Der Vorleser
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Der Vorleser ist ein Roman von Bernhard Schlink aus dem Jahr 1995.
Der Roman behandelt die Beziehung eines anfangs 15 Jahre alten Jungen zu einer anfangs 36 Jahre alten Frau und deren Folgen. In ihm setzt sich Schlink auch mit der Judenvernichtung im Dritten Reich und mit der Frage auseinander, wie mit den Tätern umgegangen werden sollte. Der Roman behandelt den für die 1960er Jahre typischen Generationenkonflikt.
Das Buch wurde in 39 Sprachen übersetzt; in den USA erschien es 1997 unter dem Titel The Reader und wurde zu einem Bestseller.
Inhaltsverzeichnis |
Handlung
Die Handlung des Romans Der Vorleser ist in drei Teile gegliedert und schildert in überwiegend chronologischen Rückblenden aus der Erzählgegenwart der 1990er Jahre die Erlebnisse des Ich-Erzählers.
Erster Teil
Der erste Teil beginnt damit, dass der Ich-Erzähler, ein Schüler, an Gelbsucht erkrankt ist. Er übergibt sich in einem Hauseingang, und eine ihm unbekannte Frau hilft ihm. Nach der Genesung kauft der Junge einen Blumenstrauß, um sich bei der Frau zu bedanken. Es stellt sich heraus, dass es sich bei dem Schüler um den fünfzehnjährigen Michael Berg sowie bei der Frau um die 36 Jahre alte Schaffnerin Hanna Schmitz handelt. Bei dem Besuch in Frau Schmitz' Wohnung beobachtet Michael diese beim Umziehen und ist davon erregt. Als sie seinen Blick bemerkt, verlässt er überstürzt die Wohnung. In der Folge hat er erotische Fantasien und Träume, die um Hanna Schmitz kreisen, fühlt sich dabei jedoch unwohl. Trotzdem zieht es ihn zur Wohnung von Hanna Schmitz zurück, die ihn bittet, Kohlen aus dem Keller zu holen. Da er voller Staub ist, lässt Hanna Schmitz ihm ein Bad ein, damit er sich waschen kann. Sie trocknet ihn ab, und es kommt zum Liebesakt. Er beschließt, wieder zur Schule zu gehen, schwänzt aber einzelne Stunden, um sie bei Hanna zu verbringen. Als diese das erfährt, knüpft sie weitere Treffen an die Bedingung, dass er sich mehr für die Schule engagiert. Das Baden und der anschließende Liebesakt werden zum Ritual. Hinzu kommt das Vorlesen aus Schullektüren und später auch eigens dafür ausgesuchten Büchern. Es kommt zu Konflikten zwischen den beiden, in denen Michael die Schuld auf sich nimmt, obwohl er sich keines Fehlers bewusst ist. Dies tut er, um Zurückweisung seitens Hanna zu entgehen. Mit dem Beginn des neuen Schuljahrs lernt Michael die Mitschülerin Sophie kennen, die er mit Hanna vergleicht. Er verbringt mehr Zeit mit seinen Mitschülern, so dass sein Leben nicht mehr ausschließlich um Hanna kreist. Je intensiver die Beziehung zu Sophie und den Mitschülern wird, desto stärker wird das Gefühl Michaels, Hanna zu verraten. Als sie überraschend im Schwimmbad erscheint, reagiert Michael nicht und sie verschwindet. Am nächsten Tag kommt er zu ihrer verlassenen Wohnung und erfährt, dass Hanna ohne Angabe des neuen Wohnortes verzogen ist. Aus dem im zweiten Teil genannten Geburtsdatum Hanna Schmitz' (21. Oktober 1922) kann man schließen, dass die Handlung im Jahr 1958 beginnt und sich überwiegend im Jahr 1959 abspielt sowie dass Michael Berg im Sommer 1943 geboren sein muss.
Zweiter Teil
Der zweite Teil spielt sieben Jahre später. Michael Berg studiert Jura und besucht mit Kommilitonen einen Kriegsverbrecherprozess gegen Wärterinnen eines Außenlagers des Konzentrationslagers Auschwitz. Ihnen wird vorgeworfen bei einem Todesmarsch gegen Ende des Zweiten Weltkrieges, Gefangene in eine Kirche gesperrt zu haben und ihnen, als die Kirche abbrannte, nicht die Tür geöffnet zu haben. Eine der Angeklagten ist Hanna Schmitz. Michael ist jeden Verhandlungstag anwesend und versucht, sich von Hanna zu distanzieren. Er denkt zudem darüber nach, wie die nächsten Generationen mit dem Holocaust umgehen sollen. Hanna wird neben dem Tod der Frauen in der Kirche auch vorgeworfen, an Selektionen mitgewirkt zu haben. Im Prozess sagt eine Frau aus, die zusammen mit ihrer Mutter als einzige den Brand überlebt hat. Sie erinnert sich, dass Hanna KZ-Häftlinge begünstigte, die ihr vorlasen. Hanna und ihr Anwalt verhalten sich im Prozess nicht vorteilhaft; sie ist die einzige, die die Taten nicht abstreitet. Die Mitangeklagten führen einen Bericht an, den Hanna verfasst haben soll, der alle Angeklagten belastet. Als der Richter einen Schriftvergleich anordnen will, gibt Hanna zu, den Bericht geschrieben zu haben. Michael erkennt, dass Hanna Analphabetin ist, und kommt in einen inneren Konflikt: Er weiß, dass Hanna das Gestandene nicht getan hat, weiß aber nicht, wie er weiter vorgehen soll. Er entscheidet sich letztendlich dagegen, etwas zu unternehmen. Stattdessen besichtigt er das KZ Natzweiler-Struthof. Er fährt per Anhalter, wobei einer der Fahrer Gleichgültigkeit als Motiv für den Mord an den Juden anführt und Michael des Wagens verweist, als dieser ihn fragt, ob er selbst an solchen Morden beteiligt war. Am Ende des Prozesses wird Hanna zu einer lebenslangen Freiheitsstrafe verurteilt, während ihre Mitangeklagten kürzere Haftstrafen erhalten. Es zeigt sich, dass zwar eine äußere und scheinbar auch eine innere Distanz zwischen Michael Berg und Hanna entstanden ist, dass seine Jugenderlebnisse aber eine nachhaltige Langzeitwirkung haben: Als besonders belastend empfindet Michael erotische Phantasien, in denen die KZ-Wärterin an die Stelle der in der Realität erlebten Geliebten tritt.
Dritter Teil
Nach dem Studium beginnt Michael Berg sein Referendariat, in dessen Anschluss er Rechtshistoriker wird, und heiratet Gertrud, mit der er eine Tochter hat. Diese Ehe scheitert, wie auch andere Beziehungen zu Frauen. Michael erklärt das damit, dass er ständig Partnerinnen mit Hanna verglichen habe, insbesondere mit dem Sinneseindruck (Tasten, Riechen, Schmecken), den sie bei ihm hinterlassen habe. Er beginnt, für sie auf Kassetten vorzulesen und diese in Hannas Gefängnis zu schicken. Es entwickelt sich somit erneut das Ritual des Vorlesens. Während ihrer Haftzeit bringt Hanna sich mit Hilfe von Michaels Vorträgen autodidaktisch das Lesen und das Schreiben bei. Sie schickt ihm kurze Grüße, die er unbeantwortet lässt. Als Hannas Entlassung näher rückt, erhält Michael einen Brief von der Gefängnisleiterin, in dem sie ihn um ein Treffen bittet, da er der einzige Kontakt Hannas außerhalb des Gefängnisses ist und ihr bei der Entlassung helfen soll. Er bereitet alles dafür vor und besucht eine Woche vor dem Entlassungstermin Hanna im Gefängnis. Hannas Geruch hat sich verändert: Michael hat das Gefühl, einer „alten Frau“ gegenüberzustehen, die vor allem den „frischen Geruch“, den er früher an ihr geschätzt hat, verloren habe. Offenbar spürt Hanna Michaels Distanz zu ihr, zumal er ihre Leistung, autodidaktisch das Lesen und das Schreiben erlernt zu haben (ihre Alphabetisierung), kaum würdigt. Am Tag der Entlassung tötet sie sich selbst. Die Gefängnisleiterin führt Michael in ihre Zelle, wo er Bücher über den Holocaust und ein Zeitungsfoto von sich als Abiturient sieht. Michael erfährt, dass Hanna jahrelang sehr auf ihr Äußeres geachtet habe und unter Mitgefangenen eine Autoritätsperson gewesen sei, sich jedoch in den letzten Jahren vernachlässigt habe. Die Gefängnisleiterin übergibt ihm Hannas Erspartes; dieses möchte er ihrem letzten Willen folgend der Überlebenden des Todesmarsches, der jüngeren Zeugin im Prozess gegen Hanna, übergeben. Diese möchte es nicht annehmen, um Hanna damit nicht eine Art Absolution zu erteilen, einigt sich aber mit Michael darauf, es einer jüdischen Organisation gegen Analphabetismus zukommen zu lassen. Am Ende des Buches reflektiert Michael Berg über seine Erzählung und bezeichnet sie in der vorliegenden Gestalt als rund.
Figuren
Die Handlung des Buches ist deutlich auf die Beziehung zwischen den beiden Protagonisten Michael Berg und Hanna Schmitz zugeschnitten. Sowohl die Haltung beider Personen zueinander als auch ihre Charaktere werden dabei als ambivalent und unentschieden gekennzeichnet. Alle Aussagen über Hanna und die restlichen Charaktere beruhen entweder auf Erlebnissen, Empfindungen und Reflexionen des Erzählers, oder fremde Quellen (z. B. die Erzählungen der Gefängnisdirektorin im dritten Buch) werden von dem Erzähler referiert und dabei zugleich gefiltert. Die Subjektivität der Darstellung erschwert die Antwort auf Fragen wie die, was für ein Mensch Hanna Schmitz „wirklich“, d.h. unabhängig von den Wahrnehmungen, Phantasien und Reflexionen Michaels, ist.
Michael Berg
Der 15-Jährige Michael Berg wird als dahinträumender, durchschnittlicher Jugendlicher beschrieben, der keine besonderen Ziele verfolgt. Der Widerspruch zwischen anerzogenen moralischen Werten und erwachendem sexuellen Verlangen beherrscht ihn (ein Phänomen, das oft als typisch für die 1950er angesehen wird), sodass er zum Beispiel versucht, seine Sexualität zu rationalisieren. Gegenüber seinen Altersgenossen versucht Michael, Souveränität und Überlegenheit auszustrahlen, die jedoch nur seine Gefühlsunsicherheit kaschieren sollen. Die Beziehung zur 36-jährigen Hanna Schmitz bedeutet für ihn einen deutlichen Einschnitt und trennt ihn emotional von den bisherigen Lebenswelten (Familie, Schule). In der Beziehung zu Hanna neigt er zu Unterordnung und Anpassung. Die Erfahrung, von Hanna auf Distanz gehalten zu werden und eine weitere, von ihm gewünschte Vertiefung verweigert zu bekommen, verstärkt noch seine Hörigkeit und Unsicherheit gegenüber Hannas Dominanz. Die Schwierigkeit der Beziehung zu Hanna führt gegen Ende zu einer schleichenden Abwendung von ihr; das bald darauf folgende Verschwinden Hannas verursacht in ihm große Schuldgefühle, weil er sie verraten zu haben glaubt.
Das Gefühl der eigenen Schuld und die nicht bewältigte, sich fortsetzende Abhängigkeit von Hanna führt bei Michael in der Folgezeit zu einer Bindungsunfähigkeit und einer Abweisung anderer Menschen.
Michael begegnet Hanna erneut, als er als Student in einem Kriegsverbrecherprozess Hanna als Angeklagte – nämlich als ehemalige KZ-Aufseherin – wieder erkennt. Die erneute Begegnung mit Hanna geschieht für den Studenten Michael Berg enorm plötzlich und überwindet die von Michael über die Zwischenzeit aufgebauten Verdrängungsmechanismen und Abwehrtaktiken. Dies führt Michael auf seine innere Leere und Ohnmacht zurück. In ihm entstehen neue Schuldgefühle, und das Gefühl, von Hanna entfremdet zu sein, verstärkt sich. Hinzu kommt die Unmöglichkeit, mit Hanna im Gerichtssaal zu kommunizieren. Weiterhin lähmt Michael das moralische Dilemma, um entlastende Hinweise über Hannas Schuld zu wissen. Der Versuch, diese dem Richter vorzutragen, scheitert.
Die folgenden Jahre des erwachsenen Michaels werden weiter bestimmt durch die Distanz zu seinen Mitmenschen und die Vermeidung möglicher Verletzungen durch Gefühllosigkeit und Abstand. Auch wenn diese Phänomene mit der Zeit abnehmen, scheitert Michaels 5-jährige Ehe mit der ehemaligen Studienkollegin Gertrud.
Als Michael den „Kassettenkontakt“ mit Hanna im Gefängnis aufnimmt, beginnt ein langsamer, selbsttherapeutischer Prozess für Michael. Er hält jedoch weiterhin Distanz zu Hanna, ihrer bevorstehenden Entlassung sieht er widerwillig entgegen; zwar fühlt er sich für Hanna verantwortlich, doch kann er sich eine gemeinsame Zukunft nicht vorstellen.
Der ältere (autobiographisch erzählende) Michael Berg zeigt schließlich ein hohes Maß an Schuldbewusstsein und Reflexion. Das Schreiben bezeichnet er an verschiedenen Stellen als Konfliktbewältigung. Michael hat zu einer gewissen moralischen Läuterung gefunden, die in der unbeschönigten Beschreibung seiner Lebensgeschichte ihren Höhepunkt findet. Bedeutend für diese Entwicklung scheint der Besuch bei der in New York lebenden Jüdin zu sein, mit der er offen über die Beziehung zu Hanna spricht. Er widerspricht ihr nicht, als diese seine Beziehung zu Hanna auf den Punkt bringt, indem sie sagt: „Was ist diese Frau brutal gewesen. Haben Sie's verkraftet, daß sie Sie mit fünfzehn…“. Wie richtig die Frau mit ihrer These liegt, Hanna sei auch Michael gegenüber „brutal“ gewesen, erkennt man daran, dass sie Michaels private Biographie anschließend richtig errät: „Und die Ehe war kurz und unglücklich, und Sie haben nicht wieder geheiratet, und das Kind, wenn's eines gibt, ist im Internat.“
Hanna Schmitz
Allgemein erhält der Leser nur aus der Sicht Michaels Informationen über Hanna, was eine Charakterisierung Hannas stark erschwert. So macht sich Michael z. B. weder als Fünfzehnjähriger noch als Erzähler Gedanken darüber, warum Hanna ihn ausgewählt hat und ob sie nur zufällig nicht von ihm schwanger geworden ist bzw. von ihm kein Kind bekommen hat. Auch interessiert es ihn offenbar nicht, ob Hanna zu den Vorleserinnen im KZ eine lesbische Beziehung hatte. Erst beim Anblick seines Abiturfotos kommt Michael die Idee, dass er nach ihrem Weggang aus seiner Heimatstadt genauso in Hannas Gedanken eine Rolle gespielt haben könnte wie sie in seinen Gedanken.
Michael interpretiert Hannas Biographie als fortwährenden Versuch, ihren Analphabetismus zu verheimlichen; dem entspricht seine Deutung des Gerichtsprozesses als „Kampf“ Hannas um „ihre Gerechtigkeit“, mit einer einhergehenden unterschwelligen Bewunderung. Angst hat Hanna vor Aufdeckung ihrer Schwäche, des Analphabetismus. Ihre Reaktionen schwanken hier zwischen Anpassung, Flucht und Aggression. Auch eine gesteigerte Brutalität in ihrem Verhalten lässt sich nachweisen. Genau in dem Augenblick, in dem der Anstaltsleitung ihr Analphabetismus offenbar wird, beginnt auch Hannas Ordnungsliebe nachzulassen.
Hanna Schmitz erscheint dem durch Michael gelenkten Leser als ein sehr widersprüchlicher Charakter. Zu den Werten ihrer Sozialisation gehören ein gesteigertes Pflichtgefühl und eine starke Arbeitsmoral, hierarchische Unterordnung und ein Sinn für Ordnung. Allerdings fällt auf, dass ihr in den letzten Gefängnisjahren die Selbstdisziplin verloren geht: Hanna wird dick und fängt mangels Körperpflege an unangenehm zu riechen, was nicht nur Michael auffällt. Allerdings hat Hanna nach Aussagen der Gefängnisdirektorin diesen Wandel positiv bewertet, da für Hanna in ihren letzten Jahren „Aussehen, Kleidung und Geruch keine Bedeutung mehr“ gehabt haben sollen.
Hanna besitzt zwar eine durchschnittliche Intelligenz, doch sie weist neben dem Analphabetismus auch andere soziokulturelle Defizite auf: Die Öffentlichkeit, die Kultur, die gesellschaftliche Kommunikation und der Gerichtssaal sind ihr fremde Räume, die zu deuten sie keine Muster besitzt. Das zeigt sich auch in dem nicht vorhandenen Vermögen, Sekundärtugenden wie das Pflichtbewusstsein (die Pflicht von Wächtern sei es, das Entweichen von Gefangenen zu verhindern) als solche zu erkennen. Nach Lektüre der einschlägigen Literatur über das Thema „Analphabetismus“ kommt der Ich-Erzähler zum Schluss, dass bei Hanna ein Fall partieller, möglicherweise selbst verschuldeter Unmündigkeit vorliege, deren Ausdruck oder Ursache ihr Analphabetismus sei. Trotzdem ist es (was Michael nicht nachvollziehen kann) Hanna, der Analphabetin, gelungen, sich das Foto des Abiturienten Michael zu besorgen, was durchaus für eine gewisse Lebenstüchtigkeit spricht.
Eine wirkliche Änderung des Charakters Hannas scheint sich erst in der Zeit der Haft zu vollziehen. Vorher scheint ihre Charakterstruktur nahezu starr, auch wenn sie sich in unterschiedlichen Milieus unterschiedlich verhält (so kommt z. B. die KZ-Wärterin in ihr im ersten Buch nur in der Ledergürtelszene offen zum Vorschein). Während ihrer Haftzeit setzt sich Hanna mit den historischen Fakten und moralischen Problemen des Nationalsozialismus auseinander. Dies zeigt eine deutliche Änderung ihrer Denkweise an. Die Tatsache, dass Hanna während ihrer Haftzeit einen Sitzstreik zur Verbesserung der Lage der Gefängnisbibliothek organisiert, zeigt, dass sie zumindest am Schluss ihres Lebens nicht mehr „unmündig“ ist.
Die Gründe für die Selbsttötung sind vielfältig und stellen eine der Kernfragen der Interpretation dar. Grundsätzlich lässt sich Hannas erstmals entwickeltes Schuldbewusstsein betonen, das ihr eine Einordnung ihrer Taten erlaubt. Zudem hat sich ihre ursprüngliche Betonung äußerer Stärke nun in Ohnmacht und Abhängigkeit von Michael gewandelt. Und nicht zuletzt muss es ihr als eine nicht zu bewältigende Aufgabe erscheinen, sich in die Außenwelt zu integrieren, in der sie keinen Platz besitzt, weder hinsichtlich ihrer beruflichen Stellung noch ihrer moralischen Beurteilung noch ihrer materiellen Zukunft. Zudem hat in den letzten Jahren der Haft ein Verfallsprozess eingesetzt, der aus der zum Zeitpunkt ihres Todes 61-jährigen Hanna eine „alte Frau“ gemacht hat, die für Michael nicht mehr attraktiv ist, und das scheint Hanna zu spüren.
Familie Berg
Die Familie Michaels wird nur am Rand beschrieben, liefert aber wichtige Hinweise auf die Sozialisation Michaels. Es handelt sich um eine sechsköpfige Familie (Michael hat drei Geschwister) des gehobenen Bürgertums, die eine klassische Rollenverteilung für die 1950er Jahre aufweist.
Der Vater taucht in zwei wesentlicheren Szenen auf. Er ist von Beruf Philosophieprofessor, spezialisiert auf Kant und Hegel. Innerhalb der Familie spielt er die Rolle eines gemäßigt agierenden Patriarchen. Er hält seine Kinder stark auf emotionale und körperliche Distanz und plant sie genau wie seine Studenten in den täglichen Terminplan ein. Sein Verhalten wird als (unbewusstes) Vorbild für Michaels Entwicklung gedeutet.
Die Mutter ist eine durchaus positiv dargestellte Figur, zu der Michael aber anscheinend keinen genügenden Bezug aufbauen kann. Sie vermittelt ihm das Gefühl von Nähe, ohne Michael restlos mit diesem Gefühl befriedigen zu können. Nach der ersten Nacht mit Hanna erinnert sich Michael an eine Szene aus seiner frühen Kindheit: Vor dem wärmenden Herd hatte ihn die Mutter gewaschen und angekleidet. Diese Szene mütterlicher Verwöhnung wird zum Muster für die Badeszenen mit Hanna, die eine prägende Rolle für ihre Beziehung spielen, gleichzeitig aber auch für die damit verbundenen Schuldgefühle: „…, ich mich fragte, warum meine Mutter mich so verwöhnt hat. War ich krank?“
Die Geschwister spielen nur eine untergeordnete Rolle. Zu ihnen befindet sich Michael in einem Verhältnis gegenseitiger Rivalität und Distanz.
Schauplätze
Obwohl der Roman den Namen der Heimatstadt des Protagonisten nicht nennt, legt die Erwähnung topographischer Details (Heiligenberg, Philosophenweg, Neuenheimer Feld usw.) auch dem wenig ortskundigen Leser die Stadt Heidelberg und den Rhein-Neckar-Raum als Schauplatz des ersten Romanteils nahe. Die Beschreibungen am Anfang des Romans lassen ebenfalls eindeutig auf Heidelberg schließen. Die dort beschriebenen Straßen und Häuser existieren genau so im Stadtteil Heidelberg-Weststadt, in dem der Autor Bernhard Schlink tatsächlich aufwuchs. Lokalkolorit ist auch für andere Werke Schlinks charakteristisch. Die Gerichtsverhandlung im zweiten Teil findet „in einer anderen Stadt, mit dem Auto eine knappe Stunde entfernt“ statt. Der Roman scheint hier auf die Frankfurter Auschwitzprozesse anzuspielen.
Stil und Erzählhaltung
Wortwahl und Satzbau
Bernhard Schlinks Stil in der Vorleser ist in den erzählenden Passagen überwiegend schlicht und präzise. Allerdings vermeidet es der Erzähler zumeist, Jahreszahlen zu nennen (einzige Ausnahme: Hannas Geburtstag). Nur gelegentlich nennt er explizit Ortsnamen. Einen Vornamen erhalten zumeist Frauen, mit denen Michael intim war (auch wenn es sich nur um flüchtige Kontakte handelte). Eine Ausnahme bildet hier die Tochter Julia. Andere Frauen (z. B. die Gefängnisdirektorin und die Jüdin in New York) und Männer werden ausschließlich mit ihren sozialen Rollen bezeichnet.
Es herrschen parataktische oder syntaktisch einfache Sätze vor. Ein Stilmittel sind Kapiteleröffnungen, die in einem lapidaren Satz wichtige oder überraschende Informationen vermitteln, der Handlung eine Wende geben. In reflektierenden Passagen wird die Sprache poetisch. Vor allem das Spiel mit Gegensätzen („Ich habe nichts offenbart, was ich hätte verschweigen müssen. Ich habe verschwiegen, was ich hätte offenbaren müssen…“; Kap. 15) und Versuche, komplexe Erinnerungen in einprägsame Bilder zu fassen, sind bestimmend („… Bilder von Hanna, die mir geblieben sind. Ich habe sie gespeichert, kann sie auf eine innere Leinwand projizieren und auf ihr betrachten, unverändert, unverbraucht.“ Kap.12).
Das Sprachniveau ist durchgehend hochsprachlich. Zugleich benutzt Schlink viele durchgehende Bilder und Motive, etwa bei der Beschreibung des Baderituals.
Erzählhaltung
Die Beschreibung ist geprägt durch die teilweise schon reflektierte (vorgebliche) Schreibhaltung des Ich-Erzählers, die emotionale Nähe ist dennoch an den meisten Stellen spürbar. Oft wirkt das, was der inzwischen 52 Jahre alte Erzähler schreibt, auf den Leser irritierend:
- Am Schluss bekundet er selbstzufrieden, seine Geschichte sei „rund, geschlossen und gerichtet“. Trotzdem lässt er z. B. bei der Beschreibung des zweiten Besuchs des 15-jährigen Michael bei Hanna den Leser in dieselbe Falle laufen, in die bereits der Junge geraten ist: Hanna „würde sich normal verhalten, ich würde mich normal verhalten, und alles würde wieder normal sein“, „vernünftelt“ der 15-Jährige, und der 52-jährige Michael sieht keinen Grund, dem Leser anzudeuten, dass es anders sein könnte. Eine Distanz zur Sichtweise des „vernünftelnden“ 15-Jährigen ist allenfalls implizit in dem Wort „vernünfteln“ zu erkennen.
- Der 52-Jährige erklärt seine akademische Karriere damit, dass er die Standardtätigkeiten eines Juristen mit Distanz betrachte; er verabscheue die Art, wie Richter, Anwälte oder Staatsanwälte Urteile bildeten. Gleichwohl bildet er sich „nach Aktenlage“ ein Urteil über die inhaftierte Hanna, die er nicht besucht, und zwar indem er Literatur über den Analphabetismus liest, und kommt zu der Ansicht, sie sei ein „unmündiger“ Mensch. Dieses Urteil revidiert der 52-Jährige später nicht, auch nicht nachdem der Leser erfahren hat, dass Hanna gelernt habe, sich Autoritäten zu widersetzen und sogar einen Sitzstreik durchgeführt habe.
- Die Aussagen diverser Frauen lässt der Erzähler kommentarlos im Raum stehen, obwohl sie seinen Reflexionen zum Teil erheblich widersprechen. So zitiert er z. B. die Aussage der jüngeren amerikanischen Jüdin im Prozess gegen Hanna, sie habe angenommen, Hanna unterhalte zu den Vorleserinnen lesbische Beziehungen („und wir dachten, daß sie mit ihnen...“ – gleiche Andeutungstechnik wie im Gespräch mit Michael in New York! –) sowie das anschließende Dementi („Aber so war es gar nicht“). Später traut er sich aber nicht recht, denselben Verdacht explizit auszusprechen: Indem er sich fragt: „Und wer war ich für sie gewesen? Der kleine Vorleser, den sie benutzt hatte, der kleine Beischläfer, mit dem sie ihren Spaß gehabt hatte? Hätte sie mich auch ins Gas geschickt, wenn sie mich nicht hätte verlassen können, aber loswerden wollen?“, zeigt er, dass er eine Parallele zwischen sich und den Vorleserinnen sieht, und zwar in dem Dreierschritt „Vorlesen lassen - sexuellen Spaß haben - in den Tod schicken“.
Rezeption
Der Vorleser ist auch in den Lehrplänen der Sekundarstufe II verschiedener Bundesländer (z. B. Niedersachsen, Sachsen, Thüringen, Rheinland-Pfalz, Berlin, Brandenburg, Hessen) verankert.
Kritiken
Ein Großteil der literarischen Kritik äußerte sich lobend zum Vorleser. Hervorgehoben wurde vor allem der präzise Stil Schlinks, die direkte Erzählweise und außergewöhnliche Art und Weise der Vergangenheitsbewältigung.
Rainer Moritz (Die Welt, 15. Oktober 1999) betonte, der Roman führe „den künstlichen Gegensatz zwischen Privatheit und Politik ad absurdum“. Werner Fuld (Focus, 30. September 1995) schrieb in Hinblick auf den Vorleser, man müsse „große Themen nicht breit auswalzen, wenn man wirklich erzählen kann“.
Für seine Methode der Beschreibung der NS-Verbrechen wurde Schlink von anderer Seite stark kritisiert und in Zusammenhang mit Geschichtsrevisionismus und Geschichtsfälschung gestellt. Jeremy Adler hob in der Süddeutschen hervor, Schlink betreibe „Kulturpornographie“, indem in seinem Buch die „entscheidenden Motive von Schuld und Verantwortung sowie die Frage nach dem Verhältnis von persönlicher und staatlicher Macht“ an Bedeutung verlören. Schlink „vereinfache“ die Geschichte und zwinge zu einer Identifikation mit eigentlich schuldigen Tätern der NS-Zeit.
Erfolg im Ausland
Schlinks Der Vorleser stellt einen der wenigen Bestseller deutscher Autoren auf dem amerikanischen Buchmarkt dar. Der Vorleser wurde in über 39 Sprachen übersetzt und war das erste deutsche Buch, das es auf Platz 1 der Bestsellerliste der New York Times schaffte. Vor allem die Ankündigung von Oprah Winfrey, der Vorleser (The Reader) werde in ihrem Book Club besprochen, sorgte für eine Million verkaufter Taschenbuch-Exemplare in den USA.
Preise
- Hans-Fallada-Preis (1997)
- Prix Laure Bataillon (bestdotierter Preis für übersetzte Literatur) (1997)
- WELT-Literaturpreis der Zeitschrift Die Welt (1999)
- Evangelischer Buchpreis 2000
- Eeva-Joenpelto-Preis, Finnland 2001
- Platz 14 auf der Liste der ZDF-Lieblingsbücher 2004
Verfilmung
- Hauptartikel: Der Vorleser (Film)
In den Jahren 2007 und 2008 wurde eine englischsprachige Verfilmung (The Reader) von Schlinks erfolgreichem Roman umgesetzt. Die Regie übernahm der britische Theater- und Filmregisseur Stephen Daldry, während sein Landsmann David Hare die Romanvorlage für die Kinoleinwand adaptierte. Beide hatten bereits an der Oscar-prämierten Romanverfilmung The Hours – Von Ewigkeit zu Ewigkeit (2002) zusammen gearbeitet. Für die Recherche zum Film besuchte Daldry Anfang Juli 2007 Berlin und nahm an einem Mordprozess am dortigen Kriminalgericht teil.[1] Ab 19. September 2007 fanden in Berlin und Görlitz die ersten Dreharbeiten statt.[2] Für die Hauptrollen waren die australische Schauspielerin Nicole Kidman, die schon 2002 gemeinsam mit Daldry und Hare an The Hours zusammen gearbeitet und für die Rolle der Virginia Woolf den Oscar erhalten hatte und der deutsche Jungschauspieler David Kross (Knallhart) ausgewählt worden. Kidman gab aber Anfang Januar 2008 bekannt, dass sie aufgrund ihrer Schwangerschaft für die Dreharbeiten nicht zur Verfügung stehe. Als Ersatz für die weibliche Hauptrolle konnte die britische Schauspielerin Kate Winslet gewonnen werden.[3] Anfang bis Mitte Juli 2008 wurden die letzten Aufnahmen in Köln und Görlitz gedreht.[4] Für ihre Rolle in dieser Verfilmung erhielt die Schauspielerin Kate Winslet am 11. Januar 2009 einen Golden Globe und am 22. Februar 2009 den Oscar in der Kategorie „Beste Hauptdarstellerin“.
Ergänzt wird das Schauspielensemble von Volker Bruch, Vijessna Ferkic, Karoline Herfurth, Bruno Ganz, Burghart Klaußner, Hannah Herzsprung, Alexandra Maria Lara und Ralph Fiennes.[5] Für die Produktion zeigen sich die beiden mittlerweile verstorbenen Oscar-Preisträger Anthony Minghella und Sydney Pollack, sowie The Hours-Produzent Scott Rudin und Robert Fox verantwortlich. Die Weltpremiere fand am 3. Dezember 2008 im New Yorker Ziegfeld Theater statt. Der deutsche Kinostart war am 26. Februar 2009.
Literatur
Primärliteratur
- Bernhard Schlink: Der Vorleser. Zürich: Diogenes Verlag 1997. ISBN 3-257-22953-4
- Bernhard Schlink: Der Vorleser. Hrsg. von Manfred Heigenmoser. Stuttgart: Reclam-Verlag 2005. ISBN 3-15-016050-2
Sekundärliteratur
- Norbert Berger: Bernhard Schlink. Der Vorleser. Mit Materialien zum Film. Zeitgenössische Romane im Unterricht. Unterrichtshilfen mit Kopiervorlagen für die Sekundarstufe II. Donauwörth (Auer) 2009.
- Juliane Köster: Bernhard Schlink, Der Vorleser. Interpretation. München: Oldenbourg-Verlag 2000. ISBN 3-486-88745-9
- Ekkehart Mittelberg: Bernhard Schlink, Der Vorleser. Unterrichtsmodell mit Kopiervorlagen. Berlin: Cornelsen Verlag 2004. ISBN 3-464-61634-7
- Micha Ostermann: Aporien des Erinnerns. Bernhard Schlinks Roman Der Vorleser. Bochum: Verlag Marcel Dolega 2004. ISBN 3-937376-03-8
Weblinks
- Ausarbeitungen eines Deutsch-Grundkurses zu Bernhard Schlinks Der Vorleser
- Projekt-Webseite einer Schulklasse zum Roman „Der Vorleser“ von Bernhard Schlink
- Der Vorleser im ZUM-Wiki
- „Der Vorleser“ für Schüler
- Materialien zum Roman „Der Vorleser“ von „teachsam“
- Claudia Benthien: Eine Analyse der Scham- und Schuldproblematik in Bernhard Schlinks „Der Vorleser“. Vorlesung Humboldt-Universität Berlin 2005 (PDF-Datei; 90 kB)
- Interview der „Frankfurter Allgemeinen Zeitung“ mit Bernhard Schlink vom 20. Februar 2009
Einzelnachweise
- ↑ vgl. „Der Vorleser“ wird verfilmt bei Focus Online
- ↑ vgl. Zeitreise nach Görlitz bei welt.de
- ↑ vgl. Kate Winslet ersetzt Nicole Kidman bei welt.de
- ↑ vgl. Gestern letzter Dreh für „Der Vorleser“. In: Sächsische Zeitung, 15. Juli 2008, S. 13
- ↑ vgl. Drehstart für „Der Vorleser“ mit Nicole Kidman bei welt.de

