Der Herbst des Patriarchen

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Der Herbst des Patriarchen (span. El otoño del patriarca) ist ein Roman des kolumbianischen Literatur-Nobelpreisträgers Gabriel García Márquez aus dem Jahr 1975. Der Autor hatte seit 1968 an seinem Diktatorenroman geschrieben.[1]

Das einsame Sterben des Diktators Zacarías,[2] des Patriarchen, wird in jedem der sechs Kapitel wortreich verkündigt und beschließt folgerichtig den überfließenden Bilderstrom des anspruchsvollen Textes.[A 1] Saldívar nennt den Stil „lyrisch-barock“.[3] Ganz gewiss ist in diesem neuzeitlichen Märchen eigentlich nichts – nicht einmal das Alter des Titel gebenden „granitharten Greises“.[4] Es soll irgendwo zwischen 107 und 232 Jahren liegen.[5] García Márquez führt fortschrittliche Neuerungen, vom Patriarchen durchgesetzt, an. So hat Zacarías beispielsweise die Exekution modernisieren lassen. An die Stelle des Vierteilens ist der elektrische Stuhl getreten.

Handlung[Bearbeiten]

Viele Jahre schon sehnt das Volk des unbenannten lateinamerikanischen „Scheißlandes“[6] am Ufer des Karibischen Meeres den Tod seines Präsidenten der Republik – das ist der Patriarch Zacarías – herbei. Erst als sich die sterblichen Überreste des Generals – wie der Patriarch im Roman devot angesprochen wird – in einem Ekel erregenden Zustand befinden, dringt einer der Erzähler zusammen mit anderen verschüchterten Einheimischen in den Präsidentenpalast vor und erzählt seine Geschichte: Von Marineinfanteristen der Gringos[A 2] einstmals an die Macht geputscht, konnte der alleinherrschende Patriarch weder lesen noch schreiben. So signierte er seine Erlasse mit dem Daumenabdruck. Während der Siesta besprang er diese oder jener seiner Konkubinen. Aus solchem Kurzschlaf gingen mit der Zeit reichlich 5000 Siebenmonatskinder hervor. Das Volk hielt mittags den Atem an: „Der General vögelt“.[7] Ängstlich ist der Präsident schon. In seinem Schlafzimmer vergisst er nie die Sicherung mit drei Schließhaken, drei Schubriegeln und drei Sperrklinken. Zudem ist der Diktator vorsichtig. Sein Doppelgänger Patricio Aragonés hat sechs Attentate überstanden und kommt beim siebten ums Leben. Der Sterbende nennt den Patriarchen von Angesicht zu Angesicht einen Feigling. Getreue lassen sich trotzdem noch genug aufzählen. Da ist zum Beispiel ein Indio, der Oberst Saturno Santos, Träger der „mythischen Harfe“. Der Oberst kann sich sowohl in ein Bassin als auch in ein Gürteltier verwandeln. Erwähnt werden muss ebenso der „hochwohllöbliche Divisionsgeneral“ Rodrigo de Aguilar. Als der einst so ergebene de Aguilar ernstlich an die Macht will, wird er den geladenen Gästen eines Banketts – im Ganzen gebrutzelt wie ein Spanferkel, mit Petersilie im Mund und in voller Montur ordengeschmückt – zum Verzehr serviert. Keiner der um das Silbertablett sitzenden Verschwörer darf während des Tranchierens von der Galatafel aufstehen. Der Patriarch befiehlt den vor ihren Tellern sitzenden Herren: „Wohl bekomm's Señores“.[8]

Bendición Alvarado, die Mutter des Patriarchen, ist eine Vogelhändlerin. In der Republik wird den Schülern gelehrt, die Matriarchin des Vaterlandes habe den Patriarchen ohne Sünde empfangen. Einen Vater kann Zacarías demnach nicht vorweisen. In dem Kloster im Hochland, in dem Zacarías getauft wurde, ist keine Urkunde über die Herkunft der Mutter nachweisbar, wohl aber drei über die des Sohnes. Leider widersprechen sich alle drei Dokumente. Als die Mutter, im Sterben liegend, allmählich penetrant riechend verfault, kann das nur eine „Indiohexerei“ sein. Doch – welch Wunder – das Schweißtuch der Mutter verströmt nach deren Tode einen Blumenduft. Der Patriarch macht dem Vatikan seinen Willen deutlich. Die Mutter soll heiliggesprochen werden. Der zuständige Nuntius bezweifelt während einer Audienz die Echtheit der vorgelegten Beweise, wird darauf vom Diktator unsanft behandelt und des Landes verwiesen. Der Vatikan lenkt ein. Der Geburtstag der Heiligen Bendición von den Vögeln wird Nationalfeiertag. Der verwaiste Zacarías nimmt endlich eine richtige Ehefrau. Schon zu Lebzeiten seiner Mutter hatte er sich von den Konkubinen abgewandt und sich in die wunderschöne Manuela Sánchez aus dem Viertel der Hundekämpfe, einer Elendspfütze, verliebt. Diese liebliche „Misthaufenringelblume“ hatte die wunderbare Fähigkeit besessen, alle neun Schlafzimmersicherungen (siehe oben) des Patriarchen mühelos zu überwinden. Die unnahbare Manuela Sánchez, Tochter einer jederzeit wachsamen Hure, war einfach durch die Wand gegangen. Zu einer Liebesnacht war es dem Vernehmen nach nicht gekommen. Während einer Sonnenfinsternis hatte sich Manuela Sánchez in Luft aufgelöst.

Die „einzige rechtmäßige Ehefrau“[9] des Patriarchen wird die Novizin Leticia Nazareno. Der Diktator lässt die Tochter einer Hure aus einem jamaikanischen Kloster – in eine Kiste gesperrt – entführen. García Márquez schreibt, Leticia Nazareno sei „klein und füllig, robust, mit üppigen Hinterbacken“ und „steilem Geschlecht“.[10] Leticia bringt dem greisen Diktator beharrlich das Lesen und Schreiben bei. Selbst im Ehebett wirkt sie missionarisch. Die Ordensgemeinschaften erhalten ihre verbrieften Rechte zurück. Der Vatikan frohlockt. Leticia bringt Emanuel zur Welt. Der Junge wird bei seiner Geburt Divisionsgeneral mit Rechtsprechungsbefugnis. Später nimmt der Dreijährige auf dem Arm der Mutter Truppenparaden ab und bewegt sich auf Empfängen mit dem Champagnerkelch in der Hand für einen Sechsjährigen ziemlich sicher. Das Glas ist allerdings mit Fruchtsaft gefüllt. Leticia dringt zusammen mit dem kleinen Emanuel zu tief in die Machtsphäre des Patriarchen ein. Exponenten übereifriger Exekutionsorgane tun, „was sein muß“.[11] Sechzig Jagdhunde, aus Schottland importiert, mit Hilfe gestohlener Kleidungsstücke auf Leticia und Emanuel abgerichtet, zerfetzen und fressen die beiden auf dem Markt. Sensibel ist der Diktator schon. Er lässt alle sechzig eingefangenen Hunde am Leben – aus Angst, er könnte Frau und Kind in den Hundeleibern noch einmal umbringen lassen. Zwei Schuldige – die Hundeführer – werden gesucht und gefunden. Die Strafe des Vierteilens wird wieder eingeführt.

Der Wind weht überhaupt schärfer. Der Zivilist José Ignacio Saenz de la Barra übernimmt die Bestrafung der restlichen Mörder von Leticia und Emanuel. Nebenbei verfolgt er die Gegner der Republik. De la Barra spricht sieben Sprachen und kann Kaffee auf 72 Arten kochen. Bei der Verfolgung der Verschwörer muss ihn der Patriarch allerdings manchmal zügeln. Zwar ist das Foltern der Söhne Verdächtiger unerlässlich, aber bitte erst ab einem Lebensalter von fünf Jahren. De la Barra gibt sein Ehrenwort und macht weiter mit Elektroschocks. Allerdings hängt das wutschnaubende Volk – der Souverän – den Zivilisten de la Barra auf dem Markt kopfüber an einen Laternenmast.

Ein Laster hat der Patriarch. Er lauert pubertierenden Schulmädchen nach dem Unterricht auf, lockt die eine oder andere Frühreife mit Süßigkeiten ins Heu und wird zudringlich. Eine der vielen Erzählerinnen, eine Zwölfjährige, beteuert, später hätte sie keiner der jungen Kerle bei normalem Geschlechtsverkehr so glücklich gemacht wie der fingerfertige „alte Hosenscheißeropa“.

Die Republik ist verschuldet. Also wird das Meer an die Gringos verkauft. Als der Patriarch ein allerletztes Mal zu Bett geht, vergisst er das obligate Betätigen aller neun Schlafzimmersicherungen natürlich nicht. Doch wie einst Manuela Sánchez, schreitet wieder einmal jemand ganz mühelos durch die Wand – der Tod.

Zitat[Bearbeiten]

„Man darf die Vögel an Feiertagen nicht zum Singen zwingen.“[12]

Form[Bearbeiten]

Saldívar umschreibt die Struktur mit „abwechselnde Monologe rund um einen Leichnam“.[13] Diese Charakterisierung trifft. Die angesprochenen Wechsel der Erzähler sind aber nicht leicht auszumachen. Selten wird eine Erzählerin oder ein Erzähler genannt – etwa Jacinta Morales[14] oder Juan Prieto.[15] Aber diese bleiben uninteressant, weil sie weder Handlung tragen noch ein weiteres Mal auftreten. Des Öfteren mischt sich der Erzähler unter das Volk; versteckt sich hinter einem „Wir“. Ein Erzähler oder auch eine Erzählerin der Manuela-Sánchez-Episode kommt aus deren Hundekampfviertel. Gelegentlich ergreift der Patriarch selbst das Wort.[16] Verursacht durch die überlangen Sätze wird der Punkt schwer erkenntlich gemacht, an dem er den Staffelstab weitergibt. Großartige Regeln gibt es nicht. García Márquez weist zum Beispiel in einem einzigen Satz nacheinander ganze drei Erzähler vor. Da sind erstens Leticia Nazareno, die gerade vom Patriarchen begattet wird,[17] zweitens der „Kampfbison“ selbst, an dessen Haar sich die Gattin festhält[18] und drittens ein unflätiger Anonymus.[19]

In keinem der Kapitel darf die unappetitliche Beschreibung der übel zugerichteten Leiche des Patriarchen fehlen. Gleich darauf werden Episoden aus den Herrscherjahren des Diktators präsentiert. Die Sätze, zumal, wenn sie den Umfang einer Druckseite überschreiten, erschlagen den Leser. Es gibt weder Anführungszeichen noch Abschnitte. Semantisch lässt sich solche – auch noch über weite Strecken handlungsarme Textstruktur – nur mit angespanntester Leseraufmerksamkeit einigermaßen ergründen.

Der Autor geht gewandt mit dem Wort um. Zum Beispiel, wenn eine Señora eine Blume hält, schreibt er: „… damit sie sie so halte, nicht so,…“[20]

Márquez verwendet einige auffällige Wortbildungen: „Gesäßfette Tittenmadame“,[21] „das Knistersummen von Stanniolpapier“,[22] „beim biblischen Vorbeiflug der Lichtmeduse“,[23] „Himmelsmüll der Kometenabfälle“,[24] „Scheiße noch eins“,[25] „Horizontalregengüsse“,[26] „das Raunen ihres Leibchens“,[27] „Palmennußtitten“, „Muscheldingchen“,[28] oder „bestechliche Spruchbänder“.[29]

Rezeption[Bearbeiten]

  • Der Roman ist nicht nur Märchen, sondern auch noch Zivilisationskritik. Hinter dem Kreuzer mit der Marineinfanterie an Bord tauchen die drei Karavellen des Kolumbus auf.[30]
  • Der Autor habe „autobiographische Züge“[31] zugegeben.
  • García Márquez habe sich gegen den Vorwurf wehren müssen, nach dem sein Protagonist ein wenig zu philanthropisch dargestellt worden sei.[32]
  • Vorbilder für den Patriarchen seien nach Aussage des Autors hauptsächlich Juan Vicente Gómez, aber auch Rafael Trujillo, die Familie Somoza und General Franco gewesen.[33]

Literatur[Bearbeiten]

Textausgaben[Bearbeiten]

Verwendete Ausgabe
  • Der Herbst des Patriarchen. Roman. Aus dem Spanischen übersetzt und neu durchgesehen von Curt Meyer-Clason. Mit einem Nachwort von Hans-Otto Dill. Aufbau-Verlag Berlin 1979 (1. Aufl., Lizenzgeber Kiepenheuer & Witsch, Köln 1978, ISBN 3462012770), ohne ISBN

Sekundärliteratur[Bearbeiten]

  • Waleri Semskow: Gabriel García Márquez. Aus dem Russischen übersetzt und bearbeitet von Klaus Ziermann. Volk und Wissen Verlag, Berlin 1990, ISBN 3-06-102754-8
  • Dagmar Ploetz: Gabriel García Márquez. Rowohlt, Hamburg 1992, ISBN 3-499-50461-8
  • Dasso Saldívar: Reise zum Ursprung. Eine Biographie über Gabriel García Márquez. Aus dem Spanischen von Vera Gerling, Ruth Wucherpfennig, Barbara Romeiser und Merle Godde. Kiepenheuer & Witsch, Köln 1998, ISBN 3-462-02751-4

Anmerkungen[Bearbeiten]

  1. García Márquez habe geäußert, Vorbild für seine Prosa im „Patriarchen“ sei die Sprache des Dichters Rubén Darío gewesen (Semskow, S. 178, 24. Z.v.o. und Saldívar, S. 166, 7. Z.v.u.).
  2. Mit Gringos sind die Engländer und Nordamerikaner gemeint (siehe auch verwendete Ausgabe, S. 28, 8. Z.v.u.).

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. Verwendete Ausgabe, S. 262, 1. Z.v.u.
  2. Verwendete Ausgabe, S. 127, 23. Z.v.o.
  3. Saldívar, S. 257, 11. Z.v.o.
  4. Verwendete Ausgabe, S. 140, 2. Z.v.o.
  5. Verwendete Ausgabe, S. 85, 2. Z.v.u.
  6. Verwendete Ausgabe, S. 9, 10. Z.v.o.
  7. Verwendete Ausgabe, S. 12, 9. Z.v.u.
  8. Verwendete Ausgabe, S. 123, 1. Z.v.u.
  9. Verwendete Ausgabe, S. 167, 5. Z.v.u.
  10. Verwendete Ausgabe, S. 156, 7. Z.v.u.
  11. Verwendete Ausgabe, S. 192, 11. Z.v.u.
  12. Verwendete Ausgabe, S. 131, 6. Z.v.u.
  13. Saldívar, S. 388, 20. Z.v.o.
  14. Verwendete Ausgabe, S. 87, 3. Z.v.u.
  15. Verwendete Ausgabe, S. 88, 2. Z.v.o.
  16. Verwendete Ausgabe, S. 121, 10. Z.v.o.
  17. Verwendete Ausgabe, S. 161, 8. Z.v.o.
  18. Verwendete Ausgabe, S. 161, 7. Z.v.u.
  19. Verwendete Ausgabe, S. 162, 1. Z.v.u.
  20. Verwendete Ausgabe, S. 134, 3. Z.v.u.
  21. Verwendete Ausgabe, S. 74, 11. Z.v.u.
  22. Verwendete Ausgabe, S. 81, 2. Z.v.u.
  23. Verwendete Ausgabe, S. 82, 17. Z.v.o.
  24. Verwendete Ausgabe, S. 82, 11. Z.v.u.
  25. Verwendete Ausgabe, S. 95, 12. Z.v.o.
  26. Verwendete Ausgabe, S. 99, 5. Z.v.u.
  27. Verwendete Ausgabe, S. 111, 1. Z.v.o.
  28. Verwendete Ausgabe, S. 217, 19. Z.v.o.
  29. Verwendete Ausgabe, S. 260, 8. Z.v.u.
  30. Verwendete Ausgabe, S. 44, 2. Z.v.u.
  31. Saldívar, S. 495, Fußnote 27
  32. Ploetz, S. 90, S. 90, 7. Z.v.u.
  33. Semskow, S. 162, 21. Z.v.u.