Deutsche Tibet-Expedition Ernst Schäfer

aus Wikipedia, der freien Enzyklopädie
Wechseln zu: Navigation, Suche
Expeditionsteilnehmer in Kalkutta, von links: Karl Wienert, Ernst Schäfer, Bruno Beger, Ernst Krause und Edmund Geer (1938)
Der Anthropologe und SS-Hauptsturmführer Bruno Beger vermisst die Gesichtsproportionen eines Tibeters (1938).
Einheimischer Jäger mit erlegtem Schapi

Die Deutsche Tibet-Expedition Ernst Schäfer (1938/39) war eine von dem deutschen Zoologen Ernst Schäfer geleitete und von der SS-Organisation Ahnenerbe sowie von Heinrich Himmler geförderte Expedition in den bis dahin weitgehend unerforschten Osten Tibets. Zu den Zielen der Unternehmung gehörte die Suche nach kälteresistenten Getreidearten und einer robusten Pferderasse für die deutsche Kriegswirtschaft sowie nach Indizien für die Theorie, in der Abgeschiedenheit des Himalaya hätten sich Reste ur-arischer Populationen erhalten.

Verlauf und Dokumentation[Bearbeiten]

Im April 1938 brachen Schäfer und vier Begleiter von Genua aus in den Himalaya auf. Anfang 1939 erreichten sie als erste Deutsche die „verbotene Stadt“ Lhasa, wo sie sich für zwei Monate aufhielten und erste diplomatische Kontakte zwischen dem Deutschen Reich und Tibet knüpften. Im weiteren Expeditionsverlauf mit sechs Monaten Aufenthalt in Sikkim[1] dokumentierten sie die Tier- und Pflanzenwelt des Himalaya und sammelten Materialien und Daten über die tibetische Bevölkerung. Der vom SS-Rasse- und Siedlungshauptamt für die Expedition abgestellte Anthropologe Bruno Beger vermaß Angehörige verschiedener Völker in Tibet für seine rassekundlichen Forschungen und hoffte, auf diese Weise Hinweise auf die Ursprünge der „arischen Rasse“ zu finden.

Nach seiner Rückkehr im August 1939 veröffentlichte Schäfer eine Reihe von Beiträgen mit zumeist landeskundlichem Schwerpunkt. Im Mittelpunkt der naturwissenschaftlichen Berichterstattung über die Expedition stand die Entdeckung des so genannten „Schapi“, während die anthropometrischen Untersuchungen in den Hintergrund traten.

Die von den Expeditionsteilnehmern aus Tibet mitgebrachten Materialien wurden in der eigens gegründeten „Forschungsstätte für Innerasien und Expeditionen im Ahnenerbe der SS“ untersucht. Diese war zugleich das Planungsbüro für ein nie verwirklichtes Kommandounternehmen, mit dem die Erfahrungen der Tibetexpedition für einen Schlag gegen die Briten in Indien militärisch nutzbar gemacht werden sollten.

Auf der Grundlage des umfangreichen Filmmaterials der Expedition entstand der 1943 uraufgeführte Film Geheimnis Tibet. In der vom Reichsministerium für Volksaufklärung und Propaganda als „jugendwert sowie staatspolitisch, kulturell und künstlerisch wertvoll“[2] eingestuften Dokumentation wurde die Expedition als Paradebeispiel nationalsozialistischer Wissenschaftsarbeit dargestellt. Beim Publikum fand der Film begeisterte Aufnahme und trug damit „zur bewußten Politisierung der deutschen Bevölkerung durch die Illustration deutschen Kampfgeistes in der ästhetischen und eindrucksvollen Bergwelt des höchsten Gebirges der Welt“ (Mierau)[3] bei.

Eine aus Metall des Chinga-Meteoriten angefertigte Statue wurde 2012 in den populären Medien den mitgebrachten historischen Artefakten zugeordnet. Es bestehen allerdings ernsthafte Zweifel, dass diese Statue tatsächlich von Ernst Schaefer, der bei seiner Expedition alles sorgfältig dokumentierte, nach Deutschland gebracht wurde. "Es gibt eine sehr genau geführte Liste mit Datum, Ort und Wert der gekauften Objekte" erklärte die Historikerin Isrun Engelhardt, die sich intensiv mit der Schäfer-Expedition beschäftigt hat. In dieser Liste sind einige Statuen aufgeführt, aber keine der Beschreibungen passt zu der oben erwähnten Buddhastatue. Des Weiteren sind verschiedene Merkmale der Statue, wie die Form von Hose und Schuhwerk, der einzelne Ohrring und auch der Bart des Mannes, untypisch. Experten vermuten eine Entstehung zwischen 1910 und 1970.[4]

Literatur[Bearbeiten]

  • Peter Mierau: Nationalsozialistische Expeditionspolitik. Deutsche Asien-Expeditionen 1933–1945. Utz, München 2006, ISBN 3-8316-0409-6, (Münchner Beiträge zur Geschichtswissenschaft 1), (Zugleich: München, Univ., Diss., 2003), (Leseprobe, Utzverlag, pdf (div. Kapitel); Karsten Jedlitschka: Rezension. In: H-Soz-u-Kult vom 14. Dezember 2006).
  • Wolfgang Kaufmann: Das Dritte Reich und Tibet. Die Heimat des „östlichen Hakenkreuzes“ im Blickfeld der Nationalsozialisten. 2., korrigierte und ergänzte Auflage. Ludwigsfelder Verlagshaus, Ludwigsfelde 2010, ISBN 978-3-933022-58-5 (mit ausführlicher Schilderung der Expedition und der Vorgänge davor und danach)

Weblinks[Bearbeiten]

 Commons: Deutsche Tibet-Expedition Ernst Schäfer – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. Vorlage:Internetquelle/Wartung/Zugriffsdatum nicht im ISO-FormatHistoric photographs of Sikkim. ‘Who is behind the camera?’ Namgyal Institute of Tibetology (Deorali, Gangtok), abgerufen am 5. Februar 2009 (engl.).
  2. Filmübersicht des Filmarchivs im Bundesarchiv, Magazinnummer 10212, Eingangsnummer BMI 1033, hier zitiert nach Mierau, Nationalsozialistische Expeditionspolitik, S. 433.
  3. Mierau, Nationalsozialistische Expeditionspolitik, S. 523.
  4. Isrun Engelhardt: Nazi-Fundstück aus Tibet: Beim Barte des Nazi-Buddhas. Spiegel Online, 22.Oktober 2012, abgerufen am 24.Oktober 2012.