Der Liebesbegriff bei Augustin

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Der Liebesbegriff bei Augustin. Versuch einer philosophischen Interpretation ist die Dissertation der Philosophin Hannah Arendt und zugleich das erste von ihr überlieferte Buch. Es erschien erstmals 1929.

Inhalt[Bearbeiten]

Die etwa einhundertseitige Arbeit, mit der Hannah Arendt (1906–1975) 1928 bei ihrem akademischen Lehrer Karl Jaspers in Heidelberg im Fach Philosophie promovierte, behandelt den Liebesbegriff des christlichen Philosophen und Kirchenlehrers Augustinus von Hippo (354-430). In Auswertung seiner Werke sowie im Rückgriff auf die christlichen Evangelien und die Paulusbriefe erarbeitet sie eine grundlegende Differenzierung zwischen drei Arten von Liebe, der sie neben der religiösen eine wesentlich existenzphilosophische und damit existenzielle Bedeutung zuspricht:

  • amor (ἔρως): die auf Begehren (appetitus) beruhende weltliche Liebe, die dauernd jeweils nach Befriedigung strebt, diese aber niemals erreicht und sich so, trotz ihrer Weltbejahung, nur negativ verwirklicht.
  • caritas (ἀγάπη): die auf nach dem summum bonum strebende Gottesliebe, die aus der Weltlichkeit fort in den Himmel, zu Gott strebt und den paradiesischen Frieden ersehnt, dadurch aber zur Welt, die sie ablehnt, in einem dauernden Missverhältnis steht.
  • dilectio (στοργή): die Liebe zum Nächsten (dilectio proximi), die in der freilassenden, nicht begehrenden Zuneigung zum anderen Menschen die Gottesliebe vorwegnimmt und somit einen gottgefälligen Standpunkt in der Welt ermöglicht.

Der Liebesbegriff kreist thematisch weniger um Gott und das Verhältnis des Menschen zu ihm, als um

  • die Welt und ihre Weltlichkeit,
  • das gespannte Verhältnis des Individuums zur Welt sowie
  • das Problem der Mitseins mit Anderen in der Welt.

Damit gehört die Arbeit sowohl – nämlich thematisch und argumentatorisch – in die existenzphilosophische Tradition von Jaspers und Heidegger, als auch – durch ihren religiösen Horizont – in die religionsphilosophische Rudolf Bultmanns und vereinigt dadurch die Denkeinflüsse der drei wichtigsten akademischen Lehrer der Autorin.

Bewertung[Bearbeiten]

Karl Jaspers, der die Arbeit mit der Note 1 bis 2 bewertete, beurteilte sie in seinem Gutachten folgendermaßen:

„Die Methode ist als sachliches Verstehen zugleich gewaltsam […] Weder historische noch philologische Interessen sind maßgebend. Impuls gibt letztlich wohl das Nichtgesagte: durch philosophisches Arbeiten am Gedanken möchte sich die Verfasserin ihre Freiheit von christlichen Möglichkeiten rechtfertigen, die sie zugleich anziehen. Sie sucht nicht die Systematik der Lehrstücke in einem Ganzen zu erreichen, sondern gerade ihre Unstimmigkeiten, um darin den Blick auf existentielle Ursprünge des Gedankens zu gewinnen.[1]

Rezeption[Bearbeiten]

Der Liebesbegriff wurde lange Zeit nicht zum eigentlichen Werkkanon Hannah Arendts gerechnet, den man oft erst mit ihren nach Ende des Zweiten Weltkrieges geschriebenen Büchern beginnen lässt. Entsprechend ist er – anders als ihre kaum jüngere Habilitationsschrift Rahel Varnhagen – auch nicht in ihrem späteren Hausverlag Piper erschienen und wurde nach Erscheinen 1929 erstmals 2003 neu herausgegeben. In jüngerer Zeit wird er indessen wieder stärker berücksichtigt und in seiner Bedeutung als Exposition des späteren Hauptwerks mehr und mehr begriffen.

Ausgaben[Bearbeiten]

  • Der Liebesbegriff bei Augustin. Springer, Berlin 1929. Reprint: Olms, Hildesheim 2006, ISBN 3-487-13262-1.
  • Der Liebesbegriff bei Augustin. Philo, Berlin 2003, ISBN 3-8257-0343-6.
  • Love and Saint Augustine. Univ. of Chicago Press, Chicago 1996, ISBN 0-226-02597-7. (engl.)

Literatur[Bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. Vgl. 2003, S. 130.