Der goldne Topf

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Der goldne Topf ist eine romantische Novelle von E. T. A. Hoffmann, die 1814 erstmals erschien und 1819 vom Autor überarbeitet wurde. Die Novelle gilt als das erfolgreichste Werk Hoffmanns. Der Autor hat dem Werk die Gattungsbezeichnung Märchen aus der neuen Zeit gegeben. Es ist in zwölf „Vigilien“ eingeteilt.

Inhaltsverzeichnis

[Bearbeiten] Inhaltsbeschreibung

Die Handlung der Novelle beginnt an einem Himmelfahrtstag in Dresden.

Ein junger Student namens Anselmus stößt am Schwarzen Tor den Korb einer alten Apfelhändlerin um. Um den Schaden der alten Frau zu mildern, gibt er ihr seinen ganzen Geldbeutel, den er eigentlich für die feierlichen Aktivitäten verwenden wollte, hin, rennt dann aber schnell weg. Die Frau beschimpft ihn mit den Worten: „Ja renne, renne nur zu, Satanskind - ins Kristall bald dein Fall - ins Kristall.“ Er rennt weg und hält erst am Ende einer Allee unter einem Holunderbusch. Aus diesem hört er liebliche Stimmen und Geräusche wie von Kristallglocken. Er blickt auf und sieht in die blauen Augen einer Schlange, in die er sich auf der Stelle verliebt. Als sie kurz darauf verschwindet, ist er außer sich und verwirrt.

Apfelweib

Durch Zufall begegnet Anselmus seinem Freund, dem Konrektor Paulmann, der ihn zu sich nach Hause einlädt. Dort trifft er die sechzehnjährige Tochter des Konrektors, Veronika, die von einer gemeinsamen Zukunft mit dem „Hofrat“ Anselmus träumt. Des Weiteren lernt Anselmus den Registrator Heerbrand kennen, der ihm eine Anstellung als Kopierer alter Schriften bei dem Geheimen Archivarius Lindhorst verschafft, einem verschrobenen Alchemisten und Zauberer. Für diese Kopiertätigkeit soll er Geld erhalten, so dass der Verlust seines Geldbeutels durch das Apfelweib ausgeglichen wird. Als er dort allerdings seinen ersten Arbeitstag beginnen will, erscheint ihm das alte Äpfelweib in der Türklinke und er fällt vor Schreck in Ohnmacht.

Durch Zufall begegnet der Student einige Tage später auf freiem Feld dem Archivarius, der ihn mit seinen Zauberkünsten beeindruckt und ihm verrät, dass die Schlange, die Anselmus gesehen hat, seine Tochter Serpentina ist. Weiterhin erzählt Lindhorst eine merkwürdige Geschichte aus seiner Familie. Es geht dabei um Phosphorus (bedeutet etwa der Leuchtende), eine schöne Feuerlilie und einen schwarzen Drachen, mit dem Phosphorus kämpfen muss. Am darauffolgenden Tag tritt Anselmus seine Arbeit an. Er soll fremdsprachige Texte, die er nicht entziffern kann, fehlerfrei kopieren. Lindhorst warnt ihn außerdem ausdrücklich davor, eines der Originale mit Tinte zu beflecken. Glücklicherweise erhält er Hilfe durch Serpentina, weshalb ihm die Arbeit mühelos gelingt. Je mehr er sich mit diesen Schriften beschäftigt, desto vertrauter werden sie ihm und eines Tages kopiert er eine Schrift, deren Inhalt er in mehreren Schritten erfährt und schließlich begreift: Es handelt sich um die Geschichte des Archivarius, der in Wahrheit ein Salamander ist, der Elementargeist des Feuers, und aus der sagenhaften Welt Atlantis verbannt wurde. Um dorthin zurückkehren zu können, muss er seine drei Schlangentöchter verheiraten.

Veronika, die befürchtet, Anselmus und damit eine gesicherte Zukunft als „Frau Hofrätin“ zu verlieren, wendet sich an das Äpfelweib, das ihr in einem nächtlichen Ritual während des Äquinoktiums einen Metallspiegel herstellt. Als der Student wenig später in diesen blickt, hält er Serpentina und die Geschichte des Salamanders für eine Einbildung und verliebt sich in Veronika. Er verspricht ihr, sie zu heiraten, sobald er Hofrat sei. Als er daraufhin eine weitere Schrift Lindhorsts kopieren will, scheint ihm diese fremd und er verschüttet aus Versehen Tinte auf das Original. Durch einen Zauber wird er in eine Kristallflasche auf einem Regal verbannt.

Dort entdeckt er neben sich weitere Flaschen, in denen sich andere junge Männer befinden, die ebenfalls für den Archivarius gearbeitet haben, allerdings nicht zu bemerken scheinen, dass sie eingekerkert sind. Kurz darauf erscheint die Hexe, die versucht den goldenen Topf zu stehlen, ein Geschenk des Erdelementargeistes für den Salamander. Da taucht der Archivarius mit seinem Papagei auf, und beide kämpfen gegen das alte Weib und ihren schwarzen Kater. Schließlich besiegt Lindhorst die Hexe, die sich in eine Runkelrübe, ihre wahre Gestalt, verwandelt. Da der Student durch „feindliche Prinzipe“ beeinflusst war, vergibt ihm der Archivarius und befreit ihn aus der Flasche.

Veronika erhält von Heerbrand, der anstatt Anselmus' inzwischen Hofrat geworden ist, einen Heiratsantrag und nimmt ihn - trotz innerer Zerrissenheit und Gefühlen für Anselmus - an. Anselmus aber heiratet Serpentina, um fortan überglücklich in Atlantis zu leben.


[Bearbeiten] Zusammenfassung in Vigilien

1. Vigilie (Nachtwache; vergl. dazu die Schreibsituation des fiktiven Autors) Die Unglücksfälle des Studenten Anselmus. Des Konrektors (Stellvertreter des Rektors einer Schule) Paulmann Sanitätsknaster (studentisches Wort für schlechten Tabak) und die goldgrünen Schlangen: Am Himmelsfahrtsnachmittag um drei Uhr rannte Anselmus in Dresden durchs schwarze Thor direkt in den Apfelkorb eines hässlichen Weibes, das auf dem Markt war. Durch das Zetergeschrei der Alten rannten alle Marktfahrer herbei und umringten den Studenten. Anselmus gab dem Weib voller Scham und Ärger seinen Geldbeutel. Danach rannte er weg und die Alte verfluchte ihn mit entsetzlich gellender, krächzender Stimme: “Renne nur, Satanskind - ins Kristall bald dein Fall - ins Kristall -. „ Lachende Spaziergänger verstummten. Anselmus, von einem unwillkürlichen Grausen gepackt, verstand die sonderbaren Worte nicht und kämpfte sich durch die neugierige Menge, welche ihm teilnehmend nachsah. Er war plötzlich der Mittelpunkt in einem lächerlichen Abenteuer, das eine tragische Wendung nahm. Praktisch am Ende der Allee, die zum Linkischen Bad führt, war er ausser Atem, hatte aber noch immer die tanzenden Äpfel vor Augen und die freundlichen Blicke junger Mädchen waren nur ein Reflex des schadenfrohen Gelächters am schwarzen Thor. Am Eingang des Linkischen Bades sah er wehmütig und den Tränen nah die festlich gekleideten Menschen. Auch er wollte an der Glückseligkeit des Linkischen Bades teilnehmen. Bei Musik und dem Anblick der geputzten Mädchen wollte er eine halbe Portion Kaffee mit Rum und eine Flasche Doppelbier konsumieren. Deshalb hatte er unverhältnismässig viel Geld eingesteckt. Doch der Tritt in den Apfelkorb hatte alles zunichte gemacht. Er schlich langsam vorbei und wählte den Weg zur Elbe. Unter einem Holunderbaum, der aus einer Mauer wuchs, setzte er sich auf den Rasen und stopfte seine Pfeife mit dem Tabak, den er von seinem Freund, dem Konrektor Paulmann erhalten hatte. Vor ihm rauschte die Elbe. Dahinter lag stolz die Stadt Dresden mit ihren Türmen, den blumigen Wiesen und grünen Wäldern. Im Hintergrund erhoben sich die zackigen Berge des Böhmerlandes. Anselmus blies Dampfwolken in die Luft und haderte sprechend mit sich:“ Wahr ist es doch, ich bin zu allem möglichen Kreuz und Elend geboren! „– Er war nie Bohnenkönig (Dreikönigstag), bei Ratespielen lag er falsch, sein Butterbrot fiel immer auf die fette Seite. Er war Kümmeltürke (studentisches Wort für Philister; hier Schimpfwort für einen Studenten, der im Umkreis seiner Universität beheimatet war). Er verdreckte oder zerriss seine neuen Kleider aus Unachtsamkeit, während der Begrüssung einer Dame oder eines Hofrats fiel ihm der Hut vom Kopf oder er strauchelte und fiel zu Boden. In Halle, am Markt musste er jedesmal 3 oder 4 Groschen für zerbrochenes Geschirr bezahlen. Er erschien nie pünktlich zu einer Verabredung, obwohl er zeitig dort war, infolge verschiedener Missgeschicke (über seinen Kopf ausgegossenes Waschbecken, Zusammenstoss mit Heraustretenden). Am Vorstellungsgespräch zum geheimen Sekretär läuft alles schief: sein Perückenzopf fällt zu Boden, strauchelt über einen Tisch, von wo sich Tinte und Schokolade über den geheimen Rat ergiessen, der ihn wütend zu Türe weist. Die Chance für Schreiberdienste war weg, zu denen ihm Konrektor Paulmann verholfen hatte. Er sinnt weiter: Heute wollte er feiern und Mädchen ansprechen. Da hörte er sonderbare Geräusche vom Boden in den Holunderbaum aufsteigend. Es flüsterte und lispelte und klang wie Kristallglöckchen. Schliesslich vernahm er verwirrende Worte. Er glaubte, es sei der Abendwind, hob den Kopf und sah 3 kleine goldgrüne Schlangen und meinte, es sei die Abendsonne. Die Glocke ertönte wieder und er sah eine Schlange. Es durchzuckte ihn ein elektrischer Schlag, zwei dunkelblaue Augen sahen ihn sehnsüchtig an. Ein nie gekanntes Gefühl der höchsten Seeligkeit und des tiefsten Schmerzes wollte seine Brust zersprengen. Die Kristallglocken tönten in Akkorden und der Holunderbusch sprach: “Der Duft, der Hauch und die Glut sind meine Sprache, wenn sie die Liebe entzündet.“ Mit dem letzten Sonnenstrahl ertönte aus weiter Ferne eine rauhe tiefe Stimme und befahl: “Herunter!“ Die Stimme verstummte in einem fernen Donner, die Kristallglocken zerbrachen in Misstönen. Die Schlangen verschwanden schimmernd und blinkend durch das Gras und stürzten sich in die Elbe, wo über ihnen ein knisterndes, grünes Feuer in Richtung Stadt verdampfte.


2. Vigilie Wie der Student Anselmus für betrunken und wahnwitzig gehalten wurde. – Die Fahrt über die Elbe – Die Bravour - Arie des Kapellmeisters Graun – Conradis Magenlikör und das bronzirte Apfelweib.: Eine ehrbare Bürgersfrau, die mit ihrer Familie vom Sonntagsspaziergang heimkehrte, riss Anselmus aus seinem Traum, der seinerseits den Holunderbaum schüttelte und um die Gunst der goldenen Schlangen bettelte. Anselmus merkte, dass ein sonderbarer Spuk ihn geneckt und ihn dazugetrieben hatte, laute Selbstgespräche zu führen. Er hob seinen Hut auf und der verwunderte Ehemann reichte Anselmus die Pfeife und den Tabaksbeutel und tadelte den vermeintlich betrunkenen Theologiestudenten. Er bat Anselmus um Tabak und stopfte seine Pfeife, währenddessen einige Bürgermädchen mit der Frau tuschelten und lachten. Anselmus war das peinlich. Er rannte davon. Sich selber verabscheuend erinnerte er sich an die Selbstgespräche. Auf der Abzweigung in die Pappelallee stoppte ihn die Stimme des Konrektors Paulmann und Anselmus war sich sicher, einem neuen Missgeschick zu begegnen. Zurück an der Elbe traf er Paulmann mit seinen 2 Töchtern und Registrator (führender Beamter) Heerbrand, die ihn zur Überfahrt der Elbe in einer Gondel einluden, um den Abend bei Paulmann in der Pirnaer Vorstadt zu verbringen. Anselmus sass in Gedanken versunken beim Schiffer, als im Antonschen Garten (Dresdner Gartenlokal, elbaufwärts gegenüber dem Kosselschen Garten), ein Feuerwerk abgebrannt wurde. Er erinnerte sich an die Schlangen, machte eine heftige Bewegung und wurde in letzter Minute vom Schiffer am Rockschoss gepackt, worauf die Mädchen schrieen und auf die andere Seite der Gondel flüchteten. Paulmann und Heerbrand tuschelten. Anselmus jedoch sah im Widerschein des Feuerwerks und der erleuchteten Fenster immer wieder die Schlangen, die ihn riefen. Paulmann redet hart mit Anselmus und bezeichnet ihn als Wahnwitzigen und Narren. Auch Heerbrand berichtet von solchen Wachträumen, die er selbst erlebte und Veronika (16) verteidigte Anselmus. Ihm tat es wohl, dass man seine Situation zu verstehen versuchte. Da bemerkte er, dass auch Veronika schöne dunkelblaue Augen hatte. Er vergass das Abenteuer unter dem Holunderbaum und half Veronika galant aus dem Boot und ging mit ihr Arm in Arm zum Haus. Paulmann bemerkte die Wende bei Anselmus, entschuldigte sich für die harten Worte und riet ihm zu einer Blutigeltherapie. Nach der frugalen (bescheiden, kärglich) Mahlzeit wurde musiziert – Anselmus am Klavier, Veronika sang. Einer Bemerkung Heerbrands, dass Veronikas Stimme wie eine Kristallglocke klänge, widersprach Anselmus laut und murmelte leise über den Holunderbaum, sodass ihn alle betroffen ansahen. Doch als Veronika ihre Hand auf seine Schultern legte, verstummte er und spielte weiter. Heerbrand sang eine Bravour - Arie von Kapellmeister Graun (Karl Heinrich (1701-1759): Hofkapellmeister und Komponist Friedrichs des Grossen in Berlin). Anselmus sang mit Veronika ein fugirtes Duett (Gesang zweier thematisch gleicher, kontrapunktisch verknüpfter Stimmen), komponiert von Paulmann. Als Heerbrand sich verabschieden wollte wurde er von Paulmann aufgefordert, Anselmus etwas mitzuteilen: Der Archivarius (Fachmann für die Aufbewahrung alter Urkunden und Dokumente) Lindhorst ist ein alter Mann mit geheimen Wissenschaften, ein forschender Antiquar und ein experimentierender Chemiker. Privat lebt er in einem entlegenen, alten Haus mit Bibliothek und einem chemischen Laboratorium. Er besitzt viele seltene Bücher, eine Anzahl arabische, koptische (im 3. Jhd. n. Chr. unter Verwendung des griechischen Alphabetes entstandene Schriftsprache der christlichen Ägypter) und in sonderbaren Zeichen, die keiner bekannten Sprache angehören, geschriebene Manuskripte. Diese sollten mit Tusche auf Pergament unter folgenden Bedingungen kopiert werden: täglich 5 Stunden Arbeit, freies Essen, Arbeitszimmer, 1 Speziestaler (Silbertaler) pro Tag und am Ende Erhalt eines ansehnlichen Geschenkes. Heerbrand hatte Anselmus empfohlen und forderte ihn auf, am nächsten Tag um 12 Uhr bei Lindhorst vorzusprechen mit der Warnung nicht zu klecksen, da der Archivarius zornig wäre. Für Anselmus waren solche Arbeiten eine geliebte Passion und er freute sich sehr, denn schon oft blieben ihm solche Zusatzverdienste durch ein Missgeschick (seinerseits) vorenthalten. Am andern Morgen ordnete er die Bleystifte, Rabenfedern, die chin. Tusche, seine kalligraphischen Meisterstücke und Zeichnungen. Im hechtgrauen Frack und seinen schwarzatlasnen Unterkleidern, eine Rolle Schönschriften und Federzeichnungen in der Tasche sass er in Conradi’s Laden an der Schlossgasse und trank 2 Gläschen Magenlikör. Es war ein besonderer Glückstag, da bis anhin alles glatt lief. Punkt 12 Uhr wollte er beim uralten Haus von Lindhorst den bronzenen Türklopfer ergreifen. Da erschien das grinsende Gesicht des Apfelweibes vom schwarzen Tor. Es schnarrte: “du Narre – Narre – Narre – warte warte...“ Taumelnd wich Anselmus zurück und erwischte statt den Türpfosten die Klingelschnur. Es läutete in gellenden Misstönen und durchs Haus spottete der Widerhall: Bald dein Fall ins Kristall. Die Klingelschnur wurde zur durchsichtigen Riesenschlange, die ihn würgte und seine Glieder knackend zerbröckelte, dass sein Blut aus den Adern spritzte und in den durchsichtigen Leib der Schlange eindrang. Aus seinem Schrei wurde nur ein dumpfes Röcheln. Die Schlange legte ihre lange, spitzige Zunge aus glühendem Erz auf seine Brust und er war bewusstlos. Als er wieder zu sich kam, lag er in seinem Bett und Konrektor Paulmann sagte zu Ihm: „Was treiben Sie denn um Himmels willen für tolles Zeug, lieber Herr Anselmus!“


3. Vigilie Nachrichten von der Familie des Archivarius Lindhorst. Veronikas blaue Augen. – Der Registrator Heerbrand.: Anselmus wurde von Paulmann aufgegriffen, als er bewusstlos vor der Haustüre Lindhorsts lag und eine alte Frau mit einem Äpfelkorb sich um ihn kümmerte. Anselmus glaubte, nur ein Zufall hätte ihn nicht vor dem Tod aber vor dem irrsinnig werden bewahrt. Alles Zureden seitens Heerbrands, Paulmanns und selbst Veronikas half nichts, den seelenkranken Anselmus auf andere Gedanken zu bringen und nochmals bei Lindhorst vorzusprechen. Deshalb arrangierte Heerbrand ein Zusammentreffen mit Lindhorst in einem Kaffeehaus, wo Lindhorst jeden Abend war und manchmal fantastische Geschichten aus seinem Leben erzählte: Im Garten Atlantis (sagenhafte versunkene Insel; Utopia; hier: Land der Poesie, Allegorie der Künstlerexistenz) wich das Wasser zurück und die Granitfelsen beschützten das Tal. Die Mutter Sonne weckte die Natur aus dem Schlaf. Mitten im Tal erhob sich ein Hügel. Aus ihm quollen schwarze Dünste, die die Sonne verhüllten. Diese rief den Sturm, der die Massen zerstäubte. Darauf spross auf dem Hügel eine herrliche Feuerlilie. Als Phosphorus (griechisch: Lichtbringer; lat.:Lucifer), der Geisterfürst, ins Tal schritt, flehte die Lilie um seine Liebe. Er warnte sie, dass sie ihre Eltern verlassen und immer gieriger würde. Die Sehnsucht werde sie quälen und mardern. Sein Funke (der Gedanke) in ihr werde von der höchsten Wonne in hoffnungslosen Schmerz übergehen, indem sie untergehe, um erneut fremdartig emporzukeimen. Als Phosphorus sie küsste, loderte sie in Flammen auf und ein fremdes Wesen brach hervor, das dem Tal entfloh und im unendlichen Raum herumschwärmte. Phosphorus klagte um die verlorene Liebe zur Lilie, als ein schwarzer, geflügelter Drache aus dem Schoos der Granitfelsen erschien und das Wesen einfing, auf den Hügel zurückstellte, wo es wieder zur Lilie wurde. Doch die Liebe zu Phosphorus war ein schneidender Jammer und alle Blumen rundherum verwelkten. Dann besiegte Phosphorus im Kampfe den Drachen, der in die Erde zurückkehrte und die Lilie war befreit. – Registrator Heerbrand unterbrach Lindhorst, denn er wollte etwas „Wahrhaftiges“ hören. Lindhorst entgegnete, dass die Feuerlilie seine Ur-ur-ur-urgrossmutter wäre er deshalb auch ein Prinz. Diese Geschichte sei weder unsinnig, toll, ungereimt noch allegorisch (Allegorie: Sinnbild; Personifikation; bildhaft belebte Darstellung eines abstrakten Begriffs oder Gedankens). Er hätte aber besser das Neue vom gestrigen Besuch seines Bruders, dem Drachen erzählt: Mein Vater verstarb kürzlich (höchstens 385 Jahre). Dabei vererbte er mir (seinem Liebling) einen Onyx, den mein Bruder haben wollte. Im Streit bei der Leiche erhob sich der Selige und warf meinen Bruder die Treppe runter, worauf dieser zu den Drachen ging und heute in einem Zypressenwald bei Tunis einen berühmten mystischen Karfunkel (feurig roter Edelstein) bewacht, den ein Nekromant (Toten -und Geisterbeschwörer) haben will. Mein Bruder besuchte mich kurz, als der Geisterbeschwörer im Garten seine Salamanderbeete besorgte und erzählte mir gutes Neues von den Quellen des Nils. Alle lachten, nur Anselmus fühlte sich hin und hergerissen. Als Lindhorst gehen wollte, packte Heerbrand Anselmus und beide stellten sich ihm in den Weg. Lindhorst zeigte sich erfreut über das Angebot von Anselmus, seine Schriften zu kopieren, drehte sich ab, nahm seinen Hut , rauschte die Treppe hinunter, nachdem er vorher die Türe dicht vor Anselmus und Heerbrand zugeschlagen hatte. Die andern Gäste lachten und waren überzeugt, dass Lindhorst morgen wieder ganz normal sein werde. Anselmus beschloss, anderntags um 12 Uhr erneut bei Lindhorst vorzusprechen und daran sollten ihn auch 100 bronzierte Äpfelweiber nicht hindern.


4. Vigilie Melancholie des Studenten Anselmus – Der smaragdene Spiegel – Wie der Archivarius Lindhorst als Stossgeier davon flog und der Student Anselmus niemandem begegnete.: In diesem Kapitel wird der Leser vom Dichter zum 1. Mal angesprochen. Er befürchtet, dass nach seinen Schilderungen weder Anselmus noch Lindhorst glaubwürdig erscheinen und auch gerechte Zweifel gegen Konrektor Paulmann und den Registrator Heerbrand bestehen würden, obwohl sie achtbare, reelle Menschen sind. Er wünscht, dass sich das feenhafte Reich voller Gegensätze uns oft im Geiste oder im Traume aufschliesst und uns Parallelen zum täglichen Leben zeigte. Er strebt das mit der Geschichte von Anselmus an. Anselmus steckte in einer tiefen Depression, hatte Sehnsucht nach einem unbekannten Etwas und nahm seine Umwelt nicht mehr wahr, als gehörte er nicht mehr dazu. Am liebsten schweifte er allein durch Wiesen und Wälder, losgelöst von Allem. Auf dem Heimweg eines solchen Spaziergangs kam er beim Holunderbusch vorbei und alles wiederholte sich noch deutlicher als am Himmelfahrtstage. Er bettelte und rüttelte wieder am Baum. Dabei wurde ihm klar, dass es die Sehnsucht nach der goldenen Schlage war, die ihn zermürbte. Er war sich sicher, dass seine Träume erfüllt würden. Nun ging er jeden Abend bei Sonnenuntergang zum Holunderbaum und bettelte ihn an. Eines Abends kam Archivarius Lindhorst vorbei und sprach Anselmus an. Anselmus erkannte die Stimme. Es war dieselbe, die am Himmelfahrtstage die Schlangen zurückgerufen hatte. Verzweifelt und zunehmend erleichtert, erzählte nun Anselmus die sonderbare Geschichte vom Holunderbusch. Lindhorst sagte, dass die Schlangen seine 3 Töchter seien und dass sich Anselmus in die blauen Augen von Serpentina (die Jüngste) verliebt hätte. Er bestätigte auch, dass er am Himmelfahrtstage seine 3 Töchter nach Hause gerufen hätte. Er zog seinen linken Handschuh aus, hielt Anselmus den blitzenden Stein seines Ringes vor die Augen, aus dessen Strahlen sich ein Kristallspiegel formte, in dem die 3 Schlänglein tanzten und herrliche Akkorde wie Kristallglocken erklangen. Serpentina steckte ihr Köpfchen mit den dunkelblauen Augen aus dem Spiegel und fragte Anselmus, ob er an sie glaube und sie lieben würde. Da hauchte Lindhorst an den Spiegel und an seiner Hand blitzte ein kleiner Smaragd. Wenn Anselmus die Manuskripte kopieren würde, könnte er die 3 Töchter öfters sehen, doch sei er bis heute nicht erschienen, obwohl ihn Heerbrand empfohlen hätte. Anselmus erzählte, was sich mit dem Apfelweib (das Lindhorst auch bekannt war) zugetragen hatte und Lindhorst gab ihm ein Fläschchen mit einer goldgelben Flüssigkeit, die er bei Bedarf auf die Nase des Apfelweibes tröpfeln sollte. Lindhorst verabschiedete sich, lief so schnell davon, dass es aussah, als würde er ins Tal hinabschweben. In der Nähe des koselschen Gartens (in der Dresdner Neustadt gelegener öffentlicher Wirtschaftsgarten mit Konzertbetrieb) wehte der Wind in die Kleider Lindhorsts, dass es Anselmus vorkam, als würde ein grosser Vogel rasch davonfliegen und plötzlich erhob sich ein weissgrauer Geyer mit krächzendem Geschrei in die Lüfte. Anselmus konnte sich das plötzliche Verschwinden des Archivarius nicht erklären. Er wusste aber, dass alle Gestalten aus der fernen Welt, denen er nur in den Träumen begegnete, jetzt in sein waches Leben getreten waren und ihr Spiel mit ihm trieben, was ihn aber nicht störte. Er rief laut nach Serpentina. Ein Heimkehrer bemerkte mit seiner Bassstimme, dass das ein schnöder, unchristlicher Name sei. Anselmus lief rasch nach Hause und dachte bei sich, dass es ein rechtes Unglück wäre, wenn ihm jetzt Paulmann oder Heerbrand begegnen würden. Doch er traf keinen.


5. Vigilie Die Frau Hofräthin Anselmus – Cicera de officiis (von den Pflichten; Tugendlehre, von Marcus Tullius Cicero) – Meerkatzen und anderes Gesindel – die alte Liese – das Äquinoctium (die Tag- & Nachtgleiche am 23. September).: In einem Zimmer bei Paulmann, wo auch Veronika & ihre Schwester waren: Paulmann sagte zu Heerbrand, dass Anselmus trotz seiner seriösen Bildung nichts taugte. Heerbrand verteidigte ihn und meinte: Anselmus sei schlau & brauche Zeit, bis er geheimer Sekretär oder Hofrath würde, denn seit zwei Tagen kopiere er Manuskripte bei Lindhorst, zu dessen vollen Zufriedenheit & verliess das Zimmer. Veronika hörte das Gespräch, versank in träumerische Fantasien, denn sie glaubte Anselmus zu lieben & stellte sich das Leben einer Hofrätin vor: Viele Bedienstete, Einladungen, schicke Kleider, liebender Anselmus, teurer Schmuck, hohes Ansehen. Dabei sprang sie von ihrem Stuhl auf & erschreckte ihren Vater, der in Ciceros de Officii las. Da trat Anselmus energisch ins Zimmer & sprach geheimnisvoll von herrlichen Aussichten, küsste Veronika die Hand (ohne Missgeschick) schaute sie zärtlich an & war wieder weg. Veronika träumte weiter, wurde aber durch eine feindselige Gestalt in ihren Träumen gestört. Veronika weinte fast & Paulmann verliess - wütend über seine Lektüre- das Zimmer. Veronika räumte das Zimmer auf, weil sie ihre Freundinnen (Mademoiselles Osters )zum Kaffee erwartete. Dabei wurde sie von einem Alräunchen (Verkleinerungsform von Alraun (Galgenmännlein); Kobold aus der geheimnisvollen Mandragorawurzel; sie wächst nach dem Volksaberglauben unterm Galgen aus dem Samen unschuldig Gehenkter) verfolgt, das ihr zuschrie: „Er wird doch nicht dein Mann!“ Veronika fragte verzweifelt ihre Schwester, ob sie denn nichts hörte, als die Freundinnen eintraten & sie in Veronikas verstörtes Gesicht sahen. Veronika schilderte ihnen, dass sie fürchterliche Tagträume hätte, in denen sie in diesem Zimmer von einem kleinen grauen Männchen verhöhnt worden sei. Nachdem Fränzchen den Kaffee brachte, lachten alle über ihre eigene Albernheit. Angelika (eine der beiden Osters), hatte wegen Liebeskummer eine Hellseherin aufgesucht, die aus einem hellpolierten Metallspiegel las. Sie hiess Rauerin & wohnte in einer entlegenen Strasse vor dem Seetor. Veronika beschloss hinzugehen & begleitet die Olsens nach Hause & lief schnurstracks zur Rauerin, wo sie nach einiger Überwindung klingelte. Ein schwarzer Kater führte sie zur Zimmertüre, wo die alte Frau (lang, hager, in schwarze Lumpen gehüllt, spitzes Kinn, zahnlos, knöcherne, verbrannte Habichtsnase, Knochenhand, leuchtende, funkenwerfende Katzenaugen hinter Brille, buntes Kopftuch um borstige, schwarze Haare gewickelt) war. Dort bewegte sich alles sinneverwirrend (Quieken, Miauen, Gekrächze, Gepiepe). Veronika sah ein Himmelbett, einen Ofen, einen runden Spiegel, einen grossen Polsterstuhl, einen Kamin mit Feuer, ausgestopfte Tiere & komische Geräte auf dem Fussboden verstreut. Ekelhafte Fledermäuse mit verzerrten, lachenden Menschengesichtern schwangen an der Decke & heulender Jammer erfüllte das Zimmer, so dass Veronika Angst & Grauen ergriff. Die Alte löschte das Feuer im Kamin & verliess das Zimmer. Es rauchte stark & wurde stockdunkel. Als die Hexe mit einer Lampe zurückkehrte, war es eine ärmliche Stube & der Spuk vorbei. Sie wusste, weshalb Veronika sie besuchte (denn sie war bei Veronika zu Hause und spukte in der Kaffeekanne). Sie beschimpfte Anselmus als garstigen Mann, der ihre Buben (die Äpfel im Äpfelkorb) getreten habe, sich mit Lindhorst verbündete, ihr Auripigment (Pulvermischung aus Schwefel & Arsen mit mässig ätzender Wirkung) ins Gesicht schüttete, die gelbgrüne Schlange liebte, niemals Hofrat würde, zu den Salamandern gehen würde & die grüne Schlange heiraten würde. Nachdem sich Veronika gefasst hatte, beschuldigte sie die Alte & wollte nichts mehr wissen. Diese gab sich als altes Kindermädchen zu erkennen (trug jetzt eine Haube & eine grossblumige Jacke). Sie schloss Veronika in ihre Arme & erklärte: Anselmus ist gegen seinen Willen ein Opfer von Lindhorst (mein grösster Feind) geworden, der ihn mit seiner Tochter verheiraten will. Ich will & kann dir helfen, mit deiner Hilfe, das zu verhindern. Bei der nächsten Tag- & Nachtgleiche, um 23.00 Uhr kommst du zu mir, wir gehen zusammen auf den Kreuzweg, wo dir aber nichts passieren wird. Danach schickte sie Veronika nach Hause, bei der feststand, dass sie Anselmus, den sie liebte, in der Nacht der Tag- & Nachtgleiche aus seinen wunderlichen, verstrickten Banden erlösen würde.


6. Vigilie Der Garten des Archivarius Lindhorst nebst einigen Spottvögeln - der Goldene Topf - die englische Kursivschrift - schnöde Hahnenfüsse - der Geisterfürst.: Anselmus zweifelte, ob der Magenlikör ihm beim ersten Besuch bei Lindhorst einen Streich gespielt hätte, steckte trotzdem alle Unterlagen ein, nahm das Fläschchen Auripigment mit & war überzeugt, die Liebe Serpentinas als Lohn für seine Arbeit bei Lindhorst zu erhalten. Dort angekommen, schüttete er das Auripigment über den Türklopfer, die Türe öffnete sich & Glockenklang ertönte. Er stieg die breite Treppe hinauf. Es duftete nach Räucherstäbchen. Da trat Lindhorst in einem weiten damastenen Schlafrock vor ihn hin & sie gingen ins Laboratorium, durch den langen Flur & einer kleinen Seitentüre zu einem Korridor in einen grossen Saal (herrliches lichtdurchflutetes Gewächshaus) voller Blumen & riesiger Bäume. Es gab Marmorspringbrunnen, deren kristallenes Wasser in schimmernde Lilienkelche plätscherte, er hörte seltsame Stimmen & roch sonderbare Düfte. Lindhorst war verschwunden & Anselmus stand vor einem riesigen Busch blühender Feuerlilien & wurde von bunten Vögeln verhöhnt. Anselmus glaubte, sich getäuscht zu haben, denn plötzlich schritt der Busch auf ihn zu und Lindhorst stand im blumigen gelb & rot glänzenden Schlafrock wieder vor ihm, befahl den Vögeln zornig Ruhe, nachdem sich Anselmus über sie beschwert hatte. Dieser lobte aber trotzdem den „kleinen Hausgarten“. Da flatterte, ein grosser, grauer Papagei mit Brille hervor, der sich neben Lindhorst auf einen Myrthenast setzte & sich für das Benehmen der Vögel entschuldigte. Lindhorst & Anselmus durchquerten viele fremdartig aufgeputzte & überfüllte Zimmer, durch deren Anblick Anselmus überfordert war. Dann kamen sie in einem grossen blauen Bibliotheksaal an, wo in der Mitte ein goldener Topf auf einer Porphytischplatte (kostbares, purpurfarbenes Vulkangestein) stand, die auf drei ägyptischen, bronzefarbenen Löwen lag. Der Topf spiegelte Anselmus, den Holunderbusch, auch Serpentina nach der er laut rief. Lindhorst antwortete: Serpentina, meine Tochter, ist auf der anderen Seite des Hauses & hat Klavierstunde. Ohne etwas wahr zu nehmen folgte Anselmus Lindhorst, bis er in einer gewöhnlichen Bibliothek & Studierzimmer aus seinem Traum erwachte. Dort schaute sich Lindhorst die mitgebrachten Arbeiten von Anselmus an, die plötzlich jämmerlich aussahen. Lindhorst meinte, es läge am schlechten Material & brachte Anselmus eine schwarze, eigenartig riechende Tinte, sonderbar gefärbte & spitzige Federn, ein schneeweisses glattes Blatt Papier & holte aus einem verschlossenen Schrank ein arabisches Manuskript hervor. Danach verliess er das Zimmer. Schreibend schwor Anselmus darauf, dass seine mitgebrachten Manuskripte nicht von ihm verunstaltet wurden. Punkt drei Uhr holte Lindhorst ihn zum Essen ins Nebenzimmer. Sie unterhielten sich blendend über Paulmann & Heerbrand bei gutem, altem Rheinwein. Um vier Uhr kopierte Anselmus zügig (als ob ihm jemand (Serpentina) helfen würde) bis um sechs Uhr. Lindhorst schaute die Arbeit an. Er war plötzlich verändert (Schlafrock  Königsmantel; goldener Reif zwischen den silbrigen Locken). Er offenbarte Anselmus, dass er von dessen Liebe zu Serpentina wisse, Anselmus sich gegen die feindlichen Mächte (Liese) wehren müsse, um die Mitgift, den goldenen Topf zu bekommen. Die Arbeit bei ihm sei eine Lehrzeit & Glaube & Erkenntnis würden ihn zum Ziel führen, um die Wunder des goldenen Topfes zu schauen. Er schob Anselmus ins Esszimmer & verriegelte die Türe vom Arbeitszimmer. Von da führte eine andere Türe zum Flur. Beim Verlassen des Hauses rief Lindhorst (in weiss-grauem Rocke; wieder ganz normal gekleidet) Grüsse für Paulmann nach. Morgen um zwölf Uhr solle er wieder kommen. Der Speziestaler stecke in seiner Tasche. Doch Anselmus wusste nun, dass ihn ein Wahn & Spuck erfasst hatten. In seinem Innersten spürte er einen Gedanken (ist es Serpentinas Liebe?), den keine feindliche Macht vernichten konnte.


7. Vigilie Wie der Konrektro Paulmann die Pfeife ausklopfte & zu Bette ging. - Rembrandt & Höllenbreughel. - Der Zauberspiegel & des Doktor Eckstein Rezept gegen eine unbekannte Krankheit.: Veronika verliess das Haus, nach dem ihr Vater & Fränzchen schliefen. Eine innere Stimme sagte ihr, dass eine feindliche Macht zwischen ihr & der Liebe zu Anselmus stünde, die sie mit Hilfe der Magie (von Liese) besiegen könnte. Um elf Uhr stand sie durchnässt vor der Haustüre der Liese, die ihr einen Korb in die Hand drückte & selber einen Dreifuss, Kessel & Spaten trug. Es tobte & heulte ein gewaltiger Sturm (war stockfinster) & der Kater lief funkensprühend, leuchtend und mit Zetergeschrei vor ihnen her. Veronika klammerte sich fest an Liese und wollte tapfer sein. Am richtigen Ort grub Liese ein Loch, schüttete Kohlen hinein, stellte den Dreifuss mit dem Kessel drauf. Der Kater umkreiste das Ganze und die Kohlen glühten. Veronika legte Mantel und Schleier zur Seite, kauerte zu Liese, die Allerlei (Blumen, Metalle, Kräuter, Tiere) vom Korb in den Topf warf. Sie rührte mit einem Löffel die glühende Masse und Veronika musste in Gedanken an Anselmus zuschauen. Mit gellendem Geschrei warf Liese blinkende Metalle, eine Haarlocke und einen Ring von Veronika in den Kessel. Der Leser sollte sich Folgendes Vorstellen: Er sei in der Äquinoktialnacht (23. September) mit der Pferdekutsche auf dem Weg nach Dresden. Er sieht ein schlankes, holdes Mädchen mit langem offenen Haar, das im weissen Nachthemd, totenbleich, mit starrem Blick, die Hände gefaltet in die Höhe gegenüber einem hageren, kupfergelbem Weib mit Habichtsnase und funkelnden Katzenaugen im magischen Feuerkreis kniet. Er könnte den Spuk beenden und den Bann des magischen Kreises lösen, indem Veronika sich befand. Veronika kniete in Todesangst mit geschlossenen Augen vor dem Kessel, bis Liese sie aufforderte, in den Kessel zu blicken. Allmählich sah sie neben verworrenen Figuren Anselmus. Liese goss das glühende Metall in eine Form (runder Spiegel), wodurch das Werk vollendet war. Da brauste schimpfend ein ungeheurer Adler daher, Liese stürzte und Veronika fiel in Ohnmacht. Als sie erwachte, brachte Fränzchen ihr Tee ans Bett und sagte, dass ihr Vater wegen Veronikas Fieber zu Hause sei und der Arzt gleich kommen würde. Veronika dachte nun alles sei ein Traum, bis Fränzchen ihr den nassen Mantel zeigte. Ein Fieberfrost durchfuhr sie. Da entdeckte sie einen hell polierten Metallspiegel auf ihrer Brust, indem sie Anselmus sah, der in einem seltsamen Zimmer sass und schrieb. Sie versuchte ihn anzusprechen. Er antwortete nach einigem Zögern mit der Frage, weshalb sie sich zuweilen als Schlänglein ausgebe. Veronika lachte laut und erwachte wie aus einem Traum und versteckte schnell den kleinen Spiegel, als Paulmann mit dem Arzt ins Zimmer trat. Dieser schrieb ein Rezept für Veronika. Doch Paulmann wusste nicht, was Veronika fehlte.


8. Vigilie Die Bibliothek der Palmbäume – Schicksale eines unglücklichen Salamanders – Wie die schwarze Feder eine Runkelrübe liebkoste und der Registrator Heerbrand sich betrank.: Anselmus arbeitete schon mehrere Tage sehr glücklich und effizient bei Lindhorst. Er begriff die Wunder einer höheren Welt, die ihn sonst mit Staunen und Grausen erfüllten. Lindhorst sah er nur bei Tische und wenn er ein neues Dokument und neue Federn brachte und dabei die Tinte umrührte. Eines Tages erschien Lindhorst in seinem mit glänzenden, mit Blumen bestickten Schlafrock und führte Anselmus durch dieselben Gemächer und Säle wie damals. Es schien Anselmus, als sähe er nun Einiges klarer als beim erstenmal. Im azurblauen Zimmer stand ein Tisch mit violettem Samtbehang und davor ein Lehnstuhl. Lindhorst lobte die Arbeit von Anselmus und stellte ihm die wichtigste Aufgabe vor: Das Abschreiben oder Nachmahlen gewisser in besonderen Zeichen geschriebener Werke, die in diesem Zimmer aufbewahrt wurden. Es war höchste Vorsicht geboten, denn ein falscher Strich oder ein Tintenklecks würden Anselmus ins Unglück stürzen. Die kleinen smaragdgrünen Blätter der Palmen waren Pergamentrollen. Beim Anblick der Pünktchen, Striche und Schnörkel fing Anselmus zu zweifeln. Lindhorst ermutigte ihn mit klingender Metallstimme: „Hast du bewährten Glauben und Liebe, so hilft dir Serpentina. Anselmus sah Lindhorst in königlicher Gestalt (wie beim ersten Mal), der am Stamm einer Palme in die Höhe stieg und in den smaragdgrünen Blättern verschwand. Er begriff, dass der Geisterfürst mit ihm gesprochen hatte und nun in sein Studierzimmer hinaufgestiegen war, um mit Gesandten einiger Planeten zu sprechen, was mit Anselmus und Serpentina geschehen sollte, Neuigkeiten von den Quellen des Nils zu erhalten, oder dass ein Zauberer aus Lappland ihn besuchte. Anselmus hörte die wunderbare Musik aus dem Garten und die Kristallglocken (wie unter dem Holunderbusch) und konnte die Zeichen deuten: Von der Vermählung des Salamanders mit der grünen Schlange. In diesem Augenblick schlängelte sich Serpentina von einer mit Stacheln und Dornen bewachsenen Palme herab, umarmte Anselmus und setzte sich zu ihm auf den Stuhl. Sie sagte: „Mit deinem Glauben und durch deine Liebe erringst du mich und den goldenen Topf, der uns ewig glücklich macht. Ich will dir nun alles Wunderbare von meinem Vater und mir erklären: Mein Vater entstammt aus dem Geschlecht der Salamander. Eines Tages, in Atlantis, wo der Geisterfürst Phosphorus herrschte, dem die Elementargeister dienten, spazierte mein Vater im prächtigen Garten, den die Mutter von Phosphorus herrlich geschmückt hatte. Dabei begegnete er einer Lilie, in deren Kelch eine grüne Schlange war. Der Salamander raubte von Liebe gepackt die Schlange, trug sie zu Phosphorus ins Schloss und bat den Geisterfürsten ihn mit der Schlange zu vermählen. Dieser warnte und erklärte meinem Vater, dass die Lilie seine Geliebte war und mit ihm herrschte, doch seine Liebe drohte sie zu vernichten, nur die Niederlage des schwarzen Drachen, den die Erdgeister in Ketten halten, stärkte die Lilie, dass ihre Blätter den Funken einschliessen und bewahren konnte (vergl. Vigile 3). Durch die Liebe des Salamanders (mein Vater) wird die Schlange verglühen und zu Asche zerfallen und als geflügeltes Wesen davonfliegen. Doch mein Vater missachtete die Warnung. – Alles traf ein, worauf mein Vater wutentbrannt den Garten verwüstete. Zur Strafe verbannte Phosphorus meinen Vater zu den Erdgeistern, wo er büssen sollte und das kleinliche Leben der Menschen erdulden. Der Gärtner (alter, mürrischer Erdgeist) verlangte vom Geisterfürsten eine mildere Strafe: Wenn die Menschheit sich von der Natur entfremdet, die Elementargeister nur aus der Ferne dumpf zum Menschen sprechen und der Salamander sehnsüchtig an den Garten denkt, entzündet sich sein Feuer wieder. Er lebt auf in Harmonie mit der Natur und ihren Geistern, die ihm helfen. Er findet die grüne Schlange im Lilienbusch wieder. Aus dieser Liebe werden 3 Schlangen geboren, die im Frühling im Holunderbusch einen Jüngling mit kindlichem, poetischem Gemüt (deshalb vom Pöbel verspottet) betören sollen, der in seiner Verliebtheit an die Wunder der Natur glaubt und sich vermählt. Wenn alle 3 Töchter verheiratet sind, wird der Salamander (mein Vater) erlöst und zu seinen Brüdern zurückkehren. Der Erdgeist (Gärtner) will allen 3 zur Hochzeit einen goldenen Topf schenken, der Atlantis wieder spiegelt, dem eine Feuerlilie süss duftend entspriesst, den Jüngling umfängt, der bald die Sprache, die Wunder von Atlantis verstehen und selbst dort wohnen wird. Im Kampf zwischen den Salamandern (gut) und den Erdgeistern (bös) entfloh der schwarze Drache. Aus seinen Federn, die auf die Erde fielen, wuchsen feindliche Geister. Liese (Apfelweib, ehemaliges Kindermädchen von Veronika) stammt aus einer Liebesverbindung zwischen einer Runkelrübe und einer solchen Feder. Mein Vater und Liese sind Feinde. Liese versucht mit allerlei giftigen Pflanzen in bösem Spuk die Menschen an die Dämonen auszuliefern. Anselmus spürte einen Kuss auf seinem Munde und erwachte wie aus einem Traum. Es war 6 Uhr, er hatte nichts kopiert. Doch auf dem Blatt las er die Geschichte, die Serpentina ihm erzählte. Lindhorst war zufrieden. Auf dem weg zum Linkschen Bad begegneten sie Heerbrand. Um die Pfeifen anzuzünden, schnippte Lindhorst Funken aus seinen Fingern, das Heerbrand ein chemisches Kunststück nannte. Heerbrand betrank sich. Anselmus musste ihn heimbringen.


9. Vigilie Wie der Student Anselmus zu einiger Vernunft gelangte – Die Punschgesellschaft – Wie der Student Anselmus den Konrector Paulmann für einen Schuschu hielt und dieser sich darob sehr erzürnte – Der Tintenklecks und seine Folgen.: Anselmus war von der Arbeit bei Lindhorst benommen und vernachlässigte den Kontakt zu seinen Freunden. Er wartete täglich ungeduldig, bis es 12 Uhr war. Seine Gedanken rissen ihn zwischen Veronika und Serpentina hin und her. Auf einem Morgenspaziergang fing ihn Paulmann ab. Sie gingen zu ihm nach Hause, wo er mit Veronika vergnügt im Zimmer herumsprang, bis er den Tisch umstiess und Veronikas Nähkästchen zu Boden fiel. Ein kleiner, runder Metallspiegel fiel heraus. Beim Hineinschauen glaubte Anselmus, dass er die Geschichte von Serpentina nur kopiert hätte und Veronika die grüne Schlange wäre. Er lachte über seine Einbildungen (Verliebtheit in eine Schlange, Archivarius Lindhorst als Salamander). Anselmus und Veronika küssten sich und er versprach ihr die Heirat. Paulmann lud Anselmus zum Mittagessen (Suppe) und zum Kaffee mit Heerbrand ein, da es schon 12.30Uhr war. Anselmus willigte ein, weil er so in Gesellschaft mit Veronika war. Er war überzeugt, bald von den phantastischen Einbildungen befreit zu werden, die ihn beinah zum wahnwitzigen Narren gemacht hätten. Gegen Abend kochte Veronika einen Punsch aus Arrak (ostindischer Reisbranntwein) mit Zitrone und Zucker, welcher Heerbrand mitgebracht hatte. Der Alkohol versetzte Anselmus in Träume um Serpentina und Veronika. Heerbrand betitelt den Archivarius Lindhorst als einen wunderlichen alten Mann, aus dem niemand schlau wird. Anselmus erklärt, dass Lindhorst eigentlich ein Salamander ist, der den Garten des Geisterfürsten Phosphorus im Zorn verwüstete, weil ihm die grüne Schlange davongeflogen. Nach Zwischenfragen von Paulmann fuhr er weiter: Deshalb muss er hier in Dresden königlicher Archivarius sein und mit seinen 3 Töchtern leben, die aber goldgrüne Schlänglein sind, die sich in Holunderbüschen sonnen, verführerisch singen und die jungen Leute verlocken wie die Sirenen. Paulmann wollte Anselmus zu Vernunft bringen, doch Heerbrand wandte ein: Er hat recht, der Archivarius ist ein verfluchter Salamander, der mit den Fingern feurige Schnippchen schlägt, die Löcher in die Kleider brennen. Der erboste Paulmann machte Anselmus Vorwürfe, worauf dieser ihn als Vogel, Uhu und Friseur bezeichnet. Heerbrand warf dazwischen: Die Alte (Liese) kämpft gegen Lindhorst. Anselmus erwidert: Liese ist mächtig, obwohl ihr Vater nur eine Feder und ihre Mutter eine Runkelrübe ist. Ihre Kraft verdankt sie feindlichen Kreaturen (Kater) und giftigen Canaillen (frz.: Gesindel). Veronika verkündet mit zornglühenden Augen: Das ist eine Verleumdung. Die alte Liese ist eine weise Frau, der Kater ist ihr Cousin Germain (frz.: Geschwisterkind, Vetter), ein gebildeter junger Mann mit feinen Sitten. Paulmann riss sich die gepuderte Perücke vom Kopf und warf sie an die Decke, Anselmus und Heerbrand warfen die Punschterrine und die Gläser an die Decke und alle brüllten wie besessen durcheinander: Vivat (es lebe) der Salamander – pereat (es gehe zu Grunde) die Alte. Fränzchen verliess laut weinend das Zimmer und Veronika lag jammernd auf dem Sofa. Plötzlich öffnete sich die Türe und ein würdevolles Männlein, das ein Papagei war, trat ein und forderte Anselmus auf, morgen wieder beim Archivarius zu arbeiten. Paulmann und Heerbrand lachten. Anselmus rannte bewusstlos zur Tür hinaus, mechanisch fand er seine Wohnung. - Veronika fragte ihn, warum er sie im Rausch so geängstigt hätte und er solle sich bei der Arbeit für Lindhorst vor neuen Einbildungen hüten und hauchte einen Kuss auf seine Lippen. Er wollte sie umarmen, aber die Traumgestalt war verschwunden und er erwachte heiter und gestärkt. Er lachte über die Wirkung des Punsches und war überzeugt, dass ihn Veronika von seinen albernen Grillen zurückgeholt hätte. Auch im Garten von Lindhorst wuchsen ganz gewöhnlichen Pflanzen und Spatzen zwitscherten erregt, als sie Anselmus bemerkten. Das blaue Zimmer wirkte grell und die unnatürlich goldenen Stämme der Palmbäume und die unförmlichen blinkenden Blättern gefielen Anselmus nicht mehr. Lindhorst fragte Anselmus mit einem ironischen Lächeln nach dem gestrigen Abend, gab Anselmus zu verstehen, dass er selber anwesend war und sich im letzten Moment aus der Terrine in den Pfeifenkopf von Paulmann retten musste. Auch den Lohn von gestern wollte er Anselmus geben, weil er bisher so wacker gearbeitet hatte. Anselmus begriff nicht, weshalb der Archivarius so dummes Zeug faselte und machte sich an die Arbeit. Es schien ihm fast unmöglich, alles genau nachzumachen, die Tinte war zu dick und kleckerte auf die ausgebreitete Pergamentrolle. Ein Blitz zischte aus dem Klecks, dicker Dampf quoll aus den Wänden, die Blätter rauschten, blinkende Basilisken (griech.: Fabelwesen, deren Blick bzw. Anblick todbringend war) entzündeten den Dampf. Die goldenen Stämme der Palmbäume wurden zu Riesenschlangen und umwanden Anselmus. Die fürchterliche Stimme des gekrönten Salamanders, der über den Schlangen wie ein blendender Strahl in den Flammen erschien rief:“ Wahnsinniger! Erleide nun die Strafe dafür, was du im frechen Frevel tatest! Die Schlangen sprühten Feuer, das sich um Anselmus verdichtete und zur festen eiskalten Masse wurde. Anselmus wurde ohnmächtig. Als er wieder zu sich kam, war er in einer Kristallflasche auf dem Repositorium (lat.: Regal, Büchergestell) im Bibliothekszimmer des Archivarius Lindhorst.


10. Vigilie Die Leiden des Studenten Anselmus in der gläsernen Flasche – Glückliches Leben der Kreuzschüler und Praktikanten – Die Schlacht im Bibliothek-Zimmer des Archivarius Lindhorst – Sieg des Salamanders und Befreiung des Studenten Anselmus.: Falls der Leser in Träumen jemals in einer verschlossenen Flasche eingeschlossen war, kann er das Elend von Anselmus nachvollziehen. Wenn das nicht der Fall sein sollte, schliesse dich günstiger Leser mir und Anselmus zu liebe in deiner Fantasie für einige Augenblicke in das Kristall ein. Du bist von blendendem Glanz umflossen, Gegenstände erscheinen in strahlenden Regenbogenfarben und wanken und dröhnen im Schimmer, schwimmst regungslos wie in einem festgefrorenen dich pressendem Äther, dass der Geist vergeblich dem toten Körper gebietet. Der Druck wird grösser, die Luft dünner, die Pulsadern schwellen an, angstvoll zuckt jeder Nerv blutend im Todeskampf – bis zu tiefen Ohnmacht. Bei Morgensonne kam er zu sich und spürte das dumpfe Brausen des Wahnsinns. Er rief nach Serpentina. Sofort fühlte er sich freier und bereute seine Zweifel. Da bemerkte er dicht neben sich (auf dem Bücherregal) noch 5 Flaschen (davon 3 Kreuzschüler: Schüler der durch Kirche und Chor berühmten Dresdner Kreuzschule) und 2 Praktikanten. Sie waren vergnügt und zufrieden, hielten Anselmus für verrückt, da er glaubte sich in einer Flasche zu befinden, wo er doch auf der Elbbrücke stand und ins Wasser schaute. Anselmus war überzeugt, dass sie nicht wussten was Freiheit und Leben in Glauben und Liebe ist und deshalb den Druck des Gefängnisses, in das sie der Salamander bannte in ihrer Dummheit nicht wahrnahmen. Er dachte sehnsüchtig an Serpentina und hörte ihre Stimme: „Anselmus! – glaube, liebe, hoffe!“ und bemerkte, dass sein Zustand erträglicher wurde. Plötzlich vernahm er ein widriges Gemurmel, das von eine alten Kaffeekanne mit halbzerbrochenem Deckel stammte, die gegenüber auf einem kleinen Schrank stand. Anselmus sah allmählich das Äpfelweib vor sich, das ihn verhöhnte (weil sie das schon lange vorausgesagt hatte). Er nannte sie ein Hexenweib und schnöde Runkelrübe. Obwohl er ihre Söhne getreten hatte und ihr die Nase verbrannte, wollte sie ihm helfen, damit er Veronika heiraten könne. Anselmus lehnte trotzig ab, denn er wollte Serpentina. Liese wollte noch mit dem Archivarius abrechnen. Sie zog den Mantel aus, heftete sich Pergamentblätter, wie ein seltsam bunter Harnisch um den Leib. Der Kater sprang funkensprühend aus dem Tintenfass und verschwand mit Liese ins blaue Zimmer, von wo es brauste und zischte. Im Garten schrieen die Vögel und der Papagei. Liese kam zurück, holte den goldenen Topf und befahl dem Kater, Serpentina zu töten. Plötzlich stand Lindhorst in seinem glänzenden, damastenen Schlafrock da und kämpfte mit Liese. Diese warf Erde aus dem Topf, die bei Lindhorst als Blumen zu Boden fielen. Er seinerseits schleuderte brennende Lilien gegen die Alte, die heulte und sich schüttelte, bis die Lilien zu Boden fielen und verlöschten. Auch der Kater und der Papagei kämpften unerbittlich und Serpentina rief: „ Gerettet! „Lindhorst warf seinen brennenden Schlafrock auf die Alte, die mit Erde aus dem Topf und Pergamentblättern das Feuer zu löschen versuchte. Aus Lindhorst sprühten feurige Blitze, die Alte stürzte. Als sich Rauch und Gestank verzogen hatten, lag unter dem Schlafrock eine garstige Runkelrübe. Der Papagei berichtete, dass er den Kater besiegt hätte und erhielt von Lindhorst sechs Kokosnüsse und eine neue Brille. Er packte die Runkelrübe mit seinem Schnabel und flog zum Fenster hinaus, das ihm Lindhorst geöffnet hatte. Dieser ergriff den goldenen Topf und rief nach Serpentina. Zu Anselmus sagte er: “Nicht du, sondern ein feindliches Prinzip , das in dich drang war Schuld an deinem Unglauben. Du hast deine Treue gehalten, sei frei. Da ertönte der Dreiklang der Kristallglocken so laut, bis das Glas zersprang und Anselmus in Serpentinas Arme stürzte.


11. Vigilie Des Konrektors Paulmann Unwille über die in seiner Familie ausgebrochene Tollheit – Wie der Registrator Heerbrand Hofrath worden und im stärksten Froste in Schuhen und seidenen Strümpfen einherging – Veronikas Geständnisse – Verlobung bei der dampfenden Suppenschüssel.: Am Morgen nach dem Punsch (9.Vivilie) war das Zimmer verwüstet: Die Perücke Heerbrands lag aufgelöst in der Terrine, überall waren Scherben und Heerbrand lag auf dem Sofa. Sein Kopf war mit seinem blauen Schnupftuch umwickelt. Fränzchen hatte am Abend ihren Vater ins Bett gebracht. Paulmann fragte sich, warum der Punsch bei allen so eingefahren war. Heerbrand beschuldigte Anselmus, weil dieser doch schon längst verrückt wäre und Wahnsinn auch ansteckend sein könne. Heerbrand glaubte auch einen grauen Papagei gesehen zu haben, der laut Paulmann der Hausdiener von Lindhorst war, der Anselmus suchte. Heerbrand hörte nachts orgelnde und pfeifende Geräusche, die sich als Schnarchen von Paulmann entpuppten. Plötzlich erinnerte sich Heerbrand an den eigentlichen Grund des Festes, den aber nur er kannte und Anselmus hatte alles verdorben. Heerbrand drückte Paulmann die Hand, nahm Hut und Stock und rannte hinaus. Paulmann war wütend und wollte Anselmus sein Haus verbieten, weil er glaubte, Anselmus hätte Heerbrand mit seinem Wahnsinn bereits angesteckt. Veronika war in sich gekehrt und seltsam. Während eines Gesprächs mit ihrem Vater äusserte sie, dass Anselmus in einer Flasche eingesperrt sei und deshalb nicht kommen könnte. Paulmann lief zu Dr. Eckstein, der ihm Tips (Nervenzufälle, spazierenfahren, sich zerstreuen, abwarten usw.) gab. Anselmus blieb verschwunden und Heerbrand liess sich monatelang nicht blicken. Doch am 4. Februar (Namenstag von Veronika), mittags betrat er neu eingekleidet (moderner, teurer Anzug, Schuhe und seidene Strümpfe) mit einem Blumenstrauss, das Zimmer Paulmanns und erklärte: Damals am Punschabend wusste ich, dass ich Hofrat werden würde. Deshalb möchte ich jetzt Veronika heiraten. Als Veronika blass und zerstört in Zimmer trat, überreichte ihr Heerbrand die Blumen und glänzende Ohrgehänge, von denen Veronika meinte, diese schon vor mehreren Wochen (siehe 5. Vigilie) getragen zu haben, obwohl Heerbrand sie erst vor einer Stunde gekauft hatte. Auch die Heiratsabsichten Heerbrands, die ihr der Vater mitteilte und denen sie zustimmte, waren für Veronika nicht neu. Obwohl Fränzchen die Suppe brachte, wollte Veronika noch einiges klarstellen, das sie seit längerem beschäftigte: Ursprünglich hatte sie die Absicht Anselmus zu heiraten (falls er Hofrat würde). Doch als fremde, feindliche Wesen versuchten, ihn zu entfremden, suchte sie Hilfe bei einer weisen Zauberin (Liese, ehemalige Wärterin von Veronika). In der Äquinoktialnacht (23. Sept., Tag -und Nachtgleiche) ging sie auf den Kreuzweg, wo Liese ihr einen Metallspiegel goss, mit dem sie Anselmus beeinflussen konnte. Da aber der Salamander (Lindhorst) Liese besiegte, der Papagei die Runkelrübe (Liese) gefressen hatte und der Metallspiegel zerbrach, bereute Veronika alles. Sie übergab dem Hofrat die Scherben, mit der Bitte sie um Mitternacht von der Elbbrücke, beim Kreuz, in den Strom zu werfen. Ihre Haarlocke sollte er stets bei sich tragen. Sie schwor allen Satanskünsten ab und gönne Anselmus sein Glück mit Serpentina. Dem Hofrat wolle sie eine ehrende und liebende Ehefrau sein. Paulmann war verzweifelt, weil er nun glaubte, dass auch Veronika wahnsinnig geworden wäre. Doch Hofrat Heerbrand beschwichtigte, er wisse, dass Veronika den vertrackten Anselmus geliebt hätte und deshalb in ihrer Verzweiflung die Kartenlegerin und Kaffeegiesserin vor dem Seetor um Hilfe bat. Man könne nicht leugnen, dass es geheime Künste gibt. Doch die Erzählungen über den Sieg des Salamanders, die Verbindung Anselmus mit der grünen Schlange sei wohl nur eine poetische Allegorie (Sinnbild; Personifikation; bildhaft belebte Darstellung eines abstrakten Begriffs oder Gedankens), ein Gedicht (Darstellung des Bruchs mit Anselmus). Veronika fiel ihm ins Wort und meinte, er soll denken, was er wolle, vielleicht sei es ein Traum. Heerbrand verneinte, denn er wisse, dass Anselmus von geheimen Mächten befangen sei. Paulmann wurde es zu bunt und er gebot Ruhe. Er meinte, dass Heerbrand wohl verliebt sei und deshalb solche Gedanken hätte. Veronika und Heerbrand verlobten sich, heirateten bald und Veronika sass (wie schon geträumt) als Frau Hofrätin im Erker eines Hauses auf dem Neumarkt.


12. Vigilie Nachricht von dem Rittergut, dass der Anselmus als des Archivarius Lindhorst Schwiegersohn bezogen, und wie er dort mit der Serpentina lebt – Beschluss.: Der Dichter fühlte die Glückseligkeit, die Anselmus mit Serpentina in Atlantis erlebte, vermochte diese Herrlichkeit aber nicht aus eigener Kraft in Worte zu fassen. Das Bewusstsein seines armseligen, kleinlichen Lebens störte ihn. Nach 11 geglückten Vigilien belastete es ihn, die 12. nicht mehr als Schlussstein hinzuzufügen können. Waren es vielleicht tückische Geister (Verwandte) von Liese, die ihm einen Spiegel zeigten, indem er sich selbst sah: blass, übernächtigt und melancholisch? Er flüchtete jeweils ins Bett, um wenigstens von Serpentina und Anselmus zu träumen. Einige Tage später erreicht ihn ein Brief des Archivarius: Ich habe vernommen, dass Ew. Wohlgeboren die Schicksale des Anselmus in 11 Vigilien beschrieben habt. Dadurch wurde der Leserwelt mein eigentliches Wesen (Salamander) bekannt, was mir in meiner Stellung (Geheimer Archivar) auch Unannehmlichkeiten zu meiner Glaubwürdigkeit als eidlich verpflichteter Staatsdiener bereiten könnte, weil laut Gabalis (Nicolas de Montfaucon, Abbé de Villars, Quelle Hoffmanns zu den Elementargeistern) und Swedenborg (schwedischer Geisterseher) den Elementargeistern nicht zu trauen ist. Meine besten Freunde könnten befürchten, dass ich ihnen aus Übermut die Frisur und den Sonntagsrock (mit Feuer) verderben würde. Trotzdem will ich ihnen helfen. Kommen sie zu mir in blaue Palmenzimmer, das sie schon kennen. Sie finden dort Schreibmaterialien. Dann können sie den Lesern kundtun, was sie erlebt haben. So ist es besser als eine weitläufige Beschreibung eines Lebens, das sie nur vom Hörensagen kennen. Unterschrift: Salamander Lindhorst p. t. königlich geh. Archivarius. Ich glaubte nun, dass Lindhorst wusste, wie ich zur Geschichte von Anselmus fand (Phantasie?). Es war ihm recht, dass seine wunderliche Existenz durch diese Geschichte bekannt werde und so seine 2 anderen Töchter bald heirateten. Kurz vor Mitternacht schlich ich zum Archivarius, der mich erwartete und durch den blendenden, glanzvollen Garten ins azurblaue Zimmer führte. Er verschwand kurz und kam zurück mit einem Pokal, aus dem blaue Flammen empor knisterten. Er sagte: Das ist das Lieblingsgetränk, angezündeter, gezuckerter Arrak (ostindischer Reisbranntwein), eures Freundes, Kapellmeister Johannes Kreislers. Nippen sie davon. Dabei verschwand Lindhorst im Pokal. Das Getränk war köstlich. Die smaragdenen Blätter der Palmbäume rauschten im Morgenwind und blendende Strahlen erhellten den riesigen Garten Atlantis, wo Anselmus sich befand. Der Duft der Blumen ist Sinnbild für die Sehnsucht der Liebe; die goldenen Strahlen (Feuer) sind das Verlangen; die Bäume und Büsche sind die Hoffnung; die Quellen und Bäche sind Spiegel; das Vogelgezwitscher ist die Freude, die Wonne und das Entzücken der Liebe. Alle huldigen Anselmus, weil er ihre Sprache verstanden hat. Da schreitet Serpentina aus einem Tempel auf Anselmus zu. In der Hand hält sie den goldenen Topf, aus dem eine herrliche Lilie wächst. Anselmus umarmt Serpentina in glühendem Verlangen. Die Lilie brennt strahlend über seinem Kopf. Ein frohes Getümmel in der Luft, im Wasser und auf der Erde feiert das Fest der Liebe. Die Elementargeister huldigen der Lilie. Anselmus spricht mit Serpentina: Der Glaube an dich, die Liebe hat mir das Innerste der Natur gezeigt. Du brachtest mir die Lilie, die aus dem Golde, aus der Urkraft der Erde (noch bevor Phosphorus den Gedanken entzündete) entspross. Sie ist die Erkenntnis des Einklangs aller Wesen. Ich habe das Höchste erkannt. Die goldenen Strahlen der Lilie verbleichen nie, denn sie sind die Erkenntnis des Glaubens und der Liebe. Zu dieser Vision von Anselmus auf dem Rittergut hat mir wohl die Kunst des Salamanders verholfen. Nachdem alles wie im Nebel erloschen war, fand ich alles fein säuberlich von mir notiert (im Palmenzimmer).Der Vergleich zwischen Anselmus, der in Liebe und Wonne lebt und mir, der ich den schönen Saal verlassen musste, um in mein armseliges Dachstübchen (in die Armseligkeit des bedürftigen Lebens) zurück zu kehren, durchbohrte mein Herz schmerzlich. Da klopfte mir Lindhorst auf die Schulter und meinte fragend: In ihrem Innern besitzen sie doch die Poesie. Das Glück von Anselmus, das sich im Einklang aller Wesen als tiefstes Geheimnis der Natur offenbart, ist doch das Leben in der Poesie.


[Bearbeiten] Interpretationen

[Bearbeiten] Charakterisierung des Protagonisten

Zwischen Alltagsrealität und phantastischer Welt einerseits und zwischen den „Guten“ und den „Bösen“ andererseits steht der Student Anselmus, der sich auf der einen Seite, von der Rauerin verhext, zu Veronika und einer Karriere als Hofrat, auf der anderen Seite aber (in unverhextem Zustand) zu Serpentina und den Wundern der phantastischen Welt hingezogen fühlt. Im Verlauf der Geschichte gerät Anselmus zwar immer mehr in den Bann des „Bösen“ und wird von den „feindlichen Prinzipen“ gewaltsam zurück in die Alltagsrealität gezogen; die Umkehr bahnt sich aber an, als er nach seinem „Fall ins Kristall“ diese als ein Gefängnis empfindet.

In diesem „Gefängnis“ entscheidet sich Anselmus, der zu „Glaube, Liebe und Hoffnung“ zurückgefunden hat, für Serpentina, befreit sich mit Hilfe des Salamanders vom Bann des „Bösen“ und entschwindet endgültig aus der Alltagsrealität.

Am Schluss findet Anselmus sein Glück in der völligen Hingabe an das Phantastische, obwohl ihn das der Alltagsrealität entfremdet und er ihr so entzogen wird. Dies kann sinnbildlich für die romantische Poesie gesehen werden, die den Menschen aus dem alltäglichen Geschehen reißt, ihn aber auch, wie es die Philister sehen, vereinsamen und weltfremd werden lässt. „Tatsächlich“ jedoch (d.h. in der „Realität“ des Märchens) vereinsamt Anselmus gar nicht, da sein Traum von der „ewigen Liebe“ sich mit Serpentina auf dem Rittergut ihres Vaters in Atlantis verwirklicht, wo sich ihm „der heilige Einklang aller Wesen als tiefstes Geheimnis der Natur offenbart“ - so kommt er zu einer tiefen, umfassenden Erkenntnis der Welt.

Auch Veronika scheint erst zwischen der Alltagswelt und der Welt des Phantastischen zu stehen, da sie sich mit Hilfe von Zauberei die Liebe des Anselmus verschaffen will. Jedoch entsagt sie schließlich jeder Neigung zur Hexerei. Die Schnelligkeit, mit der sie Anselmus „vergisst“ und in eine Heirat mit dem Hofrat Heerbrand einwilligt, zeigt, wie stark sie in der Alltagsrealität und dem bürgerlichen Leben verwurzelt ist. Veronika findet ihre Erfüllung im Leben als Hofrätin. Dabei gelingt es ihr wie ihrem künftigen Ehemann, der Welt des Phantastischen ihre „gefährlichen“ Züge zu nehmen, indem sie die phantastischen Geschichten als poetische Allegorien bewerten.

[Bearbeiten] Erzähltechnik

Der goldne Topf ist in genau zwölf Vigilien eingeteilt. Dieser Begriff verweist zum einen auf die Umstände der Entstehung des Werks (es ist ein Produkt nächtlicher Arbeit). Zum anderen schwingt aber auch die Bedeutung „Stundengebet“ in dieser Wortwahl mit: Erstaunlich oft geschehen entscheidende Dinge zur vollen Uhrzeit: Anselmus stürzt um genau drei Uhr in den Äpfelstand, genau mittags um zwölf Uhr wird er Opfer der „Klingelschlangenattacke“ beim Archivarius Lindhorst, und genau um Mitternacht zur Tagundnachtgleiche fertigen die Hexe und Veronika den magischen Spiegel an. Auch dass die Geschichte am Himmelfahrtstag beginnt, enthält eine Anspielung auf „höhere Sphären“, in die die Geschichte eingebunden ist. Letztlich könnte die ganze Geschichte als „magisches Ritual“ (eine Serie von zwölf gebetsartig vorgetragenen Texten) interpretiert werden.

Bevor Anselmus in die Welt der Poesie gelangt, meldet sich der Erzähler zu Wort, der den Leser schon in der „Vierten Vigilie“ direkt angesprochen hat, und wird zum Teil der Märchenhandlung. Er berichtet dem „geneigten Leser“ von seinen Schwierigkeiten, die Erzählung zu Ende zu bringen. Das gelingt ihm, wie er anschließend erzählt, allerdings mit Hilfe des Archivarius Lindhorst, mit dem er Kontakt aufgenommen hat. Indem der Erzähler zum Teil der phantastischen Welt wird, wirbt Hoffmann zum Schluss hin offen für die phantastische Interpretation des Geschehens: Letztlich ist es das Leben in der Poesie, das Anselmus, den Erzähler, den Autor und den „geneigten Leser“ die Erfahrung der Wirklichkeit ertragen lässt.

Diese Wendung wird bereits in der „Eilften Vigilie“ deutlich, die (ähnlich wie im klassischen Drama) ein retardierendes Moment enthält: Noch einmal scheint es hier so, als kehre der Erzähler zur rationalistischen Sicht des Novellenanfangs zurück. Dass dem nicht so ist, erkennt man daran, dass Veronika und ihr künftiger Ehemann sich von der fundamentalistischen Haltung des Konrektors Paulmann abwenden, der den irrationalen Aspekten des zuvor Geschehenen nichts Positives abgewinnen kann.

[Bearbeiten] Verarbeitung von Mythen und Märchen

Was Heerbrand als „orientalischen Schwulst“ bewertet (die phantastischen Erzählungen des „Salamanders“ Lindhorst), ist in Wirklichkeit eine Bearbeitung traditioneller Mythen. Nach der antiken Vier-Elemente-Lehre ist der Salamander ein Elementargeist des Feuers. Entgegen der literarischen Tradition bleibt die Liebe des Menschen (Anselmus) zu einem Naturgeist (der Schlange Serpentina) nicht unerfüllt. Aus der Antike stammt auch das Bild von Atlantis als (eigentlich untergegangenem) Idealstaat.

Der Lilienkelch, einerseits Signum der französischen Könige, anderseits schöne Blüte, weiblich, zeigt möglicherweise die Sehnsucht nach dem weiblichen Geschlecht; der Drache steht in der Mythologie auch für Gottabgewandheit, für die regenlose, unfruchtbare Zeit, in Hoffmanns Novelle vielleicht auch für die Askese und das Metall aus der Tiefe der Erde . Phosphorus muss gegen den Drachen kämpfen, damit er die Feuerlilie wieder findet.

Der Vater des Salamanders, der vor weniger als 385 Jahren starb und dann kurz wieder erwachte, bevor er den Bruder des Salamanders vertrieb, könnte auf die Renaissance bzw. das päpstliche Schisma hindeuten. Die drei Schlangen des Salamanders könnten als Symbol der göttlichen Trinität (Vater, Sohn, Heiliger Geist bzw. für auch für Glaube, Liebe, Hoffnung) gelten.

Der goldene Topf könnte einerseits für glückliches, hoffnungsvolles Zusammenleben, aber auch für Abgrenzung durch Wissen und Kenntnisse von anderen Menschen stehen.

Hoffmann greift auf Motive der Bibel zurück. Er nimmt sich dabei die Freiheit, aus der „bösen“ Schlange - die mythologisch für Weisheit und auch geschlechtliche Liebe steht - der „Genesis“ eine reizvolle, liebenswürdige Gestalt zu machen. Dass Anselmus in Atlantis an Erkenntnis gewinnt, wird in Hoffmanns Märchen positiv bewertet, während in der „Genesis“ das Essen der Frucht vom Baum der Erkenntnis die Vertreibung von Adam und Eva aus dem Paradies zur Folge hat. Die christlichen Tugenden „Glaube, Liebe und Hoffnung“ spielen eine ähnliche Rolle wie bei dem Apostel Paulus.

Auch Motive aus traditionellen Märchen werden in Hoffmanns Kunstmärchen verwendet. Nach dem Aarne-Thompson-Index sind die Elemente

  • „übernatürliche Gegenspieler“ (die Hexe, AaTh 334)
  • „übernatürliche Aufgaben“ (die Reise auf der Suche nach dem Glück, AaTh 460B; Freunde in Leben und Tod, AaTh 470)
  • „übernatürliche Helfer“ (der bestrafte Zauberer, AaTh 325)
  • „magische Gegenstände“ (der Zauberspiegel) und
  • „übernatürliche Kraft oder Wissen“ (der Mann, der Tiersprachen versteht, AaTh 670)

in Hoffmanns Märchen zu finden.

Hoffmanns Wirken als „Mythenbewahrer und -schaffer“ macht sich bis heute bemerkbar: Insbesondere Ingo Schulze weist in seinem Beitrag „Nachtgedanken“[1], der aus Anlass des 800. Jubiläums der Gründung Dresdens geschrieben wurde, darauf hin, dass Hoffmanns Märchen Der goldne Topf einen maßgeblichen Anteil an der Entstehung des „Mythos Dresden“ gehabt habe.

[Bearbeiten] Produkt der deutschen Romantik

Im Goldnen Topf existiert die für die Romantik übliche Zweiteilung der Welt in die rational erschließbare Alltagsrealität und das Reich der Phantasie, das sich nur poetisch veranlagten Menschen erschließe. Die Alltagsrealität wird vor allem durch die bürgerliche Familie Paulmann, insbesondere den Konrektor Paulmann, repräsentiert, der sowohl die Geschichten des Archivarius als auch die Erlebnisse des Anselmus für Hirngespinste und Symptome von Geisteskrankheit hält.

Die phantastische Welt wiederum ist aufgeteilt in die Welt der „Guten“, charakterisiert durch Lindhorst als vertriebenen Elementargeist und Salamander, und die Welt der „Bösen“, personifiziert in der „Rauerin“, die „in Wirklichkeit“ (d.h. in der phantastischen Welt) eine „böse Hexe“ und Runkelrübe, mithin Erzfeindin des Salamanders ist.

Ganz konsequent ist Hoffmann bei der Einteilung der Welt in „Gute“ und „Böse“ allerdings nicht. Denn bei genauerem Hinsehen gibt der Erzähler Lindhorst/dem Salamander nicht nur „gute“ und der Rauerin/dem Äpfelweib/der Runkelrübe nicht nur „böse“ Züge: Immerhin ist der Salamander aus Atlantis vertrieben worden, und die Rauerin verweist Veronika gegenüber darauf, dass sie „die weise Frau“ darstelle, die von dem „weisen Mann“ (Lindhorst) beherrscht werden solle, wogegen sie sich aber wehre. Diesen feministischen Ansatz vertieft Hoffmann jedoch nicht.

[Bearbeiten] Hoffmann als Autor

Auch in Hoffmanns Leben gibt es eine Zweiteilung, und zwar die zwischen dem „seriösen“ Beamten, der tagsüber seiner eher trockenen Arbeit nachgeht, und dem Dichter, der nachts seine phantastievollen Werke schreibt. Auch der Erzähler ist offenbar ein „Nachtarbeiter“, der demzufolge die Ergebnisse der Arbeit einer Nacht „Vigilien“ nennt.

E. T. A. Hoffmann war - anders als Goethe, der bei seinem Urteil, Romantiker seien „krank“, vor allem an Hoffmann dachte - wie viele Romantiker von Geldsorgen geplagt und durch widersprüchliche Gedanken und Gefühle gekennzeichnet: der Obrigkeit, der Französischen Revolution und der Monogamie gegenüber. Die Zerrissenheit des Protagonisten spiegelt insofern die des Autors wider.

[Bearbeiten] Politische Situation zu Beginn des 19. Jahrhunderts

Eine weitere Deutung ist auf der politischen Ebene möglich. Viele Romantiker entwerfen in ihren Werken Gegenwelten zur erfahrbaren Realität, sehnen sich nach dem „Goldenen Zeitalter“. So kann man die bürgerliche Welt mit den zur Zeit der Entstehung des Goldnen Topfes herrschenden Ordnung des Ancien Régime identifizieren, die sich zwar durch Ruhe, Frieden und Sicherheit, aber auch durch Unfreiheit der Bürger auszeichnete, dargestellt in der Enge der Kristallflasche, die weniger empfindsame Mitmenschen (wie die „Leidensgenossen“ von Anselmus) gar nicht als solche empfinden.

Gleichzeitig wird gelegentlich eine Gleichsetzung des Archivarius Lindhorst mit Napoleon erwähnt. Da jedoch Napoleon im Jahr 1813, als Hoffmann sich im Geiste bereits mit dem Märchen Der goldne Topf beschäftigte, seine vernichtende Niederlage in der Völkerschlacht bei Leipzig erlitt, ist eine Gleichsetzung des positiv dargestellten Lindhorst mit Napoleon unwahrscheinlich.

Plausibler scheint die Deutung, Hoffmann habe sich und seinem Publikum eine Möglichkeit schaffen wollen, grausame Alltagserfahrungen poetisch zu kompensieren, indem er eine erfahrbare Gegenwelt schafft, die Dichtung. Der Leser wird des Öfteren vom Erzähler dazu aufgefordert, die Figuren des Märchens in seinem Leben wiederzuerkennen. Negativ gezeichnet werden dabei auch „typisch deutsche“ Philister wie der Konrektor Paulmann, den schon seine eigenen alkoholbedingten „Anfälle“ ängstigen (wegen des damit verbundenen Verlusts an Selbstkontrolle), erst recht aber Anselmus' Exzesse. Hier kritisiert Hoffmann den deutschen Spießer.

Während der Entstehungszeit des Märchens Der goldne Topf schrieb Hoffmann in sein Tagebuch: „Alles ist eins!“ - die dialektische Erkenntnis, dass Widersprüche sich bedingen und letztlich aufheben, kann auch politisch gedeutet werden. In der Welt der Poesie leben alle Wesen im Einklang mit sich und der Natur. Hoffmann war nicht umsonst der Lieblingsautor von Karl Marx.

[Bearbeiten] Oper

Im Mai 1989 wurde in Dresden die Oper "Der Goldene Topf" von Eckehard Mayer uraufgeführt, Libretto von Ingo Zimmermann nach E.T.A. Hoffmann.

[Bearbeiten] Literatur

  • Horst Grobe: E. T. A. Hoffmann: "Der goldne Topf" (Reihe: Königs Erläuterungen und Materialien Bd. 474) C. Bange, Hollfeld 2008 ISBN 978-3-8044-1878-3
  • Jochen Schmidt: "Der goldne Topf." Ein Schlüsseltext romantischer Poetologie In: E. T. A. Hoffmann: Romane und Erzählungen Hg. Günter Saße. Reclam, Stuttgart 2004 ISBN 3150175267 (S. 43 - 59)

[Bearbeiten] Einzelnachweise

  1. http://www.ingoschulze.com/texte/nacht.html

[Bearbeiten] Weblinks

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