Der Trommler

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Der Trommler ist ein Märchen (ATU 400, 518, 313). Es steht in den Kinder- und Hausmärchen der Brüder Grimm ab der 5. Auflage von 1843 an Stelle 193 (KHM 193).

Inhalt[Bearbeiten]

Ein junger Trommler findet an einem See drei Stückchen feines Leinen, wovon er eins mitnimmt, ohne weiter daran zu denken. Beim Einschlafen erscheint ihm eine Königstochter, die von einer Hexe auf den Glasberg gebannt wurde. Ohne ihr Hemdchen kann sie nicht wie ihre zwei Schwestern vom See fortfliegen, in dem sie badeten. Er gibt es ihr und verspricht ihr zu helfen. Sie kann nur sagen, dass der Glasberg hinter dem Wald der Menschenfresser liegt. Er geht in den Wald und weckt mit seiner Trommel einen Riesen, dem er erzählt, das sei ein Signal an viele andere, die kämen, um ihn zu töten. Sie sprängen weg, wenn er sie fassen wolle, aber wenn er schlafe, kletterten sie an ihm hoch und schlügen ihm mit Eisenhämmern den Schädel ein. Der Riese verspricht, sie künftig in Ruhe zu lassen, und trägt ihn mit zwei anderen zum Glasberg, aber nicht bis ganz oben.

Zwei Männer streiten um einen Zaubersattel, mit dem man sich überallhin wünschen kann. Den nimmt der Trommler ihnen durch List ab und wünscht sich auf den Glasberg. Er bittet bei einer Alten mit braunem Gesicht, langer Nase und roten, scharfen Augen um Unterkunft. Dafür muss er am nächsten Tag mit einem Fingerhut den Fischteich vor dem Haus ausschöpfen und am übernächsten mit Werkzeug aus Blei und Blech, das nicht hält, den Wald dahinter abholzen. Beide Male kommt ihm mittags ein Mädchen zur Hilfe. Er legt seinen Kopf in ihren Schoß, und als er aufwacht, sind alle Fische gefangen und alles Holz geordnet. Nur ein Fisch und ein Ast liegen allein. Damit schlägt er die Alte, als sie danach fragt. Am dritten Tag soll er alles Holz auf einem Haufen verbrennen. Er steigt auch furchtlos in die Flammen, als sie ihn einen Holzklotz holen lässt, der nicht brennt. Da verwandelt dieser sich in die Königstochter. Er wirft die Alte ins Feuer, als sie sie packen will.

Die Königstochter reicht ihm ihre Hand und wünscht sie beide mit einem Wunschring vor das Stadttor. Als er seine Eltern besucht und sie trotz Warnung seiner Braut auf die rechte Wange küsst, vergisst er sie. Sie bauen von den Edelsteinen aus dem Hexenhaus einen fürstlichen Palast und arrangieren eine Heirat. Die traurige Königstochter, die inzwischen einsam in einem Waldhäuschen gelebt hat, wünscht sich ein Kleid wie die Sonne, dann wie der Mond, dann wie die Sterne. Damit erkauft sie sich von der Braut dreimal, vor der Kammer des Bräutigams schlafen zu dürfen. Aber nur die Leute im Haus hören ihr Rufen, weil die Braut einen Schlaftrunk in seinen Wein schütten lässt, und erzählen es ihm. Das dritte Mal schüttet er den Schlaftrunk hinters Bett. Als er ihre Stimme hört, erinnert er sich, bereut und führt sie sofort zu seinen Eltern, dass sie heiraten. Die andere Braut ist mit den Kleidern zufrieden.

Vergleiche[Bearbeiten]

Die relative Länge des Märchens kommt zustande durch Aneinanderfügung des Motivs von der verwünschten Jungfrau (AaTh 400) und der magischen Flucht vor der Hexe (AaTh 313). Die Episode mit dem Glasberg entspricht Der König vom goldenen Berg, Die Kristallkugel und Die Rabe (hier auch: Schlaftrunk). Die drei Brautnächte kommen noch vor in Aschenputtel, Der Eisenofen, Das singende springende Löweneckerchen, Allerleirauh, De beiden Künigeskinner, Die wahre Braut (hier auch: drei Aufgaben der Hexe). Vgl. in Giambattista Basiles Pentameron II,7 Die Taube, III,9 Rosella, V,3 Pinto Smauto. Vgl. Die drei Nüsse in Ludwig Bechsteins Deutsches Märchenbuch von 1845.

Durchgehend ist dagegen die Charakteristik des Trommlers, dessen impulsive Durchsetzungskraft sich in seinem (Militär-)Instrument andeutet. Er steckt das Leinen ein, um es gleich wieder zu vergessen, er reagiert sofort auf die Drohung des Riesen und der Hexe mit einem Schlag ins Gesicht und geht sofort nachts zum Bett seiner Eltern, um die vergessene Braut zu heiraten. Alle entscheidenden Wendepunkte der Handlung sind abends nach Einbruch der Dunkelheit, wobei die Leidenschaft mit Feuer verglichen wird. Homöopathische Literatur vergleicht das Märchen mit dem Arzneimittelbild von Belladonna (Tollkirsche), wozu auch der Kopfbezug und Halluzinationen passen.[1] Es ist gut vorstellbar, dass Günter Grass' Roman Die Blechtrommel auch von diesem Märchen inspiriert sein könnte.

Herkunft[Bearbeiten]

Das Märchen ist in den Kinder- und Hausmärchen der Brüder Grimm ab der 5. Auflage von 1843 an Stelle 193 enthalten. Jacob Grimm erhielt es 1838 brieflich von Karl Goedeke, der dazu vermerkte, es von seiner Tante, einer schlichten Bürgersfrau, gehört zu haben, die es wiederum von einem Eichsfelder Lumpensammler gehört habe. Diese Handschrift ist ausnahmsweise erhalten und wurde von Wilhelm Grimm für den Druck hauptsächlich stilistisch überarbeitet.[2]

Lutz Röhrich vergleicht zu vorliegender Motivabfolge Schwanenjungfrau - Marthenehe griechische Erzählungen von Neraiden.[3]

Literatur[Bearbeiten]

  • Grimm, Brüder: Kinder- und Hausmärchen. Vollständige Ausgabe. Mit 184 Illustrationen zeitgenössischer Künstler und einem Nachwort von Heinz Rölleke. S. 782-791. Düsseldorf und Zürich, 19. Auflage 1999. (Artemis & Winkler Verlag; Patmos Verlag; ISBN 3-538-06943-3)
  • Grimm, Brüder: Kinder- und Hausmärchen. Ausgabe letzter Hand mit den Originalanmerkungen der Brüder Grimm. Mit einem Anhang sämtlicher, nicht in allen Auflagen veröffentlichter Märchen und Herkunftsnachweisen herausgegeben von Heinz Rölleke. Band 3: Originalanmerkungen, Herkunftsnachweise, Nachwort. Durchgesehene und bibliographisch ergänzte Ausgabe, Stuttgart 1994. S. 273, S. 514. (Reclam-Verlag; ISBN 3-15-003193-1)
  • Uther, Hans-Jörg: Handbuch zu den Kinder- und Hausmärchen der Brüder Grimm. Berlin 2008. S. 395-397. (de Gruyter; ISBN 978-3-11-019441-8)
  • Ward, Donald: Glasberg. In: Enzyklopädie des Märchens. Band 5. S. 1265–1270. Berlin/New York 1987.

Weblinks[Bearbeiten]

 Wikisource: Der Trommler – Quellen und Volltexte

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. Bomhardt, Martin: Symbolische Materia Medica. 3., erweiterte und neu gestaltete Auflage. S. 249. Berlin, 1999. (Verlag Homöopathie und Symbol; ISBN 3-9804662-3-X)
  2. Rölleke, Heinz (Hg.): Märchen aus dem Nachlass der Brüder Grimm. 5. verbesserte und ergänzte Auflage. Trier 2001. S. 63-68, 111-112. (WVT Wissenschaftlicher Verlag Trier; ISBN 3-88476-471-3)
  3. Röhrich, Lutz: Märchen – Mythos – Sage. In: Siegmund, Wolfdietrich (Hrsg.): Antiker Mythos in unseren Märchen. Kassel 1984. S. 22-23. (Veröffentlichungen der Europäischen Märchengesellschaft Bd. 6; ISBN 3-87680-335-7)