Deutsch-französische Erbfeindschaft

aus Wikipedia, der freien Enzyklopädie
Wechseln zu: Navigation, Suche
Dieser Artikel oder nachfolgende Abschnitt ist nicht hinreichend mit Belegen (beispielsweise Einzelnachweisen) ausgestattet. Die fraglichen Angaben werden daher möglicherweise demnächst entfernt. Bitte hilf der Wikipedia, indem du die Angaben recherchierst und gute Belege einfügst. Näheres ist eventuell auf der Diskussionsseite oder in der Versionsgeschichte angegeben. Bitte entferne zuletzt diese Warnmarkierung.

Mit dem Begriff deutsch-französische Erbfeindschaft wurde in verschiedenen Abschnitten der Neuzeit das feindliche Verhältnis beschrieben, das zwischen Deutschen und Franzosen von der Ära Ludwigs XIV. bis nach dem Zweiten Weltkrieg bestand.

Der Begriff drückt propagandistisch aus, dass die Konflikte zwischen beiden Ländern vom Pfälzischen Erbfolgekrieg, die Koalitionskriege, den Deutsch-französischen Krieg von 1870/71 und den Ersten Weltkrieg bis schließlich zum Zweiten Weltkrieg mit friedlichen Mitteln nicht zu lösen gewesen wären, sondern auf quasi natürlichen Ursachen (Vererbung bzw. Erbschaft) beruhten. Der Elysée-Vertrag vom 22. Januar 1963 beendete diese Epoche der Feindschaft in den Beziehungen beider Länder, die seither durch ein enges Freundschaftsverhältnis innerhalb der Europäischen Union gekennzeichnet sind.

Begriff[Bearbeiten]

Etymologie[Bearbeiten]

Mit dem Begriff Erbfeind wird allgemein ein über mehrere Generationen hinweg verhasster Gegner bezeichnet, also ein von den Vorfahren „ererbter“ Feind. Im Mittelhochdeutschen war mit erbevīnt zumeist der Teufel gemeint. In diesem Sinne verwendet Martin Luther den Begriff. Ab dem 15. Jahrhundert wurde der Begriff auf die Türken angewendet, die mit ihrer jahrhundertelangen, nachhaltigen und rigorosen Expansionspolitik bis vor die Residenzstadt Wien eine permanente Bedrohung waren. Im 19. Jahrhundert wurde er von Ernst Moritz Arndt (1769–1860) auf die deutsch-französischen Beziehungen übertragen und so in den Diskurs des deutschen Nationalismus eingeführt.[1]

Entstehung des Schlagworts im 19. Jahrhundert[Bearbeiten]

In der historischen Realität war das Heilige Römische Reich, anders als die zentral gelenkte französische Monarchie, durch Partikularismus und Souveränität der Einzelstaaten geprägt. Zwar gab es einen deutschen König bzw. Kaiser, nicht aber eine einheitliche deutsche Außenpolitik und mithin natürlich auch keine einheitlichen deutsch-französischen Beziehungen freundlicher oder unfreundlicher Art. Erst durch die deutsche Reichsgründung 1870/1871 wurden die Voraussetzungen hierfür geschaffen. Dennoch projizierten unter dem Eindruck der Befreiungskriege, die in den Jahren 1813 /1814 ein antinapoleonisches Zweckbündnis der europäischen Staaten hervorbrachte, nationalistische Gruppen in Deutschland eine solche Kontinuität des Gegensatzes und der Feindschaft zwischen Deutschen und Franzosen in die Vergangenheit hinein und interpretierten jede historische Gegebenheit im Verhältnis zwischen Frankreich und „den Deutschen“ im Sinne einer solchen postulierten Feindschaft. Ernst Moritz Arndt machte in seinem 1813 entstandenen Lied Was ist des Deutschen Vaterland? den Hass auf den Nachbarn nachgerade zum feststehenden Merkmal deutscher Identität:

Das ist des Deutschen Vaterland,
wo Zorn vertilgt den welschen Tand,
wo jeder Franzmann heißet Feind,
wo jeder Deutsche heißet Freund.
Das soll es sein! das soll es sein!
Das ganze Deutschland soll es sein![2]

Träger solcher Vorstellungen waren nicht zuletzt viele Vertreter der Romantik, da diese von einem mittelalterlichen Kaisertum und dessen Erneuerung in der Gegenwart träumten. Damit verbunden war das Lob scheinbar „urdeutscher“ Werte wie Gefolgschaftstreue, Fleiß, Tiefgründigkeit und Kampfbereitschaft, während man den Franzosen (wie allgemein den Romanen, die man abwertend als „Welsche“ bezeichnete) negative Charakterzüge wie Genusssucht, Oberflächlichkeit, übertriebenen Intellektualismus u.ä. unterstellte. Auch ein Gegensatz der politischen Ideale ergab sich daraus insofern, als diesen deutschen Nationalisten und Konservativen die Ideale der Französischen Revolution, insbesondere die Demokratie, als „undeutsch“ und „artfremd“ erschienen und stattdessen Gehorsam und Untertanengeist als angebliche Tugenden dagegengesetzt wurden. So ergab sich ein Weltbild, in dem man ein „welsches“ und ein „deutsches“ „Wesen“ sah, die sich diametral gegenüberstanden und deren Gegensatz sich vorgeblich auch in der Geschichte belegen ließ. Eine prominente Gegenstimme bildete Johann Wolfgang von Goethe, der schrieb:

„Ich haßte die Franzosen nicht, wiewohl ich Gott dankte, als wir sie los wurden. Wie hätte ich auch, dem nur Kultur und Barbarei Dinge von Bedeutung sind, eine Nation hassen können, die zu den kultiviertesten der Erde gehört und der ich einen großen Teil meiner eigenen Bildung verdanke. Überhaupt ist es mit dem Nationalhaß ein eigenes Ding. Auf den untersten Stufen der Kultur werden Sie ihn immer am stärksten und heftigsten finden. Es gibt aber eine Stufe, wo er ganz verschwindet und wo man gewissermaßen über den Nationen steht […]“

(Goethe an Eckermann, 10. März 1830)

Geschichtsbild der Erbfeindthese[Bearbeiten]

Das reale Verhältnis zwischen Franzosen und Deutschen war in der Geschichte sehr vielschichtig, so dass sich Spannungen und Kriege, die ja von deutscher Seite nie von einer Nation, stets nur von – häufig genug untereinander verfeindeten – Einzelstaaten geführt wurden, mit kultureller Befruchtung und politischen Allianzen abwechselten und vermischten. Daher waren die deutschen Nationalisten des 19. Jh., um ihr Weltbild einer „Erbfeindschaft“ aufrechtzuerhalten, gezwungen, sich nur bestimmte Episoden herauszusuchen, diese besonders zu betonen, andere, oft bedeutendere Aspekte dagegen auszublenden.

Frühzeit und Mittelalter[Bearbeiten]

Um dem Gegensatz einen möglichst universellen Charakter zu geben, wurde sein Beginn auf eine möglichst archaische Frühzeit zurückverlegt, sodass man bereits in Kämpfen zwischen germanischen Völkern und den Römern das Prinzip der vermeintlichen Erbfeindschaft zu erkennen glaubte. Das Schwert des 1875 eingeweihten Hermannsdenkmals weist nach Westen gegen Frankreich. Dabei blieb unberücksichtigt, dass auch damals viele germanische Stämme untereinander verfeindet gewesen waren und sie wenig miteinander verbunden hatte, am allerwenigsten eine „deutsche Identität“. Gleichfalls wird bei diesem Konzept ausgeblendet, dass es auch vielfach eine germanisch-romanische Synthese gegeben hat.

Auch bei der Ausbildung des Frankenreiches lässt sich dies zeigen. Hier werden auch die Inkonsequenzen in der Argumentation um Germanen/Deutsche und Romanen/Franzosen besonders deutlich, sahen die Vertreter eines Ur-Gegensatzes doch zum einen in der Reichsbildung der Merowinger eine Kulturleistung von Germanen, ohne doch wirklich leugnen zu können, dass ebendieses Reich auch der Vorgänger des späteren „Erzgegners“ Frankreich war. Auch Karl der Große wurde in dieser Geschichtskonzeption von deutscher Seite vereinnahmt, ungeachtet der Tatsache, dass er als „Charlemagne“ auch den Franzosen als Ahnherr gilt. Die karolingischen Teilungen, die damals zunächst ein rein privatrechtlicher Vorgang um das Erbrecht in der Königsfamilie waren, wurden von den Deutschnationalen des 19. Jahrhunderts denn auch als Manifestation des genannten Gegensatzes gesehen, obwohl west- und ostfränkisches Reich eher mit auswärtigen Gegnern zu kämpfen hatten und untereinander das Zusammengehörigkeitsgefühl als „Franken“ noch dominierte.

Was das Heilige Römische Reich angeht, so sahen die deutschen Nationalisten des 19. und 20. Jahrhunderts in dessen Kaisern eine Art Ahnenreihe, die sich bis in ihre Zeit fortsetzen ließ; dabei wurden die bekanntesten ottonischen Könige, Heinrich I. und Otto I., quasi als weitere Gründerväter des „Ersten Kaiserreiches“ betrachtet, wobei außer Acht gelassen wird, dass es von Beginn an teils heftige Reaktionen des Hochadels gegen eine Königsherrschaft gegeben hatte, ein Bild, das nicht in die angebliche Harmonie zwischen König/Kaiser und „deutschem Volk“ und der Gefolgschaftstreue passte. Stattdessen sah die politische Wirklichkeit des Hochmittelalters die allmähliche Umwandlung der alten Stammesherzogtümer zu weltlichen und geistlichen Territorialstaaten, die dem König bzw. Kaiser einen lediglich formalen Vorrang zubilligten; die Kurfürsten als die mächtigsten der Fürsten im Reich ließen keinen Zweifel daran, dass der König von ihnen eingesetzt wurde und folglich auch jederzeit wieder abgesetzt werden konnte. Anders die Entwicklung in Frankreich, wo es dem König gelang, sich gegen seine Vasallen durchzusetzen und eine zentral gelenkte Monarchie zu etablieren, also eine Staatsform, wie sie sich die deutschen Konservativen des 19. Jh. für das deutsche Mittelalter ausmalten, wo sie aber so gerade nicht existiert hatte. Im Übrigen war das Verhältnis zwischen Deutschen und Franzosen im Mittelalter von guter Nachbarschaft geprägt: Man führte gemeinsam Kreuzzüge, Kriege gegeneinander gab es nur selten – 1124 zog Kaiser Heinrich V. gegen Frankreich, 1214 wurden die deutschen Welfen von den Kapetingern in der Schlacht bei Bouvines geschlagen. Dies waren in der Hauptsache dynastische Kämpfe, an denen die jeweiligen Völker wenig Anteil hatten. Die gotische Dombaukunst war ein ursprünglich französisches Produkt, was die deutschen Patrioten des 19. Jhs. nicht daran hinderte, in der Fertigstellung des Kölner Doms nach 700 Jahren ein Symbol des Deutschtums zu sehen.

Frühe Neuzeit[Bearbeiten]

In der Renaissance schlugen zwar Humanisten und Reformatoren deutsche Töne an, die sich im wesentlichen gegen die Dominanz der römischen, also „welschen“ Kirche richteten, doch gab es zugleich auch wieder entscheidende kulturelle Befruchtungen durch die Romanen, etwa in der Malerei und in der Musik. Gerade die ersten Sprachgesellschaften in Deutschland, die sich nach 1600 ausbildeten, lehnten sich eng an vergleichbare italienische und französische Vorbilder an, obwohl es ihr erklärtes Ziel war, die deutsche Sprache vor einer „Überfremdung“ durch meist französische Fremdwörter zu bewahren (Sprachpurismus). Preziosentum und Fremdwörtersucht wurde zwar oft kritisiert, zugleich aber diente der aufkommende Absolutismus der Bourbonen auch deutschen Fürsten als nacheifernswertes Vorbild. Seit dem 16. Jahrhundert bildete in der europäischen Politik der habsburgisch-französische Gegensatz eine wesentliche Komponente. Hierbei waren die Versuche Frankreichs, seine Grenze nach Osten zu verschieben, weniger eine nationale Angelegenheit als eine des dynastischen Gegensatzes. Zwar standen auf Seiten Habsburgs auch zahlreiche deutsche Fürsten, doch zeigen die Fronde, der Verlauf des Dreißigjährigen Krieges, der erste Rheinbund und die Allianz Kurkölns und Bayerns mit Frankreich im 17. und 18. Jahrhundert, dass sich die Frage nicht auf einen nationalen Gegensatz zwischen Deutschland gegen Frankreich reduzieren lässt. Auch die Hohenzollern in Brandenburg waren häufig, als aufstrebende Konkurrenten der Habsburger, Alliierte Frankreichs und waren kulturellen Einflüssen gegenüber, die von dort kamen, durchaus offen. So war etwa auch Friedrich II., der von den Verfechtern einer nationalistischen Ideologie gerne in Anspruch genommen wurde, stark von der französischen Kultur geprägt, sprach besser französisch als deutsch und pflegte lieber Umgang mit einem Voltaire und Maupertuis als mit den Dichtern der deutschen Aufklärung.

Einen entscheidenden Einschnitt bildete die Französische Revolution, die das monarchische Prinzip in Europa gefährdete und somit auch die Fürsten innerhalb des Reichs herausforderte, die den für ihre freiheitlichen Ideale kämpfenden Truppen zunächst nichts Gleichwertiges entgegenzusetzen hatten. Zu Beginn wurde die Revolution auch von vielen deutschen Intellektuellen begrüßt, bald wurde aber deutlich, dass mit der französischen Expansion unter Napoleon und der Besetzung weiter Gebiete durch französische Truppen und der Bildung des zweiten Rheinbunds die anfänglichen Hoffnungen einer Ernüchterung wichen. Zwar kam es unter französischem Druck zu Reformen wie Bauernbefreiung, bürgerlichen Rechtskodifikationen, bürgerlicher Gleichstellung der Juden und städtischer Selbstverwaltung; auch profitierten einige deutsche Fürsten durchaus vom französischen Eingreifen, da ihnen für ihr Wohlverhalten Rangerhöhungen und Gebietserweiterungen im Rahmen des Reichsdeputationshauptschlusses zugestanden wurden. Doch nahm man vor allem die Demütigung durch die militärischen Niederlagen wahr. Die Befreiungskriege lassen sich daher nicht zuletzt als Kompensation für diese Demütigung interpretieren, in deren Gefolge es dann eben auch zu der Mythenbildung einer angeblichen Erbfeindschaft kam.

Erbfeindschaftstheorie und ihre Auswirkung auf die Politik[Bearbeiten]

Ab 1815[Bearbeiten]

Dennoch wurden diese zunehmenden Tendenzen eines deutschen Nationalismus im Zeitalter der Restauration nach 1815 für längere Zeit nicht politikbestimmend, da den Monarchen an einer Befriedung Europas gelegen war, wobei nationale Emotionen, die sich nicht mit der Souveränität der Einzelstaaten des Deutschen Bundes vertrugen, nur stören konnten. Dies war ein Hauptgrund dafür, dass die Revolution von 1848 in Deutschland scheiterte, da sie das etablierte System der Solidarität der Monarchen untereinander zu sprengen drohte. Dieses System schloss im europäischen Rahmen Frankreich durchaus mit ein, auch wenn dort das Bürgertum stärker war und weiterreichende Freiheitsrechte durchsetzen konnte (siehe Julirevolution von 1830 und Märzrevolution 1848).

Rheinkrise[Bearbeiten]

Geflügeltes Wort aus der Zeit der Rheinkrise: „Sie sollen ihn nicht haben, den freien deutschen Rhein“ (Inschrift zu Ehren Nikolaus Beckers)

Die Rheinkrise von 1840 wurde ausgelöst von französischen Ansprüchen auf das gesamte linke Rheinufer, die als Ablenkungsmanöver in einer außenpolitischen Krise geltend gemacht wurden. In Deutschland löste dies Proteste aus, es wurden Rheinlieder komponiert, von denen „Die Wacht am Rhein“ am bekanntesten ist. Auch das Deutschlandlied entstand vor diesem Hintergrund.

Der größere Freiheitsgrad in Frankreich inspirierte auch deutsche Intellektuelle wie Büchner und Heine, die den „deutschtümelnden“ und „antifranzösisch gesinnten“ Romantikern und denen, die eine deutsche Einheit besangen, eine republikanische Perspektive entgegenstellten, wobei es auch Berührungspunkte mit der frühen Arbeiterbewegung gab, die sich von Anfang an als international begriff und daher „antifranzösischen“ Ressentiments einen gewissen Widerstand entgegensetzte.

„Rache für Sadowa!“[Bearbeiten]

In der Schlacht von Königgrätz von 1866 trafen im Deutschen Krieg die Truppen Preußens auch beim böhmischen Dorf Sadová auf die Armee der Österreicher, die im Verlauf der Schlacht vernichtend geschlagen wurde. Preußen wurde daraufhin Führungsmacht im Deutschen Bund, Ministerpräsident Otto von Bismarck setzte die kleindeutsche Lösung durch. Im Paris des Zweiten Kaiserreiches missbilligte man, dass der schnelle Sieg eine Kriegsteilnahme Frankreichs verhindert hatte und dass sich an der Ostgrenze anstatt der gewohnten deutschen Zersplitterung nun ein mächtiger, geeinter Nachbar unter preußischer Vormachtstellung bildete. Um Preußen an der weiteren Einigung Deutschlands zu hindern, kam schon bald das Schlagwort „Revanche pour Sadowa!“ („Rache für Sadowa!“) auf. Dies schlug ein weiteres Kapitel in der deutsch-französischen Erbfeindschaft auf. Ziel war es, den neuen Nachbarn im Keim zu ersticken. Es folgte 1870 die französische Kriegserklärung zum Deutsch-Französischen Krieg von 1870/71.

Französische Kriegserklärung 1870[Bearbeiten]

Eine Wende ergab sich dann allerdings durch die bismarcksche Politik einer Einigung der Deutschen von oben durch die Preußen. Indem dabei ganz auf die militärische Stärke Preußens gesetzt wurde, gelang es, zunächst Österreich im Krieg von 1866 aus der Frage um die Gestaltung des deutschen Nationalstaats aus dem Rennen zu werfen, zum anderen provozierte Bismarck wenig später 1870/1871 die Auseinandersetzung mit Frankreich, wobei Bismarck die deutschen Konservativen, die ja in den Franzosen den „Erbfeind“ sahen, hinter sich wusste. Diese Voraussetzungen nutzte er für einen schnellen Sieg und die deutsche Reichsgründung, wobei weite Kreise im deutschen Kaiserreich den weiterhin bestehenden Mangel an Freiheitsrechten für die Gewinnung der nationalen Einheit in Kauf zu nehmen bereit waren und allem in ihren Augen „Undeutschen“ gegenüber mit auftrumpfender Attitüde begegneten, wie sie für den Wilhelminismus typisch war. Territorial manifestierte sich die Erbfeindschaft nunmehr in der von Bismarck erzwungenen Abtretung des von Frankreich im Laufe des 17. und 18. Jahrhunderts annektierten Reichslands Elsaß-Lothringen, was in Frankreich einen scharfen Revanchismus nach sich zog und die bilateralen Beziehungen beider Staaten auf Dauer vergiftete.

Eine erneute Konfrontation zwischen Deutschland und Frankreich ergab sich aus den Bedingungen des Zeitalters des Imperialismus. Die Nationalstaaten hatten nicht nur in Europa gegensätzliche Interessen, sondern gerieten durch die Ausbildung der Kolonialreiche auch weltweit aneinander. Stand dabei Frankreich zunächst in Gegensatz zu Großbritannien, sorgte die Außenpolitik des Deutschen Reiches unter Kaiser Wilhelm II. dafür, dass sich Deutschland von Großbritannien entfremdete und dafür umso mehr am letzten Bündnisgenossen Österreich-Ungarn festhielt, in „Nibelungentreue“. Gerade dieses Bündnis verwickelte Deutschland dann aber in den Ersten Weltkrieg, da die Habsburger sich auf dem Balkan Serbien und dessen Verbündeten Russland zu Gegnern machten. Frankreich stand mittlerweile fest an der Seite der Briten, so dass man sich auf deutscher Seite erneut vom vermeintlichen Erbfeind bedroht sah, ohne den eigenen Anteil an der Situation wahrhaben zu wollen. Es kam zu einem vier Jahre andauernden Schlachten in den Stellungsgräben Nordfrankreichs, wobei die Kämpfe um Verdun, die in wenigen Monaten viele Hunderttausend Todesopfer auf beiden Seiten forderten, zum Sinnbild für einen scheinbar uralten Kampf zweier Völker wurden, in Wahrheit aber durch die sinnlosen massenhaften Menschenopfer auch Ausgangspunkt für Versöhnungswünsche werden konnte. Deutschland verlor den Krieg, und viele Deutsche sahen den Friedensvertrag von Versailles als erneute militärische und politische Demütigung, die einer erneuten Mythenbildung Vorschub leistete; man redete sich ein, in Wahrheit „im Felde unbesiegt“ gewesen zu sein (Dolchstoßlegende), und sah die deutsche Novemberrevolution von 1918, in der, getragen von der Arbeiterschaft und von eben jenen und den Kommunisten glorifiziert, die Abschaffung der preußischen Monarchie und damit die Gewinnung moderner politischer Freiheiten gelang, als Verrat an (vermeintlich) urdeutschen Prinzipien.

1933–1945[Bearbeiten]

Dies war der Boden, den die Nationalsozialisten in ihrem Sinne ausnutzten, die an den Glauben an die deutsch-französische Erbfeindschaft anknüpften. Die Rufe nach einer „Revanche“ wurden laut, und unmittelbar nach der nationalsozialistischen „Machtergreifung“ begann mit der Aufrüstung der Wehrmacht die forcierte Militarisierung Deutschlands, worauf 1936 das entmilitarisierte Rheinland besetzt wurde. Nachdem die Nachbarstaaten in Europa der Ausbildung der Terrorherrschaft in Deutschland weitgehend tatenlos zusahen, entfesselte Hitler 1939 den Zweiten Weltkrieg, wobei die anfänglichen Blitzsiege einen schnellen Sieg zu versprechen schienen. Hitlers Lebensraumideologie hatte eine Besetzung Frankreichs nicht vorgesehen, so dass zuerst die primären Kriegsziele erfüllt wurden und im Westen der sogenannte Sitzkrieg geführt wurde. Die Besetzung Frankreichs im Mai 1940 erfolgte dann aus strategischen Gründen, um das Deutsche Reich im Westen gegen eine eventuelle Invasion abzusichern, bevor der Russlandfeldzug begann. Frankreich, das unter dem Druck des Vereinigten Königreichs Deutschland den Krieg erklärt hatte, wurde von der deutschen Wehrmacht innerhalb eines Monats geschlagen. Der Norden Frankreichs wurde von den Deutschen besetzt, während sich nach dem Ende der Dritten französischen Republik im Süden das deutschfreundliche Vichy-Frankreich etablierte. Anders als 1871 wurde das besetzte Elsass-Lothringen diesmal nicht formal annektiert, um den rein kriegstechnischen Charakter der Besetzung Frankreichs zu betonen. Die Politik des nationalistischen Marschalls Pétain, der auf einen Weltmachtstatus für Frankreich an der Seite des nationalsozialistischen Deutschlands hoffte und sich dabei vor allem gegen den vormaligen Verbündeten England wandte (Vive la France, mort à l'Angleterre), wurde von der Mehrheit der Franzosen unterstützt, die Position Charles de Gaulles, der von London aus zum Widerstand gegen die Besatzer aufforderte und für eine eigenständige Großmachtpolitik Frankreichs an der Seite der Westmächte eintrat, erhielt zunächst wenig Sympathien. Mit zunehmender Repression seitens der deutschen Besatzer wandte sich die öffentliche Meinung gegen Pétain und die Deutschen, und die Aktivitäten der Résistance nahmen zu. Nach der erfolgreichen Landung der Alliierten an der Küste der Normandie 1944 konnte Frankreich nach wenigen Monaten befreit werden und erhielt, ohne selbst große Kriegsanstrengungen auf sich genommen zu haben, den Status einer Besatzungsmacht bzw. als einer der großen Vier (siehe: Französische Besatzungszone).

Das Ende der „Erbfeindschaft“: nach 1945[Bearbeiten]

Angesichts der nunmehr totalen Zerstörung Europas und der Niederlage Deutschlands war für nationalistische Gedanken kaum noch Raum, vielmehr herrschte in Deutschland weitgehend Desillusionierung vor, zugleich wurde aber auch klar, dass die Vorstellung von einer deutsch-französischen Erbfeindschaft ein verhängnisvoller Irrglaube war und die Zukunft nur erfolgreich in einem gemeinsamen Europa demokratischer Staaten liegen konnte, wobei Deutschland und Frankreich angesichts ihrer Größe eine entscheidende Rolle zukommen musste. Ansätze zu einer fruchtbaren Zusammenarbeit boten sich zunächst in der Wirtschaft, wobei der Montanunion im Bereich Bergbau und Metallverarbeitung eine Vorreiterrolle zukam, hieraus entstand die EG und damit letztlich die EU. Nachdem sich die Schaffung einer „europäischen Modellregion“ an der Saar noch als undurchführbar erwiesen hatte und das Saarland, seit 1918 Zankapfel zwischen den beiden Staaten, 1957 als 10. Bundesland wieder Teil Deutschlands wurde sowie die Gründung der Westeuropäischen Verteidigungsgemeinschaft vor allem aufgrund der französischen Bedenken im Sande verlief. Es folgte 1957 der Aufbau einer Wirtschaftsgemeinschaft europäischer Staaten, die sich als weitgehend erfolgreiches Modell erwies. Zwar gab es in bestimmten Fragen politische Meinungsverschiedenheiten zwischen Konrad Adenauer und vor allem seinem Nachfolger Ludwig Erhard, die als „Atlantiker“ auf ein enges Zusammengehen mit den USA und Großbritannien setzte, und Charles de Gaulle, der die Eigenständigkeit der „Grande Nation“ gegenüber den USA im Rahmen eines „Europas der Vaterländer“ betonte, insgesamt entwickelte sich das deutsch-französische Verhältnis aber im Sinne einer guten Nachbarschaft weiter, wobei dieses Verhältnis im engeren Sinne zunächst auf den westdeutschen Staat, also die Bundesrepublik, beschränkt war. Nach dem Ende der Teilung Deutschlands 1990 konnte aber dieses gute Verhältnis fortgesetzt werden und bewährte sich vor allem in jüngster Zeit angesichts der Spannung innerhalb der NATO um die richtigen Strategien im Kampf gegen den Terrorismus bzw. in der Frage des letzten Irakkrieges, in dessen Vorfeld sich beide Staaten letztlich erfolglos gegen die Kriegspläne der USA stellten.

Frankreich und die Deutsche Demokratische Republik (DDR)[Bearbeiten]

Allerdings war Frankreich, mehr als die meisten anderen westlichen Staaten, auch an Beziehungen zur DDR interessiert; besonders bestand dieses Interesse innerhalb der französischen politischen Linken, aber auch auf zwischenstaatlicher Ebene. Zu erklären ist dieses Bemühen von französischer Seite damit, dass Frankreich stets bemüht war, trotz der Einbindung in die westlichen Bündnisse sich nicht völlig von diesen abhängig zu machen und sich eine eigenständige Ostpolitik vorzubehalten. Aus Sicht der DDR dienten die Beziehungen zur Selbstbestätigung und zur Demonstration nach außen, dass man als eigenständiger Staat anerkannt wurde. Besonders in Bezugnahme auf die Werte der Französischen Revolution versuchte die DDR ihr eigenes Staatsverständnis zu rechtfertigen. Dies führte dazu, dass noch 1989 die DDR das 200-jährige Jubiläum der Revolution feierlich beging.

Siehe auch[Bearbeiten]

Literatur[Bearbeiten]

  • Charles Bloch: Vom Erbfeind zum Partner: Die deutsch-französischen Beziehungen vor und nach dem Zweiten Weltkrieg. In: Jahrbuch des Instituts für Deutsche Geschichte. Bd. 10, 1981, ISSN 0334-4606, S. 363–398.
  • Franz Bosbach (Hrsg.): Feindbilder. Die Darstellung des Gegners in der politischen Publizistik des Mittelalters und der Neuzeit (= Bayreuther historische Kolloquien. Bd. 7). Böhlau, Köln u. a. 1992, ISBN 3-412-03390-1.
  • Karen Hagemann: Aus Liebe zum Vaterland. Liebe und Hass im frühen deutschen Nationalismus: Franzosenhass. In Birgit Aschmann (Hrsg.): Gefühl und Kalkül. Der Einfluss von Emotionen auf die Politik des 19. und 20. Jahrhunderts. Steiner, Stuttgart 2005, ISBN 3-515-08804-0, S. 101–123, Web-Ressource.
  • Thomas Höpel: Der deutsch-französische Grenzraum: Grenzraum und Nationenbildung im 19. und 20. Jahrhundert. In: Institut für Europäische Geschichte (Mainz) (Hrsg.): Europäische Geschichte Online. 2012, (Zugriff am: 17. Dezember 2012).
  • Michael Jeismann: Das Vaterland der Feinde. Studien zum nationalen Feindbegriff und Selbstverständnis in Deutschland und Frankreich 1792–1918 (= Sprache und Geschichte. Bd. 19). Klett-Cotta, Stuttgart 1992, ISBN 3-608-91374-2 (Zugleich: Bielefeld, Universität, Dissertation, 1990/1991).
  • Franz Knipping, Ernst Weisenfeld (Hrsg.): Eine ungewöhnliche Geschichte. Deutschland – Frankreich seit 1870. Europa-Union-Verlag, Bonn 1988, ISBN 3-7713-0310-9.
  • Stefan Martens (Hrsg.): Vom „Erbfeind“ zum „Erneuerer“. Aspekte und Motive der französischen Deutschlandpolitik nach dem Zweiten Weltkrieg. (Beihefte der Francia, 27). Thorbecke, Sigmaringen 1993, ISBN 3-7995-7327-5 (Online auf perspectivia.net).
  • Heinz-Otto Sieburg: Deutschland und Frankreich in der Geschichtsschreibung des 19. Jahrhunderts. 2 Bände. Steiner, Wiesbaden 1954–1958;
    • Band 1: (1815–1848) (= Veröffentlichungen des Instituts für Europäische Geschichte Mainz. Bd. 2). 1954;
    • Band 2: (1848–1871) (= Veröffentlichungen des Instituts für Europäische Geschichte Mainz. Abteilung: Universalgeschichte. Bd. 17). 1954.

Belege[Bearbeiten]

  1. Erich Bayer (Hrsg.): Wörterbuch zur Geschichte. Begriffe und Fachausdrücke (= Kröners Taschenausgabe. Bd. 289). 4., überarbeitete Auflage. Alfred Kröner, Stuttgart 1980, ISBN 3-520-28904-0, S. 126.
  2. Zitiert nach Erbfeind. In: Etienne François, Hagen Schulze (Hrsg.): Deutsche Erinnerungsorte (= Beck'sche Reihe. Bd. 1813). Band 1. C. H. Beck, München 2009, ISBN 978-3-406-59141-9, S. 389.