Der Jahrhundertschritt

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Bronzeskulptur Jahrhundertschritt in Potsdam auf dem Hof des Kutschstalls
Jahrhundertschritt: Eisenabguss vor dem Haus der Geschichte in Bonn
Skulptur vor der GrundkreditBank (jetzige Volksbank) in Berlin

Der Jahrhundertschritt ist eine Bronzeplastik, die von Wolfgang Mattheuer 1984 gefertigt wurde. Sie wurde am 30. September 1999 in einer feierlichen Veranstaltung, bei der auch der damalige Bundeskanzler Gerhard Schröder anwesend war, vor dem Zeitgeschichtlichen Forum in Leipzig aufgestellt. Das Werk ist der Epoche des kritischen Realismus zuzuordnen.

Beschreibung und Deutung[Bearbeiten]

Faschismus und Kommunismus[Bearbeiten]

Die Gestik hat bei dieser Figur einen offensichtlichen geschichtlichen Hintergrund. Die rechte Hand ist zum Hitlergruß, die linke Hand zur Faust geballt. Mattheuer malte an den linken Arm außerdem ein rotes Band als Zeichen für die Arbeiterklasse. Hitlergruß und Arbeiterfaust, zwei Zeichen für zwei totalitäre Weltanschauungen, welche als Faschismus (in Deutschland Nationalsozialismus) beziehungsweise Kommunismus nicht nur die Deutschen nacheinander durchleben mussten. Zwei Diktaturen des vergangenen Jahrhunderts, die mit ihrem totalen Anspruch auf den Menschen scheiterten, treffen aufeinander. Beide in einem Körper gefangen, woran dieser, durch den Riss in der Brust verdeutlicht, zu zerbersten droht. Dies versinnbildlicht den Kampf der Weltanschauungen in ihrer Gegensätzlichkeit und ihrer totalitären Parallele mit den körperlichen und seelischen Konsequenzen für den Menschen dieses Jahrhunderts.

Anpassung[Bearbeiten]

Der viel zu kleine Kopf, der sich fast vollständig im Brustkorb befindet (wodurch das Sichtfeld der Figur auf ein Geringes minimiert scheint), veranschaulicht den Vorzug des Körperlichen vor dem Geistigen, wie er sich auch in den Plastiken der beiden großen Totalitarismen wiederfindet. Form und Ästhetik dominieren, Intellekt und Geist bilden sich zurück. Den eingezogenen Kopf könnte man außerdem mit Angst assoziieren, Angst die eigene Meinung zu sagen, Angst frei zu denken und zu handeln, Masse vor Individuum - im Kommunismus, wie im Faschismus.

Die Kriege[Bearbeiten]

Ein weiteres Symbol für diese Kriege sind das linke Bein mit Soldatenhose und dafür typischen Streifen sowie der Soldatenstiefel des linken Fußes. Sie stehen für die typische Infanteristenkleidung, die viele Deutsche sowohl im Ersten also auch im Zweiten Weltkrieg trugen. Unsicher bleibt jedoch, ob Mattheuer den Ersten Weltkrieg in seine Plastik miteinbeziehen wollte oder nicht, da es sich ja hierbei nicht um eine diktatorische Herrschaft handelte, was er vordergründig zu kritisieren versuchte. Unbestritten ist die Thematisierung des Krieges, in welchem sich zuerst der nationalsozialistische Drang nach Hegemonie in verbrecherischem Charakter ausdrückte und bis zum Versuch der Vernichtung der Juden Europas steigerte, sowie die bereits sich in ihm abzeichnende Teilung Europas durch den Anspruch des Kommunismus auf weltrevolutionäre Veränderung sowjetischen Stils (Stalinismus) mit seinen gleichfalls Millionen Opfern in und außerhalb der Sowjetunion, vor und nach dem Zweiten Weltkrieg. Das rechte Bein sowie der rechte Fuß sind unbekleidet und symbolisieren den scheinbaren Glanz militärischer Abenteuer und ihr Resultat: nackte Armut, ein geteiltes Vaterland, schutzlose Zivilbevölkerung in Vertreibung und Bombenhagel, totale Kapitulation.

Das Bein scheint viel zu lang, die Person befindet sich im Ausfallschritt. Dadurch wirkt die ganze Haltung sehr instabil, sodass die Person fast umzustürzen droht. Dieser riesige Schritt mag einerseits dafür stehen, dass eine große Zeitspanne von einem ganzen Jahrhundert überschritten wird, andererseits mit einer sehr großen Aggressivität in Verbindung gebracht werden, mit der die Deutschen das 20. Jahrhundert gelebt haben. Die Figur geht einfach geradeaus: Was sich ihr in den Weg stellt wird „plattgewalzt“. Einen großen Schritt nach vorne könnte neben dem Umstieg von Faschismus zu Kommunismus auch der wirtschaftliche Aufschwung Westdeutschlands nach dem Zweiten Weltkrieg darstellen und zusätzlich ein Zeichen für die eigene Selbstüberschätzung verbunden mit Größenwahn sein. Dieser Fortschritt wird zusätzlich durch eine rote Linie, die überschritten wird, gekennzeichnet.

Aufstellungsorte[Bearbeiten]

Das Werkverzeichnis der Plastiken und Objekte umfasst zwei unterschiedlich bemalte Eisengüsse (Standorte: Haus der Geschichte Bonn, GrundkreditBank, jetzige Volksbank Berlin) sowie vier Bronzegüsse, wovon drei unterschiedlich bemalt sind und einer unbemalt ist (Standorte: Stiftung Moritzburg - Kunstmuseum des Landes Sachsen-Anhalt, Ludwig Galerie Schloss Oberhausen, Zeitgeschichtliches Forum Leipzig). Im Jahr 2006 sollte eine auf fünf Meter vergrößerte bemalte Bronze des Jahrhundertschritts (Werkverzeichnis Nr. WV/S 47) auf der Außenfläche vor dem Reichstag in Berlin errichtet werden. Dies wurde nie verwirklicht. Zwischenzeitlich erworben durch Hasso Plattner, ist sie seit dem 16. September 2012 vorübergehend, bis zur Errichtung der von ihm geplanten Kunsthalle, im Hof des Hauses der Brandenburgisch-Preußischen Geschichte in Potsdam aufgestellt.

Kritik[Bearbeiten]

Von verschiedenen Seiten wurde die Ansicht geäußert, dass die Plastiken die zwei Regimes gleichstellen würden. Dagegen wenden sie ein, diese zu vergleichen würde erhebliche Unterschiede der Charakteristika dieser zwei Herrschaftssysteme nivellieren. So wäre z. B. ein „Zivilisationsbruch“ (Adorno), wie ihn die Nazis mit Auschwitz verbrochen haben, ein Phänomen, zu dem man kein kongruentes in der Geschichte der DDR finden würde. Somit produziert dieses Denkmal eine Geschichtsauffassung, die „Geschichtsrevisionismus“ (K. Pfeiffer) beinhaltet und kein sinnvoller Umgang mit Deutschlands Verbrechen in der Geschichte darstellt.

Weblinks[Bearbeiten]