Der große Meaulnes

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Der große Meaulnes oder auf deutsch auch Der große Kamerad (andere dt. Titel siehe Weblinks), französisch Le Grand Meaulnes (1913) ist der einzige fertiggestellte Roman des Schriftstellers Alain-Fournier.

Im Zentrum steht die Geschichte der zwar kurzzeitig erfüllten, letztlich aber scheiternden Liebe des jugendlichen Abenteurers Augustin Meaulnes zu der ebenso schönen wie zerbrechlichen Yvonne de Galais. Erzählt wird überwiegend im Rückblick aus der Perspektive der zweiten Hauptperson des Romans, Meaulnes' jüngerem, ihn bewundernden und am Ende ebenfalls Yvonne heimlich liebenden Freundes François Seurel.

Le grand Meaulnes erschien von Juli bis November 1913 in fünf Fortsetzungen in der Zeitschrift La Nouvelle Revue Française; im Herbst kam er auch als Buch heraus. Der Erfolg war sofort beachtlich: Der Roman kam in die engste Wahl für den Prix Goncourt.

Der Roman wechselte während der Entstehung mehrfach die Konzeption, ehe er Anfang 1913 fertiggestellt war. Aber auch in der Endfassung wirkt das Textgefüge noch recht heterogen: In die weitgehend chronologische Ich-Erzählung von François Seurel sind längere, formal stark divergierende Passagen eingefügt: Die in der dritten Person dargestellte erste Begegnung Meaulnes' mit Yvonne, seine Briefe an Seurel und schließlich die Tagebuchaufzeichnungen, die Meaulnes' Liaison mit einer anderen Frau enthüllen.

Inhalt des Romans[Bearbeiten]

Die Handlung spielt in den 90er Jahren des 19. Jahrhunderts und umfasst etwa vier Jahre.

Erster Teil[Bearbeiten]

Im ereignislosen Schulalltag des Provinzstädtchens Sainte-Agathe wird alles anders, als an einem Novembertag der 17-jährige Augustin Meaulnes, Sohn einer wohlhabenden Witwe, als zahlender Gastschüler in den Lehrerhaushalt der Familie Seurel kommt. Mit seinem Selbstvertrauen und seiner wortlosen Unternehmungslust elektrisiert er den behüteten François und wird schnell Leitfigur auch aller anderen Schüler. Als in den Weihnachtstagen die Großeltern von François zu Besuch erwartet werden, besorgt sich Meaulnes ohne Auftrag Pferd und Wagen, um sie von einem 10 km entfernten Bahnhof abzuholen. Während der Kutschfahrt schläft er ein, verirrt sich, verliert Pferd und Wagen und kommt am nächsten Nachmittag zu Fuß und orientierungslos zu einem Schlösschen, in dem die Verlobung von Frantz de Galais, dem Sohn des Besitzers, gefeiert werden soll. Die Gäste sind überwiegend Kinder, die mit ihren Wünschen den Ablauf des Festes bestimmen, und junge Leute aus der Umgebung in Meaulnes’ Alter, die in phantastischer Kostümierung bei Tanz, Musik, Spaziergängen und gutem Essen feiern. Während einer Bootsfahrt begegnet Meaulnes der Schwester des Bräutigams, Yvonne de Galais, und beide verlieben sich schicksalhaft, ohne jedoch ihre förmliche Distanz zu durchbrechen. Er lernt auch den Bräutigam kennen, der abends das Fest mit der Nachricht beendet, dass seine Braut, die Tochter eines Webers, ihn aus Mangel an Vertrauen in die Kraft seiner soziale Grenzen überschreitenden Liebe verlassen habe.

Dieses Fest ist „der Beginn der Verwirrung und Verwüstung“: beim allgemeinen Aufbruch wird Meaulnes von anderen Gästen im Wagen mitgenommen, glaubt kurz nach der Abfahrt einen Pistolenschuss zu hören und den verletzten Frantz zu sehen, schläft ein und wird schlaftrunken in der Nähe von Sainte-Agathe abgesetzt: So weiß er weder, wie er zu Yvonnes Schlösschen gelangt ist, noch hat er sich den Rückweg einprägen können.

Zweiter Teil[Bearbeiten]

In den nächsten Wochen versucht Meaulnes vergeblich, seine Reise auf einer Landkarte zu rekonstruieren. Ende Februar kommt Frantz de Galais, der nach einem Selbstmordversuch (dies war der Pistolenschuss) als Schausteller mit einem befreundeten Clown umherzieht, nach Sainte-Agathe und besucht dort sogar für ein paar Tage die Schule. Er erkennt Meaulnes wieder, gibt sich selber aber nicht zu erkennen und wird, weil er einen Kopfverband trägt, auch von Meaulnes nicht erkannt. Aber er ergänzt teilweise Meaulnes' Landkarte. Immer noch unerkannt, lässt er Meaulnes und François ewige Freundschaft und Hilfe in der Not schwören und verschwindet, nachdem er sich Meaulnes im letzten Augenblick zu erkennen gegeben hat. Meaulnes, der große Kamerad und „Fährtensucher“, sucht weiter vergeblich nach dem Ort jenes traumhaften Verlobungsfestes, seinem „verlorenen Land“, verlässt dann aber kurz vor Ostern die Schule und geht nach Paris, da ihm Frantz vor seinem Verschwinden eine Adresse in Paris genannt hat, wo die angeblich inzwischen verheiratete Yvonne leben soll.

Drei kurze Briefe, die Meaulnes in den folgenden Monaten an François schreibt, berichten über seine weiteren Erlebnisse: In Paris wartet er bis zum November täglich vor dem ihm genannten Haus vergeblich darauf, Yvonne wiederzusehen, die Inkarnation seiner Sehnsüchte nach Frau und Familie. Er begegnet dabei der jungen Näherin Valentine Blondeau, ohne zu wissen, dass sie Frantz´ verschwundene Braut ist, die trotz ihrer damaligen Flucht immer noch hofft, Frantz wiederzusehen.

Dritter Teil[Bearbeiten]

Im Sommer des darauffolgenden Jahres erfährt François zufällig Namen und Lage des verlorenen Gutes Les Sablonnières, das nur noch von dem alten Monsieur de Galais und seiner Tochter Yvonne bewohnt wird. Er verlegt seinen Ferienaufenthalt bei Verwandten in einem nahe gelegenen Marktflecken vor, um sich Gewissheit zu verschaffen, und lernt im Laden seines Onkels Yvonne de Galais kennen, deren Familie inzwischen völlig verarmt ist. Sofort macht François sich auf, um Meaulnes, der seine Suche nach Yvonne resigniert abgebrochen hat und wieder in der Nähe bei seiner Mutter lebt, von seiner Entdeckung in Kenntnis zu setzen und zu einer gemeinsamen Landpartie einzuladen, die sein Onkel arrangiert hat. Meaulnes reagiert erstaunlich zurückhaltend und distanziert und macht geheimnisvolle Andeutungen über einen Fehler, den er begangen habe und wiedergutmachen müsse, folgt aber schließlich der Einladung. Obwohl Meaulnes' Wiederbegegnung mit Yvonne zunächst wenig glücklich zu verlaufen scheint, hält er noch am selben Abend „unter Schluchzen um die Hand von Mademoiselle de Galais an.“

Nach fünfmonatiger Verlobungszeit heiraten Meaulnes und Yvonne im Februar des folgenden Jahres und beziehen ihr Haus in Les Sablonnières, das letzte Überbleibsel des einst großen Landguts. Am Abend des Hochzeitstages taucht Frantz auf und verlangt unter Berufung auf den einst geleisteten Schwur Meaulnes' Hilfe bei der Suche nach seiner verschwundenen Braut Valentine, die er die ganze Zeit über vergeblich gesucht hat. Am nächsten Morgen bricht Meaulnes auf, von einem „heimlichen Schuldgefühl“ getrieben, und lässt Yvonne allein zurück.

François, der inzwischen selbst Lehrer in einem nahegelegenen Dorf geworden ist, besucht sie in den folgenden Monaten regelmäßig und wird „ihr treuer Gefährte ... in einem Warten, von dem wir nicht sprachen“. Er entwickelt eine innige Freundschaft zu Yvonne, die einer uneingestandenen Liebe gleichkommt. Im Oktober bringt Yvonne das Kind zur Welt, das sie in der Hochzeitsnacht von Meaulnes empfangen hat. Sie stirbt kurz darauf an den Folgen der schweren Geburt, ohne nochmals von ihm etwas gesehen oder gehört zu haben. Wenig später stirbt auch ihr Vater, und François wird Vormund der kleinen Tochter. Eines Tages findet er auf dem Dachboden Tagebuchaufzeichnungen von Meaulnes, die ihm sein Geheimnis enthüllen: Nach Monaten des vergeblichen Wartens auf Yvonne war Meaulnes in Paris eine Beziehung mit Valentine eingegangen und wollte sie heiraten. Als er auf einer gemeinsamen Sommerreise erfährt, dass sie Frantz' Braut war, verlässt er sie. Da sie ihm zu verstehen gegeben hat, dass ihr dann nur noch die Prostitution als Ausweg bleiben wird, macht er sich jedoch schwere Vorwürfe, sie ins Verderben gestürzt zu haben. Als François erschien, um ihm mitzuteilen, dass er Yvonne wiedergefunden hatte, war Meaulnes gerade im Begriff gewesen, sich auf die Suche nach Valentine zu machen. Was ihn antrieb, Yvonne zu verlassen, war also nicht nur der Schwur, den er Frantz geleistet hatte, sondern ebenso sehr seine Schuldgefühle gegenüber Valentine.

Erst nachdem Meaulnes tatsächlich Valentine und Frantz einander wieder zugeführt hat, erscheint er - mehr als anderthalb Jahre nach seinem Hochzeitstag und seiner Abreise - erneut auf dem Gut. Der Roman endet mit François' Erwartung, dass sein ihm fremd gewordener Freund ihn mit seiner Tochter wieder verlassen wird: „Ich fühlte, dass der große Meaulnes gekommen war, um mir die einzige Freude, die er mir gelassen hatte, zu nehmen. Und schon sah ich vor mir, wie er in der Nacht, seine Tochter in seinen Mantel gehüllt, auf neue Abenteuer auszog.“

Deutung des Romans[Bearbeiten]

Zwischen der Romanhandlung und der Biografie des Autors gibt es deutliche Parallelen, die die alte Frage aufwerfen, wie weit die eigenen Lebenserfahrungen die Hand eines Autors führen: So könnte der Roman zunächst die enttäuschte Liebe des Autors zu einer gewissen Yvonne de Quièvrecourt verarbeiten, die er am Himmelfahrtstag 1905 kennengelernt und dann aus den Augen verloren hatte, um zwei Jahre später zu erfahren, dass sie inzwischen verheiratet war.

Bisweilen wird Der große Meaulnes als Beschwörung einer heilen Kinderwelt, als Flucht vor einer unerträglichen Gegenwart oder als Geschichte einer unglücklichen Jugendliebe verstanden. Diese Deutungen, die sich auf einzelne märchenhaften Züge des Verlobungsfestes und auf die an der Oberfläche greifbaren Motive der Hauptfiguren stützen können, lassen sich aber bei genauer Lektüre des ganzen Romans nicht aufrechterhalten. Schon der wenig idyllische Überfall der Klassenkameraden auf Meaulnes und François ist weit von aller Kinder- und Jugendromantik entfernt. Hinter dem Thema der notwendig scheiternden Jugendliebe steht immer auch die allgemeine Dialektik von Freiheit und Verantwortung.

Bestimmend im Roman ist dagegen die Textur von Reisen und Abenteuern, die sich in der Figur Meaulnes’ verbinden: seine erste Ausfahrt und Verirrung, die abenteuerliche Rückkehr zur Schule, die Pläne zur Suche nach dem "verlorenen Gut", Meaulnes’ Abreise nach Paris, seine Reise mit Valentine, die zweimalige Suche nach Valentine, etc. Die Abenteuer, die Reisen und die damit verbundene Freiheit und Entscheidungswahl haben für Meaulnes und auch für seinen Freund François eine existentielle und zugleich mythische Bedeutung (vergleiche das Erweckungsgefühl von François im 9. Kapitel: Auf der Suche nach dem verlorenen Pfad). In ihnen erfüllt sich die vorherbestimmte Weltaneignung und zugleich die tragische Verstrickung in ihre Gefahren, die die Figuren weit von ihren Zielen wegführen und auch zerbrechen lassen. Augustin Meaulnes personifiziert diese Motive der Ausfahrt, der Bewährung und des schmerzhaften Scheiterns, François Seurel und Yvonne von Galais das passive, staunende Leiden an der un-heimlichen Bestimmung menschlichen Suchens. So verstanden ist Der große Meaulnes der Roman einer unheroischen Odyssee und des alltäglichen Abenteuers. Wie endet die französische Ausgabe des Romans? Mit den Worten: "partant ... pour de nouvelles aventures".

Verfilmung[Bearbeiten]

Der Roman wurde 1967 von dem französischen Regisseur Jean-Gabriel Albicocco unter dem Titel Le Grand Meaulnes mit u. a. Brigitte Fossey als Yvonne, Alain Blaise als François Seurel und Alain Libolt als Augustin Meaulnes verfilmt. Im Jahr 2006 wurde der Roman erneut unter der Regie von Jean-Daniel Verhaeghe als Le Grand Meaulnes mit Nicolas Duvauchelle und Jean-Baptiste Maunier in den Hauptrollen für die Leinwand adaptiert.

Literatur[Bearbeiten]

  • Alain-Fournier: Der große Meaulnes. Diogenes, Zürich 2003, ISBN 3-257-23361-2 (häufige Auflagen, eine weitere gepl. für 2006)
  • Alain-Fournier: Le grand Meaulnes. Fayard, Paris 1971, ISBN 2-253-00527-4 (frz. Ausgabe)
  • Lesot, Adeline: Le grand Meaulnes (1913). Alain-Fournier: résumé, personnages, thèmes. Hatier, Paris 1992 (Profil d'une oeuvre 150) ISBN 2-218-03272-4 (frz.)

Siehe auch[Bearbeiten]

Weblinks[Bearbeiten]