Der Untergeher

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Der Untergeher ist ein Roman des österreichischen Schriftstellers Thomas Bernhard aus dem Jahr 1983. Erzählt wird der berufliche und private Werdegang dreier angehender Konzertpianisten, von denen einer – Glenn Gould – tatsächlich gelebt hat, sowie ihre lebenslange Auseinandersetzung mit dem Anspruch höchster Perfektion im Klavierspiel.

Handlung[Bearbeiten]

Die zentralen Personen des Romans sind drei Klaviervirtuosen: Glenn Gould, Wertheimer („Der Untergeher“) und der Ich-Erzähler. Sie lernen sich 1953 kennen, als sie gleichzeitig bei „Horowitz“ – Namensträger einer Person, die ebenfalls tatsächlich gelebt hat – am Mozarteum in Salzburg studieren. Alle drei streben „nur das Höchste“ in der Kunst an und stellen größte Ansprüche an sich selbst. Als sie die Genialität Goulds beim Einüben und beim Vortrag der Goldberg-Variationen sowie der Kunst der Fuge erkennen, geben Wertheimer und der Erzähler das Klavierspiel umstandslos auf. Sie erkennen, diese Stufe der Perfektion nie erreichen zu können.

Wertheimer, dem Gould den Spitznamen Der Untergeher gibt, geht in den folgenden 28 Jahren dem Müßiggang nach und hält seine Schwester in einer unterdrückerischen Beziehung in der gemeinsamen Wohnung in Wien, bis diese sich von ihm trennt und einen reichen Schweizer mit dem Namen Duttweiler heiratet und nach Chur zieht. Fast zeitgleich stirbt Gould, und Wertheimer bringt sich vor dem Haus der Schwester um. Der Ich-Erzähler verschenkte seinen Steinway-Konzertflügel und beschränkte sich darauf, immer wieder eine Abhandlung Über Glenn Gould anzufangen und jeweils zu verwerfen. Er war unterdessen aus dem für ihn zu einer Belastung werdenden Wien nach Madrid geflohen, von wo er für die Beerdigung Wertheimers nach Chur gereist ist. Von dort will er über Wien, wo er noch eine Wohnung besitzt, wieder nach Madrid zurückfahren, er hält aber in Wankham an, um noch einmal das Haus Wertheimers in Traich aufzusuchen.

Zeit und Ort[Bearbeiten]

Der Roman spielt im oberösterreichischen Wankham – der Ich-Erzähler stammt auch aus der Region – nach der Beerdigung Wertheimers in Chur. Der Ich-Erzähler reflektiert den gemeinsamen (und parallelen) Lebensweg der drei Protagonisten und den Grund für Wertheimers Suizid auf drei ineinander verschränkten Zeitebenen: die Vorgeschichte, den Augenblick der Erinnerung an diese Vorgeschichte (beim Betreten des Wankhamer Gasthauses) sowie den Zeitpunkt der Niederschrift der Erinnerung an diese Vorgeschichte.

Fiktion und Realität[Bearbeiten]

In dem Roman ist authentisches und erdichtetes Material so miteinander verwoben, dass eine Grenzlinie nur schwer zu erkennen ist. Die Romanfigur Glenn Gould unterscheidet sich in einigen Punkten deutlich von der realen Person Glenn Gould. Der echte Glenn Gould hat niemals in Salzburg und auch nicht bei Vladimir Horowitz studiert, der stilistisch das Gegenteil von Gould verkörperte, was Thomas Bernhard sicherlich wusste. In seinem Roman erwähnt er auch nie den Vornamen von Horowitz. Außerdem wird die Romanfigur 51 Jahre alt, während der echte Gould wenige Tage nach seinem 50. Geburtstag – zwar an einem Schlaganfall, aber keineswegs am Klavier sitzend, wie im Roman beschrieben – gestorben ist.

Formale Aspekte[Bearbeiten]

Der Roman hat ein Motto: „Lange vorausberechneter Selbstmord, dachte ich, kein spontaner Akt von Verzweiflung.“

Auffällig bei diesem Roman ist die äußere Form. Es gibt insgesamt vier Absätze in diesem Buch. Gleich zu Beginn sind drei Sätze abgesetzt – der vierte Absatz allerdings zieht sich tatsächlich bis zum Ende des Buches. Diese Tatsache, dass die Einleitungssätze abgehoben sind, ist jedoch kein Zufall. Schließlich werden in den ersten vier Sätzen die wesentlichen Themen des Buches antizipiert. Der Untergeher enthält auch keine direkte Rede, statt dessen indirekte Zitate, die als einzige Auflockerung kursiv gesetzt sind. Mit der eigenwilligen Zeichensetzung fügt Bernhard an ungewöhnlichen Stellen Pausensignale in den Text ein.[1]

Musik[Bearbeiten]

Die Entstehungsgeschichte der Goldberg-Variationen wird persifliert, die Verbindung zu den beiden Volksliedern des Quodlibet stellen die Wirtin und der Holzfäller her und Form und Zahlenordnungen der Goldberg-Variationen werden im Untergeher aufgegriffen. So kommt das Wort Aria zweimal, das Wort Goldberg-Variationen 32 mal vor und in den einleitenden Absätzen wird ähnlich wie in der Aria Themenmaterial exponiert, das in Variationen den gesamten Roman bestimmt.[2]

Buchausgaben[Bearbeiten]

Literatur[Bearbeiten]

  • Barbara Diederichs: Musik als Generationsprinzip von Literatur. Eine Analyse am Beispiel von Thomas Bernhards Untergeher. Diss. Gießen 1999 (DNB)

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. Philipp Löser, Mediensimulation als Schreibstrategie. Film, Mündlichkeit und Hypertext in postmoderner Literatur. Vandenhoeck & Ruprecht, Göttingen 1999, ISBN 3-525-20581-3, S. 210
  2. Text übernommen aus Wikipedia Goldberg-Variationen, dort wird als Referenz angegeben: Liesbeth M. Voerknecht: Thomas Bernhard und die Musik. Der Untergeher. In: Joachim Hoell, Kai Luehrs-Kaiser (Hrsg.): Thomas Bernhard: Traditionen und Trabanten. Königshausen und Neumann, Würzburg 1999, ISBN 3-8260-1695-5, S. 195–199