Deutsch-tschechische Beziehungen

aus Wikipedia, der freien Enzyklopädie
Wechseln zu: Navigation, Suche
deutsch-tschechische Beziehungen
Lage von Tschechien und Deutschland
TschechienTschechien DeutschlandDeutschland
Tschechien Deutschland

Die Tschechische Republik und Deutschland teilen sich eine 811 Kilometer lange Staatsgrenze.

Tschechien verfügt über eine Botschaft in Berlin, zwei Generalkonsulate (in Dresden und München), ein Konsulat in Düsseldorf und hat sechs Honorarkonsuln (in Dortmund, Frankfurt am Main, Hamburg, Nürnberg, Rostock und Stuttgart).[1] Es existiert eine deutsche Botschaft in Prag.[2]

Geschichte[Bearbeiten]

Tschechien und die Slowakei gehörten bis zum Ende des Ersten Weltkriegs zu Österreich-Ungarn. Danach wurde die Tschechoslowakei unabhängig und schloss auch das Sudetenland mit überwiegend deutscher Bevölkerung mit ein. Eine Wahrnehmung des Selbstbestimmungsrechtes der Völker wurde durch die Tschechen und die Siegermächte des Krieges verhindert. In der Zwischenkriegszeit gestalteten sich die Beziehungen zwischen Mehrheit und deutscher Minderheit zwiespältig: auf der einen Seite besaßen die Deutschen unter anderem eine parlamentarische Vertretung und ein eigenes Schulsystem, auf der anderen Seite aber keine Autonomie. Das nationalistische tschechische Programm dieser Zeit sei an einem Zitat des Gründungspräsidenten der ČSR, Masaryk, dargestellt (Interview mit der französischen Tageszeitung Le Matin vom 10. Januar 1919):

„Im übrigen bin ich davon überzeugt, dass eine sehr rasche Entgermanisierung dieser Gebiete vor sich gehen wird.“

Besetzung des Sudetenlandes 1938

Die Lage verschärfte sich nach der Machtübernahme der Nationalsozialisten 1933 und dem Aufschwung der Sudetendeutschen Partei in der Tschechoslowakei, die sich immer mehr an Adolf Hitlers Programm anlehnte. Beim Münchner Abkommen von 1938, das ohne die Mitwirkung der Tschechoslowakei beschlossen wurde, stimmten Großbritannien, Frankreich und Italien einer Abtretung der sudetendeutschen Gebiete an das Dritte Reich zu. Schon 1939 schritt Hitler unter Bruch seines Versprechens von München zur „Zerschlagung der Rest-Tschechei“, wobei das Selbstbestimmungsrecht der Völker von ihm erstmals offen mit Füßen getreten wurde. Es wurde das sogenannte Protektorat Böhmen und Mähren geschaffen, dessen Bevölkerung bis zum Ende des Zweiten Weltkriegs 1945 massiv unter der deutschen Besatzung zu leiden hatte (zum Beispiel im berüchtigten Massaker von Lidice nach dem tschechischen Attentat auf den "Stellvertretenden Reichsprotektor in Böhmen und Mähren" Reinhard Heydrich oder durch die Vernichtung vieler tschechischer Juden im Holocaust). Ab Kriegsende kam es dann zur Vertreibung der Deutschen aus der Tschechoslowakei. Hierbei wurden von tschechischer Seite auch Massaker an Deutschen verübt, beispielsweise im Brünner Todesmarsch.

Da sich in der Tschechoslowakei ein kommunistisches Regime etablieren konnte, blieb das Land zum Nachbarstaat Bundesrepublik Deutschland bis zum Fall des Kommunismus durch den Eisernen Vorhang und ideologische Gegensätze getrennt. Als Folge der ab 1969 eingeschlagenen neuen Ostpolitik der Bundesrepublik Deutschland schloss diese am 11. Dezember 1973 mit der Tschechoslowakei einen völkerrechtlichen Vertrag, in dem das Abkommen von München für nichtig und die gemeinsame Grenze für unverletzlich erklärt wurde und die Vertragsparteien sich zur gegenseitigen Achtung der territorialen Integrität verpflichteten („Prager Vertrag“). Unmittelbar im Anschluss nahmen die beiden Staaten diplomatische Beziehungen zueinander auf, Botschaften in Prag und Bonn wurden eröffnet. Zwischen der DDR und der ČSR kam es bereits kurz nach Kriegsende zu einer Annäherung. Im Juni 1950 verabschiedeten die beiden Staaten die sogenannte Prager Erklärung, in der beide Staaten jeweils auf Gebietsansprüche verzichteten. Außerdem wurde darin das Münchner Abkommen für ungültig sowie die Zwangsaussiedlung der Deutschen als „gerecht“ erklärt. Die Niederschlagung des „Prager Frühlings“ 1968 durch die Staaten des Warschauer Paktes wurde auch von der DDR-Regierung befürwortet. [3]

Nach der Samtenen Revolution 1989 konnten die Beziehungen zwischen dem wiedervereinigtem Deutschland und der Tschechoslowakei, beziehungsweise ab 1993 Tschechien auf eine neue Grundlage gestellt werden, wobei die Aufarbeitung der Vergangenheit eine große Rolle spielte. Grundlegend für den Wandel der Beziehungen nach Ende des Kalten Krieges sind zum Beispiel der deutsch-tschechische Nachbarschaftsvertrag von 1992 sowie die deutsch-tschechische Erklärung von 1997. Auf der Grundlage der deutsch-tschechischen Erklärung entstanden auch das Deutsch-Tschechische Gesprächsforum und der Deutsch-Tschechische Zukunftsfonds. Allerdings sind die die Vertreibung der Sudetendeutschen legitimierenden Beneš-Dekrete in Tschechien weiterhin in Kraft.

Im Dezember 2010 und November 2011 reiste Horst Seehofer als erster bayerischer Ministerpräsident nach Tschechien, was als bedeutender Besuch zur Verständigung in dem Streit über die Vertreibung der Sudetendeutschen nach Ende des Zweiten Weltkriegs gewertet wurde.[4] Im Februar 2013 stattete der damalige tschechische Ministerpräsident Petr Nečas als erster tschechischer Regierungschef dem Land Bayern einen Gegenbesuch ab und bedauerte in seiner Rede im Bayerischen Landtag die Vertreibung der Sudetendeutschen.[5] Im Juni 2012 eröffnete der Freistaat Sachsen ein Verbindungsbüro in Prag, mit dem die Beziehungen des Bundeslandes zu Tschechien weiter vertieft werden sollen.[6]

Siehe auch[Bearbeiten]

Literatur[Bearbeiten]

  • Walter Koschmal, Marek Nekula, Joachim Rogall (Hrsg.): Deutsche und Tschechen: Geschichte - Kultur - Politik, 2. Auflage, Beck, München 2003, ISBN 978-3-406-45954-2.
  • Gerd Schultze-Rhonhof: Das tschechisch-deutsche Drama 1918-1939: Errichtung und Zusammenbruch eines Vielvölkerstaates als Vorspiel zum Zweiten Weltkrieg, 2. Auflage, Olzog, München 2011, ISBN 978-3-957681-05-8.

Weblinks[Bearbeiten]

 Commons: Deutsch-tschechische Beziehungen – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. Botschaft der Bundesrepublik Deutschland in Prag (deutsch und tschechisch). Abgerufen am 28. Januar 2012.
  2. Botschaft der Tschechischen Republik in Berlin (deutsch und tschechisch). Abgerufen am 28. Januar 2012.
  3. Vgl. Schwarz, Wolfgang: DDR und ČSSR: Eine sozialistische Vernunftehe mit Beziehungskrisen. In: Koschmal, Nekula, Rogall (Hrsg.): Deutsche und Tschechen. Geschichte, Kultur, Politik. München. 2001
  4. Petr Necas besucht KZ-Gedenkstätte, Süddeutsche Zeitung vom 15. Februar 2013
  5. Versöhnungsgeste, Das Eis zwischen Bayern und Tschechien schmilzt, BR vom 21. Februar 2013
  6. Sachsen eröffnet Kontaktbüro in Prag, MDR vom 18. Juni 2012