Deutsche Bücherei

aus Wikipedia, der freien Enzyklopädie
Wechseln zu: Navigation, Suche
Hauptgebäude der Deutschen Bücherei mit Bücherturm
Deutsche Bücherei (Februar 2008)

Die Deutsche Bücherei in Leipzig, Deutscher Platz 1, war eine Vorgängereinrichtung der Deutschen Nationalbibliothek. Sie wurde am 3. Oktober 1912 durch den Börsenverein der Deutschen Buchhändler zu Leipzig, die Stadt Leipzig und das Königreich Sachsen als Archiv des deutschen Schrifttums und des deutschen Buchhandels gegründet. Nach der deutschen Wiedervereinigung wurden 1990 die Deutsche Bibliothek, 1946 in Frankfurt gegründet, und die größere Deutsche Bücherei zu einer Gesamtinstitution unter der Benennung Die Deutsche Bibliothek zusammengefasst. Seit 2006 lautet deren Bezeichnung Deutsche Nationalbibliothek (DNB) und Leipzig ist ein Standort.

Geschichte[Bearbeiten]

1906 regte der Ministerialdirektor im Preußischen Kultusministerium Friedrich Althoff in einem Gespräch mit dem damaligen Ersten Schriftführer und ab 1910 Vorsteher des Börsenvereins der Deutschen Buchhändler Karl Siegismund die Gründung eines Gesamtarchivs des nationalen Schrifttums an, das kostenlose Belegexemplare der Verlage erhält und vom Börsenverein getragen wird. Eine staatliche Nationalbibliothek war aufgrund der föderalistischen Strukturen des Deutschen Reiches nicht möglich. Das starke Wachstum der deutschen Buchproduktion Anfang des 20. Jahrhunderts auf 33.000 Druckwerke im Jahr 1911 ließ die Errichtung einer Zentralbibliothek der deutschen Literatur, einschließlich bibliographischer Verzeichnung des erschienen Schrifttums, zu einem wichtigen Ziel des Börsenvereins werden. Sowohl die Stadt Leipzig als auch das Königreich Sachsen zeigten Interesse an der Ansiedlung der Institution und sagten eine finanzielle Unterstützung zu, auch um die führende Rolle Leipzigs im deutschsprachigen Buchhandel zu festigen. Der Zweite Vorsteher des Börsenvereins, der Dresdner Verlagsbuchhändler Erich Ehlermann, verfasste schließlich 1910 die Denkschrift „Eine Reichsbibliothek in Leipzig“, die seine Vorstellungen über die Einrichtung, Aufgaben und Ziele einer Reichsbibliothek darlegte und die praktische Umsetzung aufzeigte.[1]

1912 bis 1933[Bearbeiten]

Der erste geschäftsführende Ausschuss, Ölgemälde von Hugo Vogel im Treppenhaus des Mittelbaus
Haupteingang des Hauptgebäudes

Im Sommer 1912 einigten sich dann die Träger der neuen Bibliothek, der Börsenverein der Deutschen Buchhändler zu Leipzig, die Verlagsstadt Leipzig und das Königreich Sachsen auf die Bezeichnung Deutsche Bücherei. Am 25. September 1912 wurde im Börsenblatt für den Deutschen Buchhandel die Bekanntmachung über die Gründung der Deutschen Bücherei und deren Satzung veröffentlicht, nachdem am 19. September der Vertrags- und Satzungsentwurf fixiert worden war. Am 3. Oktober 1912 folgte die Unterzeichnung des endgültigen Gründungsvertrages durch die Träger der Institution. Am 13., 17. und 19. Dezember 1912 behandelten und billigten die beiden Kammern des Sächsischen Landtages die Vereinbarung.[2] Am 1. Januar 1913 begann die Arbeit in dem Erweiterungsbau des Buchhändlerhauses am Gerichtsweg 26. Die Mitglieder des ersten geschäftsführenden Ausschusses sind auf einem Gemälde von Hugo Vogel, von Arthur Meiner gestiftet, von links nach rechts dargestellt: der Leipziger Kunstverleger Artur Seemann, der Dresdner Verleger Erich Ehlermann, der Leipziger Oberbürgermeister Rudolf Dittrich, der Ministerialdirektor im sächsischen Finanzministerium Max Otto Schroeder, der Erste Vorsteher des Börsenvereines Karl Sigismund (zentral in Bildmitte stehend), der Direktor der Universitätsbibliothek Leipzig Karl Boysen, der Abteilungsleiter der Königlichen Bibliothek zu Berlin Hans Paalzow und der Leipziger Verlagsbuchhändler Arthur Meiner. Zum ersten Direktor der Anstalt wurde Gustav Wahl berufen, dem 1917 Georg Minde-Pouet folgte.

Als Archiv des deutschsprachigen Schrifttums sollte die gesamte seit 1913 in Deutschland erschienene deutschsprachige und fremdsprachige Literatur sowie die ausländische Literatur in deutscher Sprache gesammelt, in einer Nationalbibliografie verzeichnet und als Präsenzbibliothek für Jedermann zur freien Verfügung gestellt werden. Die Publikationen waren daher nach formalen und nicht nach inhaltlichen Kriterien zu sammeln. Damit erfüllte sie wesentliche Teile der Funktionen einer Nationalbibliothek. Das Hauptgebäude wurde in Leipzig am Deutschen Platz am 2. September 1916 im Beisein des sächsischen Königs Friedrich August III. eingeweiht.

Das Baugelände hatte die Stadt Leipzig zur Verfügung gestellt und die Kosten für das repräsentative Bibliotheksgebäude der sächsische Staat übernommen. Der Börsenverein verpflichtete sich die Bibliothek einzurichten, zu betreiben und zu verwalten. Einen gemeinsamen Unterhaltszuschuss von jährlich 200 Tausend Mark sagten außerdem die Stadt und das Land zu. Die Hauptgrundlage der Deutschen Bücherei waren die freiwilligen Übereinkünfte mit den deutschen Verlegern, die Bücherei kostenlos mit Belegexemplaren aus ihrer gesamten Verlagsproduktion zu beliefern.[3]

Inflationsbedingt unzureichende Zuschüsse der Unterhaltsträger führten im Sommer 1920 beim Vorstand des Börsenvereins zu Überlegungen, die Deutsche Bücherei aufzulösen. Alternativ wurde die Verschmelzung mit der Universitätsbibliothek Leipzig geprüft, was aber aufgrund der verschiedenen Aufgaben der beiden Anstalten scheiterte. Ab 1919 bekam die Deutsche Bücherei finanzielle Beihilfen vom Deutschen Reich. Schließlich konnte das Reich Anfang 1923 als ständiger Kostenträger gewonnen werden, um das Weiterbestehen zu sichern. Gemäß einer Vereinbarung beteiligten sich das Deutsche Reich und der Freistaat Sachsen mit je zwei Fünftel und die Stadt Leipzig mit einem Fünftel an den Verwaltungskosten. Eine Satzungsänderung des Deutschen Verlegervereins im Jahr 1925 verpflichtete außerdem jedes Mitglied des Börsenvereins, nach Erscheinen eines neuen Werkes oder einer neuen Auflage eines solchen ein Exemplar der Deutschen Bücherei unentgeltlich zur Verfügung zu stellen, was den Aufstieg der Bibliothek während der am 1. Oktober 1924 begonnenen dreißigjährigen Ära des Direktors Heinrich Uhlendahl maßgeblich förderte. Uhlendahl initiierte beispielsweise 1925 eine sogenannte Bücherlotterie, die einen Gewinn von 100 Tausend Mark zugunsten der Bücherei abwarf.[3]

1921 begann die Deutsche Bücherei für den Börsenverein der Deutschen Buchhändler mit der Bearbeitung und Ausgabe bibliographischer Verzeichnisse der Literatur. Es waren anfangs die „Täglichen Verzeichnisse der Neuerscheinungen“ und die „Wöchentlichen Verzeichnisse der erschienenen und der vorbereiteten Neuigkeiten des Buchhandels“. 1931 folgten die „Deutsche Nationalbibliographie“ in den Reihen A (Neuerscheinungen des Buchhandels) und B (Neuerscheinungen außerhalb des Buchhandels). Die Bearbeitung des „Halbjahresverzeichnisses der Neuerscheinungen des Deutschen Buchhandels“ und des „Deutschen Bücherverzeichnisses“ wurde nun auch übernommen.[3] Das Sammelgebiet wurde 1927 wieder um Dissertationen und andere Hochschulschriften erweitert, nachdem seit 1920 aus Kostengründen darauf verzichtet worden war.

1933 bis 1945[Bearbeiten]

Am 30. Juni 1933 wurde die Deutsche Bücherei, die zuvor aus dem Etat des Reichsministeriums des Innern mitfinanziert wurde, dem Reichsministerium für Volksaufklärung und Propaganda unterstellt. Otto Erich Ebert, Stellvertreter Uhlendahls, drei jüdische Mitarbeiter und der Bibliothekar Ernst Adler wurden als „Nichtarier“ bzw. aus politischen Gründen entlassen. Rund 44 % der Mitarbeiter waren in der NSDAP und ihren angeschlossenen Verbänden organisiert, unter den wissenschaftlichen Bibliothekaren waren es 50 Prozent. Mit dem Ziel einer Nationalbibliothek folgte eine Stärkung der Stellung der Bücherei im deutschen Bibliothekswesen. Eine Anordnung der Reichskulturkammer vom 20. September 1935 verpflichtete die ihr unterstellten Verbände, Verlage und Einzelpersonen ein Exemplar der von ihnen herausgegebenen Schriften bei der Deutschen Bücherei abzugeben. Mit dem „Gesetz über die Deutsche Bücherei in Leipzig“ vom 18. April 1940 wurde sie schließlich zu einer rechtsfähigen Anstalt des öffentlichen Rechts umgewandelt, um eine Gleichstellung mit staatlichen Bibliotheken zu erreichen. Das gesamte bewegliche und unbewegliche Institutsvermögen, mit Ausnahme der buchhändlerischen Gesamtbibliographie, ging unentgeltlich vom Börsenverein in das Eigentum der Deutschen Bücherei über.

1933 wurde zur Säuberung des öffentlichen Lebens von „falschem Gedankengut“ an der Be- und Erarbeitung sogenannter schwarzen Listen für Sexualliteratur, Schöne Literatur, Politische Literatur und Jugendschriften mitgearbeitet. 1936 wurde in der Bücherei eine Abteilung der Parteiamtlichen Prüfungskommission zum Schutze des NS-Schrifttums eingerichtet.

Während der Zeit des Nationalsozialismus verfolgte die Deutsche Bücherei aber weiterhin das Ziel der Vollständigkeit des gesamtem deutschsprachigen Schrifttums. Folglich sammelte sie auch die außerhalb Deutschlands erschienenen Werke der geflohenen, ausgebürgerten, vertriebenen Autoren, unter anderem durch Kauf der Publikationen im Ausland. Allerdings durften die Werke nicht mehr lückenlos in die Verzeichnisse mit kommerziellen Funktionen, das „Tägliche Verzeichnis“ und die „Nationalbibliographie A“ (wöchentliches Verzeichnis), aufgenommen werden. Die Entscheidung über die bibliographische Anzeige von Neueingängen und die Selektion des nichtdeutschen Schrifttums oblag ab 1936 einem Beauftragten der Geheimen Staatspolizei, dem abkommandierten SS-Hauptscharführer Heinz Lämmel. Nicht zum deutschen Schrifttum zählte im Jahr 1936 der zuständige Abteilungsleiter im Reichsministerium Heinz Wismann in Deutschland verbotene Bücher, Bücher die von Emigranten geschrieben waren, Bücher deutschfeindlichen Inhaltes und Bücher in denen bolschewistische Theorien vertreten wurden. 1937 ergänzte Wismann seine Anweisung der Geheimhaltung um Werke jüdischer Verfasser über jüdische Themen. In der Folge wurde eine Verbindungsstelle des Reichssicherheitshauptamtes eingerichtet, die 5485 Titel bis 1945 als geheim deklarierte, die Aufnahme in ein Verzeichnis untersagte und die Benutzung überwachte. 1938 hatte die Deutsche Bücherei einen Bestand von 1,5 Millionen Exemplare sowie rund 200 Mitarbeiter.

Von 1939 bis 1944 erstellte die Bücherei daher monatlich eine Liste der in der Deutschen Bücherei unter Verschluss gestellten Druckschriften, die nur für den dienstlichen Gebrauch von Behörden und wissenschaftlichen Bibliotheken veröffentlicht wurde. 1942 wurde das Sammelgebiet rückwirkend ab 1941 erweitert auf die Übersetzungen deutscher Werke in fremde Sprachen und die fremdsprachigen Werke über Deutschland und deutsche Persönlichkeiten. Im Dezember 1943 kam es nach einem Luftangriff zu Brandschäden, durch die rund 50.000 gestapelte Zeitschriften und 14 Arbeitsräume vernichtet wurden. Dies hatte im Sommer 1944 die Verlagerung von 1,6 Millionen Bänden nach zehn Ausweichstellen zur Folge.

1945 bis 1990[Bearbeiten]

Deutsche Bücherei 1979 mit drittem Erweiterungsbau
Magazine im Hauptgebäude

Im September 1945 wurden die ausgelagerten Bücher zurücktransportiert, Ende 1945 folgte die Freigabe zur Benutzung der seit Anfang 1944 geschlossenen Bücherei. Im August 1945 wurde die Deutsche Bücherei der Landesverwaltung Sachsens unterstellt und ab März 1951 der Leitung und Aufsicht des Staatssekretariats für Hochschulwesen, ab 1958 der des Staatssekretariats für das Hoch- und Fachschulwesen beziehungsweise ab 1967 der des Ministeriums für Hoch- und Fachschulwesen der DDR. Die Deutsche Bücherei hatte eine zentrale Stellung für die Versorgung von Wissenschaft und Praxis in der DDR inne. Bei Gesamtausgaben von rund drei Millionen Mark beschäftigte sie 1961 340 Mitarbeiter. 1977 betrug der Etat 7,5 Millionen Mark und es gab 500 Mitarbeiter.[4]

Auf Anweisung der Abteilung Volksbildung der Sowjetischen Militäradministration erstellte und veröffentlichte die Deutsche Bücherei Anfang 1946 eine „Liste der auszusondernden Literatur[5], die später 38.700[6] Bücher und Zeitschriften mit „faschistischem oder militaristischem“ Inhalt umfasste und als Grundlage zur Säuberung von Bibliotheken diente. In der Deutschen Bücherei kamen die Publikationen in den sekretierten Bestand, auch als Sperrbibliothek bezeichnet, später in die „Abteilung für spezielle Forschungsliteratur“. Eine zweite Gruppe ausgesonderter Literatur umfasste politische Literatur mit sogenanntem „antidemokratischen“ Charakter, die Ende 1989 etwa 100 Tausend Bände umfasste. Als dritte Gruppe war pornografische Literatur seit längerem in speziellen Magazinen aufbewahrt worden. Dissertationen mit Vertraulichkeitsgrad wurden ab 1977 nicht mehr ordnungsgemäß inventarisiert. Bücher aus DDR-Verlagen von Autoren, die die DDR verlassen hatten, wurden gesperrt. Die Sekretionen führten besonders ausgewiesene Mitarbeiter der Bücherei eigenständig durch. Die Einsichtnahme der sogenannten speziellen Forschungsliteratur in einem separaten Lesesaal war nur einem eingeschränkten Benutzerkreis möglich, der die Notwendigkeit nachweisen musste und eine Genehmigung des Generaldirektors Rötzsch benötigte.[7]

Ab dem 1. September 1955 regelte eine Durchführungsbestimmung, die im Juli 1960 durch eine neue Anordnung ersetzt wurde, die Ablieferung von Pflichtexemplaren aus der DDR-Verlagsproduktion an die Deutsche Bücherei. 85 % der sammelpflichtigen, westdeutschen Literatur wurde der Deutschen Bücherei freiwillig und kostenlos von den Verlegern aus der Bundesrepublik Deutschland geliefert.[8] Zur Literaturbeschaffung standen jährlich eine Million Mark der DDR und 450 Tausend Deutsche Mark zur Verfügung. Im Zeitraum von 1961 bis 1989 hatte sie an westdeutscher Literatur 1,97 Millionen Neuzugänge, aus der DDR-Produktion gingen 0,84 Millionen Exemplare (einschl. Zweitexemplare) ein.[9] Mit Hilfe einer Sondereinfuhrgenehmigung durfte sie Druckerzeugnisse, Schallplatten, andere Tonträger, Filme und Dias ohne Wertung des Inhalts in die DDR einführen beziehungsweise erhalten.[8] 1982 besaß die Bücherei einen Gesamtbestand von 4,3 Millionen Bänden. Ende 1989 waren 8,8 Millionen Medieneinheiten vorhanden.

1956 wurde eine technisch-wissenschaftliche Auskunfts- und Beratungsstelle eingerichtet, die Auskünfte und Literaturzusammenstellungen vor allem für die Industrie und Landwirtschaft erteilen und bearbeiten sollte.

1950 wurde der Deutschen Bücherei das 1884 vom Zentralverein für das gesamte Buchgewerbe gegründete Deutsche Buch- und Schriftmuseum, als ältestes Buchmuseum der Welt, als Abteilung eingegliedert. Zur Sammlung in Leipzig zählen auch besondere Bestände wie die durch den Buchhändler Hahn initiierte und durch den Bibliothekar Johann Heinrich Plath betreute Reichsbibliothek der Frankfurter Nationalversammlung von 1848/49, die im Mai 1938 als Spende des deutschen Buchhandels für einen ersten Grundstock einer deutschen Nationalbibliothek gedacht war. Anfang April 1953 wurden außerdem die Restbestände, rund 20.000 Bände, der Bibliothek des Börsenvereins der Deutschen Buchhändler zu Leipzig übernommen. Im Dezember 1943 waren durch einen Luftangriff dreiviertel des ehemaligen buchhistorischen Bestandes der Bibliothek im Buchhändlerhaus zerstört worden.

Nach 1990[Bearbeiten]

Nachdem die Deutsche Bücherei nach dem Zweiten Weltkrieg in der Sowjetischen Besatzungszone lag, war im Zuge der Ost-West-Teilung 1947 in der damaligen Bizone in Frankfurt am Main eine zweite Nationalbibliothek mit dem Namen Deutsche Bibliothek gegründet worden. Im Einigungsvertrag wurde 1990 die Zusammenführung der Leipziger und der Frankfurter Institution (einschließlich des Deutschen Musikarchivs in Berlin) zur DDB (Die Deutsche Bibliothek) geregelt. Die Anzahl der Mitarbeiter wurde in der Folge in Leipzig stark vermindert. Ende des 20. Jahrhunderts besaßen die Bibliotheksmagazine eine Kapazität von rund 12 Millionen Bänden.

Mit dem Inkrafttreten eines neuen Gesetzes über die Zuständigkeit und Organisation der deutschen Nationalbibliothek zum 29. Juni 2006 wurde die Institution in Deutsche Nationalbibliothek umbenannt. Mit einem Bestand von 16,23 Millionen Medien (Stand: 2010)[10] ist die Deutsche Bücherei, die inzwischen offiziell als Deutsche Nationalbibliothek in Leipzig bezeichnet wird, die größte Bibliothek Deutschlands und der größere Standort der Deutschen Nationalbibliothek.

In Leipzig werden die beiden Pflichtexemplare der Verlage aus den Bundesländern Berlin, Brandenburg, Mecklenburg-Vorpommern, Nordrhein-Westfalen, Sachsen, Sachsen-Anhalt und Thüringen formal und sachlich erschlossen. Das Zweitexemplar wird anschließend nach Frankfurt weitergegeben. Außerdem ist der Standort zuständig für das Archivieren der nur in einem Exemplar gesammelten deutschsprachigen Veröffentlichungen des Auslands, der Übersetzungen aus dem Deutschen und der fremdsprachigen Germanica.

Die Deutsche Bücherei übernahm bis 2004 innerhalb der DDB die Funktion als internationale Depotbibliothek. Vor der Wiedervereinigung wurden von UNO, UNESCO und WTO beide Standorte als Depotbibliothek angesehen.

Neben dem Deutschen Buch- und Schriftmuseum als Dokumentationszentrum für Buchkultur mit 782 Tausend Studiensammlungen[10] befindet sich die Sammlung Exil-Literatur 1933–1945 und die Anne-Frank-Shoah-Bibliothek, eine internationale Fachbibliothek zur Dokumentation der Verfolgung und Vernichtung der Juden, in Leipzig. Das Deutsche Musikarchiv mit 1,68 Millionen Musiktonträgern und Musikalien[10] zog im Rahmen der Errichtung des vierten Erweiterungsbaus 2011 von Berlin nach Leipzig um und wurde mit der Leipziger Musikalien- und Tonträgersammlung zusammengeführt. Die aus der Restaurierungswerkstatt, die 1964 eingerichtet wurde, im Jahr 1992 hervorgegangene Abteilung "Zentrum für Bucherhaltung" wurde 1998 als privatwirtschaftlich geführtes Zentrum für Bucherhaltung ausgegründet.

Gebäude[Bearbeiten]

Als Bauplatz für den Bibliotheksneubau stellte die Stadt Leipzig ein Grundstück mit 12.500 Quadratmeter Größe an der Karl-Siegesmund-Straße, neben der damaligen Samuel-Heinicke-Hörgeschädigten-Schule, unentgeltlich zur Verfügung. Die zugehörigen Baupläne entwarf der Leiter des gesamten sächsischen Hochbauwesens Edmund Waldow, unter Mitwirkung des Bauamtmanns Oskar Pusch. Der Grundstein wurde am 19. Oktober 1913 auf dem ursprünglichen Baugelände feierlich gelegt.

Hauptgebäude[Bearbeiten]

Großer Lesesaal
Fassade Philipp-Rosenthal-Straße

Wachsende Kritik an der zukünftigen versteckten Lage der Bibliothek, gegenüber der Hinterfront der damaligen Reitzenhainer Straße gelegen, führten dann dazu, dass am 11. Februar 1914 ein neues, 16.850 Quadratmeter großes Areal an der repräsentativen Achse zwischen Völkerschlachtdenkmal und dem Neuen Rathaus, an der Straße des 18. Oktobers neuer Standort wurde. Das erforderte neue Baupläne, die Pusch nach dem Rücktritt von Waldow alleine erstellte. Die Bauleitung oblag dem Leipziger Baurat Karl Julius Baer und dem Baumeister Karl Schmidt. Die zweite Grundsteinlegung folgte am 21. Juli 1914. Am 30. April 1915 war der Rohbau fertiggestellt und am 2. September 1916 die feierliche Einweihung. Auf einer Grundfläche von 4.148 Quadratmetern war ein umbauter Raum von 76.736 Kubikmeter errichtet worden. Die Decken wurden in Eisenbeton hergestellt. Die Wände der unteren Etagen bestehen auch aus Eisenbeton, in den oberen Etagen sind sie gemauert. Die Fassaden weisen eine Natursteinverkleidung auf oder sind verputzt.

Die symmetrische Hauptfassade des im modernen Frührenaissancestils errichteten Gebäudes ist 120 m lang und im Grundriss leicht konkav gekrümmt. Der Haupteingang in der Mittelachse steht am Deutschen Platz. Das Bauwerk umfasste anfangs das Frontgebäude, mit Keller und Dachgeschoss insgesamt neun Stockwerke hoch, in dem die Verwaltungsräume und in den oberen Etagen die Magazine für 1,23 Millionen Bände untergebracht waren. Hinter dem mittleren Abschnitt steht das Treppenhaus, gefolgt von einem 19 Meter breiten und 20 Meter langen, fünfgeschossigen Zwischentrakt an den als Mittelpunkt der hinteren Anbauten der Lesesaaltrakt anschließt. Neben dem 614 Quadratmeter großen Lesesaal gab es anfangs noch den 364 Quadratmeter großen Zeitschriftenlesesaal im ersten Obergeschoss des Zwischenbaus. Der Lesesaaltrakt sollte später bei den für alle zwanzig Jahre vorgesehenen Erweiterungen mit Magazinanbauten umbaut werden.

Über dem Haupteingang des Gebäudes befinden sich Büsten von Otto von Bismarck, Johannes Gutenberg und Johann Wolfgang von Goethe, letztere vom Dresdner Bildhauer Fritz Kretzschmar signiert. Statuen von Adolf Lehnert und Felix Pfeifer repräsentieren die Technik, Kunst, Justiz, Philosophie, Theologie und Medizin, seitlich flankiert von Wappenhaltern von Johannes Hartmann mit den Wappen der Stadt Leipzig (links) und des Börsenvereins (rechts). Die über dem Haupteingang stehenden Sätze lauten: „Körper und Stimme leiht die Schrift dem stummen Gedanken, durch der Jahrhunderte Strom trägt ihn das redende Blatt.“ und „Freie Statt für freies Wort, freier Forschung sichrer Port, reiner Wahrheit Schutz und Hort“. Der erste Vers stammt von Friedrich Schiller, der zweite wurde vom damaligen sächsischen Minister Graf Vitzthum von Eckstädt zur Grundsteinlegung vorgetragen. Über dem Portal ist eine große, schmiedeeiserne Fassadenuhr mit vergoldeten Ziffern und Zeigern angebracht. Sie hat einen Durchmesser von 4 Metern und stammt vom Leipziger Schlossermeister Hermann Kayser.

Die Fassade des großen Lesesaales in der Philipp-Rosenthal-Straße ist verputzt und hat einen 27 Meter langen und 1,5 Meter breiten Balkon als markantes Gestaltungselement. Sieben gewulstete Konsolen tragen den Balkon mit seiner steinernen Balustradenbrüstung. Die Verblendung über den Lesesaalfenstern dekorieren sieben Löwenkopfmasken in Medaillonform.

Im heutigen geisteswissenschaftlichen, dem großen Lesesaal befindet sich ein im Jugendstil geschaffenes Gemälde von Ludwig von Hofmann, das Arkadien darstellt und von November 1917 bis Juli 1920 geschaffen wurde (ein Schwestergemälde auf der anderen Seite des Saales wurde im Zweiten Weltkrieg zerstört). Im ersten Stock des Gebäudes im Treppenhaus befindet sich ein Wandgemälde, ein Gruppenbild mit den Mitgliedern des Ersten Geschäftsführenden Ausschusses der Deutschen Bücherei.

Erste Erweiterung[Bearbeiten]

Die erste Erweiterung mit 1036 Quadratmeter bebauter Fläche und 16.636 Kubikmeter umbautem Raum folgte planmäßig von 1934 bis 1936 an der Süd-Ostseite. Sie bestand aus einem kleinen Lesesaal mit 267 Quadratmeter Fläche, im Stil der Neuen Sachlichkeit gestaltet, und aus einem Magazintrakt für 750 Tausend Bände, der nur bis zum zweiten Obergeschoss errichtet wurde. Der Baukörper wurde im Anschluss an den großen Lesesaal gebaut und reichte winkelförmig bis zum Vorderbau, wodurch ein Innenhof entstand. Oskar Pusch und Karl Julius Baer übernahmen wieder die Bauleitung. Im Zweiten Weltkrieg wurde der Gebäudekomplex durch Brände im Dachstuhl, im Großen Lesesaal und im Keller beschädigt.

Zweite Erweiterung[Bearbeiten]

Die zweite Erweiterung mit 1243 Quadratmeter bebauter Fläche und Platz für etwa eine Million Bücher wurde zwischen 1959 und 1963 durchgeführt. Sie umfasste in der ersten Bauetappe den Nordwestflügel mit dem Flügelbau und dem Lesesaalanbau. Die Bauleitung hatte der Leipziger Bauingenieur Gerhart Helmer. Oskar Pusch wirkte beratend mit. Der Flügelbau war im Erd- und ersten Obergeschoss für das Deutsche Buch- und Schriftmuseum und in den übrigen vier Stockwerken für Büchermagazine vorgesehen. Der Lesesaalanbau erhielt unter anderem im Sockelgeschoss einen Kultur- und Speiseraum mit Großküche sowie einen weiteren kleinen Lesesaal für die technisch-wissenschaftliche Literatur. Die zweite Bauetappe bestand aus der Aufstockung des Südostflügels von 1936 zur Erweiterung der Büchermagazine. Umbauten im Vordergebäude schlossen die Baumaßnahmen, die 8,5 Millionen Mark kosteten, ab. Damit besaß der Gebäudekomplex wieder eine symmetrische Grundform mit einer 63 Meter tiefen Mittelachse. Die bebaute Fläche betrug insgesamt 6484 Quadratmeter.

Dritte Erweiterung[Bearbeiten]

Magazinturm und Büchertransportanlage der Deutschen Bücherei vor dem Umbau 2009/2010

Pusch ging im Jahre 1914 in seinem Entwurf des Gesamtkomplexes von einem Endausbau mit einer bebauten Fläche von 9064 Quadratmetern für einen Bestand von zehn Millionen Bänden aus. Dabei wurde ein jährlicher Zuwachs von 50 Tausend Büchern angesetzt. Die sukzessive Erweiterung der Sammelgebiete der Bibliothek bei zugleich stark wachsender Buchproduktion machten jedoch Ende der 1970er Jahre eine dritte, vom ursprünglichen Entwurf abweichende Erweiterung notwendig. Nach Plänen und unter der Leitung des Architekten Dieter Seidlitz wurde 55 Meter westlich vom Hauptgebäude ein siloartiger Magazinturm aus Stahlbeton erbaut, der rund fünf Millionen Bänden Platz bietet. Seine Grundsteinlegung war am 7. Juni 1977, das Richtfest am 22. November 1978 und die Einweihung am 9. Dezember 1982; die Baukosten betrugen 25 Millionen Mark der DDR.

Der Turm besteht aus einem 55 Meter hohen Kern, um den sich fünf vertikale Segmente mit Höhen von 41,5 bis 51,4 Meter gruppieren. Für das sozialistische Städtebaubild hatte der Magazinturm als Schlussstein einer nahegelegenen Reihe neu errichteter Wohnhochhäuser eine wichtige Funktion. Seine fensterlose Fassade wurde mit etwa 50.000 Fliesen aus Betonwerkstein in weißlichen und grauen Farbtönen verkachelt. In etwa zehn Meter Höhe befand sich eine freitragende, 55 Meter lange und 2,88 Meter breite Verbindungsröhre zum Altbau, durch die eine Förderbandanlage den automatischen Büchertransport zwischen den Gebäuden ermöglichte. Der Magazinturm hat 14 Geschosse und 9 Zwischengeschosse.

Sanierung[Bearbeiten]

Im Jahr 1991 begann eine Grundsanierung und Rekonstruktion des unter Denkmalschutz stehenden Bibliotheksgebäudes. Die dauerte bis 2004 und kostete rund 26 Millionen Euro.

Vierte Erweiterung[Bearbeiten]

Vierte Erweiterung (Juni 2011)
Magazinturm mit neuer Fassade (Juni 2011)

Die vierte Erweiterung beruht auf einem Entwurf der Stuttgarter Architektin Gabriele Glöckler, die 2002 mit ihrem Konzept „Inhalt-Hülle-Umschlag“ einen europaweiten Architekturwettbewerb gewann. Das Gebäude steht auf einer Fläche zwischen dem historischen Hauptgebäude und dem Bücherturm. Es rundet die Bebauung am Deutschen Platz ab. Die Grundsteinlegung für das rund 59 Millionen Euro teure Gebäude folgte am 4. Dezember 2007, das Richtfest war am 23. März 2009, die offizielle Eröffnung fand am 9. Mai 2011 statt.

Der frei geformte Baukörper hat eine Nutzfläche von 14.000 Quadratmetern, die sich auf neun Geschosse, davon drei unterirdische Magazinetagen verteilt. Die Bodenplatte ist 1,9 Meter dick. Die Baugrube hatte eine Fläche von 3.450 Quadratmetern und reichte bis zu 12,0 Meter unter Geländeniveau. Die benachbarten Magazintürme erforderten eine knapp 8 Meter hohe Unterfangung. Die Stahlbetonkonstruktion besitzt Decken, die in den Magazinen für eine Nutzlast von 17,5 kN/m² ausgelegt sind. Die gekrümmte Dachkonstruktion wird von verleimten, hölzernen Dachbindern getragen.

Der Bruttorauminhalt des Neubaus beträgt 90.346 Kubikmeter. Das Gebäude beherbergt das Deutsche Buch- und Schriftmuseum und das nach Leipzig verlegte Deutsche Musikarchiv. Die Magazinräume mit einer Fläche von 10.600 Quadratmetern haben eine Kapazität von fünf Millionen Einheiten und sollen die Publikationen der nächsten beiden Jahrzehnte in unter- und oberirdischen Stockwerken aufnehmen.

Am Deutschen Platz ist ein eigener Eingang vorhanden, wobei das Hauptgebäude über einen öffentlichen Weg durch den Neubau erreichbar ist. Die bisherige Buchtransportanlage wurde durch eine Behälterförderanlage und die zugehörige Verbindungsröhre zwischen den Büchertürmen und dem Altbau durch einen Verbindungsgang im Erweiterungsbau ersetzt. Zusätzlich erfuhr die Fassade des Bücherturmes eine Neugestaltung mit glatten großflächigen weißen Alu-Verbundkassettenplatten und abgesetzten, hinterleuchteten Segmentfugen. Außerdem entstand im westlichen Innenhof des Oskar-Pusch-Gebäudes als verglaster Baukörper der Musiklesesaal.

Nach der Fertigstellung hat der Gesamtkomplex 62.022 Quadratmeter Hauptnutzfläche, davon sind 48.482 Quadratmeter Magazinfläche. Insgesamt 535 Lesesaalplätze sind vorhanden.[10]

Leiter der Deutschen Bücherei[Bearbeiten]

Seit der Vereinigung der Deutschen Bücherei in Leipzig mit der Deutschen Bibliothek in Frankfurt am Main und Einrichtung einer gemeinsamen Generaldirektion in Frankfurt wird die Deutsche Bücherei von einem „Direktor als dem ständigen Vertreter des Generaldirektors“ geleitet:

Literatur[Bearbeiten]

Weblinks[Bearbeiten]

 Commons: Deutsche Bücherei – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien
 Wikisource: Deutsche Bücherei – Quellen und Volltexte

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. Erich Ehlermann, Eine Reichsbibliothek in Leipzig (1910), Gesellschaft der Freunde der Deutschen Bücherei, Leipzig, 1927
  2. Deutsche Bücherei 1912–1962, Festschrift zum fünfzigjährigen Bestehen der deutschen Nationalbibliothek, Leipzig 1962, S. 53
  3. a b c Deutsche Bücherei 1912–1962, Festschrift zum fünfzigjährigen Bestehen der deutschen Nationalbibliothek, Leipzig 1962
  4. Helmut Rötzsch: Die Deutsche Bücherei in Leipzig Entwicklung und Aufgabenstellung des Gesamtarchivs des deutschsprachigen Schrifttums, 1978 (PDF; 1,8 MB)
  5. Ministerium für Volksbildung der Deutschen Demokratischen Republik, Liste der auszusondernden Literatur Dritter Nachtrag, Berlin: VEB Deutscher Zentralverlag, 1953
  6. Deutsche Bücherei 1912–1962, Festschrift zum fünfzigjährigen Bestehen der deutschen Nationalbibliothek, Leipzig 1962, S. 281.
  7. Ulrike Geßler, Jenifer Hochhaus, Kerstin Schmidt:Die Deutsche Bücherei. In: Siegfried Lokatis, Ingrid Sonntag: Heimliche Leser in der DDR. Christoph Links Verlag, Berlin 2009, ISBN 978-3-86153-494-5, S. 201–207.
  8. a b Helmut Rötzsch: Eine Gratwanderung ohne Absturz. Die Deutsche Bücherei Leipzig in jener Zeit. In: Mark Lehmstedt, Siegfried Lokatis (Hrsg.): Das Loch in der Mauer. Der innerdeutsche Literaturaustausch. Harrassowitz Verlag, Wiesbaden, 1997, ISBN 3-447-03918-3, S. 137.
  9. Gottfried Rost: Die Deutsche Bücherei als “Loch in der Mauer”. In: Mark Lehmstedt, Siegfried Lokatis (Hrsg.): Das Loch in der Mauer. Der innerdeutsche Literaturaustausch. Harrassowitz Verlag, Wiesbaden, 1997, ISBN 3-447-03918-3, S. 132.
  10. a b c d Bernd Aschauer(Red.): Umschlag - Hülle - Inhalt : Erweiterung Deutsche Nationalbibliothek in Leipzig. Deutsche Nationalbibliothek, Landesamt für Steuern und Finanzen des Freistaates Sachsen (Hrsg.), Hatje Cantz Verlag, Ostfildern 2011, ISBN 978-3-7757-2763-1

51.32236111111112.396694444444Koordinaten: 51° 19′ 21″ N, 12° 23′ 48″ O