“ means „people“, übersetzt also den Namel mit „Volk“ oder „die Menschen“
  3. Die Ansicht, dass der Name „Tasurinchi“ wie ein Pronomen gebraucht wird, findet man im englischen Wikipedia-Beitrag zum Roman, siehe „The Storyteller (novel)“.
  4. Der Kafka-Verehrer Saúl kann „Die Verwandlung“ auswendig hersagen (Verwendete Ausgabe, S. 24, 13. Z.v.o.). In Identifizierung mit der Hauptgestalt Gregor Samsa, nach der er auch seinen Papagei benannt hat (Verwendete Ausgabe S. 22, 16. Z.v.o.), nennt er sich nun Tasurinchi-Gregor.
  5. Alles wird in die Vorstellungswelt der Zuhörer umgesetzt: das jüdische Volk bei Tapirjagd und Yuccaernte, sein Gott mit dem Namen Tasurinchi-Jehova.
  6. Nicht nur die Verwandlung des Studienfreundes, sondern auch dieser selbst ist eine Erfindung, siehe Interview mit dem Autor in Wien
  7. 288 Seiten, Druck: May + Co., Darmstadt
  8. a b c Buchvorschau (alternierend fehlen Seiten).

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. Scheerer, S. 153, 18. Z.v.o.
  2. eng. Peruanisches Amazonien
  3. eng. Quillabamba
  4. eng. Viracocha
  5. Verwendete Ausgabe, S. 31, 5. Z.v.o.
  6. Verwendete Ausgabe, S. 96. 4. Z.v.u.
  7. eng. östliche Kordillere in Peru. Siehe auch Nationalpark Manú
  8. Verwendete Ausgabe, S. 21 unten
  9. Cadera, S. 183 unten
  10. Verwendete Ausgabe, S. 100, 5. Z.v.o.
  11. siehe auch Cadera, S. 183 Mitte
  12. Foto aus Urakusa in Peru
  13. Verwendete Ausgabe, S. 145, 16. Z.v.o.
  14. Lentzen, S. 153, 1. Z.v.u.
  15. Verwendete Ausgabe, S. 149, 18. Z.v.o.
  16. Verwendete Ausgabe, S. 74, 2. Z.v.u.
  17. Verwendete Ausgabe, S. 155, 19. Z.v.o.
  18. Verwendete Ausgabe, S. 248, 13. Z.v.o.
  19. vergleiche Cadera, S. 160
  20. siehe zum Beispiel verwendete Ausgabe, S. 43, 20. Z.v.o., S. 95, 13. Z.v.u., S. 112, 11. Z.v.u.
  21. span. Pater José Pío Aza
  22. span. Dr. Luis Valcárcel
  23. eng. La Vorágine
  24. vergleiche Scheerer, S. 160–161
  25. vergleiche Scheerer, S. 160, 3. Z.v.u.
  26. siehe Sá, S. 271, 15. Z.v.u. und Cadera, S. 154, Fußnote 16
  27. Verwendete Ausgabe, S. 109, 5. Z.v.o.; Sá, S. 254, 3. Z.v.o.
  28. vergleiche auch Scheerer, S.48 ff: Ordnung im Chaos – Aspekte der Erzähltechnik2
  29. Verwendete Ausgabe, S. 126, Z.10 v.o. - 127, Z.7.v.o.
  30. siehe zum Beispiel verwendete Ausgabe, S. 133, 15. Z.v.u., S. 134, 13. Z.v.o., S. 136, 4. Z.v.u., S. 138, 16. Z.v.o.
  31. Verwendete Ausgabe, S. 232, 8. Z.v.o. und 14. Z.v.o.
  32. Verwendete Ausgabe, S. 147, 15. Z.v.o.
  33. Verwendete Ausgabe, S. 227, 7. Z.v.o., weitere Beispiele S. 233, 1 Z.v.u., S. 147, 7. Z.v.o.
  34. Verwendete Ausgabe, S. 202, 5. Z.v.u.
  35. Verwendete Ausgabe, S. 267, 2. Z.v.o.
  36. Scheerer, S. 153, 18. Z.v.o.
  37. Scheerer, S. 161, 17. Z.v.u.
  38. Scheerer, S. 162
  39. Scheerer, S. 159–162
  40. Lentzen, S. 152–164
  41. Cadera, S. 198–207
  42. aus dem Jahr 1958 berichtet
  43. Im Roman ist auf S. 184, 14. Z.v.o. Johnson Allan genannt
  44. siehe Sá, S. 271, 17. Z. v.u.
  45. Näheres siehe englischer Artikel zu den Personennamen, erster Absatz und dort zitierte Quellen
  46. siehe Sá, S. 265, 9. Z.v.u.
  47. Verwendete Ausgabe, S. 185, 13 Z.v.o., siehe auch Paul Marcoy: Travels in South America.
  48. siehe Sá, S. 271, Mitte