Deutsche Blindenstudienanstalt

aus Wikipedia, der freien Enzyklopädie
Wechseln zu: Navigation, Suche

Die Deutsche Blindenstudienanstalt (Kurzform: blista) in Marburg ist eine auf die speziellen Bedürfnisse von blinden und sehbehinderten Menschen ausgerichtete Bildungseinrichtung, die verschiedene Schul- und Berufsabschlüsse anbietet. Zu ihr gehört auch das einzige grundständige Gymnasium für Blinde und Sehbehinderte in Deutschland ab Klasse 5. Die seit 1916 existierende Institution hat sich aus kleinen Anfängen zum Zentrum der höheren Bildung für Blinde und Sehbehinderte in der Bundesrepublik Deutschland und darüber hinaus entwickelt. Der derzeitige Vorstand besteht aus Claus Duncker (Vorsitzender) und Dr. Imke Troltenier (stellv. Vorsitzende) (Stand: 2014).

Geschichte[Bearbeiten]

Deutschunterricht, 1953
Schlafraum der Blindenstudienanstalt, 1953

Während des Ersten Weltkrieges kehrten viele junge Männer mit Sehbehinderungen oder totaler Blindheit heim. Diesen war – aufgrund ihrer Behinderung – nahezu kein Zugang zur Berufswelt mehr möglich. Der damalige Direktor der Marburger Universitäts-Augenklinik, Alfred Bielschowsky, richtete 1915 Kurse ein, um Kriegsblinden Zugang zu Hilfsmitteln und das Erlernen von Blindentechniken zu ermöglichen. Er beauftragte den damaligen Studenten Carl Strehl, die Kurse zu leiten. Gemeinsam gründeten sie den Verein der blinden Akademiker Deutschlands und nahmen unter anderem Kontakt zu Persönlichkeiten des preußischen Staates auf, um für Gelder und Unterstützung zu werben.

Am 17. September 1916 wurde in Berlin beschlossen, die Deutsche Blindenstudienanstalt in Marburg zu gründen. Den Vorsitz des Vereins übernahm Alfred Bielschowsky. An der Gründung beteiligt waren Vertreter des Vereins der blinden Akademiker Deutschlands, des Preußischen Kriegs- und Kultusministeriums, der Ophthalmologie und Mitglieder des Reichsausschusses für Kriegsbeschädigtenfürsorge. Es wurde ein Kuratorium gebildet und Carl Strehl ab 1. Oktober 1916 als Geschäftsführer der Institution angestellt.

Zunächst war die Integration von Kriegsblinden in das Arbeitsleben und das Nachholen von Schulabschlüssen das primäre Ziel der Einrichtung. 1921 wurde dann das Gymnasium auch offiziell anerkannt. Um jungen blinden Menschen eine qualifizierte Schul- und Berufsausbildung zu ermöglichen, wurden spezielle Lern- und Lehrmaterialien benötigt, welche durch die zeitgleich entstehende Blindenschriftdruckerei und die Bibliothek bereitgestellt wurden. 1954 wurde die erste Blindenhörbücherei in Deutschland gegründet. Mitte der 1970er Jahre entstand die Rehabilitationseinrichtung für Blinde und Sehbehinderte (RES), die zu den bedeutendsten in Europa zählt. Sie bietet spezielle Beratungs- und Unterrichtsangebote in den Bereichen Lebenspraktische Fähigkeiten, Orientierung & Mobilität, EDV und Hilfsmittel, Low Vision Beratung und Sehhilfenanpassung. Zu ihr gehört auch die Blindentechnische Grundausbildung für Menschen, die durch Erkrankung oder Unfall erblinden, die Frühförderung von Kindern bis zum Schuleintritt und die Ausbildung von Rehabilitationslehrern.

Da die Schüler aus ganz Deutschland nach Marburg kommen, leben sie in einem Internat, das schon seit den siebziger Jahren dezentral organisiert ist. In über 40 Wohngruppen, die sich über die gesamte Innenstadt verteilen, leben Jungen und Mädchen zusammen. Die minderjährigen Bewohner werden von Betreuern rund um die Uhr unterstützt. Die volljährigen Schüler ziehen, wenn der notwendige Grad der Selbstständigkeit erreicht ist, in WGs um, in denen sie alleine wohnen, aber einen festen Ansprechpartner zur Unterstützung haben. Die Wohngruppen versorgen sich weitgehend selbst (Einkaufen, Kochen, Waschen, etc.). Diese Wohnkonzeption fördert die Selbstständigkeit und Unabhängigkeit der Schüler und soll sie auf ihr Leben nach dem Besuch der Blista vorbereiten.

1978 wurde die Carl-Strehl-Schule offiziell auch zum Gymnasium für sehbehinderte Schüler. In den letzten Jahrzehnten wurde das Bildungsangebot immer weiter ausgebaut. So entstand schon in den 1970er Jahren eine Fachoberschule für Sozialwesen und in den achtziger Jahren die Ausbildung zur Informatikkauffrau bzw. zum Informatikkaufmann. Seit September 2007 bildet die Deutsche Blindenstudienanstalt auch Fachinformatiker für Anwendungsentwicklung aus. Seit wenigen Jahren werden auch Assistenten für das „Fremdsprachensekretariat“ und für den Bereich Informationsverarbeitung/Wirtschaft in einer zweijährigen vollschulischen Ausbildung unterrichtet.

Auch die Universitätsstadt Marburg hat sich in besonderer Weise auf Menschen mit Behinderung eingestellt. Jede Ampel in der Marburger Innenstadt ist mit spezieller akustischer und taktiler Unterstützung ausgerüstet.

Einrichtungen[Bearbeiten]

Carl-Strehl-Schule[Bearbeiten]

Carl-Strehl-Schule
Schulform Gymnasium für Blinde und sehbehinderte Menschen
Gründung 1916
Ort Marburg
Land Hessen
Staat Deutschland
Koordinaten 50° 48′ 56″ N, 8° 45′ 38″ O50.8155555555568.7605555555556Koordinaten: 50° 48′ 56″ N, 8° 45′ 38″ O
Träger Deutsche Blindenstudienanstalt e. V.
Schüler ca. 300 (Stand 2014)
Lehrkräfte ca. 70 (Stand 2008)
Leitung Joachim Lembke
Website www.blista.de/css

Die Carl-Strehl-Schule ist eine staatlich anerkannte private weiterführende Förderschule und ein überregionales Beratungs- und Förderzentrum für Blinde und Sehbehinderte. Sie beginnt mit der 5. Schulklasse und hat als Abschluss eine Berufsausbildung, das Fachabitur oder Abitur zum Ziel. Dr. Matthias Weström leitete die Schule bis Anfang Februar 2007, bis er von seinem Stellvertreter Joachim Lembke abgelöst wurde. Im Jahr 1992 machte die erblindete Tochter des ehemaligen Bundespräsidenten Horst Köhler, Ulrike Köhler, das Abitur an der Carl-Strehl-Schule [1]

Schulzweige[Bearbeiten]

Rehabilitationseinrichtung für Blinde und Sehbehinderte[Bearbeiten]

Die Palette der Aufgaben reicht von der Frühförderung über die berufliche Ausbildung bis hin zu Beratungsangeboten für Senioren.

Internat[Bearbeiten]

Das Internat ist mit seinen Wohngruppen dezentralisiert. Die derzeit 39 Wohngruppen des Internates haben ihren Standort im Kernstadtbereich der Stadt Marburg. Nur ein kleiner Teil der Wohngruppen befindet sich in der Nähe des Schulgeländes (13). Die Wohngruppen passen sich an die verschiedenen Entwicklungsstadien der Schüler an. Hierzu gibt es verschiedene Wohngruppenformen:

  • ZWG (Zentrale Wohngruppe) für Schüler der 5. bis 6. Klasse; sie sind nahe der Schule gelegen und haben meist 4 Pädagogen und einen Zivildienstleistenden als Betreuer.
  • AWG oder MjWG (Allgemeine bzw. Minderjährigen-Wohngruppe) für Schüler ab der 7. Klasse. Hier gibt es nochmal zwei unterschiedliche Strukturen:
    • Homogene WG; alle Schüler sind im gleichen Alter. Die Wohngruppe wird für die Schüler von der 7. bis 11. Klasse angesetzt. Hier gibt es meist 4 Pädagogen, die jedoch mit dem steigenden Alter der Schüler reduziert werden.
    • Heterogene WG; die Jahrgangsstufen der Schüler sind buntgemischt. Ältere Schüler gehen, jüngere Schüler rücken nach.
  • SWG (Selbständige Wohngruppe) für die selbstständigen und volljährigen Schüler. Hier schaut nur noch ein Sozialpädagoge an zwei Tagen der Woche vorbei und bespricht Probleme und Anliegen mit den Schülern.

Deutsche Blinden-Bibliothek[Bearbeiten]

Die Deutsche Blinden-Bibliothek stellt Bücher in Blindenschrift und auf DAISY-CDs zur kostenlosen Ausleihe zur Verfügung. Der Schwerpunkt ihrer Arbeit liegt bei Fach-, Sach- und wissenschaftlicher Literatur. Darüber hinaus produziert und veröffentlicht sie allwöchentlich die Hör-Version des Nachrichtenmagazins "Der Spiegel" - ebenfalls als DAISY-Ausgabe - sowie dessen monatlichen Ableger für Kinder, "Dein Spiegel".

Braille-Druckerei[Bearbeiten]

Die Braille-Druckerei überträgt mit langjähriger Erfahrung Lehr-, Schul- und Sachbücher, wissenschaftliche Literatur, Belletristik und Gesetzestexte in tastbare Blindenschrift. Weitere Aufgabengebiete sind u. a. das Erstellen von Wahlschablonen für blinde und sehbehinderte Menschen sowie die Erstellung barrierefreier PDF-Dokumente und das Versehen von Visitenkarten mit Brailleschrift. Für stark sehbehinderte Menschen stehen außerdem zahlreiche Werke in Großdruck zur Verfügung.

Verbindung zum Elternhaus[Bearbeiten]

Damit gerade die jungen Schüler den Kontakt zum Elternhaus nicht verlieren, fahren sie in der 5. Klasse jedes Wochenende nach Hause. In der 6. Klasse gibt es dreimal monatlich und ab der 7. Klasse in der Regel mindestens einmal im Monat ein „Heimfahrwochenende“. An zwei Samstagen im Monat ist Unterricht. Dies ist notwendig, um den umfangreichen Stoff, für den blinde und sehbehinderte Schüler mehr Zeit benötigen, zu vermitteln.

Im Volljährigen-Alter wird es den Schülern freigestellt, wann sie ihr Elternhaus besuchen. Minimal muss jedoch für vier Wochen während der Sommerferien nach Hause gefahren werden. Während der sonstigen Ferien kann auf Antrag in der Wohngruppe verblieben werden, sofern die Schüler in einer S-WG wohnen.

Freizeitgestaltung[Bearbeiten]

Arbeitsgemeinschaften[Bearbeiten]

In zahlreichen Arbeitsgemeinschaften soll es den Schülern ermöglicht werden, ihre Neigungen und Fähigkeiten zu pflegen und zu vertiefen: Schülerchor Frozen Voices, Rock AG Out of Sight, verschiedene Theater-Gruppen, Politik AG und Umwelt-AG: So erhielt die Carl-Strehl-Schule vier Mal in Folge die Auszeichnung Umweltschule in Europa. Momentan ist ein großes Solarkraftwerk auf dem Dach eines angeschlossenen Verlagsgebäudes mit über 300 Modulen in Planung, außerdem gibt es Planungen für einen Energielehrpfad auf dem Schulgelände, welcher über erneuerbare Energien informieren soll. Das Informationsmaterial dazu ist größtenteils bereits fertiggestellt. In der Vergangenheit wurden eine Photovoltaik- und eine Heiz-Kraft-Anlage installiert.

Sport[Bearbeiten]

Im Rahmen der erfolgreichen Sehgeschädigten Sportgemeinschaft (SSG Blista Marburg)

Bekannte Persönlichkeiten[Bearbeiten]

Schüler

Einzelnachweise und Fußnoten[Bearbeiten]

  1. Horst Köhler für gemeinsamen Unterricht von behinderten und nicht-behinderten Kindern

Weblinks[Bearbeiten]

Siehe auch[Bearbeiten]