Der Zug war pünktlich

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Der Zug war pünktlich ist eine Erzählung von Heinrich Böll, entstanden 1948, veröffentlicht 1949, ursprünglicher Titel: Zwischen Lemberg und Czernowitz. Die Erzählung folgt den Leitgedanken von Saint-Exupéry Flug nach Arras: der Krieg als Krankheit und Abenteuerersatz. Als Gegensatz dazu gilt die Liebe zwischen Olina und Andreas. Das Ende: Wohin ich dich auch führen werde - es wird das Leben sein ist der physische Tod.

Inhalt[Bearbeiten]

Andreas, ein Soldat, fährt 1943 zurück an die Ostfront. Eine Ahnung, die immer mehr Gewissheit wird, sagt ihm, dass er dem Tod entgegenfährt. Seine Reise beginnt kurz vor Dortmund, durchquert Deutschland, Polen Richtung Schwarzes Meer, sie endet in Strij, nähe Lwow (Lemberg), heute Ukraine. Die Wegbegleiter von Andreas sind: Der Unrasierte, Willi, Unteroffizier, der Blonde, Soldat, geschlechtskrank. Die letzten drei Tage seines Lebens verbringt Andreas mit ihnen beim Spiel, beim Saufen und letztlich im Bordell. Hier lernt er die Dirne Olina kennen, sie verlieben sich. Der Schluss endet tragisch, aber nicht ganz unerwartet. Olina, Andreas, der Blonde, Willi und zwei Militärs sitzen in einem Auto, das einen Unfall erleidet. Ob Andreas aber letztendlich tot ist, wird nicht deutlich.

Bölls Philosophie[Bearbeiten]

Böll sagt über seine Literatur, dass ihm das Wichtigste Liebe und Religion sei. Jeder Mensch hat Anrecht auf ein humanes Leben. Es sei Aufgabe der Kunst, dies weiterzugeben und die inhumanen Elemente des Lebens einzubringen.

Religiöses Element in der Geschichte[Bearbeiten]

Als wesentlich ist wohl folgende Aussage zu werten: „Wohin ich dich auch führen werde: es wird das Leben sein.“ Diese Rechtfertigung Olinas, kurz vor dem Tod, weist auf die Überzeugung des Autors hin, dass er an ein anderes, neues Leben nach dem Tode glaubt. Das Religiöse hält sich in der ganzen Geschichte im Hintergrund. Da ist der Kaplan, ein Freund von Andreas, der ihn auf den Zug begleitet. Rückblenden auf ihn, was er gerade als Geistlicher wohl tut. Auffällig ist auch, dass Andreas bei ihm das Gewehr vergessen hat und der Kaplan deswegen Schwierigkeiten haben könnte. (Konflikt Kirche Staat und Kirche - Krieg) Andreas erinnert sich während der Reise oft, dass er in seinen letzten Lebenstagen mehr beten sollte. Wenn er betet, sind es die in der Kindheit einstudierten Rituale. Er schließt alle Menschen in die Gebete ein - auch wenn er sich hinterfragt, ob es diese oder jene wohl verdient hätten. Wesentlich ist auch der Hinweis: „Du darfst nicht zulassen, dass ein Mensch sich deinetwegen erniedrigt fühlt“ Böll richtet damit den Blick zur Nächstenliebe und zur Anerkennung der Würde eines jeden Menschen - zutiefst christliche, religiöse Werte.

Element der Liebe[Bearbeiten]

Andreas wird während der ganzen Geschichte von einem Augenpaar begleitet, welches sich, kurz vor einem Zusammenbruch, in seinem Gedächtnis einprägte. Er verband damit eine imaginäre Liebe zu einer ihm noch unbekannten Frau. Diese Liebe half ihm durch alle Wirren des Krieges hindurch, gab ihm Lebenswillen, gab ihm Sinn, durchzustehen. In der letzten Nacht vor seinem Tod lernt er die Dirne Olina kennen. Sie verlieben sich. Es ist eine zärtliche, geistige Liebe ohne Besitzansprüche. Olina erklärt ihm: Die Liebe ist immer bedingungslos und er erkennt dabei, dass seine Art von Liebe bis jetzt Ansprüche hatte: alles erlogen und Selbstbetrug - ich glaubte nur ihre Seele zu lieben .... und hätte alle diese tausend Gebete verkauft für einen einzigen Kuss von ihren Lippen ... aber was ist eine Menschenseele ohne Leib Böll stellt sehr hohe Ansprüche an die Liebe zwischen Mann und Frau, vor allem aber erhebt er die Frau aus der Untertanen-Rolle, er emanzipiert sie, erkennt sie als gleichberechtigten Menschen. Die gegenseitige Liebe ist ohne Bedingungen.

Menschen am Rande[Bearbeiten]

Böll macht auch in dieser Geschichte auf die Menschen am Rande aufmerksam. Bei ihnen setzt er die Maßstäbe an, an ihnen rechtfertigt sich unsere humane Gesellschaft. Er schält ihre Besonderheiten heraus, er zeigt auf, weshalb sie von der Gesellschaft an den Rand gedrängt wurden. Er hinterfragt die Schicksale und das Inhumane, welches zu diesen Schicksalen führt. Im Gegensatz dazu stehen die von der Gesellschaft als erfolgreich Anerkannten. Andreas' Pflegevater zum Beispiel, dieser erfolgreiche aber gefühllose Rechtsanwalt, der seine Familie unterdrückt und alles seinem Ansehen in der Öffentlichkeit unterordnet. Der General, welcher viele tödliche Informationen bei der Dirne Olina hinterlässt: er redete wie ein sentimentaler Pennäler... quasselte er mir vor Geilheit allerlei daher, was ungeheuer wichtig war. Werte wie Geld, Reichtum, Titel, Macht werden der Liebe, dem Gefühl, der Mitmenschlichkeit gegenüber-gestellt. Willi, der auf seiner Fahrt alles mit seinen neuen Freunden teilt, für sie einsteht. Der Blonde, ein im Krieg verführter und verdorbener junger Mann steht ohnmächtig und hilflos dem Leben gegenüber. Die Dirne Olina, durch den Krieg zur Prostitution gezwungen, im Dienste ihres Vaterlandes als Spionin für die Partisanen. Sie erkennt, dass auch sie falschen Mächten dient und immer nur die Unschuldigen die Opfer sind.

Konklusion[Bearbeiten]

Die, oberflächlich gelesen, banale Geschichte einer letzten Reise, der letzten drei Tage eines Lebens, entpuppt sich als aufrüttelndes Werk. Es schärft das Bild für die "Macher" der Zeit, für die inhumanen Werte einer Gesellschaft. Es zeigt gleichzeitig die Schönheiten des Lebens, und den Sinn, diese Schönheiten zu genießen. Wohnen, essen, trinken, lieben, schlafen, sprechen - die fundamentalen Bedürfnisse des Menschen lohnen bereits, den Widerwärtigkeiten des Lebens zu trotzen.

Personen[Bearbeiten]

Hauptpersonen

ANDREAS

Andreas war 23 Jahre alt, als er an die Front zurückgeschickt wurde. Er wurde am 15. Februar 1920 in Deutschland geboren. Seine Eltern -die ihn eigentlich nicht wollten- kannte er nicht. Er wuchs bei seiner Tante auf, ihr Mann war ein erfolgreicher Rechtsanwalt und Alkoholiker. Seine Person war eher ruhig und sehr nachdenklich. Kleinste Geräusche lösten bei ihm Gedankenströme aus, die er nie wirklich zu kontrollieren vermochte. Oft versank er in seine Gedanken und verlor dabei den Bezug zur Realität.

OLINA

Andreas letzte Liebe, 23 Jahre alt, geboren 12. Februar 1920, studierte Musik, war Pianistin, ist Dirne in Lemberger Bordell und Spionin für den Widerstand.

DER UNRASIERTE

Wegbegleiter von Andreas während der Fahrt an die Ostfront. Vorname Willi, Unteroffizier, verheiratet. Bei seinem Heimurlaub hat Willi seine Ehefrau beim Ehebruch mit einem Russen überrascht. Dies veranlasste ihn, unverzüglich wieder an die Front zurückzukehren. Dabei verprasst er das Geld, welches er sich für die Rückzahlung seiner Resthypothek im Krieg zusammensparte. Willi besäuft sich ständig, dabei sorgt er für das Wohlergehen von Andreas und dem "Blonden".

DER BLONDE

Sohn eines Fahnen- und Wehrzeichenfabrikanten. Zweiter Wegbegleiter von Andreas. Der Blonde ist geschlechtskrank. Er wurde beim letzten Fronteinsatz auf Vorposten in den Ssiwasch-Sümpfen von Südrussland laufend von einem Wachtmeister vergewaltigt.

Nebenpersonen

DER KAPLAN

Name Paul, ist ein Freund von Andreas, hat ihn zum Zug begleitet. Andreas hat das Gewehr bei ihm vergessen.

UNBEKANNTES MÄDCHEN

Andreas hat bei einem körperlichen Zusammenbruch in der Nähe von Amiens (F) im Bruchteil einer Sekunde in ihre Augen gesehen. Kurz danach wurde Andreas verwundet. Seither hoffte er, ihr eines Tages wieder zu begegnen.

Übrige Personen

  • Kaffeemädchen in Dortmund
  • Dicker, junger, rotgesichtiger Leutnant (steigt in Dresden zu)
  • Wachtmeister (Schänder des Blonden)
  • Puffmutter mit Sparbüchsenmund in Lemberg
  • General (Freier von Olina)
  • Tante Marianne, Pflegemutter Andreas, Schwester seiner Mutter
  • Onkel Hans, Pflegevater von Andreas, Rechtsanwalt

Wichtige Sätze[Bearbeiten]

  • Das Schweigen derer, die nichts sagen, ist furchtbar. Es ist das Schweigen derer, die nicht vergessen, derer, die wissen, dass sie verloren sind. [256/257]
  • Es ist nicht gut, dass der Mensch allein sei. Es wäre wahnsinnig schwer, mit den Anderen allein zu sein, diesen Schwätzern von Heldentum, Beförderungen, Fressen und von Tabak und von Weibern, Weibern, Weibern, die ihnen allen zu Füßen gelegen haben. [269]
  • Gott ist mit den Unglücklichen. Das Unglück ist das Leben, der Schmerz ist das Leben. [269]
  • ..der Himmel über dieser Ebene ist schwarz und schwer, und dieser Himmel senkt sich langsam auf die Ebene herab, immer näher, immer mehr, ganz langsam senkt sich dieser Himmel, und er kann nicht weglaufen, und er kann nicht schreien, weil er weiß, dass schreien zwecklos ist. Diese Zwecklosigkeit lähmt ihn. Wo soll dort ein Mensch sein, der seine Schreie hört, und er kann sich doch nicht von diesem sinkenden Himmel zerquetschen lassen. [274]
  • Auch er hat sie manchmal gesungen, ohne zu wissen und zu wollen, diese Lieder, die man einfach hineingesenkt hat, eingegraben, eingedrillt, um ihre Gedanken zu töten. Wildbretschütz ... Heidemarie .... [300]
  • Die werden bei Tscherkassy reingeschmissen. Da ist wieder ein Kessel oder so was. Kesselflicker. Die werden es schon schmeißen. [300]
  • Es ist schrecklich, wenn man sterben muss, daran zu denken, dass man jemand beschimpft hat.... einzig und allein deshalb habe ich es getan, weil ich wollte, dass die Anderen über einen Witz von mir lachen sollten. Aus Eitelkeit. [304]
  • Sie sind alle arme, graue, hungrige, verführte und betrogene Kinder. Und ihre Wiege, das sind die Züge, die Fronturlauberzüge, die Rak-tak-tak-bums machen und sie einschläfern. [306/07]
  • Die Freude wäscht vieles ab, so wie das Leid vieles abwäscht. [317]
  • Die letzte Nacht bricht an, und der letzte Tag ist vergangen wie alle anderen, ungenützt und sinnlos. [329]
  • Sie werden abscheuliche Kleider tragen und werden den Krieg verherrlichen und ihn für ihre Vaterländer schlagen: scheußliches Jahrhundert; ..... jeder Tod im Krieg ist ein Mord, für den irgendeiner verantwortlich ist. [334]
  • ..an dem furchtbaren Spiel, an dem wir alle teilnehmen, das Spiel: andere in den Tod schicken, die man nicht kennt. [337]
  • Du darfst nicht zulassen, dass ein Mensch sich deinetwegen erniedrigt fühlt. [341]
  • Es gibt keine häßlichen Menschen. [dtv 73]

Leseabschnitte[Bearbeiten]

Philosophischer Leitgedanke

  • Das Leben ist schön, denkt er, es war schön... muss ich einsehen, dass das Leben schön war. [314-315]

Sinnlosigkeit des Krieges

  • Weißt du, sagt sie und blickt ihn sehr ernst an, dass auch wir nur Unschuldige morden, nur Unschuldige. [338]

Liebe

Sie liebte ihn ganz bedingungslos. Ich verstehe das nicht... und ich hätte alle diese tausende Gebete verkauft für einen einzigen Kuss von ihren Lippen. Das weiß ich erst jetzt. [345-346]

Präzisierungen

  • blitzende Augen
  • sanfte Augen
  • traurige Augen
  • schummrige Augen
  • schmerzliche Augen
  • furchtbare Endgültigkeit
  • sanfte Haut
  • Fragonardmund wie Fragonardschäferinnen (Fragonard, frz. Maler des Rokoko)
  • Fragonardnase
  • Fragonardstirn
  • feine Ohren
  • feine Nase
  • dürrer Leib
  • wesenlose Stimme
  • sonore Stimmen
  • dumpfe Luft
  • süßer Staub
  • trockener Schatten

Redewendungen, spezielle Ausdrücke

  • Die billige Schärfe von schlechtem Essig [259]
  • die Wut platzt ihm aus den blanken Knöpfen [260]
  • traurige Augen von einer Farbe wie dunkelgeregneter Sand [270]
  • die herrlichen Brücken, die streng und elegant über das Wasser springen wie große, schlanke Tiere [276]
  • Der Berg trug die Straße auf seinem Rücken [278]
  • Der ganze bleierne französische Spiesserspott [278]
  • Lange geht es den heißen Berg hinauf [279]
  • Ein Gesicht fast wie ein Kaninchen [278]
  • ein degenerierter Windhundschädel [303]
  • die hilflosen Hundeaugen des Leutnants [303]
  • ein schrecklich leises Schreien [282]
  • ein trockener Schatten ohne Milde [286]
  • Der Blonde spielt seine sumpfigen Melodien [299]
  • die ganze gelblichweiße ungelüftete Soldatenhaut [311]
  • Ein Fetzen Musik, nur ein Lappen Musik [319]
  • so leise, wie der Dämmer jetzt durch den offenen Vorhang ins Zimmer sinkt [332]
  • unter den „sanften Bäumen“ [341]
  • schwimmt wie eine zuckende Scheibe [353]
  • dieser höhnische, kalte, graue Morgendunst [357]
  • die starre Blässe, die über Olinas Gesicht zieht [361]

Ausgaben[Bearbeiten]

  • Die erste Ausgabe erschien 1949 im Verlag Friedrich Middelhauve
  • Eine preiswerte Ausgabe der Erzählung liegt bei dtv vor.
  • Die erste kommentierte Ausgabe erschien 2003 in Band 4 der Kölner Böll-Ausgabe (Kiepenheuer & Witsch).

Interpretationen[Bearbeiten]

  • Bernáth, Árpád: Der Anfang eines mystischen Versuches. Zur Interpretation der Erzählung ”Der Zug war pünktlich” von Heinrich Böll. In: Árpád Bernáth/Károly Csuri/Zoltán Kanyó: Texttheorie und Interpretation. Untersuchungen zu Gryphius, Borchert und Böll. Scriptor, Kronberg/Ts. 1975 (Theorie - Kritik - Geschichte. 9.) S. 225-263.
  • Bernhard, Hans Joachim: Der Zug war pünktlich. In: H. J. B.: Die Romane Heinrich Bölls. Gesellschaftskritik und Gemeinschaftsutopie (1970). 2., durchges. u. erw. Aufl.: Rütten & Loening, Berlin 1973. (Germ. Studien.) S. 16-39.
  • Delabar, Walter: "Der Zug war pünktlich". In: Heinrich Böll. Romane und Erzählungen. Interpretationen. Hrsg. von Werner Bellmann. Reclam, Stuttgart 2000. S. 35-43.
  • Stebler, Max: Die Todesmotivik in Heinrich Bölls "Der Zug war pünktlich". In: Orbis Linguarum 12 (1999) S. 81-88.
  • Zimmermann, Werner: "Der Zug war pünktlich". In: W. Z.: Deutsche Prosadichtungen der Gegenwart. Interpretationen für Lehrende und Lernende. Düsseldorf 1954. S. 99-118.