Deutsch-türkische Beziehungen

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deutsch-türkische Beziehungen
Lage von Deutschland und Türkei
DeutschlandDeutschland TurkeiTürkei
Deutschland Türkei

Die Entwicklung deutsch-türkischer Beziehungen nahm ihren Anfang im 11. Jahrhundert, als zwischen dem Heiligen Römischen Reich deutscher Nation und dem türkischen Sultanat der Rum-Seldschuken erste Kontakte geknüpft wurden.

Sie entfalteten sich zu Zeiten des Osmanischen Reiches und setzten sich in der Entwicklung enger Bindungen, die wirtschaftliche, militärische, kulturelle, und soziale Beziehungen umfassten im 20. Jahrhundert fort. Mit dem von der Republik Türkei angestrebten Beitritt in die Europäische Union und der Existenz einer großen türkischen Diaspora in Deutschland vertieften sich die Beziehungen im Laufe der Jahrzehnte weiter.

Deutschland betreibt eine Botschaft in Ankara, Generalkonsulate in Istanbul und Izmir sowie ein Konsulat in Antalya. Honorarkonsuln sind in Adana, Bodrum, Bursa, Edirne, Erzurum, Gaziantep, Kayseri und Trabzon tätig.[1] Die Türkei unterhält eine Botschaft in Berlin und Generalkonsulate in Berlin, Düsseldorf, Essen, Frankfurt am Main, Hamburg, Hannover, Hürth, Karlsruhe, Mainz, München, Münster, Nürnberg und Stuttgart. Honorarkonsuln sind in Aachen, Bremen und Regensburg aktiv.[2]

Beide Staaten sind Mitglieder des Europarates, der Organisation für Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa, der OECD und der NATO. Die Türkei ist ein Beitrittskandidat der Europäischen Union.

Geschichte[Bearbeiten]

19. Jahrhundert und Erster Weltkrieg[Bearbeiten]

Unterzeichnung des deutsch-türkischen Freundschaftsvertrages und Nichtangriffspaktes am 18. Juni 1941 in Ankara durch den deutschen Botschafter Franz von Papen und den türkischen Außenminister Şükrü Saracoğlu
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Zwischenkriegszeit und Zweiter Weltkrieg[Bearbeiten]

Die Türkei hielt nach dem Ersten Weltkrieg die Beziehungen zu Deutschland aufrecht, die diplomatischen Beziehungen kamen jedoch erst im Jahre 1924 mit der Unterzeichnung eines Freundschaftsvertrages in Gang. Der erste Gesandte wurde im März des Jahres Rudolf Nadolny, der im März 1925 auch formell zum Botschafter ernannt wurde.[3] Die nach wie vor geringe Rolle der Türkei in der deutschen Außenpolitik zeigte sich daran, dass ab Februar 1932 der Posten des deutschen Botschafters für rund zwei Jahre unbesetzt blieb. Auf militärischer Ebene wurden hingegen auch zu Beginn der Zeit des Nationalsozialismus intensive Beziehungen gepflegt: Deutschland half bei der Ausbildung türkischer Soldaten und war die primäre Quelle der Türkei für Rüstungsgüter; deutsche Firmen unterstützten außerdem den Aufbau der heimischen Waffenindustrie.

Die deutsche Außenpolitik seit der Machtergreifung Hitlers 1933 inklusive der Verletzungen des Versailler Vertrags wurde in der Türkei, die sich seit dem Vertrag von Sèvres in einer ähnlichen Lage sah, mit Verständnis aufgenommen. Als jedoch das Deutsche Reich am 1. September 1939 den Überfall auf Polen einleitete und diesen durch den Nichtangriffspakt mit der Sowjetunion – die vielen Türken als Erzfeind galt – absicherte, wendete sich die Stimmung. Die Türkei war ein Dreierabkommen mit Frankreich und Großbritannien eingegangen, das Vereinbarungen „über gegenseitige Militärhilfe und Zusammenarbeit“ vorsah – ohne die Neutralität ganz aufzugeben. Nach dem deutschen Angriff auf die Sowjetunion im Juni 1941 konnte Deutschland jedoch erneut erhebliche Sympathien in der Türkei, bis hin zum Staatspräsidenten İnönü, gewinnen. Der seit April 1939 als deutscher Botschafter amtierende Franz von Papen sicherte der Türkei zu, ihre territoriale Integrität zu respektieren.[4]

Im Oktober 1941 wurde das „Claudius-Abkommen“ (benannt nach dem deutschen Unterhändler Dr. Karl Clodius) geschlossen, wonach die Türkei bis zu 45.000 Tonnen Chromit-Erz nach Deutschland lieferte, sowie 90.000 Tonnen des Minerals in den Jahren 1943 und 1944, abhängig von Deutschlands Lieferung von militärischer Ausrüstung in die Türkei. Die Deutschen lieferten 117 Lokomotiven und 1.250 Waggons, um das Erz zu transportieren. In einem Versuch, die Lieferung dieses strategisch wichtigen Minerals nach Deutschland zu verhindern, gingen die Vereinigten Staaten und das Vereinigte Königreich auf eine sogenannte Shoppingtour des so bezeichneten "Abschlussfrist-Kaufes" (engl. preclusive purchasing/buying): Sie kauften türkisches Chromit sogar dann, wenn sie nicht so viel davon für sich brauchten; als Teil dieses "Paketdeals" musste die anglo-amerikanische Allianz auch getrocknete Früchte und Tabak kaufen.[5]

Im August 1944, als die sowjetische Armee in Bulgarien einmarschierte und so den Landweg-Kontakt zwischen der Türkei und den Achsenmächten trennte, kappte die Türkei sowohl ihre diplomatischen als auch ihre Handelsbeziehungen mit Deutschland. Am 23. Februar 1945 erklärte die Türkei auf Seiten der Alliierten dem nationalsozialistischen Deutschland schließlich den Krieg.[5]

In der Zeit des Nationalsozialismus gingen mehrere hundert Verfolgte ins Exil in der Türkei.

Beziehungen im Rahmen der Europapolitik[Bearbeiten]

Deutschland unterstützte die türkische Bitte der EU-Aufnahme keineswegs konsequent. Der Grad der Unterstützung variierte hat im Lauf der Zeit: Bundeskanzler Helmut Kohl lehnte den türkischen Wunsch ab, während Gerhard Schröder als ein überzeugter Unterstützer des türkischen EU-Beitritts galt.[6]

Deutsche Einschätzungen[Bearbeiten]

Bundeskanzlerin Angela Merkel sprach sich für eine "vage definierte Partnerschaft"[7] aus und stellte sich gegen eine Vollmitgliedschaft der Türkei innerhalb der EU.[8][9] Der türkische Ministerpräsident Recep Tayyip Erdoğan antwortete darauf im Juli 2009, dass das türkische Volk niemals eine sogenannte privilegierte Partnerschaft akzeptieren werde. Seit jeher erstrebten die Türken eine Vollmitgliedschaft in der EU.[8]

Im Jahre 2006 warnte Bundeskanzlerin Merkel, dass die Türkei in "tiefen, tiefen" Ärger geraten könne, wenn es zur Erfüllung der Hoffnungen der Türkei kommen würde. Sie kritisierte die türkische Politik bezüglich der Vertreibung der Zypern-Griechen aus Nordzypern.[10] Zudem fügte sie hinzu:

„Wir brauchen eine Umsetzung des Ankara-Protokolls über uneingeschränkten Handel auch mit und zu Zypern. Andernfalls wird die Situation sehr, sehr ernst, wenn es um die Fortsetzung der Beitrittsverhandlungen der Türkei kommt. Ich appelliere an die Türkei, alles zu tun, um eine solche komplizierte Situation zu vermeiden und nicht die Europäische Union in eine solche Situation zu führen.“

Weiter könne sie sich nicht vorstellen, die Verhandlungen ohne Zugeständnisse seitens Ankaras zur Öffnung ihrer Häfen für zyprische Schiffe fortzuführen.[10] Die türkische Regierung antwortete damit, dass im Gegenzug die EU ihr Embargo über den von der Türkei kontrollierten Teil der Insel Zypern aufheben soll.[11]

Staatsbesuche[Bearbeiten]

Das Monogramm von Wilhelm II. und die Tughra von Abdülhamid II. an der Kuppel des Deutschen Brunnens in Istanbul, zum Gedenken an des Kaisers Besuch in der Türkei im Jahr 1898

Im Jahre 2006 besuchte Kanzlerin Angela Merkel den türkischen Ministerpräsidenten Recep Tayyip Erdoğan, um über den Beitritt der Türkei in die Europäische Union zu diskutieren.[12]

Im Jahre 2008 besuchte der türkische Ministerpräsident Recep Tayyip Erdoğan Kanzlerin Merkel in Berlin und besuchte im Rahmen des Besuchs auch München. Er schlug während des Besuchs vor, dass die deutsche Regierung türkische Schulen und Medien etablieren sollte, und dass deutsche Hochschulen mehr Lehrer aus der Türkei einstellen sollten.[13]

Im Jahre 2011 machte der Ministerpräsident Recep Tayyip Erdoğan eine weitere Visite nach Deutschland. Auf seiner Rede in Düsseldorf drängte er die Türken in Deutschland, sich zu integrieren, sich aber keineswegs zu assimilieren – eine Erklärung, welche einen politischen Aufschrei in Deutschland verursachte.[14]

Wirtschaftliche Beziehungen[Bearbeiten]

Deutschland und die Türkei unterhalten enge wirtschaftliche Beziehungen, die bereits durch Handelsbeziehungen seit dem Mittelalter vorgezeichnet sind. Diese wurden im 19. Jahrhundert durch den Ausbau der osmanischen Infrastruktur mithilfe deutscher Firmen vertieft. Seit 1996 existiert eine Zollunion mit Deutschland. Ein besonders großer Teil der deutschen Exporte in die Türkei entfällt auf Maschinen, elektrotechnische Erzeugnisse und Kraftfahrzeuge sowie Zulieferteile für die Automobilindustrie. Textilien, Lederwaren und Lebensmittel sowie zunehmend Kraftfahrzeuge und Elektronikartikel zählen zu den wichtigsten deutschen Importen aus der Türkei.[15]

2007 war Deutschland mit 13 % der Importe und 14 % der Exporte größter Handelspartner der Türkei: Deutschland ist mit über 13 % (11,9 Mrd. US-$) der Importe und ca. 17 % (9,4 Mrd. US-$) der Exporte der größte Handelspartner der Türkei.[15]

Türkische Diaspora[Bearbeiten]

Türkische und zyperntürkische Jugendliche treten als Osmanische Militärband in Uetersen auf.

Türken in Deutschland bilden mit einer geschätzten Anzahl von mindestens 2,1 Millionen die zweitgrößte ethnische Gruppe in Deutschland. Die große Mehrheit lebt in Westdeutschland.[16]

Anwerbung von türkischen Arbeitskräften[Bearbeiten]

Basierend auf guten türkisch-deutschen Beziehungen vom frühen 19. Jahrhundert an unterstützte Deutschland die türkische Einwanderung nach Deutschland, die bis Mitte des 20. Jahrhunderts jedoch stagnierte. 1961 schloss die Bundesrepublik Deutschland mit der Türkei auf deren Wunsch und unter Einflussnahme der USA ein Abkommen zur Anwerbung türkischer Arbeitskräfte, wobei eine Obergrenze für den Aufenthalt von zwei Jahren festgeschrieben und eine Verlängerung ausgeschlossen wurden. Die deutschen Behörden nannten diese ungelernten Arbeitskräfte Gastarbeiter. Die meisten Türken in Deutschland führen ihre Abstammung auf Mittel- und Ostanatolien zurück. Heute bilden die Türken den größten Teil der wachsenden muslimischen Gemeinschaft in Deutschland.

Deutsch-Türkischer Jugendaustausch[Bearbeiten]

Literatur[Bearbeiten]

  • Hatice Byraktar und Ramazan Çalik: One Step Forward and Two Steps Back: The Slow Process of Reestablishing Diplomatic Relations between Germany and Turkey after the First World War, in: Journal of Middle Eastern Studies, Jd. 47, Heft 2. Routledge, London 2011.

Siehe auch[Bearbeiten]

Weblinks[Bearbeiten]

 Commons: Deutsch-türkische Beziehungen – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. Hoşgeldiniz! Herzlich willkommen bei der Deutschen Botschaft Ankara (deutsch und türkisch). Abgerufen am 6. Januar 2012.
  2. Türkische Botschaft Berlin, Bundesrepublik Deutschland (Deutsch und Türkisch). Abgerufen am 6. Januar 2012.
  3. Ungleiche Freunde. Türken und Deutsche nach dem ersten Weltkrieg, in FAZ vom 17. August 2011, Seite N4
  4. Corry Guttstadt: Die Türkei, die Juden und der Holocaust, Internationale Kommunikationswerkstatt, Berlin 2008, ISBN 978-3-935936-49-1, S. 157–167
  5. a b Beziehungen und Verhandlungen der Achsenmächte mit der Türkei (PDF; 153 kB), Staatsdepartement, Seiten 6-8
  6. needed Juli 2009.
  7. Taiwan-Nachrichten Türkei
  8. a b Zaman heute: Angela Merkels Position zum türkischen EU-Beitritt
  9. Hofierte Neuigkeiten: Türkischer EU-Beitritt und Deutschland
  10. a b The Magazine International: Turkish hopes and Cyprus
  11. Der Spiegel: Deutschland und die Türkei in Bezug auf den türkischen EU-Beitritt
  12. Der Spiegel: International Deutschland und die Türkei
  13. Spiegel: Ministerpräsident Erdogan und Kanzlerin Merkel
  14. Der Spielgel in Europa: Recep Tayyip Erdogan und Deutschland
  15. a b Auswärtiges Amt: Deutschland in der Türkei
  16. Mesassoc-Bulletin Türkei Deutschland