Der König in Thule

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Der König in Thule ist ein Gedicht Johann Wolfgang von Goethes aus dem Jahr 1774.

Entstehung[Bearbeiten]

Als Vorstufe dieses Gedichts gilt das im Juli 1774 auf einer Lahnreise entstandene Gedicht „Geistesgruß“. Unter dem Einfluss Herders wurde als Schauplatz das sagenumwobene Thule gewählt, nach antiker Vorstellung die nördlichste Insel, die von griechischen Seefahrern erreicht wurde.

Inhalt[Bearbeiten]

Das Gedicht umfasst folgende Verse:[1]

Es war ein König in Thule,
Gar treu bis an das Grab,
Dem sterbend seine Buhle
Einen goldnen Becher gab.
Es ging ihm nichts darüber,
Er leert' ihn jeden Schmaus;
Die Augen gingen ihm über,
So oft er trank daraus.
Und als er kam zu sterben,
Zählt' er seine Städt' im Reich,
Gönnt' alles seinen Erben,
Den Becher nicht zugleich.
Er saß bei'm Königsmahle,
Die Ritter um ihn her,
Auf hohem Vätersaale,
Dort auf dem Schloß am Meer.
Dort stand der alte Zecher,
Trank letzte Lebensgluth,
Und warf den heiligen Becher
Hinunter in die Fluth.
Er sah ihn stürzen, trinken
Und sinken tief ins Meer,
Die Augen thäten ihm sinken,
Trank nie einen Tropfen mehr.
Gedicht Symbolik und Interpretation
Es war ein König in Thule, Thule = sagenhafte Insel in antiker Mythologie;

Märchencharakter des Liedes wird deutlich („Es war einmal...“ / König als typische Märchenfigur)

Gar treu bis an das Grab, Treue als zentrales Motiv / Grab = Symbol des Todes, Vorausdeutung auf den Tod →

Anspielung auf die Trauungsformel „Bis dass der Tod euch scheide“

Dem sterbend seine Buhle Buhle = Geliebte, Liebe überdauert den Tod (Steigerung zum vorigen Vers)
Einen goldnen Becher gab. Becher: Symbol der Treue, Weiblichkeit, Liebe, Religion, Lebenskraft, des Todes;

Symbol für giftabwehrende Kräfte; Gold: Symbol der Sonne, des Göttlichen, wirkt lebensverlängernd, Gold als Verbindung zur Götterwelt; Becher repräsentiert die Geliebte; Gold verdeutlicht den hohen Wert, den der Becher bzw. die Geliebte für den König hat.

Es ging ihm nichts darüber, Überhöhung / Verehrung der Geliebten
Er leert' ihn jeden Schmaus; Allgegenwart der Geliebten, Festhalten an Gewohnheiten (=Treue)
Die Augen gingen ihm über, = er weint, sein Blick verklärt sich, „blind vor Liebe“ / Trauer über den Verlust;

Augen: Symbol für Sonne, Licht, („allsehendes Auge“), Allwissenheit und Weisheit

So oft er trank daraus. Assoziation: „trunken vor Liebe sein“ / Gewohnheit aus dem Becher zu trinken wird zur Qual, dennoch hält er daran fest

→ Wasser des Lebens

Und als er kam zu sterben, „krank vor Liebe“ / kein Lebenswille mehr
Zählt' er seine Städt' im Reich, betont den weltlichen Reichtum des Königs
Gönnt' alles seinen Erben, weltlicher Reichtum ist ihm nicht wichtig → Gleichgültigkeit
Den Becher nicht zugleich. Kontrast zu den vorausgegangenen Versen → Becher bedeutet ihm alles / will Erinnerung nicht aufgeben
Er saß bei'm Königsmahle, Parallele zum Abendmahl (Becher = Kelch) → Abschied
Die Ritter um ihn her, Festlichkeiten → Ablenkung vom Schicksal
Auf hohem Väter-Saale, setzt ihn in eine Reihe mit seinen Ahnen → naher Tod
Dort auf dem Schloß am Meer. Meer als Symbol der Sehnsucht
Dort stand der alte Zecher, Zecher = Trinker → Bezug zum Volkslied
Trank letzte Lebensgluth, trinken: „Durst“/ ungestillte Sehnsucht: Bezug zur „Liebesglut“;

trinken: bei der Handlung des Trinkens versucht der magische Mensch alle Möglichkeiten eines Schadenzaubers auszuhalten (aus: Handwörterbuch des deutschen Aberglaubens, Hanns Bechthold - Stäubi, Berlin 2000) Letzte Lebensglut: Vorausdeutung auf den Tod

Und warf den heiligen Becher löst sich von ihm / trägt die Erinnerung jetzt in sich selbst
Hinunter in die Fluth. Fluth = „Flut des Vergessens“
Er sah ihn stürzen, trinken „Sog-Wirkung“ / Fallende Bewegung → Todessehnsucht
Und sinken tief ins Meer, Meer: Symbol der unendlichen Weite, Tiefe; Märchencharakter → versunkene Schätze;

Erinnerung an eine ewige Liebe bleibt im Verborgenen erhalten

die Augen thäten ihm sinken, = die Augen brechen ihm = er stirbt
Trank nie einen Tropfen mehr. → Tod

Die sechs Strophen gliedern sich in zwei Gruppen:

  1. Vorgeschichte - Bericht (Strophen 1 bis 3)
  2. Opferszene - szenische Ausmalung (Strophen 4 bis 6)

Der goldene Becher ist sichtbarer Ausdruck der inneren Verbundenheit, Symbol der Treue und des Lebensgenusses.

Form[Bearbeiten]

Die Wort- und Bildwahl führt mit Ausdrücken wie „gar treu“, „Buhle“ in altertümliche Ferne. Strophenbau, Metrum und Ton weisen auf das Volkslied hin:

Volkslied Der König in Thule
Dreiheber (wechselnd männlicher und weiblicher Ausgang);
gereimtes Lied
Es war ein König in Thule = weiblich

Gar treu bis an das Grab = männlich

Dem sterbend seine Buhle = w.

Einen goldnen Becher gab = m.

einfache Melodie einprägsam (keine komplizierte Sprache)
Ich-Form / persönliche Situation nicht vorhanden; „Und als er kam zu sterben“ (Vers 2767)
Typische Empfindungen (Schmerz, Tod, Sehnsucht u.ä.) →Identifizierung Treue, Liebeslied, Sehnsucht, Schmerz
Mangel an Formfeinheit in Ausdruck, Reim, Rhythmus, Überdeutlichkeit Trifft nicht zu, Form und Deutlichkeit wird beibehalten
Häufige Verwendung direkter Rede Trifft nicht zu

Vergleich zu „Geistesgruß“[Bearbeiten]

Auf den ersten Blick erscheinen die beiden Gedichte sehr unterschiedlich, doch bei näherer Betrachtung fallen einige Gemeinsamkeiten auf. Beispielsweise das Versmaß ist gleich aufgebaut, jeweils vierversige Strophen im Reimschema a-b-a-b. Nicht nur dort, sondern auch im Inhalt zeigen sich Parallelen.

So findet sich im „Geistesgruß“ dieselbe Symbolik, wie im „Ein König in Thule“. J. W. von Goethe benutzt in seinen zwei Gedichten ähnliche Charaktere, ausgedrückt durch den „edlen Geist“ sowie den „König“, die ihr Leben widerspiegeln. Ebenso stellen „Becher“ („Ein König in Thule“) und „Schiff“ („Geistesgruß“) Metaphern der Liebe dar. Gleichfalls symbolisiert der „Becher“ die Treue, die im „Geistesgruß“ als die „Senne“ gezeigt wird. Auch die Ritter („Ein König in Thule“) sind in Goethes „Geistesgruß“ durch das „Rittermark“ wieder aufgenommen. Ein letzter zu vergleichender Punkt ist die Wassermetaphorik, die in beiden Gedichten eine große Rolle spielt. Die Hauptintention beider lyrischer Werke stellt der Appell an die immer fortbestehende Liebe dar.

Vergleich: Faust – Urfaust[Bearbeiten]

Das Gedicht wird als Lied Gretchen anfangs in den Mund gelegt – vor dem Hintergrund dieser ihrer Sehnsüchte ist dann ihr Schicksal zu sehen.

Faust:

Es war ein König in Thule / Gar treu bis an das Grab, / Dem sterbend seine Buhle / Einen goldnene Becher gab. / Es ging ihm nichts darüber, / Er leert‘ ihn jeden Schmaus; / Die Augen gingen ihm über, / So oft er trank daraus. / Und als er kam zu sterben / …

Urfaust:

Es war ein König in Thule, / Einen goldnen Becher hätt / Empfangen von seiner Buhle / Auf ihrem Todesbett. / Der Becher war ihm lieber, / Trank daraus bei jedem Schmaus; / Die Augen gingen ihm über, /So oft er trank daraus. / Und als es kam zu sterben, / …

Faust: Urfaust:
Darstellung der Innenwelt auf lyrischer und emotionaler Ebene. Darstellung der Außenwelt auf sachlicher, materieller Ebene
Alte Sprache vereindringlicht mystische Funktion der Textstelle. Ältere Fassung, aber modernere Sprache.
Betonung der Motive: Liebe, Treue und Tod Betonung der Dingwelt, Becher trägt größte Bedeutung
Persönlich (vgl. Personalpronomen) Unpersönlich (vgl. Personalpronomen)

Die letzten Strophen sind identisch und geben einen genaueren Einblick in die bereits angedeutete Atmosphäre. Da nur die ersten zwei Strophen die essentiellen Bestandteile für das Verständnis des Liedes darstellen.

Bezüge zu anderen Textstellen im „Faust“[Bearbeiten]

  • „Es ist so schwül, so dumpfig hie / Und ist doch eben so warm nicht drauß'. / Es wird mir so, ich weiß nicht wie – / Ich wollt', die Mutter käm' nach Haus. / Mir läuft ein Schauer über'n ganzen Leib – / Bin doch ein thöricht furchtsam Weib.“ (Abend: Vers 2753-2758)
→ Lied als Beruhigung
  • „Gerettet ist das edle Glied / Der Geist der Welt vom Bösen, / Wer immer strebend sich bemüht / den können wir erlösen. / Und hat an ihm die Liebe gar / Von oben Theil genommen, / Begegnet ihm die seelige Schaar / Mit herzlichem Willkommen.“ (Bergschluchten: Vers 11934-11941)
→ Vergleich zu „Der König in Thule“
  • „Es war einmal ein König, / Der hatt' einen großen Floh, / Den liebt' er gar nicht wenig, / Als wie seinen eigenen Sohn. / Da rief er seinen Schneider, / Der Schneider kam heran: / Da miß dem Junker Kleider, / Und miß ihm Hosen an!“ (Auerbachs Keller: Vers 2211-2218)
→ Vergleich zu „Der König in Thule“
  • „Wenn ich so saß bei einem Gelag, / Wo mancher sich berühmen mag, / Und die Gesellen mit den Flor / Der Mägdlein laut gepriesen vor, / Mit vollem Glas das Lob verschwemmt“ ff. (Nacht: Vers 3620-3775)
→ Vergleich Familientreue
  • „Hat er so aller Treu', so aller Lieb' vergessen, / Der Plackerei bei Nacht und Tag! / Nicht doch, er hat euch herzlich dran gedacht. / Er sprach: Als ich nun weg von Malta ging, / da betet' ich für Frau und Kinder brünstig; / Uns war denn auch der Himmel günstig, / Daß unser Schiff ein türkisch Fahrzeug fing, / Das einen Schatz des großen Sutans führte. / Da ward der Tapferkeit ihr Lohn, / Und ich empfing denn auch, wie sich gebührte, / Mein wohlgemess'nes Theil davon.“ ff. /(Der Nachbarin Haus: Vers 2968-3024)
→ Vergleich Treue
  • „Ich grüße dich, du einzige Phiole! / Die ich mit Andacht nun herunterhole, / In dir verehr' ich Menschenwitz und Kunst. / Du Inbegriff der holden Schlummersäfte, / Der Auszug aller tödtlichen feinen Kräfte.“ (Nacht: Vers 690-694)
→ Vergleich Phiole ↔ Becher

Textart: Ballade[Bearbeiten]

Die Ballade gilt weithin als eine Art Tanzlied, das von Tanzenden gesungen wird. Diese Art der Interpretation ist durchaus auf die Textstelle: „Der König in Thule“ aus Goethes „Faust“ anwendbar, da Gretchen, die diese Ballade vorträgt, im „Tanz der Liebe“ zu Faust zu sehen ist. Weiterhin wird die Textsorte „Ballade“, als „volksmäßiges und besonders leicht singbares Erzähllied“ bezeichnet, was auch wieder sehr genau auf diese Textstelle zutrifft, da Gretchen die Volkstümlichkeit bzw. „untere Schicht“ im Faust repräsentiert und ihren Platz als solche im Faust hat.

Vielfach steht die Ballade auch für ein „dämonisch-spukhaftes und meist tragisches Geschehen aus Geschichte, Sage oder Mythos“. Diese Vorstellung ist sehr treffend, da der Ballade im Faust ein Auftritt Mephistopheles‘ vorausgeht, der hier das personifizierte Böse – in diabolischer Form – darstellt.

Auch war bzw. ist die Ballade eine „Umformung früherer Heldenlieder“, was wieder Parallelen zu Faust eröffnet. Goethe stellt Faust als Helden dar, der droht, den rechtschaffenen Weg zu verlassen, schließlich jedoch nicht vom Bösen beeinflusst werden kann und wieder auf die rechte Bahn zurückkommt.[2]

Rezeption[Bearbeiten]

Diese Ballade hat volkstümliche Beliebtheit erlangt und wurde von folgenden Komponisten und Musikgruppen vertont:

Weblinks[Bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. Vgl. Gero von Wilpert: Sachwörterbuch der Literatur. Stuttgart 2001. S. 1012-1013.
  2. Vgl. Gero von Wilpert: Sachwörterbuch der Literatur. Stuttgart 2001. S. 73-75.