Der Großinquisitor

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Der Großinquisitor ist das fünfte Kapitel des fünften Buches aus dem Roman Die Brüder Karamasow von Fjodor Dostojewski, das auch separat unter demselben Titel veröffentlicht worden ist.

Der russische Schriftsteller Wassili Rosanow machte es mit dem 1894 in der Zeitschrift Russki Westnik erschienen Artikel „Die Legende vom Großinquisitor“ berühmt.

Inhaltsverzeichnis

Inhalt [Bearbeiten]

Die Brüder Iwan und Aljoscha Karamasow treffen sich in einem Gasthaus. Hier erzählt Iwan die Binnenerzählung über den Großinquisitor.

Diese handelt davon, dass Jesus im Sevilla des 16. Jahrhunderts erscheint. Es ist das Zeitalter der Inquisition, die sich erfolgreich betätigt: Soeben sind hundert Häretiker qualvoll hingerichtet worden. Obwohl Jesus kein Wort spricht, wird er von allen erkannt – auch deswegen, weil er ein Wunder vollbringt. Er wird daraufhin vom Großinquisitor bemerkt und verhaftet. Um Mitternacht kommt es zum Verhör, wobei der Inquisitor Jesus mitteilt, dass er kein Recht habe, auf die Erde zurückzukommen und die Ordnung zu stören, welche die Kirche in über tausend Jahren errichtet habe. Während der Inquisitor spricht, schweigt Jesus weiterhin. So führt der Inquisitor selbst das Gespräch Jesu mit dem Teufel in der Wüste fort und behandelt die drei Fragen, die Jesus dort gestellt wurden (Mt 4,1–11 EU). Er wirft Jesus vor, die eigene Freiheit vor das Wohl der Menschheit gestellt zu haben. Als der Inquisitor schließlich verstummt, gibt Jesus ihm einen Kuss. Daraufhin lässt ihn der Inquisitor frei, obwohl er ursprünglich vorhatte, ihn am nächsten Morgen auf dem Scheiterhaufen zu verbrennen.

Rezeption [Bearbeiten]

Die Parabel von Großinquisitor hat bis heute eine enorme Wirkungsgeschichte. Bedeutende Denker wie Leo Schestow, Nikolai Berdjajew, Max Weber, Georg Lukács, Albert Einstein, Martin Heidegger und Albert Camus deuteten ihren Inhalt oder versuchten ihre eigenen, teilweise einander widersprechenden Thesen durch sie zu belegen. Insbesondere in der Theologie veranschaulichten Romano Guardini, Karl Barth sowie René Girard an ihr das Verhältnis Gottes zu den Menschen und die Rolle der Kirche.

Auch in zeitgenössischen Diskursen wie bei Peter Sloterdijk und Ellis Sandoz wird auf Dostojewskis Text Bezug genommen.

Adaptionen in der Musik [Bearbeiten]

  • Boris Blachers 1947 uraufgeführtes Oratorium Der Großinquisitor für Bariton, Chor und Orchester in der textlichen Einrichtung von Leo Borchard basiert auf Dostojewskis Text.[1]
  • Bernd Alois Zimmermann verwendete in seiner letzten Komposition aus dem Jahr 1970 Ich wandte mich um und sah alles Unrecht, das geschah unter der Sonne. Ekklesiastische Aktion für zwei Sprecher, Bass-Solo und Orchester neben Texten aus der Bibel auch Auszüge aus Dostojewskis Großinquisitor.[2]

Literatur [Bearbeiten]

  • Antanas Maceina: Der Grossinquisitor. Geschichtsphilosophische Deutung der Legende Dostojewskijs. Heidelberg 1952.
  • Ursula Kansy: Die staatspolitische Bedeutung der Religion in Dostojewskijs 'Großinquisitor'. Hamburg 2004.
  • Wassili Rosanow: Dostojewsijs Legende vom Großinquisitor. Versuch eines kritischen Kommentars. Hg. v. Rainer Grübel. Oldenburg 2008. ISBN 3-814-22143-5.
  • Rainer Grübel: Dostojewskijs 'Großinquisitor' in literaturwissenschaftlicher Sicht – Legende oder Parabel? In: Gudrun Goes (Hg.): Die Geschichte eines Verbrechens... Über den Mord in der Romanwelt Dostojewskijs. (= Jahrbuch der Deutschen Dostojewskij–Gesellschaft 2009) München, Berlin 2010. S. 92–117.

Online–Textversionen [Bearbeiten]

Weblinks [Bearbeiten]

Einzelnachweise [Bearbeiten]

  1. Programmheft Philharmonisches Staatsorchester Hamburg vom 2./3. Februar 1969.
  2. Berg, Schubert und Zimmermann beim SHMF, siehe auch Programmheft des SHMF vom 10. August 2012