Devianz

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Dieser Artikel befasst sich mit dem soziologischen Abweichenden Verhalten. Für den statistischen Fachbegriff siehe Devianz (Statistik)

Als Devianz (von frz. dévier) oder abweichendes Verhalten wird in der Soziologie und in der Sozialen Arbeit die Abweichung von allgemeinen Normen und Wertvorstellungen bezeichnet. Die Bezeichnung eines Verhaltens als deviant ist immer mit einem Werturteil verbunden. Mit der Wirksamkeit von Normen tritt stets der soziale Tatbestand auf, dass von ihnen abgewichen wird; in diesem Sinne ist Devianz 'normal'.

Inhaltsverzeichnis

[Bearbeiten] Arten

Untersucht wird die Devianz und das deviante Verhalten vor allem in der Soziologie. Hier wurden die verschiedenen Arten der Devianz herausgefiltert.

So unterscheidet man zwischen primärer und sekundärer Devianz. Die primäre Devianz bezeichnet die ursprünglich normverletzende, abweichende Handlung. Dagegen beruht die sekundäre Devianz auf einer, in der Folge dieses Verhaltens vorgenommenen Rollenzuschreibung seitens des sozialen Umfelds.

[Bearbeiten] Funktionen

Die Devianz kann sowohl eine progressive (voran bringende) als auch eine regressive (selbstzerstörerische) Funktion haben. Beispiele für progressive Devianz sind gesellschaftliche Umwälzungen, die bestehende Normen und Werte, die ihre Gültigkeit überlebt haben, erneuern oder ersetzen. Reformation und Aufklärung stehen für diese Art von Devianz.

Regressive Devianz hingegen richtet sich nicht nur gegen die Gesellschaft, sondern hat auch eine zerstörerische Wirkung auf die deviante Person. Treffende Beispiele sind hier Alkoholismus, Kriminalität.

Die Zuschreibung und Wahrnehmung von Devianz ist immer mit den herrschenden Werten und Normen einer Gesellschaft verbunden. So stellt zum Beispiel die Familie selbst einen gesellschaftlichen Mikrokosmos dar, in dem es Normen und Werte gibt, die bestimmend für den Einzelnen sind. Wenn zum Beispiel die Mitglieder der Familie streng gläubig sind und eine fundamentalistische Religionspraxis ausüben, indem sie z.B. ihre Kinder nicht am öffentlichen Schulunterricht teilnehmen lassen, werden die gesellschaftlichen Institutionen wegen deviantem Verhalten eingreifen, andererseits werden die Familienmitglieder die Gesellschaft ihrerseits als deviant empfinden. Insofern ist beim gesellschaftlichen Umgang mit dem Fremden (etwa zugewanderte Bevölkerung, aber auch psychisch Kranke) im Auge zu behalten, dass abweichendes Verhalten immer aus Sicht der herrschenden Werte und Normen definiert wird. Deutlich wird dies etwa bei der gegenwärtigen Auseinandersetzung um kopftuchtragende Musliminnen im deutschen Schuldienst, bei der das Kopftuch zum Symbol einer unerwünschten Werteordnung wird und Kopftuch tragen zunächst im öffentlichen Dienst, dann im Arbeitsbereich allgemein als deviant definiert wird (siehe: Kopftuchstreit).

[Bearbeiten] Ursachen

Es gibt eine Reihe von Erklärungsansätzen für deviantes Verhalten im Allgemeinen und Kriminalität im besonderen. Starke Überschneidungen bestehen daher mit der Kriminalsoziologie; wozu sich Fachvertreter je und je zählen, kann durchaus unterschiedliche (Wert-)Haltungen gegenüber der Strafrechtspolitik signalisieren.

Im 19. Jahrhundert dominierten vor allem biologische Erklärungsansätze. 1897 führte Émile Durkheim die Anomietheorie ein, nach der Normen und Regeln der modernen Gesellschaft nach und nach verfallen, ohne durch neue ersetzt zu werden. Diese Erosion der sozialen Ordnung führt demnach zu Angst und Unzufriedenheit. In einer Weiterentwicklung dieses Konzeptes entstand die Spannungstheorie (Robert K. Merton, 1938), die deviantes Verhalten als Folge des Wettbewerbs von Individuen um knappe Annehmlichkeiten (Geld, Arbeitsplätze, Sexualpartner usw.) entsteht, d.h. einer Diskrepanz zwischen der Menge an verfügbaren Vorteilen und normkonformen Mitteln sie zu erreichen; da nach dieser Theorie eine Änderung der Normen und Regeln nur sprunghaft, d.h. revolutionär, erfolgen kann, wurde sie auch von marxistischen Theoretikern aufgegriffen. Die Subkulturtheorie (Albert K. Cohen 1955, Richard A. Cloward & Lloyd E. Ohlin 1960) befasst sich besonders mit kriminellem Verhalten und insbesondere der Bandenkriminalität: Demnach haben bestimmte Gruppen besonders schlechte Chancen, normkonform im Wettbewerb zu bestehen, und entwickeln Subkulturen, in denen organisiertes kriminelles Verhalten dominiert.

Der Etikettierungsansatz von Howard S. Becker (1973) erklärt die Entstehung von Devianz als Interaktion zwischen Personen mit deviantem und nicht-deviantem Verhalten: Demnach führen Stigmatisierung, Vorurteile und andere Ettikettierungen von Menschen mit Nomabweichung zu einer Verstärkung der Devianz, die schließlich in kriminelles Verhalten mündet.

[Bearbeiten] Literatur

  • Émile Durkheim: Der Selbstmord. Luchterhand, Neuwied 1973, ISBN 3-472-72032-8.
  • Albert Kircidel Cohen: Kriminelle Jugend. Zur Soziologie jugendlichen Bandenwesens. Rowohlt, Reinbek bei Hamburg 1961.
  • Robert King Merton: Soziologische Theorie und soziale Struktur. de Gruyter, Berlin 1995, ISBN 3-11-013021-1.
  • Richard A. Cloward, Lloyd E. Ohlin: Delinquency and Opportunity. A Theory of Delinquent Gangs. Routledge & Kegan Paul, London 1961.
  • Erving Goffman: Stigma. Über Techniken der Bewältigung beschädigter Identität. Suhrkamp, Frankfurt am Main 1967.
  • Howard Saul Becker: Außenseiter. Zur Soziologie abweichenden Verhaltens. Fischer, Frankfurt am Main 1973, ISBN 3-10-874301-5.
  • Wolfgang Keckeisen: Die gesellschaftliche Definition abweichenden Verhaltens. Perspektiven und Grenzen des labeling approach. Juventa, München 1974
  • Siegfried Lamnek: Theorien abweichenden Verhaltens. 7. Auflage, München 1999.
  • Siegfried Lamnek: Neue Theorien abweichenden Verhaltens. 2. Auflage, München 1997.

[Bearbeiten] Abweichende Bedeutung in der Geschichtsschreibung

"Devianz" wird auch im Bereich der historischen Forschung für Häresien und andere Abweichungen in stark durch Normierung geprägten Gesellschaften (vor allem des Mittelalters) verwendet.

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