Der einsame Baum

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Caspar David Friedrich: Der einsame Baum, Ölgemälde aus dem Jahr 1822

Der einsame Baum ist der Titel eines Gemäldes von Caspar David Friedrich aus dem Jahr 1822, der Zeit der Romantik. Das Ölgemälde stellt eine Landschaft mit einem alten Baum dar, der die Szenerie dominiert und dadurch Bedeutung erlangt. Das Bild war eine Auftragsarbeit und bildet gemeinsam mit seinem Gegenstück Mondaufgang am Meer in der Tradition von Claude Lorrain einen Naturzyklus aus Morgen- und Abendbild. Seit 1861 gehört es zum Bestand der Berliner Nationalgalerie und trägt seitdem die Inventarnummer NG 77.

Bildinhalt[Bearbeiten]

Der die Szenerie dominierende, exakt mittig platzierte Baum, eine von zahlreichen Unwettern beschädigte Eiche, im Morgenlicht dargestellt, ragt in den Himmel, dessen Wolken eine flache Wölbung bilden. Der Baum, dessen Krone an der Spitze seit langem abgestorben ist, bietet einem Schäfer und seiner Herde Schutz und hat im oberen Teil zwei fast waagerechte Äste, die durchaus als Kreuzmotiv aufgefasst werden können. Die mit geometrischer Akribie ausgeführte Komposition des Bildes weist mehrere parallel gestaffelte Ebenen des Hintergrunds auf: vorn die feuchte Niederung, die dem Baum und den Schafen der Herde Wasser und Nahrung gibt, weiter hinten Felder und die Silhouetten menschlicher Siedlungen, die sich harmonisch in die Landschaft einfügen, und am Horizont ein Gebirge, das nach Ansicht des Friedrich-Kenners Helmut Börsch-Supan das Riesengebirge darstellen soll. Eine transzendente Naturbetrachtung im Blaugrau des gebirgigen Hintergrundes, das Morgenlicht in der aufreißenden Wolkendecke, die Unermesslichkeit des Himmels, gespiegelt in den Wasserflächen der irdischen Endlichkeit und die Häuser der Menschen in der hinteren Tiefe der Ebene, können als Metapher für ein geistiges Ordnungsprinzip, das die Landschaft in der Malerei Caspar Davids trägt, aufgefasst werden.[1]

Provenienz und Interpretation[Bearbeiten]

Das Bild mit dem Querformat 55 x 71 cm in der Technik Öl auf Leinwand wurde zusammen mit dem Mondaufgang am Meer von dem Bankier und Kunstsammler Joachim Heinrich Wilhelm Wagener 1822 bei Caspar David in Auftrag gegeben. Die Datierung ist eindeutig, da der Maler an Wagener im November 1822 in einem Brief mitteilte, dass die bestellten Bilder nun vollendet seien.[2] In der Sammlung Wagener wurde das Bild seit 1828 unter dem Titel Eine grüne Ebene aufgelistet. Max Jordan, Leiter der damaligen Königlichen Nationalgalerie vermutet im Katalog aus dem Jahr 1876, dass es sich bei dem dargestellten Gebirge im Bildhintergrund um eine Harzlandschaft handelte. Im Katalog der Nationalgalerie von 1921 vermutete Ludwig Thormaehlen, späterer Kustos der Galerie, in der Silhouette hingegen eine Sudetenlandschaft. Helmut Börsch-Supan konnte anhand von sechs zwischen 1806 und 1810 im Riesengebirge entstandenen Zeichnungen Friedrichs jedoch eine heute akzeptierte Zuordnung vornehmen und gibt dem Bild den Titel Dorflandschaft bei Morgenbeleuchtung.

Das Bild hat vielen Kunsthistorikern Rätsel in Bezug auf eine Interpretation aufgegeben. Ludwig Justi sieht in der alten Eiche 1921 ...ein Gebilde aus trotziger Kraft, dem Deutschen das Sinnbild fest gewurzelter Kraft,[3] Willi Wolfradt bezeichnet den einsamen Baum 1924 als Wirbelsäule des Ganzen,[4] Charlotte Margarethe de Prybram-Gladona sieht in ihm ein Symbol der Einsamkeit Friedrichs,[5] für Jens Christian Jensen ist er ein Zeichen für die in die Gegenwart hineinreichende Vergangenheit, [6] und Werner Hofmann, von 1969 bis 1990 Direktor der Hamburger Kunsthalle, verweist im Ausstellungskatalog von 1974 auf ein Gedicht aus dem Jahre 1798 von Ludwig Gotthard Kosegarten, in dem es heißt: Du Stolzer, du Starker […] Baum Gottes.[7]

Seit Dezember 2001, nach der Wiedereröffnung, wird Der einsame Baum von Caspar David Friedrich wieder in der Berliner Alten Nationalgalerie auf der Museumsinsel gezeigt, nachdem das Bild vorher, seit 1986, im Knobelsdorff-Flügel des Schlosses Charlottenburg in der damaligen Galerie der Romantik ausgestellt war.

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. Hans Gerhard Hannessen: Gemälde der deutschen Romantik in der Nationalgalerie Berlin, Frölich & Kaufmann, Berlin 1985, S. 34
  2. Helmut Börsch-Supan, Karl Wilhelm Jähnig: Caspar David Friedrich, Gemälde, Druckgraphik und bildmäßige Zeichnungen, München 1973, Nr. 298
  3. Ludwig Justi: Katalog der Nationalgalerie, Berlin 1921, S. 20 f.
  4. Willi Wolfradt: C. D. Friedrich und die Landschaft der Romantik, Berlin 1924, S. 159
  5. Charlotte Margarethe de Prybram-Gladona: Caspar David Friedrich, Thèse de Doctorat, Paris 1942, S. 94
  6. Jens Christian Jensen: Caspar David Friedrich, Köln 1974, S. 222
  7. Werner Hofmann: Ausstellungskatalog 1974, Hamburg 1974, S. 46