Deutsches Ledermuseum

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Deutsches Ledermuseum, Mai 2001

Das Deutsche Ledermuseum ist ein Museum in Offenbach am Main, das die weltweite Verwendung des Materials Leder im Kunsthandwerk, in der Kunst und im alltäglichen Leben aufzeigt. Auf einer Ausstellungsfläche von rund 2.500 m² werden dort mehr als 30.000 Exponate gezeigt.

Geschichte[Bearbeiten]

Hugo Eberhardt, der Direktor der Technischen Lehranstalten (heute Hochschule für Gestaltung Offenbach am Main) erkannte bei seiner Arbeit an der Hochschule, das „für die Ausbildung von Formgestaltern von morgen, die Begegnung mit dem historischen Objekt unerlässlich ist“[1]. Er begann bald eine Sammlung an der Hochschule aufzubauen. In Anbetracht der damals für Offenbach wichtigen Lederwarenindustrie wurde diese der Schwerpunkt der Sammlung. Leder als Material sollte die Rolle des Mediums und des Türöffners spielen.[2] Am 13. März 1917[3] wurde von Eberhardt schließlich das Deutsche Ledermuseum eröffnet. 1938 zog das Museum in sein bis heute genutztes Domizil in der Frankfurter Straße.

Aus der Lehrmittelsammlung historischer und zeitgenössischer Designobjekte wurde nach 1945 mehr und mehr ein spezielles Heimatmuseum der untergehenden Offenbacher Lederwarenindustrie. Der ursprüngliche Ansatz eines Designmuseums (damals als Kunstgewerbemuseum bezeichnet) lässt sich anhand älterer Exponate noch erleben.

Nach Eberhardts Tod 1959 übernahm sein Assistent Günter Gall für die nächsten 30 Jahre die Leitung des Museums und erweiterte es zweimal, 1960 und 1981.[4] Auch ihm folgte mit Renate Wente-Lukas eine Mitarbeiterin auf diesem Posten nach.[5] Von 2000 bis 2014 stand Christian Rathke dem Museum als Direktor vor.[6] In seiner Amtszeit wurden vor allem die ethnologischen Abteilungen des Museums ausgebaut und das Museum für Bildungsarbeit und repräsentative Nutzung geöffnet.[7] Seit dem 1. November 2014 ist die promovierte Geschichtswissenschaftlerin und Kunsthistorikerin Inez Florschütz Direktorin des Museums.[8]

Gebäude[Bearbeiten]

Das Museum ist seit 1938 im ehemaligen Lagerhaus der Offenbacher Messe, welches 1829 im klassizistischen Stil erbaut wurde, untergebracht. Das Gebäude wurde erforderlich, da 1828 eine Zollvereinbarung zwischen dem Großherzogtum Hessen und dem Königreich Preußen geschlossen wurde, welcher die Messestadt Frankfurt zunächst nicht beitrat. In der Folge veranstaltete Offenbach ab September 1828 mit großem Erfolg eine eigene Messe. 1836 schloss sich die Stadt Frankfurt dem erweiterten Deutschen Zollverein an, was zum Ende der Offenbacher Messe führte. Das Bauwerk wurde 1938 nach Plänen Eberhardts umgebaut und seitdem als Museum genutzt.

Der Bauteil des ehemaligen Lagerhauses gilt in seinem äußeren Erscheinungsbild schützenswert als Kulturdenkmal. Es handelt sich dabei um einen breitgelagerten, ursprünglich zweigeschossigen und bruchsteinmauersichtigen Baukörper. Das Portal bildet ein Mittelrisalit mit hohem, ehemaligem Torbogen und teilweiser Sandsteinverkleidung. Das Gebäude hat einen hohen geschichtlichen Zeugniswert als Dokument einer Zeit des raschen wirtschaftlichen Aufschwungs und der schnellen industriellen Entwicklung Offenbachs, weshalb es ein Kulturdenkmal nach dem Hessischen Denkmalschutzgesetz ist. Die Anlage steht daher unter Denkmalschutz.[9]

Sparten[Bearbeiten]

Das Deutsche Ledermuseum ist ein Mehrspartenmuseum und vereinigt drei Museen unter einem Dach:

  • das Museum für angewandte Kunst und Industrie
  • das Ethnologische Museum
  • das größte Schuhmuseum Europas

Museum für Angewandte Kunst[Bearbeiten]

Anders als der Name vermuten lässt, sammelt diese Sparte des Museums im Wesentlichen historische Lederwaren, die von dem alten Ägypten, über Kunsthandwerkliches aus diversen Jahrhunderten und Manufaktur- und Industrieerzeugnissen jüngerer Zeiten reichen. Es finden sich Exponate wie Gürtel, Taschen, Prunkschilde und -waffen, Rüstungen, Masken, lederne Bucheinbände und Minnekästchen, darunter Aktentaschen Napoléon Bonapartes und seiner Frau Josefine, Koffer der Hersteller Louis Vuitton und Rimowa, sowie eine von Stefan Heiliger entworfene Chaiselongue. Ein weiteres Sammlungsgebiet ist das internationale Taschen- und Schuh-Design des 20. und 21. Jahrhunderts. Hier präsentiert das Museum die größte Sammlung von Handtaschen in Europa.

Daneben zeigt das Museum auch andere Designartikel und Werke der Angewandten Kunst, so zum Beispiel Boxes and Bowls des Kanadiers Rex Lingwood sowie Werke zeitgenössischer Künstler, unter anderem Horst Egon Kalinowski, Andreas Hoffmann, John Jeanpierre, Julia Kunin, Karina Wellmer-Schnell, Allan Jones sowie Gotthard Bonell.

Raum bietet das Museum auch dessen regionalen Ursprung mit einer Darstellung der Entwicklung der Lederstadt Offenbach und der vielen kleinen Betriebe in bescheidenen Werkstätten der Heimindustrie hin zu großen Fabriken.[10]

Ethnologisches Museum[Bearbeiten]

Schattenspielfiguren aus dem sog. Qianlong-Satz

Das Ethnologische Museum offeriert eine breite kontinentübergreifende Ausstellung:

Die Amerika-Abteilung arbeitet mit dem Hessischen Landesmuseum Darmstadt und dem Weltkulturen Museum in Frankfurt am Main zusammen. So bildet die Offenbacher Ausstellung einen Schwerpunkt zu den Kulturen der amerikanischen und kanadischen Völkern wie den Diné, Hopi oder Blackfoot. Die Abteilung Nordamerikanische Indianer zeigt, in welcher Abhängigkeit einzelne Indianergruppen von dem, was ihnen die Umwelt bereitstellte, lebten und das Klima die materielle Ausstattung bestimmte. Die Ausstellung über Cowboys und Rinderzüchter Nord- und Mittelamerikas ist ebenfalls bedeutend.

Die asiatischen Exponate sind mit die weltweit bedeutendste Sammlung orientalischer, chinesischer und südostasiatischer Schattenspielfiguren aus Pergament. Darüber hinaus sind auch Figuren aus Ägypten und der Türkei vorhanden.

Weiterer Glanzpunkt ist die in erweiterter Form neu eröffnete Afrika-Abteilung. Bauernkulturen der Savanne und des Sahel-Raumes Westafrikas sowie die Rinder- und Kamelnomaden in der Wüste Sahara und den Steppen Ostafrikas stellen deren Schwerpunkt dar.

Ebenso sind viele Exponate aus den Kulturen Japans, Chinas und Tibets sowie der Polarregionen zu finden.[11]

Deutsches Schuhmuseum[Bearbeiten]

Die Turnschuhe des ehemaligen Außenministers Joschka Fischer

Das eingegliederte Deutsche Schuhmuseum zeigt die internationale und nationale Schuhmode aus vier Jahrtausenden anhand von mehr als 15.000 Ausstellungsstücken. Es finden sich Exponate aus ägyptischen Mumiengräbern, aus dem Iran, Italien, China und vielen weiteren Ländern. Darunter sind beispielsweise die Seidenstiefel der Kaiserin Sissy, die Turnschuhe Joschka Fischers, die er bei seinem Amtsantritt als hessischer Umweltminister trug oder die rekonstruierten Bergschuhe der Gletschermumie Ötzi. Einen besonderen Schwerpunkt bildet das 18. Jahrhundert mit seinen kostbaren Seidenschuhen des Adels. Auch der Schuh als Kunstwerk gehört zu den Sammlungen im Schuhmuseum, so finden sich Schuhe als Kunstobjekte von Günther Uecker, Allen Jones, Caroline Bahr, Gisela Cardaun und Gaza Bowen unter den Ausstellungsstücken.

Der aktuellen Modeentwicklung wird durch Kontakte des Museums mit dem DSI (Das Schuhinstitut) in Offenbach sowie zur Internationalen Schuhmesse in Düsseldorf Rechnung getragen.[12]

Sonstiges[Bearbeiten]

  • Im Ledermuseum existiert ein ausgebauter Kinosaal, der in den 1980er Jahren als kommunales Kino genutzt wurde. Seit 2011 wird der Saal als Programmkino genutzt und trägt seit 2014 den Namen Lederpalast.[13]
  • Die letzte Ruhestätte des Architekten Hugo Eberhardt befindet sich im Deutschen Ledermuseum, wo dessen Urne hinter einer Grabwand verwahrt wird.[14]
  • Der wahrscheinlich weltweit größte Stoßzahn eines Narwals mit einer Länge von 2,74 Metern befindet sich im Deutschen Ledermuseum.[15]

Ausstellungen (Auswahl)[Bearbeiten]

  • 2011: Schattenspielfiguren[18]
  • 2012: Nur ein Hauch… Fächer: ein besonderes Instrument der Kommunikation[19]
  • 2013: Kulturen am Rand der chinesischen Welt: Mongolei, Südsibirien, Korea[20]
  • 2014: Roger Vivier – Schuhwerke[21]

Literatur[Bearbeiten]

  • Günter Gall, Renate Wente-Lukas: Deutsches Ledermuseum, Deutsches Schuhmuseum Offenbach. Westermann, Braunschweig 1981 DNB 810983036.

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. H. Carl: Kunstchronik. Zentralinstitut für Kunstgeschichte in München, Verband Deutscher Kunsthistoriker, 1957. S. 295
  2. Wolfgang Jäger: Vom Handwerk zur Industrie: Entstehung und Entwicklung des Ledergewerbes in Offenbach am Main, Festschrift zum 75-jährigen Bestehen des deutschen Ledermuseums mit dem angeschlossenen Deutschen Schuhmuseum, am 13. März 1992 S. 7
  3. 13. März 2007 - Vor 90 Jahren: Deutsches Ledermuseum in Offenbach gegründet. In: .wdr.de. 13. März 2007, abgerufen am 18. Januar 2014.
  4. Vorlage:Internetquelle/Wartung/Datum nicht im ISO-FormatNachrichten: Einstiger Museumsleiter Günter Gall ist tot. In: fr-online.de. 16. Dezember 2008, abgerufen am 19. Dezember 2014.
  5. Lothar Braun: 1917: Vom „Schnorrer“ und seinem Minnekästchen. (Version vom 19. Januar 2014 im Internet Archive). Ursprünglich in: Offenbach-Post, 10. Dezember 2008, zuletzt online auf offenbach.de.
  6. Markus Terharn: Dr. Chistian Rathke geht. Haus wohlbestellt verlassen. In: op-online.de. 23. August 2014, abgerufen am 15. Oktober 2014.
  7. Zeitenwende im Museum. In: fr-online.de. 25. Juni 2014, abgerufen am 15. Oktober 2014.
  8. Neue Chefin für das Deutsche Ledermuseum in Offenbach. In: fnp.de. 2. Oktober 2014, abgerufen am 15. Oktober 2014.
  9. Landesamt für Denkmalpflege Hessen (Hrsg.): Frankfurter Straße 86. In: DenkXweb, Online-Ausgabe von Kulturdenkmäler in Hessen.
  10. Für den gesamten Abschnitt: Museum für Angewandte Kunst. Auf: ledermuseum.de, abgerufen am 16. Oktober 2014.
  11. Für den gesamten Abschnitt: Ethnologisches Museum. Auf: ledermuseum.de, abgerufen am 16. Oktober 2014.
  12. Für den gesamten Abschnitt: Schuhmuseum. Auf: ledermuseum.de, abgerufen am 16. Oktober 2014.
  13. Claus Wolfschlag: Kommunales Kino in Offenbach scheiterte stets am Besuchermangel. Jetzt gibt es einen neuen Anlauf. In: op-online.de. 9. September 2011, abgerufen am 18. Januar 2014.
  14. Reinhold Gries: Der vergessene Todestag. op-online.de, 27. August 2009, abgerufen am 6. Oktober 2013 (deutsch).
  15. Guinness-Buch der Rekorde 1992, Ullstein, ISBN 3-550-07750-5.
  16. Claus Wolfschlag: Nacht der Museen in Offenbach. In: op-online.de. 6. Mai 2013, abgerufen am 16. Oktober 2014.
  17. Lokaler Routenführer Nr. 9 der Route der Industriekultur Rhein-Main. (PDF; 519 kB) Abgerufen am 14. Oktober 2013.
  18. Auf der Leinwand Szenen aus Schatten in: FAZ vom 13. August 2011, Seite 59
  19. Monica Bielesch: Ausstellung im Ledermuseum: Werkzeug der Koketterie. In: fr-online.de. 14. April 2012, abgerufen am 16. Oktober 2014.
  20. Kulturen am Rand der chinesischen Welt: Mongolei, Südsibirien, Korea. Auf: offenbach.de, vom 20. September 2013, abgerufen am 4. November 2013.
  21. Ausstellung: Roger Vivier – Schuhwerke im Deutschen Ledermuseum Offenbach. In: vogue.de. Abgerufen am 16. Oktober 2014.

Weblinks[Bearbeiten]

 Commons: Deutsches Ledermuseum – Sammlung von Bildern

50.1033333333338.755Koordinaten: 50° 6′ 12″ N, 8° 45′ 18″ O