Deutsch-polnischer Nichtangriffspakt

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Józef Pilsudski, Josef Goebbels und Józef Beck (1934)

Die deutsch-polnische Erklärung, gelegentlich auch als Piłsudski-Hitler-Pakt bezeichnet,[1] wurde am 26. Januar 1934 von Außenminister Konstantin Freiherr von Neurath im Namen der Regierung des Deutschen Reiches unter Adolf Hitler und dem Botschafter in Berlin, Józef Lipski, im Namen der Regierung der Republik Polen unter Marschall Piłsudski in Berlin unterzeichnet.

In dem auf zehn Jahre befristeten Nichtangriffspakt wurde vereinbart, zukünftige Streitfragen zwischen den Staaten friedlich zu lösen. Insbesondere die schwierige Situation der Gebiete, die Deutschland aufgrund der Regelungen des Versailler Vertrages abtreten musste, sollte auf diese Weise geregelt werden. Deutschland erhob Ansprüche auf Danzig, den Polnischen Korridor und forderte eine Korrektur der Grenze in Oberschlesien.

Der Vertrag wurde am 28. April 1939 einseitig von Deutschland gekündigt.

Umfeld und Entwicklung[Bearbeiten]

Polen war zu diesem Zeitpunkt ein Alliierter Frankreichs und hatte 1932 einen Nichtangriffspakt mit der Sowjetunion geschlossen. Der von Benito Mussolini 1933 betriebene „Viererpakt“ zwischen Großbritannien, Frankreich, Deutschland und Italien wurde von Polen als Bedrohung betrachtet. Er sollte die Basis für die Lösung der großen politischen Probleme in Europa bilden. Schon im 19. Jahrhundert hatten aber die europäischen Großmächte ihr Verhältnis zueinander von Fall zu Fall auf Kosten kleinerer Staaten reguliert. Frankreich vertrat bei diesem Pakt zwar Polens Interessen, Piłsudski und Außenminister Beck fürchteten dennoch, dass ein Viererpakt eine erste Revision der Grenzen auf Kosten Polens nach sich ziehen könnte. Dieser Vertrag war am 7. Juni 1933 paraphiert worden, wurde allerdings nie ratifiziert. Eine zweite Gefahr sah Polen in Deutschlands Politik gegenüber der Sowjetunion, die sich am Vertrag von Rapallo orientierte. Am 5. Mai 1933 hatte der bereits gleichgeschaltete Deutsche Reichstag einstimmig beschlossen, den Nachfolgevertrag zu Rapallo, den Berliner Vertrag von 1926, zu verlängern. In schlimmster Konsequenz konnte dieser Vertrag auf eine neue Teilung Polens hinauslaufen. Die polnische Führung hoffte, diesen beiden Gefahren zu entgehen, indem sie den Nichtangriffspakt mit Deutschland unterzeichnete. Der Unterzeichnung war eine Kriegsdrohung Polens an Deutschland vorangegangen, falls es den Viererpakt ratifizieren würde. Zwar war nach Einschätzung Frankreichs diese Kriegsdrohung Polens „nicht wirklich ernst gemeint“, sie wirft aber ein bezeichnendes Licht auf die national gereizte Stimmung in Warschau.

Adolf Hitler fürchtete, Frankreich könne zusammen mit seinen Verbündeten Polen und Tschechoslowakei gegen Deutschland vorgehen. Zwischenfälle im Polnischen Korridor und in der Freien Stadt Danzig waren häufig, eine Intervention Piłsudskis in Danzig, aus der sich ein Krieg entwickeln könnte, schien möglich. Pläne für einen Krieg mit Polen hatten im Reichswehrministerium und auch im Auswärtigen Amt Tradition. Hitler setzte sich verbal dagegen für eine Entspannung der Lage an den deutschen Ostgrenzen ein, während er gleichzeitig die Aufrüstung betrieb. Er versuchte, die Danziger Parteigenossen der NSDAP im Zaum zu halten. 1934 sah er Deutschland noch als verwundbar an. Die Reichswehr war am Anfang ihrer Aufrüstung der polnischen Armee kräftemäßig noch unterlegen. Bereits kurz nach der Machtübernahme im Mai 1933 ergriff Hitler die diplomatische Initiative zu diesem Nichtangriffspakt und streckte diplomatische Fühler zu Polen aus.

Am 18. Oktober 1934 erklärte Hitler vor hohen NSDAP-Funktionären jedoch:[2]

„Alle Abmachungen mit Polen haben nur vorübergehenden Wert. Ich denke gar nicht daran, mich ernstlich mit Polen zu verständigen.“

Wie die Probleme mit Polen später behandelt werden sollten, ließ er in dieser Rede offen.

Der Nichtangriffspakt markiert eine Wende in der Politik des Deutschen Reiches. Vorrangiges Ziel war nun nicht mehr nur die Revision des Versailler Vertrages, sondern eine expansive Politik mit dem Ziel der Schaffung „neuen Lebensraums im Osten“. Damit wandte sich Hitler auch von der kooperativen Revisionspolitik mit Russland ab. 1935 deutete Hermann Göring, Sonderemissär für Polen, bei seinen Besuchen die Rolle an, die Polen von Hitler zugedacht war: Polen sollte als Juniorpartner oder Trabant Deutschlands an einem Eroberungszug gegen die Sowjetunion teilnehmen und als Anteil an der Beute sich im Süden der Sowjetunion, der Ukraine, nach Osten ausdehnen können.

Propagandistisch war der Pakt einer der ersten großen Erfolge Hitlers. Fortan konnte er immer, wenn er vom Frieden sprach – und das tat er in diesen Jahren häufig – darauf hinweisen, dass er als einziger deutscher Politiker bereit zur Versöhnung mit Polen war. Sogar Gustav Stresemann hatte 1925 gegenüber dem polnischen Außenminister erklären lassen, er lehne einen Verzicht auf Krieg ab. Außerdem war der Pakt ein Schlag gegen die französische Politik der kollektiven Sicherheit. Polen hat das verbündete Frankreich bei Vertragsabschluss nicht einmal konsultiert.

Die britisch-französische Garantieerklärung für Polen nahm Hitler am 28. April 1939 zum Anlass, sowohl den Nichtangriffspakt mit Polen als auch das deutsch-britische Flottenabkommen zu kündigen.

Wenige Monate danach griffen deutsche Truppen am 1. September 1939 nach dem durch das Unternehmen Tannenberg fingierten Überfall auf den Sender Gleiwitz Polen an. Der Angriff auf Polen wird als Beginn des europäischen Teils des Zweiten Weltkriegs angesehen, da Großbritannien und Frankreich (zwei Tage später) dem Deutschen Reich den Krieg erklärten. Kurz darauf besetzte auch die Sowjetunion – nach den Vereinbarungen im deutsch-sowjetischen Nichtangriffspakt – Ostpolen, um die nach dem Ersten Weltkrieg verloren gegangenen Territorien wiederzugewinnen.

Historische Bewertung des Vertragsabschlusses[Bearbeiten]

Der Freiburger Historiker Gottfried Schramm sieht diesen Vertrag als „einzige dramatische und folgenreiche Wende, die Deutschlands Ostpolitik zwischen der Kapitulation des kaiserlichen Deutschlands und dem Hitler-Stalin-Pakt durchlaufen hat“.[3] Andere Geschichtswissenschaftler sehen dagegen im Vorgehen der neuen Reichsregierung nur eine Änderung der Methode, nicht der Ziele. So bescheinigt Beate Kosmala ihr lediglich eine „taktische Verständigungsbereitschaft“, durch die „Polen zum variablen Instrument in einem ostpolitischen Programm der Eroberung von ‚Lebensraum‘“ geworden sei.[4] Auch nach Meinung des Historikers Klaus Hildebrand war Polen in den Augen Hitlers schon damals der „Erzfeind, der diese stigmatisierende Qualität auch in Zukunft nicht verlor.“[5]

Siehe auch[Bearbeiten]

Literatur[Bearbeiten]

  •  Zygmunt J. Gasiorowski: The German-Polish Non-aggression Pact of 1934. In: Journal of Central European Affairs. Nr. 15, 1955, ISSN 0885-2472, S. 3–29.
  •  Hans Roos: Polen und Europa. Studien zur polnischen Außenpolitik 1931–1939 (= Tübinger Studien zur Geschichte und Politik. Band 7, ISSN 0564-4267). Mohr, Tübingen 1957.
  •  Gottfried Schramm: Der Kurswechsel der deutschen Polenpolitik nach Hitlers Machtantritt. In: Roland G. Förster (Hrsg.): „Unternehmen Barbarossa“. Zum historischen Ort der deutsch-sowjetischen Beziehungen von 1933 bis Herbst 1941 (= Beiträge zur Militärgeschichte 40). Oldenbourg, München 1993, ISBN 3-486-55979-6, S. 23–34.

Weblinks[Bearbeiten]

Fußnoten[Bearbeiten]

  1.  K. Lapter: Pakt Piłsudski-Hitler. In: Polsko-niemiecka deklaracja o niestosowaniu przemocy z 26 stycznia 1934. Warszawa 1962 (Cz II dok 11).
  2.  Gordon A. Craig: Deutsche Geschichte 1866–1945. München 1999, ISBN 3406421067, S. 739.
  3.  Gottfried Schramm: Grundmuster der deutschen Ostpolitik 1918–1939. In: Bernd Wegner (Hrsg.): Zwei Wege nach Moskau. Vom Hitler-Stalin-Pakt bis zum Unternehmen Barbarossa. Piper Verlag, München und Zürich 1991, S. 16.
  4.  Beate Kosmala: Polen. In: Wolfgang Benz, Hermann Graml und Hermann Heiß (Hrsg.): Enzyklopädie des Nationalsozialismus. Klett-Cotta Verlag, Stuttgart 1997, S. 642.
  5.  Klaus Hildebrand: Das vergangene Reich. Deutsche Außenpolitik von Bismarck bis Hitler. Stuttgart 1996, S. 590.